Pat To Yan Begegnung mit einem Theaterfest zwischen Sinnlichkeit und Ratio

Pat To Yan
Pat To Yan | © Goethe-Institut China

Sonniger Himmel über Berlin. Diana Insel, mein Mitarbeiter und ich sitzen auf einer Bank und plaudern. „Theatertreffen“ – das könne man im Deutschen doch als Begegnung im Theater verstehen, frage ich. „Schon“, meint Diana, die 2017 beim Theatertreffen zuständig für die Dramaturgie ist, „allerdings gibt es dabei zwei Bedeutungsebenen: Du triffst das Theater, aber umgekehrt trifft das Theater auch dich.“ Wir genießen noch eine Weile den strahlenden Sonnenschein. Dem Sommer ist es endlich eingefallen, auch in Berlin vorbeizuschauen.

In dem deutschen Wort „Theatertreffen“ schwingt für mich unbedingt Poesie mit, doch noch entscheidender ist, dass hier alles im Fluss ist: „Du triffst DAS THEATER trifft dich“ – hier,  in diesem Moment.

Das Berliner Theatertreffen wurde 1964 ins Leben gerufen. Es ist zweifelsohne das wichtigste Theaterfestival im deutschsprachigen Raum und gilt als eines der drei großen Theaterfestspiele der Welt. Jedes Jahr wählt hier eine siebenköpfige Jury zehn herausragende Theaterproduktionen aus und bietet ihnen in Berlin eine Bühne.

Dieses Jahr habe ich mir fünf Stücke angesehen. Fast ausnahmslos nehmen sie auf die aktuelle politische Lage sowie gesellschaftliche Probleme Bezug. Zugleich jedoch - und das ist nicht minder beeindruckend - suchen sie kompromisslos nach neuen dramatischen Ausdrucksformen.

Till Briegleb, Jurymitglied des Theatertreffens 2017, findet bei einigen Inszenierungen die „vielen Loops“ charakteristisch. In Die Borderline Prozession von Kay Voges betritt das Publikum einen rechteckigen Performanceraum, in dessen Zentrum Zimmer aufgebaut sind, die an verschiedene Filmkulissen erinnern. Es gibt unter anderem ein Bordell, eine Bushaltestelle und eine Autowerkstatt. Der Zuschauer kann auf einer der beiden Seiten der Szenerie Platz nehmen. Eine Kamera ist ständig in Bewegung und filmt das Geschehen, so dass das Publikum über einen Bildschirm verfolgen kann, was sich auf der jeweils anderen Seite abspielt. Die Theaterästhetik von Die Borderline Prozession ist schlichtweg atemberaubend und entwickelt dabei ein ganz neuartiges dramatisches Narrativ. Treffender hätte man unser fragmentiertes modernes Leben nicht darstellen können. Das Stück hat die Form eines Triptychons: Der erste Akt thematisiert das Gefühl der Verlorenheit in unserem Alltag. Der zweite erzählt von dem plötzlichen Zusammenbruch des scheinbar doch so stabilen Lebens. Der Schlussakt schließlich treibt das mediale und technisierte Leben durch eine Schar von Lolitas auf die Spitze. Die gesamte Aufführung durchzieht dabei ein Gefühl der Verunsicherung, was in direkter Korrelation zur gegenwärtigen politischen Lage steht. Allerdings erfahren die Inhalte in der Aufführung eine formale Begrenzung. Da jede Szene nur für zehn bis zwanzig Sekunden aufscheint, kann sich die Handlung nie tiefer entfalten. Dem Gehalt des Stückes steht so die Kakophonie des Formalen gegenüber.  

Real Magic, das der Brite Tim Etchells mit seinem Performancekollektiv Forced Entertainment zur Aufführung brachte, ist ein weiteres Beispiel für eine Produktion mit dem Drang zur Wiederholung. Auf den ersten Blick wirkt die Vorstellung unspektakulär: drei Performer in einer Quizshow. Einer gibt den Showmaster, ein Kandidat hält Karten mit Begriffen hoch, während ein weiterer Kandidat diese mit verbundenen Augen erraten muss. Und jedes Mal tippen die Frauen oder Männer auf dieselben Wörter: „electricity“, „hole“ oder „money“. Neunzig Minuten vergehen und keiner der Kandidaten hat ein Wort erraten. Es ist wie die düstere Realsatire einer TV-Show. Doch die Kommunikationsnot wird dabei zu einer kraftvollen Metapher, zu einer Simulation, die Assoziationen zu verschiedenen Situationen weckt, nicht zuletzt zur aktuellen politischen Lage. Wie ist es möglich zu kommunizieren, wenn die Gegenseite sich total verweigert - beispielsweise wenn sich Trump aus dem Pariser Abkommen zurückzieht? Wie lässt sich so eine Pattsituation durchbrechen?

