Stadtgeschichten: München Den Weltinnenraum im Blick

Cy-born
Cy-born | © courtesy of the artist

Münchens berühmtester Platz ist leer am schönsten. Warum die Welt expandiert ist und wie wir uns verändern, sind Fragen, denen die Münchener Künstlerin Christina Maria Pfeifer nachspürt.

Eine schwarz gekleidete Gestalt geht über eine Wiese mit hochgewachsenem Gras. Sie trägt einen riesigen steinartigen Helm, der vorn rechteckig ausgeschnitten ist. Man sieht kein Gesicht. Die Gestalt hält ein Hand-Display, es ist außen verspiegelt. Häufig scheint sie auf dieses Display zu blicken. Aber blickt sie wirklich, und wie blickt sie? Ist der Helm womöglich ein Kopf? Wir wissen es nicht. Die Gestalt ist Cy-born, eine Erfindung der Münchener Künstlerin Christina Maria Pfeifer. Pfeifer performt selbst als Cy-born; neuerdings gibt es allerdings mehrere der rätselhaften Wesen. Einige Erkundungen Cy-borns sind als Filme auf der Website der Künstlerin abrufbar.

Christina Maria Pfeifer geht mit mir über die Theresienwiese. Auch hier ist Cy-born schon gewesen. Die „Wiesn“, wie die Münchener sagen, ist eine Brachfläche nah der Innenstadt, rund 42 Hektar groß und fast leer. Hier wird jedes Jahr das Oktoberfest gefeiert. Für Pfeifer, die gern auch mal aufs Oktoberfest geht, macht die Leere die Besonderheit dieses Ortes aus. „Man ist einen Augenblick raus aus der Stadt und kann hier diese ganzen Wolkenstimmungen sehen und die Farbspiele, das intensive mediterrane, oberbayerische Licht.“ Auch das Karge, Steppenartige der Freifläche gefällt ihr, es macht den Kopf frei und gibt ihr Kraft. Aber die Theresienwiese ist auch ein sozialer Raum, wie Pfeifer betont. Alle möglichen Menschen kommen hierher und können tun, was ihnen gefällt – Skaten, Fluggeräte ausprobieren oder eben performen. So lange sie nicht für das Oktoberfest abgezäunt wird, ist die Wiesn ein anarchischer Raum in einer nicht sehr anarchischen Stadt.

Wie Cy-born diesen Ort wahrnimmt, wissen wir nicht. Ich frage die Künstlerin noch einmal nach dem Konzept dieser außerirdischen Figur, die irgendwie mit unserer Welt befasst zu sein scheint. Der Blick von außen sei sehr wichtig, sagt Pfeifer. Durch die Erweiterung unseres Lebensraums in den Orbit, die um die Erde kreisenden Satelliten, schauten wir uns ständig von außen an. Gleichzeitig seien wir Teil des Außenblicks, was ihn wiederum zu einem Innenblick mache. „Die Frage ist: Gibt es noch eine andere Perspektive? Wenn Cy-born performt und gleichzeitig auch beobachtet, dann kann Cy-born auch Teil des Bildes werden. Es entsteht die Möglichkeit, dass wir mit einer Außenperspektive konfrontiert werden, ohne zu wissen, wie sie funktioniert und wo dieses Außen liegt.“

So relativiere Cy-born unseren anthropozentrischen Blick. „Wir haben nichts Sicheres in der Hand“, betont Pfeifer. „Aber solche Spekulationen sind möglicherweise sehr wichtig, um sich die Entitäten dieser Welt zu erschließen.“

Es geht also nicht so sehr darum zu wissen, sondern mit Offenheit zu denken. Für Pfeifers künstlerischen Ansatz ist der Begriff des Weltinnenraums sehr wichtig. Unser erweiterter Lebensraum, erklärt sie, sei von den Kommunikationsströmen der Satelliten bestimmt. Dieser Umstand ist für sie ein Bild, das beschreibt, wie in unserer Welt eine weitere Welt entstanden ist, eine digitale Natur. Dieser für uns letztlich auf eine unverständliche Art funktionierende, also verborgene Raum steht im Zentrum ihres Interesses: „Was ist das? Wie kann man das überhaupt fassen? Wie kann man das kartografieren? Das ist ja ein Raum ohne Horizont, ohne Anfang und Ende. Da gibt es keinen klassischen Perspektivbegriff mehr.“ Und mehr noch: Die Menschheit ist für die Künstlerin in dieser Hinsicht technisch mutiert. Das Smartphone, unser Medium zum Bemeistern des Weltinnenraums, nennt sie „ eine Flosse in unserer Hand, eine Spezieserweiterung“, die biologisches Mutieren für uns überflüssig mache.

Pfeifer beschäftigt sich mit den klassischen Fragen der Menschheit – wie sind wir in der Welt und wie begreifen wir sie und uns. Kunst muss für sie dabei nicht einem bestimmten Nutzen folgen. Sie hat Relevanz dadurch, dass sie existiert und dass es in einer Gesellschaft Menschen gibt, die etwas machen, das keinen direkten Nutzen abwirft. Pfeifer stellt sich dabei durchaus der Komplexität ihrer Fragen und sucht nach Möglichkeiten, das schwer zu Benennende ins Spiel mit unseren Sinnen und Gedanken zu bringen.

Komplex ist auch die Umgebung, die sie sich für ihre künstlerische Arbeit ausgesucht, oder die sich vielleicht umgekehrt Christina Maria Pfeifer ausgesucht hat. Die Ludwigsvorstadt ist eines der heterogensten Viertel Münchens, unmittelbar an die Altstadt anschließend, zwischen Hauptbahnhof und Theresienwiese gelegen. Dreiundzwanzig Kulturen, sagt Pfeifer, lebten hier, die eine Straße ist fest in arabischer Hand, die andere in türkischer. Das gilt vor allem für die Geschäfte und Restaurants. In den Hinterhöfen findet man dagegen Agenturen, Ateliers und Büros - etwa des weltberühmten Malers Georg Baselitz oder des fast ebenso bekannten Designers Konstantin Grcic. Es ist ein raues Viertel, in dem es auch einen Arbeitsstrich, eine Drogenszene und ein kleines Rotlichtviertel gibt. „Das Lokale vermischt sich völlig mit dem Weltweiten.“ Pfeifer findet darin ein Stück Realität, „nicht aufgehübscht, sondern so, wie sie ist: spürbar.“

Der Weltinnenraum, mit dem die Künstlerin sich so beschäftigt, bringt beinah von selbst die Frage hervor, was sich außerhalb davon befindet. Sind wir allein im Universum? Die Künstlerin zögert mit der Antwort keine Sekunde. „Das ist eine Frage der Perspektive und der Definition des Lebens. Aber meine Antwort lautet ganz klar: Wir sind nicht allein.“