Fokus: Handwerk „Am Ende des Tages sehe ich was ich gemacht habe.“

Timm Langhoff an der Drehscheibe
Timm Langhoff an der Drehscheibe | Foto: Carola Dorner

Wenn Timm Langhoff über den Ku’Damm schlendert, schaut er sich gerne Porzellan im Schaufenster an. Auch weil er dann sagen kann, „die Eierbecher da, sind fast alle von mir“.

„Ich bin Handdreher bei KPM, also bei der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin. Um genau zu sein heißt mein Beruf „Industriekeramiker in Verfahrenstechnik“. Ich wollte schon immer beruflich etwas mit den Händen machen. Meine beiden Onkel sind Tischler, ich habe immer Menschen um mich gehabt, die in Handarbeit Dinge angefertigt haben, das fand ich toll. Als ich die Ausschreibung bei KPM gesehen habe, habe ich mich sofort beworben. Das ist jetzt 12 Jahre her. Seit einem Jahr bin ich auch in Besitz des Ausbilderscheins, ich könnte also Auszubildende annehmen. Hier bei KPM sind wir drei bis vier Industriekeramiker die als Handdreher tätig sind. Manche Kollegen werden an anderen Stellen eingesetzt. Als ich die Ausbildung gemacht habe, haben sich mit mir Leute aus ganz Deutschland beworben. Ausbildungsplätze für Feinkeramik gibt es nicht oft. Das ist auch logisch. In ganz Deutschland gibt es außer KPM und Meißen kaum noch Betriebe, die Porzellan von Hand herstellen und die meisten sind sehr klein. Hier war ich bis heute der letzte Azubi als Industriekeramiker.

Ein Auszubildender sollte idealerweise einen Realschulabschluss und eine gewisse Handfertigkeit mitbringen. Als ich angefangen habe, hatte ich hier Probearbeitstage um zu sehen, ob der Beruf überhaupt für mich geeignet ist. Der Betrieb plant ja ein, die Leute zu behalten, dafür muss das auf beiden Seiten funktionieren. Nach der Ausbildung kommt es viel auf Übung und Erfahrung an. Alles in allem ist das ein sehr feiner Job und passabel bezahlt ist er auch. Übrigens können Frauen nicht Handdreher werden. Das hat einfach mit dem Gewicht der Gegenstände zu tun. Manche Gipsformen wiegen über 35 Kilo, das dürfen Frauen nicht heben. Das bedeutet aber nicht, dass es hier keine Handwerksberufe für Frauen gibt. Frauen können beispielsweise Figurengießerin oder Formgießerin werden oder in die Porzellanmalerei gehen.

Von der Rohmasse bis zum Mörser Von der Rohmasse bis zum Mörser | Foto: Carola Dorner

Wenn ich etwas Neues fertige, brauche ich zuerst einmal die Rohmasse. Die Rohstoffe werden angeliefert und die Masse im Haus nach einem geheimen Rezept gefertigt. Enthalten sind Kaolin, Tonerde, Quarz, Feldspat und der Rest ist Betriebsgeheimnis. Für meine Arbeit bekomme ich eine recht weiche Masse, damit ich sie gut durchdrehen kann. Bei Tellerarbeitsplätzen ist sie härter. Die Masse kommt in Strängen hier an, die ich nach Bedarf unterteile. Dabei ist es wichtig, dass die Stränge immer gleich groß sind, damit ich weiß, wie ich das im Einzelfall teilen muss. Im Moment arbeite ich an einem Mörser. Bei einem so schweren Artikel brauche ich die Hälfte des Strangs. Ich portioniere mir die Masse nach Augenmaß und teile sie mit einem Draht. Natürlich kann das im Einzelnen mal anders ausfallen, es ist ja Manufaktur. Die Masse platziere ich auf der Drehscheibe, dann ziehe ich mit den Händen einen Rohling hoch und versuche dabei die Unruhe rauszukriegen, also Unregelmäßigkeiten, Falten und Wellen. Dann beginne ich damit den gewünschten Artikel auszuformen. Um bei dem Mörser die gewünschte Wandstärke zu erreichen, setze ich ihn in die Gipsform und lege die Masse gleichmäßig an. Dort habe ich den Galgen so eingerichtet, dass ich am Ende eine immer möglichst gleiche Wandstärke erreiche.

