Diskussion Kunstmuseum oder Shoppingcenter?

Die in der Kunst-Mall K11 gezeigte Grafikinstallation
Die in der Kunst-Mall K11 gezeigte Grafikinstallation | © Liu Zhenchen

In Shanghai hat die K11 Art-Mall seine Tore geöffnet. Es gibt in China immer mehr Einkaufszentren, die Shoppingerlebnis und Kunstgenuss im Paket anbieten. Ist das nun der Niedergang oder eine Verheißung, wenn aus Shopping-Paradiesen heilige Hallen der Kunst werden? Die Online-Redaktion des Goethe-Instituts hat die Künstler Wang Yiquan (王懿泉) und Xiao Tao (夏弢) nach ihrer Position gefragt
 

Wang Yiquan

„Einkaufszentren verwandeln Konsumenten in Kunstpublikum”

Wang Yiquan © Cheng Yiyi Die Shoppingmall stellt als wichtiger Knotenpunkt einer Stadt ein vielfältiges Beziehungsgeflecht her. Sie hat das Potenzial, die Mängel und Unzulänglichkeiten klassischer Ausstellungsstätten und alternativer Kunsträume auszugleichen und so zu einer neuartigen Ausstellungsfläche von Kunst zu werden.

Vor allem meine ich, dass Kunst-Malls das Potenzial haben ein größeres Publikum anzusprechen, und das ist genau das, worum sich die zeitgenössische Kunstszene in China derzeit so bemüht. Jeder mag über die Gegenwartskunst seine eigene Meinung haben. Doch im Allgemeinen geht man davon aus, dass die grundlegende Bedeutung moderner Kunst in der Kommunikation liegt und Kommunikation braucht ein Gegenüber. Die Gegenwartskunst möchte ihre Grenzen über die Fachkreise hinaus ausdehnen und in die öffentliche Sphäre vordringen. Wenn es Kunstwerken gelingt, innerhalb der Gesellschaft einen umfassenderen und tieferen Dialog anzustoßen, steigt damit nicht nur der kulturelle Wert der Kunst, sondern auch ihr Marktwert. Lässt man die Kunst- und Ausstellungsgeschichte Revue passieren, war der wichtigste Ort für den künstlerischen Austausch immer der Ausstellungsraum, das heißt Kunstmuseen, Galerien, Biennalen oder Kunstmessen. Indem sich Kunstwerk und Betrachter an diesen Orten begegnen, treten sie in einen Dialog. Die genannten Plätze sind immer noch die Hauptorte, an denen es zu einer Auseinandersetzung mit der Kunst kommt. Allerdings ist die Zielgruppe, die sie hier ansprechen und sich heranziehen, ziemlich begrenzt. Verglichen mit anderen Kulturangeboten interessiert sich nur eine Minderheit für zeitgenössische Kunst. In den sogenannten „Städten ersten Rangs“ (darunter fallen vor allem Peking, Shanghai, Guangzhou und Shenzhen, Anm. d. Übers.) laufen die Kinos was die Besucherzahlen angeht dem normalen Kunstmuseum immer noch den Rang ab. Vielleicht können die „Kunst-Malls“ etwas an dieser Situation ändern. Allein an der Frequentierung lässt sich ablesen, welchen wichtigen Stellenwert der Gebäudekomplex eines Shoppingcenters als Publikumsmagnet hat. Derzeit verwandeln die in China entstehenden Einkaufszentren die Konsumenten in ein Kunstpublikum. Im Shanghaier Art-Mall K11 sehen sich die Besucher beispielsweise vor oder nach dem Shoppen gerne eine Kunstausstellung an. Shoppingtour und Kunstgenuss gehen hier Hand in Hand.

