Fokus: Essen Hungrige Gäste im nächtlichen Peking

© Zhang Zongxi

Bier und dampfende Gerichte aus dem Wok und heißen Tontöpfen: ein kulinarischer Streifzug durch das nächtliche Peking rund um den Glockenturm.

In den letzten zwei Monaten, während ich mich geschäftlich in Shanghai aufhielt, erlebte die bauliche Regulierung in Peking ihren Höhepunkt. Während man früher mit der Aufforderung „Wände einzureißen“ (开墙打洞) noch den Unternehmergeist der kleinen Leute wecken wollte, vollzieht man heute in Peking eine 180-Grad-Wende. Die derzeitige Parole lautet „Wände versiegeln und Löcher zumauern“ (封墙堵洞) und richtet sich gegen jene früher tolerierten illegalen Bauten. In der Shanghaier Altstadt hingegen folgt alles seit jeher einem akkuraten Plan. Die von Parasolbäumen überschatteten Straßen wirken deshalb ziemlich gepflegt. Allerdings macht es einem diese Ordnungsliebe nicht gerade leicht zur nächtlichen Stunde noch eine Kneipe zu finden. Kommt man abends aus dem Theater oder erst spät aus dem Büro, bietet sich einem nur eine geringe Auswahl. Zwar gibt es auch hier Läden, die rund um die Uhr geöffnet haben, doch sind das überwiegend Mini-Supermärkte. So sehnt man sich bereits nach ein, zwei Wochen nach Peking mit seinem dreckig-chaotischen Wildwuchs zurück: An jeder Ecke ein Lokal, das nicht selten bis in die Morgenstunden geöffnet hat. Die Grillstände auf offener Straße, an denen man sich unterhält, während man das gegrillte Lammfleisch vom Holzspieß nagt. Bis irgendwann ein kühleres Lüftchen weht und sich der Himmel wieder aufhellt. 

In der Nähe des Glockenturms, auf der Gulou-Straße (鼓楼大街), gibt es einige Restaurants, die bis zum Morgengrauen geöffnet haben. Laut Yan Yulong (闫玉龙), dem Bandleader der Pekinger Rockband Chui Wan (吹万) zieht es hier viele Konzertbesucher nach dem Gig noch in ein Xinjiang-Restaurant sowie in einen Laden, in dem man Dumpling-Suppe nach Sichuan-Art (牛肉抄手) serviert bekommt. 

In einer Sommernacht im August trete ich gegen 23 Uhr aus der U-Bahn-Station Nanluoguxiang (南锣鼓巷). Um diese Zeit haben sich die Menschenmassen bereits zerstreut, unterwegs sind jetzt nur noch Touristen in Kleinstgruppen und die Polizei. Unter einer Straßenlaterne studiere ich gerade die Hinweise zu den verwinkelten Hutongs rund um Nanluoguxiang, als mir ein netter Polizist zur Hilfe kommt und fragt, wohin ich denn wolle. Dahin, wo man etwas zu Essen bekommt. Gleich da vorne, zu beiden Seiten der Straße, gibt er Auskunft, doch, als ich nachfrage, ob man dort auch noch mitten in der Nacht einen Snack bekommt, muss er verneinen. Ein paar Schritte Richtung Norden stehen Passanten um einen mobilen Barbecue herum und warten darauf, dass ihnen der Chef ein paar Lammfleischspieße grillt. Als ich an der östlichen Gulou-Straße (鼓楼东大街) ankomme, ist es bereits nach Mitternacht. Das Sichuan-Restaurant auf der anderen Straßenseite wird von Neonröhren hell erleuchtet. Das szenebekannte Xinjiang-Lokal liegt gleich nebenan und wird überwiegend von jungen Leuten besucht. Außerdem gibt es hier noch einen Laden, der Nudelsuppe mit Rindfleisch anbietet. Ein paar junge Ladenbesitzer, offensichtlich Freunde, haben sich raus auf die Straße gesetzt. Man sieht Liebespaare, Flaneure und ein Mädchen, das etwas in ihrem Smartphone sucht. Die meisten Passanten sind damit beschäftigt, auf ihr Navi zu starren oder sich online ein Taxi zu rufen. 

