Fokus: Essen „Mission Baijiu“ – Ist die Welt bereit für ihren meistgetrunkenen Schnaps?

Bekommt chinesischer Baijiu einen Platz in den Barregalen dieser Welt?
Bekommt chinesischer Baijiu einen Platz in den Barregalen dieser Welt? | Capital Spirits, CC BY-SA 2.0 (via flickr)

Das erste Glas Baijiu vergisst man nicht. Zum einen liegt das an der einprägsamen süßlich-scharfen Note. Noch unvergesslicher sind aber wohl die Kopfschmerzen am Tag danach, denn vor allem bei Geschäftsessen ist das Baijiutrinken meist mehr Wettbewerb als Genuss. Das möchte Matthias Heger ändern, denn er glaubt, Baijiu habe einen festen Platz auf den Barregalen dieser Welt verdient.

„Geschichtlich gesehen war Baijiu schon immer ein Arbeiter- und Bauerngetränk“, sagt Matthias Heger. Er selbst trinkt eigentlich am liebsten Bier, aber für die Underdogs der Spirituosenwelt scheint Heger schon immer ein Herz gehabt zu haben. 2010 gründete er gemeinsam mit einem Freund die Marke Westkorn, mit der Mission Korn wieder „salonfähig“ zu machen, wie er selbst sagt. 2012 ging er dann für die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit als Energieberater nach China. Schon bald folgte seine erste Begegnung mit Baijiu, die – wie er später feststellte – genauso ablief, wie bei vielen Freunden und Kollegen von ihm: „Als Ausländer lernt man Baijiu halt meistens im Businesskontext kennen, wo es in der Regel darum geht zu exen, bis es nicht mehr geht...oder sogar noch mehr.“ Dass es noch eine andere Seite von Baijiu gibt, lernte Heger später bei einer Lesung des Autors Derek Sandhaus, dessen Buch „Baijiu“ inzwischen zum internationalen Almanach des Baijiu-Liebhabers geworden ist. „Da habe ich gelernt: Baijiu ist nicht gleich Baijiu. Tatsächlich sind die Geschmacksunterschiede zwischen verschiedenen Sorten fast so groß wie zwischen Rum, Wodka und Tequila“. Während des Vortrags wurde Heger noch etwas Weiteres bewusst: Das Interesse an Baijiu ist größer als gedacht.

Vom Bauerngetränk zum Nationalgetränk

Denn Baijiu hat Geschichte. Die beginnt im 12. Jahrhundert, als sich in China erstmals eine effiziente Destillationstechnologie verbreitete, vermutlich ursprünglich aus dem arabischen Raum. Zuvor hatte Huangjiu (黄酒, gelber Wein) als Spirituose der Wahl gedient, doch durch deren Destillation von entstand  ein neues Getränk, das nicht nur geschmacklich intensiver war, sondern vor allem einen schnelleren und günstigeren Rausch versprach. Auch deshalb war Baijiu vor allem bei ärmeren Schichten wie Arbeitern und Bauern beliebt. Die Oberschicht und Intellektuelle blieben beim Huangjiu. Der Status als Bauerngetränk war es, der Baijiu in der jüngeren Vergangenheit zum Erfolg verhalf. Denn mit der Machtübernahme der Kommunisten wurde sein proletarischer Ursprung wieder geschätzt und gepriesen – viel getrunken wurde er wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Lage aber nicht und die meisten Brennereien gab es auch nicht. Das änderte sich mit dem Beginn der Reform- und Öffnungspolitik am Ende der 1970er-Jahre und dem folgenden wirtschaftlichen Aufschwung in den 80er-Jahren. Eine Flasche guten Baijius gehörte nun bei jedem Geschäftsessen auf den Tisch und die traditionsreichen Baijiu-Produzenten nutzen ihre Chance, brachten neue Produkte auf den Markt und entwickelten ihre Marken, um die steigende Nachfrage zu bedienen und neue Zielgruppen zu erschließen.

Baijiu ist heute die meistgetrunkene Spirituose der Welt und bleibt weltweit trotzdem fast komplett unbekannt. Dabei gab‘ es schon zahlreiche Versuche das zu ändern: Am New Yorker Times Square warb die Marke Moutai schon mehrfach mit riesigen Leuchtreklamen, sowohl auf Chinesisch, als auch auf Englisch. Seit 2015 ist die Sichuaner Premiummarke Wuliangye Sponsor der Londoner Philharmonia Orchesters. Und dennoch: Wer sich in Berlin oder New York auf die Suche nach einer Flasche Baijiu macht, der wird höchstens in Asiamärkten oder chinesischen Restaurants fündig, in Bars und Delikatessenläden, aber sucht man vergeblich. Das Problem, so Matthias Heger, sei, dass die meisten überhaupt nicht wüssten, was Baijiu überhaupt sei. Eine einzelne Marke zu bewerben, ohne über das Produkt dahinter aufzuklären, sei daher im Ausland hoffnungslos. „Es geht um die Etablierung einer ganzen Kategorie. Das ist die Herausforderung, aber das ist auch spannend.“ Er vergleicht das mit der Stellung von Wodka in den Vereinigten Staaten der 1950er Jahre: „Da gab’s Smirnoff und Smirnoff hat dann Wodka mit einem Drink bekannt gemacht, der sich Moscow Mule nannte, und mit James Bond.“

Eine Hürde: Der Geschmack

Doch neben der fehlenden Bekanntheit gibt es noch ein weiteres Hindernis bei dem Vorhaben Baijiu weltweit zu werben: „Wenn wir mal ehrlich sind, hat Baijiu natürlich einen sehr ungewöhnlichen Geschmack“, gesteht Heger und berichtet von gestandenen Barkeepern, denen nach der ersten Verkostung die Worte fehlten, weil sie den Geschmack schlicht in keine gewohnte Kategorie einordnen konnten. Das sei aber halb so schlimm, denn nichts sei schließlich langweiliger als ein Getränk, dass jeder ganz ok finde. Viel neugieriger seien die Leute auf ein neues Getränk mit einem völlig unbekannten Geschmack.

Es ist diese Neugier, die viele Gäste ins „Capital Spirits“ lockt, die Baijiu-Bar, die Matthias Heger 2014 gemeinsam mit Freunden in einer kleinen Hutong-Gasse im Pekinger Dongcheng-Bezirk eröffnete. Dort stehen eigens kreierte Baijiu-Cocktails und thematisch zusammengestellte Probiersets mit mehreren Baijiusorten auf der Karte. Und immer wieder halten Heger und seine Kolleginnen und Kollegen ihr kleines Baijiu-Einsteigerreferat, erzählen von den fünf Geschmacksnoten, den Besonderheiten der verschiedenen Regionen und den traditionsreichen Destillerien. Hier steht eindeutig nicht der schnelle und günstige Rausch im Vordergrund und auch nicht das Kampftrinken unter Geschäftspartnern, sondern die Vielfalt und Tradition des Getränks und seine Integration in die Barkultur. Dabei freut Heger eines besonders: „Am Anfang hatten wir etwa 30 Prozent chinesische Kunden, und 70 Prozent ausländische Kunden, aber mittlerweile hat sich das umgedreht“. So lernen bei einem „Baijiu Sour“ oder „Crab Island Iced Tea“ auch mehr und mehr chinesische Gäste ihr Nationalgetränk von einer neuen Seite kennen.