Natürlich verlaufen nicht alle Aufführungen in den Schleifen der Wiederholung. In 89/90 hat Claudia Bauer den gleichnamigen Roman von Peter Richter, in dem es um die DDR zur Zeit des Mauerfalls geht, theatergerecht adaptiert. Dabei finden sich in 89/90 auch Bezüge zur politischen Situation von Hongkong und Festland China. In einer der stärksten Szenen des Stücks verliest ein Sprecher des DDR-Fernsehens die Nachrichten über die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Sommer 1989 und stellt die friedlichen Demonstranten dabei als Krawallmacher und Schläger dar. Aufgebracht verlässt ein ostdeutscher Bürger nach dem anderen den Raum. Ganz offensichtlich schenken sie den amtlichen Lügen keinen Glauben mehr. Stattdessen gehen sie auf die Straße. Wenn die Globalisierung auch ihre gute Seite hat, dann hatte sie sich hierin gezeigt. Bedauerlicherweise findet sich aber auch an anderer Stelle eine Geistesverwandtschaft zwischen Deutschen und Chinesen. Gegen das Nazitum ist bis heute kein Kraut gewachsen. 89/90 hält uns vor Augen, dass sich die Nazi-Ideologie wieder im Aufwind befindet, und warnt zugleich, dass rechtes Gedankengut weltweit eine Renaissance erlebt. Auch Hongkong bildet dabei keine Ausnahme. Erst kürzlich wurden die Hongkonger von ein paar jungen Leuten dazu aufgefordert, sich nicht mehr an der jährlich im Victoria Park stattfindenden abendlichen Lichter-Mahnwache zum Gedenken an den 4. Juni 1989 zu beteiligen, weil das die Hongkong nichts angehe. Auch uns ist es also nicht fremd, dass der rechte Flügel davon träumt, in völliger Selbstbezogenheit zu leben und reinen Lokalpatriotismus zu betreiben.

Mit Five Easy Pieces geht Milo Rau den politisch-sozialen Strukturen hinter den schockierenden Kindermorden in Belgien nach. Ein Stück, das einem auf jeden Fall an die Nieren geht. Doch Milo Rau erforscht auch unser Gewissen und frägt, wie begründet unser Mitleid mit den Opfern ist. Und schließlich mein Lieblingsstück in diesem Jahr: Traurige Zauberer von Thom Luz, in dem er mit seinen Nebelmaschinen poetische Bilder kreiert, die an chinesische Landschaftsmalerei erinnern.

Ich hatte es am Anfang erwähnt: Das deutsche Theater sucht dezidiert nach neuen Formen theatraler Narration. Das beweist neben den genannten Beispielen auch das Phänomen Herbert Fritsch. Seine vom deutschen Publikum gefeierten Inszenierungen legen meist mehr Wert auf die Form statt auf den Inhalt. Dass ihm in diesem Jahr von der Stiftung Preußische Seehandlung der Theaterpreis Berlin verliehen wurde, zeigt einmal mehr, dass das deutsche Theater an der Untersuchung von gesellschaftlichen, politischen und philosophischen Themen festhält; gleichzeitig hegt man die innständige Hoffnung, das Pendel des Theaters möge von der Sorge um den Menschen wieder in die andere Richtung umschlagen.

Auch in Hongkong widmet sich das Theater den gesellschaftlichen Themen, ganz besonders nach der „Regenschirm-Bewegung“ von 2014. Es mag das Wesen des Theaters sein, sich nah am Puls der Gesellschaft zu bewegen. So tendieren die Theatermachen dazu, ihre Stücke zu einem gesellschaftlichen Resonanzboden zu machen. Indem ein Werk ein spezielles Thema verhandelt, wird uns immer etwas Substanzielles vor Augen geführt. Wie aber kann das Hongkonger Theater Stücke erarbeiten, die noch mehr in die Tiefe gehen? Wir sollten darüber nachdenken.

Das Theatertreffen 2017 präsentierte eine bunte Palette an Theaterproduktionen. Es wartet auf mit einer absorbierenden Ästhetik, engen Bezügen zur Lage der Menschheit und besonderen historischen Perspektiven, und suchte so äußerst ambitioniert nach neuen Erzählungen. Zweifelsohne ein Theaterfest, das herausragende Stücke zwischen Sinnlichkeit und Ratio vereint. Bei Theaterleuten sollte das Berliner Theatertreffen auf der Liste der „zehn Dinge, die man im Leben unbedingt tun sollte“ stehen. Es wird auf jeden Fall zu den fantastischsten Bühnen-Begegnungen in Ihrem Leben gehören.