Die im Gulouyuan-Hutong (鼓楼苑) gelegene Dada-Bar hat zu. Als ich wieder aus der Gasse komme, kaufe ich mir ein Eis an der Straße. Ob es denn den legendären Stand mit den pikanten Jianbing-Crêpes neben der Dada-Bar gar nicht mehr gibt, frage ich den Eismann. Der käme nur am Wochenende vorbei, wenn mehr Laufkundschaft unterwegs sei. Als eine Frau aus der Nachbarschaft mit entgegenkommt, schlägt der Eismann mir vor, mich ihr anzuschließen. Ihre Familie führt ein Restaurant. „Nimm ihn mit dorthin“, mit diesen Worten übergibt er mich in die Obhut von „Tante Jiao“. 

Mein Eis schleckend hefte ich mich an Tante Jiaos Fersen. Und während ich etwas verlegen von dem Artikel erzähle, an dem ich arbeite, erweist sie sich als sehr gesprächig. Nach ein paar Metern biegen wir erneut in den Gulouyuan-Hutong ein, wenden uns nach rechts und sind auch schon da. Tante Jiao deutet auf ein Fenster, auf dem ein Zettel klebt „← wir haben normal geöffnet“. Hier muss es sein, aber hinein geht es durch die Hintertür. Nicht einfach geradeaus, sondern einmal rechts herum gelangt man durch einen Seiteneingang in den Gastraum. 

Restaurant © Zhang Zongxi

Zwei Tische sind besetzt. Tante Jiao grüßt hinüber und bietet mir einen Platz an. Wir könnten unser Gespräch gleich fortsetzen. Ich bestelle eine Flasche Arctic Ocean (北冰洋), die Pekinger Retro-Limonade mit dem Eisbären. Dann ziehe ich das Ladegerät aus der Tasche und schließe mein Handy an. Der Besitzer des muslimischen Restaurants, der Gerichte aus der nordwestlichen Ecke Chinas anbietet, ist ein Mann um die fünfziger Jahre. Zu ihm kämen vor allem Stammgäste, erzählt er. So hat sich an dem einem Tisch nach Feierabend die Küchenmannschaft aus einem naheliegenden Kanton-Restaurant eingefunden, ein jüngerer und ein älterer Koch. Nach der Arbeit kommen sie hier gerne auf einen Absacker vorbei. Tatsächlich stehen auf dem Tisch bereits fünf oder sechs leere Flaschen. Auch Tante Jiao ist wieder aufgetaucht und hat sich an den Nebentisch gesetzt. Mit den Köchen duzten sie sich. Der jüngere von ihnen spricht mit kantonesischem Akzent und spricht nun per Videocall mit einem Landsmann, der gerade auf Heimaturlaub ist. Der Ältere nimmt ihm das Smartphone aus der Hand und hält es Tante Jiao vor die Nase, die sich herüberlehnt und sich in das Gespräch einmischt:

  • Wie ist es in Kanton?
  • Toll. Ich sitze im Freien und trinke auch gerade ein Gläschen.
  • Wann kommst du mich denn wieder besuchen?
  • Sofort, wenn du mir ein Flugticket kaufst!
  • Ein Paar Schuhe zum herlaufen kann ich dir schenken.
  • Dazu ist der Weg zu weit. 

