Stadtgeschichten: Peking Es ist immer die Stadt greifbar, in der man lebt

Yu Yishuang: „Ich finde wirklich, dass Peking immer langweiliger wird.“
Yu Yishuang: „Ich finde wirklich, dass Peking immer langweiliger wird.“ | Yu Yishuang

Die in Peking aufgewachsene Schriftstellerin Yu Yishuang spricht über das Leben in dieser Stadt und das Schreiben darüber. Ihr Urteil über Peking: Es ist zwar nicht mehr so viel los wie früher, aber Peking ist immer noch eine Stadt mit Grauzonen.

Yu Yishuang (于一爽) sitzt im Außenbereich einer zwischen dem östlichen vierten und fünften Ring gelegenen Tee-Bar. „Ich finde wirklich, dass Peking immer langweiliger wird“, bemerkt sie scheinbar ohne einen Anflug von Wehmut. Gleich gegenüber befindet sich der Zugang zur Pekinger U-Bahn-Linie Sechs. Die Passanten, die dort ein- und ausgehen wirken entspannt. Als hätten sie bereits vom hektischen Rhythmus eines Arbeitstages auf Feierabendmodus umgeschaltet. Yu Yishuang erzählt, dass sie gerade im Kino in einer der oberen Etagen des Gebäudes den neuesten ausländischen Film gesehen habe. Er hat ihr aber überhaupt nicht gefallen. Sie hat die Vorstellung früher verlassen und ist direkt in die Tee-Bar im Erdgeschoss gekommen. Ich denke an einen Independent Film, den ich vor ein paar Jahren in einem Buchladen in der Nähe gesehen habe. Damals war die U-Bahn-Linie noch gar nicht in Betrieb.

„Sehr lebendig“ sei die Pekinger Kulturszene noch vor zehn Jahren gewesen, erinnert  sich die in den achtziger Jahren geborene Autorin und Medienschaffende Yu Yishuang. „Da gab es noch die Truppe aus Sichuan und die aus Nanjing“. Aber die Stadt ist mit der Zeit immer nüchterner geworden und die Leute sind nach und nach fortgegangen. Heute findet man hier immer weniger Menschen, mit denen man sich über abstrakte Themen wie Gedichte oder Literatur unterhalten könnte.

In den letzten Jahrzehnten hat sich Peking vor allem durch zwei Ereignisse verändert: Zum einen durch die Pandemie der Atemwegserkrankung SARS im Jahr 2003. Seitdem werden die Bevölkerungsdaten effektiver verwaltet. Zum anderen durch die Olympischen Spiele 2008, nach denen die Zuzugsbeschränkungen nach Peking verschärft wurden. Zudem haben die steigenden Lebenshaltungskosten viele Leute aus der Stadt vertrieben. Bei einem Gespräch über die Xiong’an New Area (雄安新区), eine zur Entlastung Pekings neu aus dem Boden gestampfte Sonderwirtschaftszone und Megametropole südwestlich von Peking, hat jemand vor ein paar Tagen noch scherzhaft eingeworfen: Wenn das, was über den in der neuen Metropolregion gelegenen Baiyang-See (白洋淀) geschrieben wird, erst einmal zur Stadtliteratur zählte, würde Peking endgültig zu der Verlassenen Stadt (废都) werden, die Jia Pingwa (贾平凹) in seinem gleichnamigen Roman beschrieben hat. Tatsächlich hat Yu Yishuang viele ihrer Freunde, mit denen sie um die Häuser zieht, noch zu den Zeiten von SARS und den Olympischen Spiele kennengelernt.

Kindheitserinnerungen aus dem Hutong

Yu Yishuang kam in einem der traditionellen Hutongs im zentralen Pekinger Stadtviertel Xidan (西单) zur Welt. 1993 wurde der alte Wohnhof von Immobilienentwicklern abgerissen und an seiner Stelle eine Shoppingmall errichtet. Yu Yishuang kann sich noch erinnern, dass damals ihre Oma und die Großmütter aus der Nachbarschaft bittere Tränen vergossen. Sie selbst war damals noch klein und verstand nicht, was daran so tragisch sein sollte. Erst mit der Zeit hat sie es realisiert: Der Umzug, der die Nachbarn in alle Winde zerstreut hatte, machte es unwahrscheinlich, dass sie sich je wieder sehen würden. Später zog die Familie in das Stadtviertel Shijingshan (石景山), das etwas westlich vom Stadtzentrum unweit des Revolutionsfriedhofs Babaoshan (八宝山) liegt. Damals war die Großmutter um die siebzig und meinte, der neue Wohnort läge doch praktisch, da könne man sie später gleich an Ort und Stelle verbrennen.
 
