Stadtgeschichten: Xi’an Ich bin ein Pessimist

Dang Cheng im Xi’an Museum für urbanes Gedächtnis
Dang Cheng im Xi’an Museum für urbanes Gedächtnis | © Song Qun

Wir lassen uns von Dang Chengs (党晟) Erzählungen in das alte Xi’an entführen: Folgen ihm von der Ludang-Gasse ins muslimisch geprägte Viertel um Nanyuanmen, von der Blüte der Tang bis zur Republikzeit. Der Gelehrte ist ein Urgestein dieser Stadt, in den Erfahrungen seiner Familie spiegelt sich der Lauf der Geschichte.

Ein Sommertag in Xi’an: Kurz vor Sonnenuntergang ist es immer noch unerträglich heiß. Dang Cheng hat nicht vergessen, dass ich ihn um ein Buch gebeten hatte, und überreicht mir seine neueste Übersetzung: Bucolica, die lateinischen Hirtengedichte des römischen Dichters Vergil. Schon beim Durchblättern vermitteln sich mir die Eleganz der Übersetzung und die Erhabenheit der alten Verse. In akkuraten Schriftzeichen hat Dang Cheng das Titelblatt mit Widmung und Signatur versehen. Seine Kalligrafie, maßvoll und besonnen, ist Ausdruck seiner Persönlichkeit. Das Buch hat insgesamt 173 Seiten, wovon alleine 38 Seiten Anmerkungen sind. Dazu kommt Dang Chengs 34-seitiges Vorwort und ein zwölfseitiger Epilog. Das macht schon einmal fast die Hälfte des Buches aus. Dang Cheng ist ein Übersetzer, der sich einem Text mit Leib und Seele verschreibt.

Ich habe mich mit Dang Cheng im Xi’an Museum für urbanes Gedächtnis (西安市城市记忆博物馆) verabredet. Unser Thema: der historische Wandel der Stadt. Dang Cheng, immer eine Zigarette in der Hand und eingehüllt von deren Rauchschwaden, wählt seine Worte mit Bedacht. Nach jedem Satz hält er inne, als wollte er dem Satzpunkt Raum geben. Seine Sprache ist kurz und prägnant. Niemand spricht einen so eleganten Xi’an-Dialekt wie er.

Als Dang Cheng sich an die Ludang-Gasse (芦荡巷) seiner Jugendzeit erinnert, kann er noch beinahe jeden seiner ehemaligen Nachbarn der Reihe nach aufzählen: Da war der Inhaber des Fotoladens Dafang, den es schon in der Republikzeit gegeben hatte; der Offizier aus der Anfangszeit der Nationalpartei Kuomintang, der später Professor an der Universität in Wuhan wurde; es gab die Gebrüder Fan, deren geschmortes Fleisch in Fladenbrot der Marke Fanji (樊记肉夹馍) heute zu den Spezialitäten Xi’ans gehört. Lauter ungewöhnliche Geschichten. Die Gasse Ludang hieß damals noch Lujinshi (卢进士). Doch hat man ihr in der Kulturrevolution, wie es das Schicksal vieler chinesischer Straßen und Gässchen war, einen neuen Namen verpasst. Die Bezeichnung „Ludang“, so Dang Chengs Vermutung, könnte dabei von dem Stück Die Feuer von Ludang (芦荡火种) herrühren, einer Shanghai-Oper, die als Vorläufer der späteren Modelloper Shajiabang (沙家浜) gilt und den Krieg gegen die Japaner zum Thema hatte. Zu Beginn der neunziger Jahre unterzog man die Gasse einer radikalen Umgestaltung, der auch das alte Wohnhaus zum Opfer fiel, das Dang Chengs Vater in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gekauft hatte. Heute drängen sich an dieser Stelle hohe Gebäude.

