Fokus: Essen Von Sternfrucht bis Schweinshaxe: Eiskalter Individualismus

Eiskrem
Eiskrem | Foto: Yang Meng-Ru (楊夢茹)

Ein Eissalon taiwanesischer Art, der schon seit siebzig Jahren besteht: Er bietet 73 verschiedene Geschmacksrichtungen an, er ist teuer und man darf nicht probieren. „Snow King“ (雪王) gilt zu Recht als Mekka der Eiskremliebhaber, die das Besondere suchen. Die einen kommen aus nostalgischen Gründen hierher, andere suchen das Neue, aber alle sind darauf aus, etwas Besonderes zu kaufen. Wollen Sie es auch mal ausprobieren?

73 Sorten Eiskrem gibt es hier und eine Kugel kostet locker 80, 90 oder gar über 100 NT (entspricht etwa 2,35 Euro), doch der Chef hält eisern daran fest, dass die Kunden nicht vorher probieren dürfen. Mutige, die gerne etwas Neues ausprobieren, fordern ihre Geschmacksknospen heraus, indem sie beispielsweise Eiskrem mit dem Aroma von Schweinshaxen oder Sesamölhuhn bestellen. Wer lieber auf Konventionelleres steht, greift in aller Ruhe nach den großen Rennern wie rote Bohnen, Taro und Melone. Während er die Eiskremkugel in das Glas gibt, erklärt der Chef den Kunden, dass man das feine Aroma und den intensiven Geschmack in einer bestimmten Reihenfolge erlebt, außerdem bringt er die Eissorten, die man bestellt hat, nicht auf einmal an den Tisch.

Absolut unerreichbar

Dieser Laden mit seinen festen Regeln hört auf den Namen „Snow King“ (雪王). Er besteht seit seiner Gründung 1947 bis heute, genau 70 Jahre und ist für viele Leute mit süßen Erinnerungen verbunden. Viele Taiwanesen, die im Ausland leben, lassen die Gelegenheit nicht aus, vorbeizuschauen und sich an alte Zeiten zu erinnern, wenn sie zu Verwandtenbesuchen zurückkommen. Inzwischen kommen auch viele Touristen, die von seinem Ruf gehört haben und seit ein paar Jahren kommen auch Chinesen vom Festland hinzu, die extra vorbeikommen auf der Suche nach etwas Besonderem.

„Snow King“ wird schon in der dritten Generation geführt und der Betrieb hat bereits viele Veränderungen mitgemacht. Der Gründer und Großvater des heutigen Inhabers begann seinerzeit, indem er einen fahrbaren Stand durch die Straßen am Ximending (西門町) in Taipei schob und mit lauter Stimme seine äußerst günstige, auf den Massengeschmack abzielende Eiskrem anpries. Nachdem nach einigen Jahren sein Geschäft gut lief, eröffnete er einen Stand im City Market (城中市場) im Zentrum Taipeis und hatte nun eine ganz andere Idee. Er hob die Qualität auf eine neue Stufe, verbesserte das Aroma und im Handumdrehen stieg der Preis für eine Kugel von 4 oder 5 NT auf 7 NT. Damit verschreckte er seine Kunden überhaupt nicht, ganz im Gegenteil: da er immer weiter neue Geschmacksrichtungen entwickelte, insgesamt über 400 und alles unter dem Motto „100% natürlich“ anpries, strömten nicht nur alte Kunden und neue Fans zu ihm, sondern er band damit auch mehrere Generationen treuer Stammkunden an sich.

Obwohl er dann später in der Wuchang Street seinen eigenen Laden eröffnete, kann man doch die Einrichtung und die Bequemlichkeit der Sitzmöbel schlecht mit der an der Wand hängenden Preisliste in Einklang bringen. Der Inhaber der dritten Generation, Herr Chingfeng KAO, sagte mir, dass es da ein japanisches Ehepaar gab, das während der Zeit von eineinhalb Jahren im Schnitt alle drei Monate nach Taiwan reiste. Während der vier oder fünf Tage, die sie jedes Mal blieben, kamen sie fast jeden Tag vorbei und beide probierten jeweils zwei Kugeln, ohne auch nur einmal dieselbe Art Eiskrem ein zweites Mal zu wählen. Als sie sich schließlich durch alle 73 Geschmacksrichtungen des Ladens durchprobiert hatten, stellten sie sich selbst ein „Abschlusszeugnis“ aus und hielten dies feierlich auf einem Erinnerungsfoto fest.

