Fokus: Handgemacht „Das hier ist nicht nur ein Fahrradladen, sondern der Ort, an dem ich lebe“

„Das hier ist nicht nur ein Fahrradladen, sondern der Ort, an dem ich lebe“
Jean Guillou: „Das hier ist nicht nur ein Fahrradladen, sondern der Ort, an dem ich lebe.“ | Foto: Roser Corella

Wenn Jean-Yves Guillou morgens seinen Fahrradladen aufmacht, weiß er nie, was der Tag ihm bringt: Das Leben im Herzen von Berlin ist nun einmal unvorhersehbar. Fest steht aber, dass er mit seinen Vintage-Fahrrädern den Nerv der Zeit getroffen hat.

Als Jean-Yves Guillou vor fünf Jahren nach Berlin kam, hatte er gerade seinen Job als Broker in Paris an den Nagel gehängt. In Kreuzberg, dem kulturell-alternativ-touristischen Herzen Berlins, fand der mittlerweile 34-jährige Franzose eine neue Heimat: „Eigentlich wollte ich einen Ort des kulturellen Austausches schaffen, eine Art Café“, meint Guillou. Als dann aber ein Laden in der Mariannenstraße zum Verkauf stand, in dem schon ein Fahrradverleih angesiedelt war, änderte Guillou seine Pläne: „Ich habe kurzerhand einen Fahrradladen aufgemacht, in dem man nicht nur Räder leihen und reparieren lassen, sondern auch Vintage-Bikes aufpolieren lassen kann.“ Dass die Fahrräder in Guillous Laden „Rent a bike“ besonders sind, erkennt auch der Laie sofort. Auf hellen Dielen stehen ein Dutzend Rennräder, deren bunte Lackierungen ebenso exotisch sind wie die luxuriös klingenden Markennamen. Zwischen schmalen Felgen und schweren Werkzeugkästen schleicht eine Katze herum, vor der Tür stoßen junge Wahlberliner mit ihrem ersten Bier auf das Wochenende an. An diesem Sommerabend scheint Berlin der perfekte Ort, um über Fahrräder zu sprechen.

Wie sind Sie Fahrradmechaniker geworden?

Angefangen habe ich damit, kleinere Reparaturen vorzunehmen, die eigentlich jeder machen kann. So habe ich viel dazugelernt, auch dank des Internets. Auf YouTube zum Beispiel gibt es viele Erklärvideos. Außerdem wird auf den Websites der meisten Fahrradmarken erklärt, wie man deren Ersatzteile montiert. Dazu braucht man natürlich eine ganze Menge Werkzeug, das teils sehr speziell ist. Je mehr Reparaturerfahrung man hat, desto mehr Geld muss man investieren, um die nötigen Werkzeuge zu kaufen.

Fahrrad © Goethe-Institut

Wie sieht Ihr normaler Arbeitstag aus?

Das hier ist nicht nur ein Fahrradladen, sondern der Ort, an dem ich lebe – also meine Wohnung. Mein Arbeitstag ähnelt kaum dem eines normalen Mechanikers oder eines Angestellten in einem Fahrradladen. Morgens stehe ich auf, frühstücke, während ich den Laden aufmache, und bringe Ordnung in meine Papiere. Danach lasse ich die Dinge einfach auf mich zukommen. Vor allem am Wochenende habe ich mit dem Verleih sehr viel zu tun. An anderen Tagen repariere ich Fahrräder von Passanten oder berate Kunden, die spezielle Ersatzteile kaufen wollen. Am interessantesten ist es, mit Leuten zu diskutieren, die sich genauso wie ich für Vintage-Räder begeistern. Wenn Touristen kommen, gebe ich ihnen Tipps, was sie sich ansehen sollen. Ich bin die meiste Zeit über also ziemlich beschäftigt.

Was gefällt Ihnen nicht an Ihrer Arbeit?

Früher war ich daran gewöhnt, mit vielen Kollegen zusammenzuarbeiten. Da gab es ein richtiges Büro- und Firmenleben. Hier im Laden bin ich meist allein bei der Arbeit. Dass man im Sommer mehr als im Winter arbeiten muss, ist auch nicht so optimal. Wenn meine Freunde am See chillen, muss ich oft im Laden bleiben. Auch am Wochenende stehe ich im Laden, denn der Fahrradverleih ist ein touristisches Angebot, das besonders dann gefragt ist.

„Das hier ist nicht nur ein Fahrradladen, sondern der Ort, an dem ich lebe“ © Goethe-Institut

Sind Sie stolz auf Ihren Beruf?

Nicht unbedingt auf meinen Beruf, aber darauf, dass ich meinem Leben eine ganz neue Wendung gegeben habe. In einer fremden Stadt ein kleines Business aufzubauen ist ja nicht eben einfach. Ich bin auch stolz, meinen Kunden außergewöhnliche Fahrräder präsentieren zu können, z.B. aus Japan, Südamerika oder Südafrika. „Vintage“ ist immer auch gleichbedeutend mit „Luxus“ oder „Sonderanfertigung“. Schöne Fahrräder kommen besonders aus Italien, aber es gibt auch französische und niederländische Marken, die sich von der Masse abheben. Und dann sind da natürlich die Japaner, die schon immer gut in der Stahlverarbeitung waren. Wenn man von Vintage-Rädern spricht, meint man meistens Fahrräder, die vor der Mitte der 1990er-Jahre hergestellt wurden. Also bevor neue Materialien, wie z.B. Karbon oder Aluminium, auf den Markt gekommen sind.

„Das hier ist nicht nur ein Fahrradladen, sondern der Ort, an dem ich lebe“

Wie steht es um die Zukunft des Fahrrads?

Für mich liegt die Zukunft in der Wiederentdeckung von Fahrrädern mit Stahlrahmen. Es wird in dem Bereich immer mehr kleine Hersteller geben, so wie es früher war. Es gibt schon jetzt jeden Sommer Fahrradtouren, bei denen sich Vintage-Fans treffen, nur um mit ihrer Fahrradsammlung durch ganz Deutschland oder sogar bis nach England zu radeln. Der allgemeine Trend geht natürlich dazu, neue Fortbewegungsmittel zu finden. Das Fahrrad könnte da archaisch scheinen, ist aber mittlerweile in der Stadt ein schnelleres Fortbewegungsmittel als das Auto. Es verbraucht nichts, verschmutzt nichts und ist gut für die körperliche Fitness. Diese Entwicklung wird weitergehen und durch Elektrofahrräder noch verstärkt. Die sind dann natürlich nicht mehr Vintage, obwohl ich mir gut vorstellen könnte, dass man ein Elektrosystem auf ein Fahrrad im Vintage-Stil montiert.

Was ist Ihr wichtigstes Werkzeug?

In einem Fahrradladen gibt es natürlich tausend verschiedene Werkzeuge. Am wichtigsten ist wohl, was man am häufigsten benutzt oder von den Kunden am häufigsten verlangt wird: die Fahrradpumpe!