An dem zweiten Tisch unterhält man sich in gemäßigter Lautstärke. Eine entspannte Runde in  doch angeregter Unterhaltung, bei der immer wieder Getränke nachbestellt werden. Dann winkt der Chef entweder nach dem jungen Mann vom Service oder eilt gleich selbst herbei. Während ich gemütlich eine Zigarette rauche, hat sich Tante Jiao eine Nudelsuppe gekocht. Sie sei ein wenig erkältet und habe zum Abendessen keinen Appetit gehabt. Als sie die Suppe ausgelöffelt hat, steckt sie sich ebenfalls eine Zigarette an. „Da war eigentlich der Eingang zum Restaurant“, sie deutet auf das Fenster, „vor ein paar Tagen haben sie den dann auch dicht gemacht. Als ich vor Jahren meine Arbeit in der Fabrik verloren habe, fiel mir die Idee ein, ein Lokal zu eröffnen. Damals hat es die Regierung noch unterstützt, dass man selbst einen Laden aufmacht. Aber jetzt? Mauern sie einem einfach die Tür zu. Gut für das Geschäft ist das auf keinen Fall. Außerdem hat diese Tür den Durchgangsverkehr auf der Straße kein bisschen gestört. Demgegenüber gibt es offensichtliche Problemstellen, gegen die man nichts unternimmt. Es ist die pure Willkür!“ 

Die Köche machen sich auf den Heimweg und Tante Jiao erhebt sich, um die Gäste zu verabschieden. Sie ermahnt die beiden noch, vor dem Lokal nicht laut zu reden, damit die Nachbarn nicht in ihrer Nachtruhe gestört werden. Es ist schon nach zwei Uhr, als sich auch die hintere Tischgesellschaft zum Gehen aufmacht. Auch ich verabschiede mich. Die Nachtlinie müsste noch fahren, meint Tante Jiao, bis zum Knotenpunkt Dongzhimen (东直门), von dort könnte ich dann ein Taxi nach Wangjing (望京) nehmen. Als ich mich bedankt habe und das Lokal verlasse, sehe ich gerade noch einen Gast mit seiner weiblichen Begleitung auf einem Elektroroller um die Ecke biegen und am Ende der Gasse im Dunkel der Nacht verschwinden. 

Ich marschiere zurück zur U-Bahn-Station an der Gulou-Straße. Es ist fast drei Uhr Nachts. Selbst die Straßenkehrer sind nach Hause gegangen und der Verkehr hat sich noch mehr beruhigt. Auf dem Asphalt bleibt nur hier und da eine Lache derer zurück, denen der Alkohol den Magen geleert hat. In den beiden Lokalen von vorher sitzen immer noch Gäste. In einem ist sogar noch richtig was los. Vor der Tür steht eine Gruppe junger Leute, raucht und unterhält sich. Wahrscheinlich über den Job, über Frauen und über die Liebe. 

Später frage ich die Jungs von Chui Wan, wohin sie aktuell gehen, wenn sie nach einem Konzert noch Hunger haben. Yan Yulong meint nach kurzem Überlegen: „Meistens fahren wir einfach direkt nach Hause und lassen uns etwas kommen.“ Da kommt auch mir eine Erinnerung. Es muss im Sommer vor zwei Jahren gewesen sein. Ich war bei der Veranstaltung eines Freundes, die in einem Kunstraum im Heizhima-Hutong (黑芝麻胡同) in der Nähe des Glockenturms stattgefunden hatte. Gegen sechs oder sieben Uhr abends hatten ein paar Leute im Hutong zunächst Jiaozi und kalte Vorspeisen bestellt. Als das Event dann nach zehn Uhr beendet war, fanden sich sieben oder acht alte und neue Bekannte zusammen, um noch gemeinsam eines der Restaurants an der großen Straße zu besuchen. Wir redeten und tranken bis fast zwei Uhr in der Nacht. Und auch um uns herum ebbten die Gespräche nicht ab. Damals gab es sie noch, diese besondere Atmosphäre aus Bier und dampfenden Gerichten aus dem Wok und heißen Tontöpfen. In diesem Jahr jedoch wird in Peking „groß aufgeräumt“. Dazu werden nicht nur in den Hutongs der Altstadt etliche Türen entfernt und Durchgänge zugemauert, auch jenseits des fünften Rings wurde das aus einer Baumschule erstandene Künstlerviertel als „Slum“ tituliert und abgerissen. Der Wildwuchs der kleinen Lokale verschwindet zunehmend aus den Straßen und auch immer mehr Künstler brechen ihre Zelte ab. Werden womöglich in Zukunft immer weniger Ausgehgäste durch das nächtliche Peking stromern? Ich hoffe nicht - das wäre zum Einschlafen.