Zudem denke ich, dass Kunst-Malls unter den Gegebenheiten moderner chinesischer Metropolen und in Anbetracht des künstlerischen Umfelds das Potenzial haben, neben den konventionellen Kunsthallen und alternativen Kunsträumen zu einer dritten Sphäre zu werden. Zu einem neuartigen Kunstraum, der, auch wenn er sich erst in einem Vorstadium befindet, die Entwicklung der Gegenwartskunst fördert. Zur Verdeutlichung dieses Standpunkts möchte ich folgende Frage in den Raum stellen: Welche Rolle spielt das Shoppingcenter innerhalb des heutigen urbanen Fortschritts? Überlegen Sie sich einmal, wie viele Dinge man heutzutage in einem Einkaufszentrum und den dazugehörigen Stores erledigt. Dein Büro liegt vielleicht in der 15. Etage der Mall, deine Wohnung ist im 22. Stock und auch dein Stammlokal und dein Fitnessstudio befinden sich im selben Gebäude. In den modernen chinesischen Metropolen ist die Shopping-Mall längst nicht mehr nur ein Konsumtempel, sondern ein multifunktionaler Komplex, der Einkaufen, Büroarbeit, Sozialleben und Freizeitvergnügen vereint. Es ist wie ein zentraler Knotenpunkt, an dem alle Stränge einer Stadt zusammen laufen. Dadurch, dass hier verschiedene Menschengruppen aufeinandertreffen, entsteht ein vielfältiges Beziehungsgeflecht. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich nach und nach auch Kinos, Theater, Restaurants oder Schulungszentren in den Malls angesiedelt. Das Einkaufszentrum stellt mittlerweile einen wichtigen Erlebnisraum des öffentlichen Lebens dar. Da ist es naheliegend, dass heutzutage auch Kunsträume und Kunstmuseen ihren Platz in der Mall haben - und das ist erst der Anfang. Die Shoppingmall verfügt sowohl über die räumlichen Voraussetzungen als auch über ein enormes Besucheraufkommen und besetzt innerhalb der Stadt stets einen prominenten Platz. Die Mall hat definitiv das Potenzial die derzeitigen Schwächen und Unzulänglichkeiten von klassischen und alternativen Ausstellungsräumen auszugleichen und im Sinne der neueren Entwicklungen zu einer Ausstellungsfläche der Kunst zu werden.

Ich möchte hier mit einem Zitat von Andy Warhol schließen, der schon vor Jahrzehnten voraussagte: „All department stores will become museums, and all museums will become department stores.“ Wenn wir uns heute umsehen, erkennen wir, dass das bereits Realität geworden ist.

Xia Tao

„Kunstwerke inszenieren den Raum der Mall”

Xia Tao © Xia Tao

Die Kunstwerke bekommen im Kontext des Shoppingcenters eine Funktion, die sie in einem neutralen Ausstellungsraum nicht haben. Sie inszenieren den Raum der Mall als „Szenerie“ und stimulieren so die Kauflust der Konsumenten. Darin liegt wahrscheinlich das eigentliche Ziel der Strategie, Kunst in Kaufhäusern zu „instrumentalisieren“.

Werden von einem Shoppingcenter Originalkunstwerke angekauft, möchte man die den Arbeiten zueigene visuelle Morphologie dazu nutzen der Mall mehr Flair zu verleihen und ihre Räume zu bereichern. Dabei verfolgen die Art-Malls bei ihrer Präsentation von Kunst zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Im Shanghaier K11 beispielsweise platziert man in jedem Raum und jeder Nische eine Skulptur, ein Bild oder eine Installation. Gleichzeitig hat man im Untergeschoss einen eigenen Kunstraum eingerichtet, für den der klassische Ausstellungsraum die Vorlage liefert. Dagegen ist bei der Platzierung von Kunst mitten im Einkaufszentrum die Neutralität des herkömmlichen Ausstellungsraums nicht mehr gegeben. Durch ihre Gebundenheit an den Ort des Konsums übernehmen die Kunstwerke mehr oder weniger die Funktion das Ambiente der Konsumtempel aufzuwerten. Auch sehr dekorative Arbeiten wirken in einem Kaufhaus als Überraschungsmoment.