„Der lebendigste Ort in Xi’an war damals die Straße Nanyuanmen (南院门). Dort befand sich in der Qingzeit der Amtssitz des Generalgouverneurs der Provinzen Shaanxi und Gansu. Ich erinnere mich noch, dass hier noch zu meinen Kindertagen ein äußerst buntes Treiben herrschte. Hier waren die großen Lebensmittelgeschäfte Tianxiangcun (天香村) und South-China Company (南华公司) sowie der allseits beliebte Juwelier „Phönixglück“ (老凤祥). Auch befand sich hier die „Apotheke der Fünf Kontinente“ (五洲大药房), Xi’ans höchstes Gebäude aus der Republikzeit. Und es gab ein von dem Gelehrten Yan Ganyuan (阎甘园) geführtes Antiquariat. Yan Ganyuan war ein belesener Mann, Absolvent der Kreisbeamtenprüfungen und ein exzellenter Maler und Literat. Als der Schriftsteller Lu Xun (鲁迅) einmal nach Xi’an kam, hat er Yan Ganyuan sogar eigens einen Besuch abgestattet. Heute jedoch erinnert sich niemand mehr an den Gelehrten.“

Auch wenn Dang Cheng von sich behauptet, kein nostalgischer Mensch zu sein, schildert er das alte Xi’an so anschaulich und präzise, dass man das Gefühl hat, er würde die alten Menschen und Geschichten für immer in sich tragen.

„Ich habe mir einen Stadtplan von Xi’an aus der Qingzeit angesehen. Ging man die zur südlichen Stadtmauer parallel verlaufende Straße vom großen Südtor bis hin zur westlichen Stadtmauer, wurde diese Strecke in einzelne Abschnitte unterteilt, die jeweils nach den dort befindlichen Tempeln benannt waren: Von der Xiangzimiao-Straße (湘子庙街) über Wuyuemiaomen (五岳庙门), Taiyangmiaomen (太阳庙门) bis hin zur Bao’ensi-Straße (报恩寺街). Entlang des Weges standen überall daoistische oder buddhistische Tempel, mindestens ein Dutzend. Heute sind sie alle zerstört.“ Das Ansinnen der letzten Jahre, den Weg entlang der Stadtmauer wieder im Stil der prächtigen Tang-Ära erstehen zu lassen, sieht Dang Cheng skeptisch. Schließlich habe man mit der Tang-Dynastie heute nur noch die geografische Lage gemein. Was die historischen Spuren angeht, bestünde zwischen der alten Tang-Hauptstadt Chang’an und dem heutigen Xi’an hingegen fast keine direkte Verbindung mehr. Weitaus bedauerlicher findet er es, dass die Bauten der späten Qing-Dynastie und der Republikzeit der urbanen Umgestaltung zum Opfer gefallen sind.

„Beispielsweise hat man das historische Gedenktor am Chenghuan-Tempel (城隍庙) einfach abgerissen. Stünde das Ehrentor an der Shehui-Straße (社会路) noch, wäre zwischen Glocken-, und Trommelturm ein passender Übergang geschaffen. Heute hat man das Gefühl, dass die beiden Türme völlig isoliert voneinander stehen. Wäre das Ensemble noch so erhalten wie ich es aus dem Xi’an der fünfziger Jahren in Erinnerung habe, könnte man es problemlos als Weltkulturerbe deklarieren. Und das weitaus berechtigter als etwa Yunnans alte Karawanenstadt Lijiang (丽江) oder die Altstadt der nordchinesischen Stadt Pingyao (平遥).“

„Vor vielen Jahren habe ich einmal die archäologische Stätte des nördlich von Xi’an gelegenen tangzeitlichen Daming-Palastkomplexes (大明宫) mit seinem Hauptpalast Hanyuandian (含元殿) besucht. Obwohl man dort damals nur ein paar übrig gebliebene Erdhügel sehen konnte, bekam man doch einen Eindruck von der ehemaligen Monumentalität und Imposanz der Anlage. Die Gedenkstele, die man am Ort des Daming-Palasts aufstellt hatte, war der Volksregierung von Shaanxi gewidmet. Die Kalligraphie stammte von meinem Vater Dang Qingfan (党晴梵), aber da es sich bei der Widmung um einen Staatsakt handelte, durfte er nicht namentlich genannt werden.“

