Food-Trend Insekten als Fleischersatz

Es gibt gute Gründe Insekten als Fleischersatz in Erwägung zu ziehen
Es gibt gute Gründe Insekten als Fleischersatz in Erwägung zu ziehen | ©stockphototrends - James Charoenkrung

Start-ups versuchen den Deutschen Lebensmittel aus Insekten schmackhaft zu machen. Ihre Argumente sind überzeugend

Das Auge isst mit – heißt es in Deutschland. Aber das tut sich noch schwer mit den gerösteten Grillen „Fleur de Sel“. Zu ungewohnt ist die Optik. Zumal die Insekten genauso aussehen, wie man sie eben auch aus der Natur kennt und man es hierzulande nicht gewohnt ist, sie auf dem Teller zu finden, anstatt im Grünen. Doch das sind bloß Anlaufschwierigkeiten. Hat man die Grillen nämlich erstmal gekostet, kann man Josef Hirte und Mathias Rasch nur zustimmen: Das Salz ist ein perfekter Begleiter für den leicht nussigen Geschmack der Insekten. Die beiden Unternehmensgründer, ein Physiker und ein Lehrer, sind Spezialisten für verzehrfertige Heimchen. Sie betreiben seit Kurzem mit „Wicked Cricket“ einen Online-Versand für Grillen zum Knabbern.

Die Wicked Cricket-Gründer Josef Hirte und Mathias Rasch Die Wicked Cricket-Gründer Josef Hirte und Mathias Rasch | © Teresa Hirte Das Start-up hat seinen Sitz nicht in Asien, also dort, wo man in Europa gemeinhin die Entomophagie, das Essen von Insekten, vermuten würde. Es trägt vielmehr von München aus zu einer kleinen kulinarischen Revolution bei: Insekten als kulinarische Bereicherung zu betrachten. Schließlich haben die 1.900 essbaren Insektenarten einiges zu bieten. Ja, auch dem Gaumen. Zudem gelten sie als überaus nahrhafte Sättigungsbeilage – und tragen noch dazu zum guten Gewissen bei. Vor allem bei jenen, die gern schon mit den eigenen Ernährungsgewohnheiten etwas zur Rettung des Planeten beitragen wollen. Schließlich braucht man, um ein Kilo Rindfleisch zu produzieren, 25 Kilo Futter. Für ein Kilo Grillen dagegen benötigt man nur zwei Kilo Futter und nur acht Prozent der Landfläche, die die Rinderzucht beansprucht.

Nährstoffreiche Alternative

Die kleinen Krabbler sind außerdem noch gesund. Grillen besitzen viel Vitamin B12, alle neun essentiellen Aminosäuren und überhaupt viele wichtige Mikronährstoffe. Exzellente Argumente, die laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts TNS Infratest immerhin 80 Prozent der Deutschen davon überzeugen, dass Insekten auf dem Teller für sie theoretisch durchaus vorstellbar sind. Praktisch sind sie noch ein Nischenprodukt. Auch, weil sie – noch – nicht ganz selbstverständlich in Supermarktregalen lagern, sondern online geordert werden müssen. Etwa bei wuestengarnele.de, wo man etwa „Insektenlutscher“ mit Zitronen- oder Himbeergeschmack und eingeschlossenem Mehlwurm kaufen kann. Oder die Insekten-Pasta „Rigate“, Insekten-Nudeln, die mit ganzen, gemahlenen Buffalowürmern produziert werden. Bald gibt es auch Proteinriegel, in denen Datteln und Grillen eine gerade für Fitness-Begeisterte sehr aufbauende Verbindung eingehen. Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld kam die Idee zu diesem Power-Snack während einer Asien-Reise beim Selbstversuch mit Grillen und frittierten Raupen. Ihnen war schnell klar, dass es in Deutschland schon wegen der Optik gewisse Berührungsängste geben könnte. Deshalb entwickelten sie gemeinsam mit der Sportwissenschaftlerin Daniela Falkner ihr Konzept, die gerade für Sportler so geeigneten Insektenproteine in einer möglichst neutralen Darreichungsform als Riegel auf den Markt zu bringen. Noch sind sie in der Crowdfunding-Phase für den Riegel „Swarm“ aus gemahlenen Grillen in den Geschmacksrichtungen Red Berries, Chia Hazelnut und Raw Cacao. Dafür haben sie prominente Unterstützung gewonnen, zum Beispiel vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und vom Europäischen Sozialfonds für Deutschland. Denn auch die Politik hat durchaus Interesse, den Deutschen die Scheu vor der bisher ungewohnten Kost zu nehmen.

Maikäfersuppe als Vorläufer

Es gilt noch einige Hürden zu überwinden. Aber: „Hemmschwellen werden durch Aufklärung gesenkt!“, sagen die beiden „Wicked Cricket“-Gründer. „Wenn wir potentiellen Kunden vermitteln, welche Vorteile Entomophagie mit sich bringt und wenn wir über Ekel als kulturelles Phänomen reden, lassen sich viele überzeugen.“ Zumal der Insektenverzehr in Deutschland durchaus eine Geschichte hat. So wurde im Magazin für die Staatsarzneikunde von 1844 die „Maikäfersuppe“ als „vortreffliches und kräftiges Nahrungsmittel“ gepriesen. Auch der Dichter und Zeichner Wilhelm Busch verarbeitete im 19. Jahrhundert das damals noch massenhaft verbreitete Krabbeltier in seinen Werken – und in der eigenen Küche. Er schreibt in seinen Erinnerungen, dass Gäste sogar Nachschlag verlangten, zumal, wenn sie nicht wussten, aus was die Suppe gemacht war: aus etwa 30 Käfern pro Person, die ohne Flügel und Beine in Butter angeröstet und in Brühe gegart wurden. Es gab sie seinerzeit aber auch am Stück und zwar überzuckert und kandiert in Konditoreien. Man sollte, so wurde damals empfohlen, darauf achten, wovon die Maikäfer sich ernährt hatten.
 
Wovon sich die Menschen vielleicht schon bald ernähren werden, darauf gibt es einen Vorgeschmack in der Schweiz. Dort führte gerade eine Supermarktkette Insekten-Burger aus Mehlwürmern ein. Und das Krabbel-Sortiment soll zügig erweitert werden. Auch in Deutschland wird man nicht mehr lange warten müssen. Bislang ist zwar der Verkauf von Insekten als Nahrungsmittel nur erlaubt, wenn sie als solche auch kenntlich sind. Aber schon jetzt gibt es Ausnahmen und ab 2018 tritt dann die bearbeitete Novel-Food-Verordnung der Europäischen Union in Kraft. Dann gelten einheitliche Standards etwa für Aufzucht und Futterqualität und der Insekten-Menüplan kann deutlich erweitert werden.

Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld, die Gründer von SWARM Protein, bei einem ihrer Farmer in Thailand Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld, die Gründer von SWARM Protein, bei einem ihrer Farmer in Thailand | © Tim Hartmann Josef Hirte und Mathias Rasch beziehen ihre Grillen derzeit noch von einer holländischen Farm, in – zertifizierter – Bioqualität. „Gerne hätten wir einen regionalen Anbieter. In Deutschland gibt es jedoch noch keine einzige Farm“, bedauern die beiden. Das könnte sich mit steigender Nachfrage natürlich ändern. Vielleicht bringt einen ja die „Weihnachts-Edition“ von „Wicked Cricket“ auf den Geschmack: gebrannte Grillen mit Zucker und Zimt.