Dann war da noch diese zierliche junge Koreanerin, die einfach nicht aufhören konnte. Ohne, dass ihr das selbst richtig bewusst war, hatte sie 28 Kugeln vertilgt, davon fast die Hälfte der langjährige Renner Taro-Eiskrem.

Wenig Kalorien, vielfältiger Geschmack

Wer immer nur bei Snow King sein Eis kauft, ist bestimmt nicht allein. Es heißt, dass es nur halb so viele Kalorien hat wie westliche Eiskrem, man muss sich also keine Sorgen um seine Figur machen. Viele Leute mögen sie, weil sie nicht so süß und klebrig ist. Viele Leute sind geradezu vernarrt in diesen Laden, weil es nur hier Eiskrem gibt, die nach getrockneten Longan, Guave oder Reiskuchen schmeckt. Heutzutage dreht sich ja alles um Gesundheit. Und wenn es da einen Laden gibt, wo man viel Eiskrem essen kann und dabei auch noch etwas für seine Gesundheit tut, dann kann Snow King auch Kunden zufriedenstellen, die ein solches Bedürfnis haben. Dafür gibt es unter anderen Eiskrem der Geschmacksrichtungen Ginseng und Chinesischer Engelwurz. Was auch immer jemand haben will, hier wird jeder Kunde nach Gusto bedient!

Nach drei Generationen und siebzig Jahren ist es so, dass die Riesenauswahl, die in all den Jahren bis heute zusammengekommen ist, die Geschmacksrichtungen sind, die aus den über 400 entwickelten Aromen auf ganz natürliche Weise als Sieger hervorgegangen sind. Chingfeng Kao zählt detailliert auf, wie sie schon Haitai (getrocknete Algen), Pilz, Knoblauch und Chuanbei (getrockneter Teil von Fritillaria, einem in der chinesischen Medizin verwendeten Liliengewächs) im Angebot hatten. Karotten sind das beste Beispiel dafür, was bei den Kindern einfach nicht ankommt. Und an die Bierhefebonbons hat die junge Generation keine Erinnerung, ihnen fehlt diese Mischung aus nostalgischen Gefühlen. Die Reaktion der Kunden entsprach daher nicht den Erwartungen und im Laufe der Zeit verschwand dieses Aroma wieder.

Im Gegensatz dazu haben eher salzige Geschmacksrichtungen wie Schweinshaxe oder gefasertes Trockenfleisch (rousong) eher eine gewisse Fangemeinde. Varianten, die das eherne Gesetz, dass Eiskrem immer süß sein muss, widerlegt haben, sind Chili, Curry und Ingwer, die durch ihre Originalität die Stellung behaupten. Welche der bekannten Eiskremmarken bringt es fertig, dass ihre Kunden beim Eislutschen ins Schwitzen kommen? Auch wenn dem so ist, so gibt es Leute, die mit Familie oder Freunden in den Laden kommen, entschlossen, es einmal mit Eiskrem mit Schweinshaxengeschmack zu versuchen. Aber nachdem sie einmal daran probiert haben, lassen sie es sein. Reaktionen dieser Art kommen auch bei eingefleischten Fans bestimmter Geschmäcker vor. Wenn ihr Lieblingsgeschmack an einem Tag ausverkauft ist oder  außerhalb der Saison nicht angeboten werden kann, dann kehren sie auf der Stelle um und verlassen den Laden.

Normalerweise empfehlen die Leute im Laden den neuen Kunden mit den klassischen Geschmäckern zu beginnen. Dann probiert man also Melonenkern-Eiskrem, körniges Eis mit roten oder grünen Bohnen, Bananeneis ist eben Bananeneis und auch bei der Shihchia (Zimtapfel) oder Mango bekommt man, was man erwartet. Wenn man entsprechend eingestimmt ist, kann man sich als Fortgeschrittener auch mal an die Variante Chiu-tseng-ta (Thai-Basilikum) versuchen. Diese Eiskrem unter den sehr taiwanesischen Varianten kommt bei vielen Kunden eher an, da hier der Zuckergehalt des Krauts zu Hilfe kommt.