Yu Yishuangs Großvater war ein echter „Kapitalist“. Als junger Mann hatte er eine Karaoke-Bar eröffnet. Man erzählt sich, dass ihr Großvater damals ein richtiger Lebemann war, ganz im Stil der sogenannten „Vier Prinzen von Peking“ (京城四少, von chinesischen Netizens geprägter Begriff zur Bezeichnung von vier reichen und berüchtigten Pekinger Playboys mit zweifelhaftem Lebensstil, Anm. d. Übs.): Immer fein geschniegelt, mit Lederschuhen und glänzender Pomade in den Haaren fuhr er mit dem Motorrad durch die Stadt und schoss mit einer Schrotflinte die Vögel vom Himmel.
 
Yu Yishuang hat kürzlich ein Buch über den Tod gelesen. In gewisser Weise, meint sie, sehe sie den Tod nicht viel anders als die Schriftstellerei oder die Liebe. „Ich glaube zwar nicht an so etwas wie Vorhersehung, aber ein Freund sagte mir, dass meine Erfahrungen als Elf- oder Zwölfjährige einen erheblichen Einfluss auf mein späteres Leben haben würden.“ 1997, vor genau zwanzig Jahren, fand die Übergabe Honkongs an China statt. Yu Yishuang würde die Geschehnisse von damals gerne in einer Erzählung verarbeiten, sie weiß nur noch nicht genau, wie sie das Thema angehen will.
Ihr Onkel, ein älterer Bruder ihres Vaters, bekam an dem Tag der Rückgabe Hongkongs eine Hirnblutung. Die Ambulanzen steckten jedoch in der jubelnden Menschenmenge am Platz des Himmlischen Friedens fest und kamen nicht vom Fleck. Ihr Onkel starb, weil es keiner der Krankenwagen schaffte vorbeizukommen. Vor Kummer bekam die Großmutter über Nacht weißes Haar. Yu Yishuangs Vater kam nicht umhin, seiner Tochter von dem Unglück zu berichten. Auch über den späteren Tod der Großmutter hat er ganz offen mit ihr gesprochen. Er kannte ja seine Tochter und dachte, das wäre so gut für sie. An dem Abend, an dem ihr Onkel gestorben war, unterhielten sich die Eltern darüber, wie es nun weitergehen sollte. „Ich lag im Bett und tat so, als würde ich schon schlafen. Schließlich musste ich am nächsten Tag in die Schule. Doch in Wirklichkeit konnte ich kein Auge zudrücken.“ Um ihr den Besuch einer guten Schule zu ermöglichen, kehrten die Eltern damals wieder nach Xidan zurück und mieteten eine sogenannte „Schulamtsbezirkswohnung“, die im Einzugsbereich einer guten Schule lag. Ein ganz einfaches, kleines Apartment. Damit Yu Yishuang dort ungestört ihre Hausaufgaben machen konnte, bummelten die Eltern Abend für Abend durch das riesige Shopping Center von Xidan. Vier Jahre lang schauten sie sich dort die Schaufenster an. Gekauft haben sie nie etwas.
 
Ein weiterer Bruder des Vaters war in den siebziger Jahren nach Hongkong ausgewandert und hatte dort eine Frau aus Indonesien geheiratet. Die beiden hatten in Hongkong ganz schön zu kämpfen. Damals wollten viele Chinesen nach Hongkong. Zum Abschied hatte die Großmutter dem Onkel ein Buch mit dem Titel Abschaum (人渣) geschenkt. „In dieser riesigen, kapitalistischen Gesellschaft bist du nur ein unbedeutendes Sandkörnchen“, das war es, was die Großmutter mit ihrer Geste sagen wollte.
 
Die Familie mütterlicherseits hingegen waren ganz einfache Leute, die in Qianmen (前门) gleich südlich vom Tian’anmen lebten. Aber sie hatten ein großes Herz. Im Alter von vier oder fünf Jahren war Yu Yishuang oft bei ihren Großeltern zu Besuch. Nach dem Abendessen füllten sie abgekochtes kaltes Wasser in eine Thermosflasche und setzten sich mit einer Bambusmatte und einem kleinen Kofferradio auf den Platz des Himmlischen Friedens, um in den Sommernächten Abkühlung zu finden. Auf dem Platz standen überall Menschen in kleinen Grüppchen zusammen. Mitmenschlichkeit ist wichtig, aber sie macht auch verletzlich. Auch wenn sich die Veränderungen und Schicksalsschläge innerhalb der Familie ereignen, so bleibt der Mensch doch immer in den Kontext seiner Zeit eingebettet. „Das einzige, was ich tun kann, ist Geschichten zu schreiben, um so den Menschen, die ich liebe und die mich lieben, ein etwas besseres Leben zu ermöglichen.“