Auch Dang Chengs Vater hat man heute fast vergessen. Dang Qingfan hatte sich schon in jungen Jahren der Tongmenghui (同盟会), Chinas erster von Sun Yat-sen mitbegründeter Partei, angeschlossen. Zu Beginn der Republikzeit beauftragte man ihn, in Xi’an mit der Gründung der Zeitung National News (国民新闻), die er als Chefredakteur leitete. Später kehrte er in seine Heimatstadt zurück und gründete dort eine Mittelschule, deren Direktor er wurde. Er hatte in Shaanxi mitgeholfen die Jingguo-Armee (靖国军) aufzubauen und Yu Youren (于右任), der Oberbefehlshaber der Streitkräfte zur Befriedung des Landes, setzte ihn zum Generalsekretär des Hauptlagers und Stabschef der Ersten Armee (第一路军) ein. Nach der Gründung der Volksrepublik wurde Dang Chengs Vater Professor an der Northwest University in Xi’an (西北大学) und stellvertretender Leiter der Bildungsabteilung im Nordwest-Ausschuss für Militärangelegenheiten und Politik (西北军政委员会) sowie Vizepräsiden der Politischen Konsultativkonferenz Shaanxi. Ein ereignisreiches Leben, in dessen Verlauf Dang Qingfan sich in Militär, Politik und Bildung große Verdienste erworben hatte.

Jedes Leben hat seine glücklichen Zufälle. Während sein Vater in seinem Heimatort eine Schule gegründet hatte, war Dang Cheng in seinem Leben von ganz ähnlichen Bestrebungen geleitet. Nachdem Dang Cheng von einem Aufenthalt in Japan zurückgekehrt war, hatte er eigentlich den Plan gefasst, eine eigenständige Akademie für Gestaltung zu gründen. In dieser Sache reiste er mit dem damaligen Vizebürgermeister von Xi’an zu Gesprächen nach Japan und zog eine Kooperation mit der Kyoto University of Arts and Design (京都造型大学) in Erwägung. Eine japanische Zeitung hatte damals berichtet, China und Japan wollten in Xi’an gemeinsam das „chinesische Bauhaus“ aufziehen. Als Ergebnis der Verhandlungen richtete man schließlich an der Universität Xi’an lediglich eine neue Abteilung ein. Da das Geld von japanischer Seite kam, konnte man hinsichtlich Personaleinsatz, Finanzen und Lehre vom chinesischen Staat allerdings zunächst relativ unbehelligt agieren. 1986 immatrikulierten sich die ersten Studenten und die Japaner spendeten Equipment und Bücher. Es war die erste Bildungseinrichtung in China, die sich umfassend an den Unterrichtsstandards des Visual Design orientierte. Ein Jahrzehnt lang konnte man sich hier relativ frei der Forschung, Lehre und Praxis widmen und viele der in dieser Zeit ausgebildeten Studenten zählen heute zu den Stars der chinesischen Designwelt. Eine Designakademie, deren Name zwar nicht an die große Glocke gehängt wurde, die aber etliche Talente hervorgebracht hat und über die man in Insiderkreisen spricht.

Nach zwanzig Jahren als Leiter der Akademie fällt Dang Chengs Resümee trotzdem ernüchternd aus: „Ich wollte eigentlich etwas außerhalb des Systems auf die Beine stellen, aber ehe ich mich versah, war ich doch in die Fänge des Systems geraten.“ Den strukturellen Auflagen, die später nach und nach hinzukamen, vermag Dang Cheng offensichtlich nichts Positives abgewinnen: „In dieser Hinsicht bin ich Pessimist“

Spät abends, als wir uns immer noch angeregt unterhalten, frage ich Dang Cheng, ob er den Daming-Park nach seinem Ausbau zur touristischen Attraktion noch einmal besucht habe. Dang Cheng verneint, räuspert sich und setzt dann hinterher: „Ich werde hinfahren. Ich möchte wissen, ob die Stele dort noch steht.“

Dang Cheng (党晟)

Dang Cheng, 1950 geboren in Xi’an. Privatgelehrter und ehemals Direktor der Kunstakademie an der Xi’an Union University (西安联合大学) sowie Gastprofessor an der Kyoto University of Arts and Design (京都造型大学). Ein Universalgelehrter, der in seinem Understatement ein heute selten gewordenes Exemplar des unprätentiösen chinesischen Intellektuellen abgibt. Der Maler Chen Danqing (陈丹青) sagte einmal über ihn, Dang Cheng habe etwas Aristokratisches und erinnere ihn an die großen Gelehrten der Republikzeit.