Eiskrem und ein wechselvolles Leben

In jungen Jahren, als Kind schon, liebte es der Chef, Herr Kao, Eis zu essen. Mit seinen Freunden fand sich immer ein Grund dafür, beispielsweise wenn er als Modellschüler ausgezeichnet wurde. Die machten dann solange Theater, bis er sie zum Eisessen einlud. Als die Chongqing South Road noch als Buchladenstraße (書店街) bekannt war, veranstaltete er einmal mit einem Mitschüler ein Radwettrennen. Sie hatten sich als Einsatz darauf geeinigt, dass der Gewinner eine Spezialität aus der Familie des Verlierers bekommen sollte. Schließlich gewann er und durfte die damals bekannte Kinderenzyklopädie Hansheng der Echo Publishing Co. mit nach Hause nehmen.

Die glücklichen Kindertage sind vergangen und nach Ableistung des Militärdienstes fing Chingfeng Kao an, bei einer Versicherung zu arbeiten. Aus Interesse wurde er zudem zugelassener Bergführer mit der Kompetenz, in Not geratene Wanderer aus gefährlichen Bergregionen zu retten. Obwohl er schon eine feste Arbeit und darüber hinaus noch diese Nebenbeschäftigung hatte, übernahm er doch den Familienbetrieb, weil er sich einfach dazu verpflichtet fühlte. Und seine jüngere Schwester ist die treibende Kraft im Laden und hält dort die Stellung.

Wie bei den meisten Familien oder Familienbetrieben blieben auch bei „Snow King“ die Streitigkeiten nicht aus, die sich auf die geschäftliche Entwicklung auswirkten. Nach dem Tod des Großvaters wurde das Familienerbe neu aufgeteilt, was dazu führte, dass der Laden im Erdgeschoss in der Wuchang Street in fremde Hände überging und den weiteren Betrieb unmöglich machte. Während der Zeit, in der der Betrieb eingestellt war, mühte sich die Mutter, die selbst schon fortgeschrittenen Alters war, weiter ab. Sie fürchtete, es nicht mehr alleine zu schaffen und bemühte sich außerdem darum, die Harmonie in der Familie wiederherzustellen. Nun stellte sich die Frage, ob man den Laden wieder eröffnen solle und wo sich ein geeigneter Ort dafür finden würde. Herr Kao zerbrach sich in der Zeit über vielerlei Dinge den Kopf und es waren schließlich die Kunden, die ihm das Selbstvertrauen und die Kraft gaben. Nach dreieinhalb Monaten hieß Snow King seine Kunden wieder im ersten Stock an der alten Adresse willkommen.

Nach einer Stunde Interview betritt ein Kunde aus dem weit entfernten Ha‘erbin in China den Laden und bestellt eine Kugel Taro-Eiskrem. Wenn man ihn nach den Unterschieden zum Eis am Stiel in Nordostchina fragt, so lautet seine Antwort, dass das Eis in Taiwan und dort jeweils seine eigenen Besonderheiten hat. Außerdem sagt er, dass er bestimmt wieder kommen wird, wenn er am nächsten oder übernächsten Tag Zeit hat. Er betont auch, dass er auf jeden Fall auch das Eis mit den merkwürdigen Geschmacksrichtungen probieren will. Anschließend kommen drei Mittelschüler rein, es sieht so aus, als ob sie das erste Mal hier sind. Die drei stecken ihre Köpfe zusammen und studieren die Preisliste. Aus ihrem wilden Durcheinanderreden lässt sich heraushören, dass sie wohl vorhaben, es sich schmecken zu lassen.

Dann mache ich einen kleinen Fehler und trinke den vom Laden angebotenen Sternfruchtsaft. Vor dem Gehen kaufe ich mir noch eine Kugel zum Mitnehmen und stelle fest, dass meine Zungenspitze abgestumpft ist, so dass das süß-saure Aroma der salzigen Pflaumeneiskrem an mir vorbeigeht.

In der inzwischen etwas heruntergekommenen Wuchang Street gibt es also schon seit 70 Jahren diesen Eiskremladen taiwanesischer Art. Seine Geschichte und die Geschichte der Menschen, die ihn bis heute betreiben, lässt sich nicht in wenigen Worten beschreiben. „Snow King“ ist eine Ballade, die noch nicht abgeschlossen ist.