In den letzten drei Jahrzehnten haben sich die Raumstrukturen der Warenhäuser stark verändert. Man verwendet zum Beispiel mehr Glaswände, Spiegel, Lichtspots und Werbeflächen oder verlegt Marmorböden, alles räumliche Gestaltungselemente, die beim Besucher das Gefühl einer leichten Benommenheit und Desorientierung hervorrufen sollen. Fällt der Blick dann auf die Produkte, werden diese Gefühle als Wunsch die Ware in Besitz zu nehmen kanalisiert. Den Ort der Shopping-Mall umweht eine etwas geheimnisvolle, fast erotische und zugleich behagliche Atmosphäre, man fühlt sich beinahe wie in Trance. Der Kunde kann sich dort also entspannen und bekommt zugleich immer wieder neue Anreize, so dass letztlich alle möglichen Wünsche in ihm geweckt werden. Darin liegt wohl das eigentliche Ziel der Strategie in einem Einkaufszentrum Kunst einzusetzen. In diesem Moment bekommt das Kunstwerk in der Mall eine Funktion, die es in einem neutralen Ausstellungsraum nicht hat: Es inszeniert den Raum des Shoppingcenters als eine Art „Szenerie“.

Eine weitere interessante Tatsache ist, dass die Waren im Kaufhaus natürlich mit einem Preis ausgezeichnet sind. Doch selbst wenn die dort ausgestellten Kunstwerke ebenfalls ein Preisschild haben, gehen sie doch nicht so leicht über den Warentisch wie die anderen Produkte. Wenn es also gar nicht um den Verkauf geht, besteht der alleinige Zweck im Zeigen des Objekts. Ganz gleich um was für eine Arbeit es sich handelt, Kunst in der Einkaufspassage bedeutet in gewisser Weise immer eine Form der Intervention. Zum Beispiel hatte man den Shanghaier Künstler Liu Zhenchen (刘真辰) eingeladen, eine Rauminstallation für ein Kaufhaus zu entwerfen. Er griff das Kaleidoskop-Muster aus einer seiner Videoarbeiten auf und machte daraus eine Wandtapete, die er auf die architektonischen Elemente der Mall anbrachte. So fügte sich die Arbeit wie eine Werbefläche in das Shoppingcenter ein, ohne dabei jedoch eine Werbefunktion zu haben. Gerade weil das Kunstwerk keinerlei kommerzielle Botschaften transportiert, wirkt sie in der Mall einfach als wallpaper. Solche auf die räumlichen Gegebenheiten des Warenhauses abgestimmten „lokalen Kreationen“ bilden unter den in der Mall ausgestellten Kunstwerken aber eher die Ausnahme. Normalerweise werden unter den vorhandenen Werken der Künstler vor allem die Skulpturen, Bilder oder Fotoarbeiten ausgewählt, die sich an das normale Alltagsleben anlehnen. Solche Arbeiten scheinen der „Objekthaftigkeit“ der im Shoppingcenter dargebotenen Waren einfach näher zu kommen.

Wird ein Künstler eingeladen, den Raum in einer Mall zu gestalten, wird er sich wahrscheinlich zunächst darüber Gedanken machen, wie sich das Thema der Arbeit zum Raum verhält. Und dann, wie es in seiner visuellen Wirkung mit dem Raum zusammenspielt beziehungsweise zu ihm in Kontrast steht. Nur in Ausnahmefällen führt die Kunst im Kaufhaus eine eigene Existenz: als in der Mall angegliederter eigener Kunstraum. In diesem Fall entfaltet die Kunst ihre Wirkung eher wie in dem Raum eines Kunstmuseums oder einer Galerie. Es sind Räume, die ihrem eigentlichen Charakter nach eher neutral, geschlossen und eigenständig sind, auch wenn sie quasi als Gesamtkunstwerk in die Mall integriert sind.