  • Von der Rohmasse bis zum Mörser Foto: Carola Dorner
    Von der Rohmasse bis zum Mörser
  • Von der Rohmasse bis zum Mörser Foto: Carola Dorner
    Von der Rohmasse bis zum Mörser
  • Von der Rohmasse bis zum Mörser Foto: Carola Dorner
    Von der Rohmasse bis zum Mörser
  • Von der Rohmasse bis zum Mörser Foto: Carola Dorner
    Von der Rohmasse bis zum Mörser
  • Von der Rohmasse bis zum Mörser Foto: Carola Dorner
    Von der Rohmasse bis zum Mörser

Im Moment fertige ich Mörser. Dieser Mörser kommt Ende des Jahres auf den Markt. Für 200 Stück brauche ich knapp zwei Wochen. Mit dem Drehen ist der Mörser ja noch nicht fertig. Bei schweren Artikeln muss ich erst einmal drei Tage warten bis sie getrocknet sind. Dabei schwindet die Größe um etwa zwei Prozent. Nach dem Brennen und Glasieren ist der Mörser etwa 16 Prozent kleiner als am Anfang. Bei großen Gegenständen macht das einen riesigen Unterschied. Das Material ist am Anfang noch grau und wird nach und nach weiß.

Von der Rohmasse bis zum Mörser Von der Rohmasse bis zum Mörser | Foto: Carola Dorner

Nach dem Mörser mache ich mich an einen französischen Korb. Den werde ich ausformen und im feuchten Zustand an meine Kolleginnen weitergeben damit sie die freien Flächen ausschneiden. Vor dem Mörser habe ich Eierbecher geformt. Diese Abwechslung schätze ich sehr an dem Job. Ein Mörser entsteht in ganz anderen Arbeitsschritten als etwa ein Eierbecher. So habe ich jeden Tag mit anderen Formen und anderen Arbeitsschritten zu tun. Aber was auch immer ich an dem Tag forme, am Ende des Tages sehe ich, was ich gemacht habe. Das finde ich schön. Und natürlich, dass ich etwas mit meinen Händen erschaffen kann. Meine Hände sind ganz klar mein wichtigstes Arbeitsmittel.

Ich bin schon stolz auf meinen Beruf. Es ist schön, am Ku’Damm entlang zu gehen und Freunden sagen zu können, die Eierbecher da sind fast alle von mir. Natürlich habe ich auch KPM-Porzellan zuhause. Ich kaufe das Porzellan, weil ich weiß, dass es von Hand gemacht ist und dass es aus der Region kommt. Meine Freunde versuche ich zu überreden, kein Wegschmeiß-Geschirr mehr zu kaufen. Aber natürlich kostet ein handgefertigter Teller mehr als einer von Ikea. Gutes Porzellan ist auch immer ein Luxusartikel. Aber eigentlich geht es hier zum größten Teil um Alltagsgeschirr und nicht nur um Figuren für die Vitrine. Natürlich ist KPM ein Traditionsunternehmen, aber das heißt ja nicht, dass das Programm in den letzten 253 Jahren stehengeblieben ist. Zur Zeit gibt es etwa 10.000 verschiedene Produkte. Auch der Mörser soll später nicht hinter Glas stehen, sondern von Menschen benutzt werden, die gerne kochen.

An einem normalen Arbeitstag fange ich morgens gegen sechs an zu arbeiten. Ich drehe alles ein bis gegen 11 Uhr. Dann fange ich an, die eingedrehten Gegenstände zu überarbeiten. Oft gibt es im lederharten Zustand noch eine Kleinigkeit zu korrigieren. Das ist der Zustand, in dem die Masse eine ledrige Farbe hat, da lässt sich der Artikel am besten bearbeiten. Ich kann dann noch formen und das Material gibt nach wie Leder. Im schlimmsten Fall muss ich etwas aussortieren. Im Grunde ist es immer so, dass ich Vormittags herstelle und Nachmittags bearbeite. Die Artikel selbst und die Aufgaben an den Artikeln ändern sich. Bis ein Artikel wirklich fertig ist, geht er mit dem Brennen, Blautauchen, Glasieren, Boden abschleifen und Verpacken etwa durch 20 bis 25 Hände. Eigentlich gibt es kaum etwas, was mich an dem Job nervt, vielleicht die Hitze im Sommer. Wir arbeiten hier direkt neben der Ofenhalle, hier wird es also wirklich heiß. Auch deshalb ist es ein Vorteil, dass ich so früh anfangen kann. Gegen drei Uhr bin ich normalerweise schon fertig und kann zum See fahren.“