Eine Stadt mit vielen Grauzonen verändert sich

Manchmal hat Yu Yishuang das Gefühl, dass sie Peking weit weniger kennt als die Zugezogenen. Ihr Mann beispielsweise, der nicht aus Peking kommt, ist neugierig auf diese Stadt und schaut sich alles mit offenen Augen an. Ihr hingegen geht es manchmal so, wie es eine chinesische Redensart besagt: „Im Licht stehend, sieht man nicht, was sich vor den eigenen Augen im Schatten verbirgt.“
 
Yu Yishuang hält das allerdings nicht für ein rein subjektives Phänomen. Gerade weil Peking ein so hochpolitischer Ort ist, ist hier alles denkbar. So ist Peking eine Stadt mit Grauzonen, in der vieles toleriert wird. „Mancher treibt im Schatten der Macht sein Unwesen“, heißt es im Chinesischen. Es verwundert deshalb nicht, dass es ausgerechnet in Peking jemanden wie Ai Weiwei (艾未未) gibt. Peking ist einfach zu groß, da kümmert man sich nicht darum, was die anderen machen. „In gewisser Weise scheint Peking nicht zu China zu gehören.“ Manche Dinge fallen in dieser Metropole, die eine gewisse Ähnlichkeit mit New York hat, einfach aus dem Rahmen.
 
Yu Yishuangs Erzählungen handeln von dem Leben in der Stadt. Während es bei anderen Schriftstellern, die über Peking schreiben, oft um das Gefühl der Verlorenheit geht, ist Peking für die hier aufgewachsene Autorin Heimatboden. Pekinger Taxifahrer, die meist von auswärts kommen, politisieren bekanntermaßen gerne, aber „wenn man in dieser Stadt lebt“, so Yu Yishuang, „dreht sich der Alltag eher darum, in welches Restaurant oder in welche Kneipe man gehen könnte.“
 
„Im Grunde genommen schreibe ich über die Stadt beziehungsweise ihren Wandel unter bestimmten Umständen.“ Ein französischer Verlag hat bei Yu Yishuang einmal eine Erzählung in Auftrag gegeben. Sie sollte über ein Mädchen schreiben, das als sogenanntes „Dinner Girl“ die Stimmung bei Geschäftsessen auflockert. Über lange Zeit bestand ihr Leben darin, an allen möglichen Orten zum Essen zu gehen. Eine wichtige Koordinate bildetet dabei das Kneipenviertel Sanlitun (三里屯), das mittlerweile als Touristenattraktion gilt. Ende der achtziger und zu Beginn der neunziger Jahre entwickelte sich hier ein urbanes Nachtleben. Es war die Zeit, als es in China die ersten Rockbands gab. Als Yu Yishuang in Sanlitun unterwegs war, hatte die Szene seine besten Zeiten jedoch schon wieder hinter sich, wenn auch noch nicht so endgültig wie heutzutage. Man befand sich in einer Art Übergangsphase. In dem Roman fängt sie Anekdoten und Stimmungen ein, beziehungsweise die Nostalgie der Protagonisten.
 
Yu Yishuang hat die Verhältnisse in Peking zwischen 2009 und 2010 beschrieben. Sie sagt von sich selbst, dass sie keine große fiktionale Begabung hat. Wenn man mit ihr in die Zeiten und Orte von damals eintaucht, erhält man dafür exakte Momentaufnahmen dieser Stadt. „Bei mir wird nichts verschleiert. Keine Fiktion könnte mich tiefer berühren, als das, was ich genau so erlebt habe“. Sie schreibt über ein Peking, das sich immer wieder neu erfindet. Vielleicht ist in der Stadt nicht mehr so viel los wie früher und vieles gehört heute schon wieder der Vergangenheit an. Aber trotzdem finden sich immer wieder charakteristische Orte, über die sie schreiben kann. Auf jeden Fall ist alles real.
 
Yu Yishuangs Bücher bestehen meist aus Erzählungen mit zehn- bis zwanzigtausend Schriftzeichen. Immer geht es um die Stadt, auch wenn sie findet, dass es dabei gar nicht so sehr auf die konkreten Orte ankommt. „Für einen ist immer die Stadt greifbar, in der man lebt. Man hat den Charakter und das Kolorit dieser Stadt erlebt. Man weiß, wie die Beziehungen laufen. Die Leute kommen und gehen, weil hier alles so schnelllebig ist. Und manche Themen wurden hier schon bis zum Überdruss durchgekaut, die Einsamkeit zum Beispiel.“
 
Folgende Szene geht ihr oft durch den Kopf: Die Typen, die in einer Internetfirma bis nachts um elf oder zwölf Überstunden machen, kommen sich alle ziemlich cool vor. Schließlich brennt bei ihnen in Peking am längsten das Licht. Wenn sie das Gebäude dann aber endlich verlassen, gehen sie in den nächsten 24-Stunden-Shop. Und dort bereitet ein Angestellter gerade die Lunch-Boxen für den nächsten Morgen vor.