Fokus: Generationen Mutterboden

Baseball
Baseball | Foto: Peter Miller, CC BY-NC-ND 2.0, via flickr

Unser Eindruck, dass sich nach und nach alles zum Schlechteren wendet — bestätigt sich der tatsächlich, wenn wir uns einmal damalige Zeiten in Erinnerung rufen und sie mit der Gegenwart vergleichen? Lässt der neue Mensch – vertreten durch Generation X und Y, die in vielerlei Hinsicht nicht gerade gut bei uns wegkommen – die Zukunft düster erscheinen? Sind Generationsunterschiede bloße Einzelerscheinungen oder stellen sie am Ende eine unvermeidliche Kluft dar, die wir nicht überwinden können? Welche Rolle spielen Liebe, Unterstützung und Toleranz, und welches Gewicht ist ihnen beizumessen?

Homerun für Lun-ming

Lun-ming Lee, so heißt der Protagonist dieser Geschichte. Bei schönem Wetter sah man ihn samstagnachmittags auf jeden Fall auf dem Baseballplatz von Keelong, wenn er dort auf dem Pitcher's Mound mit emsiger Beflissenheit Ball für Ball warf. Dass Baseball ihm mehr bedeutete als seine Schulbücher, war ihm früh klar. Deshalb traf er bereits in der dritten Klasse die erste große Entscheidung seines Lebens: Er wollte Baseballprofi werden.

Vater Yu-ping Lee erinnert sich an damals, als er zwei Jahre in der Abendschule vor dem Bahnhof in Kaohsiung Nachhilfestunden nahm, und benennt scherzhaft als Grund für die selbst auferlegte Bürde die vier Unijahre, die eher zum Genießertum als zum Lernen angeregt hätten. Nach dem Hochschulabschluss hatte er, gestützt auf das soziale Netz, das er bei Nebenjobs während des Studiums knüpfen konnte, gleich eine Arbeit gefunden, die Kenntnisse auf seinem Fachgebiet erforderte. Als Sohn Lun-ming den Mut aufbringt, ihn zu fragen, ob er auf eine Senior-High-School mit Baseballmannschaft und Sport als Hauptfach wechseln dürfe, hat er keine Einwände.

Von dem Tag an, als Lun-ming dem Team beitritt, tragen Kleidung und Schuhwerk des Jungen stets eine Schicht Sportplatzstaub, sein Körper erhält indes ein hartes Training: Er erinnert sich an „fast keinen Tag, den ich hätte frei nehmen können“. Nach dem ersten Halbjahr verlässt er den Verein. Die Bücher, die er zunächst als irrige Option verschmäht hatte, machen für ihn nun die wahre Essenz seines Senior-High-Werdegangs aus. Der Vater akzeptiert den Sinneswandel und unterstützt ihn beim Umsatteln auf den weiterführenden Bildungsweg.

„Ein bisschen enttäuscht war ich schon, weil er beim Training aus meiner Sicht noch nicht an dem Punkt angelangt war, der seinem Potenzial entspricht. Wenn das wirklich sein Lebensziel ist, hätte ich mir erhofft, dass er sein Ding bis dorthin durchzieht, wenigstens noch ein kleines Stück länger dran bleibt, bevor wir es erst einmal dabei bewenden lassen oder andere Möglichkeiten diskutieren.“

In diesen Sommerferien geht Lun-mings Familie mit ihm auf einen selbst organisierten Trip nach Japan, wo der Vater die Gelegenheit nutzt, ihn zu einem Spiel der Profiliga mitzunehmen. Ob wohl die Zeit in den Zuschauerrängen ausgereicht habe, um den Baseballgeist, von dem er vielleicht noch immer beseelt ist, zu reaktivieren? Er schüttelt den Kopf und merkt dann bescheiden an, dass er einfach nicht das Zeug zum Profi habe. Ob er denn mittlerweile Nachtschichten beim Lernen für die Uniaufnahmeprüfung einlege? Oder ein Lieblingsfach habe? Alle Fragen beantwortet er nur mit Kopfschütteln.

In seinen Augen haben Vater und Mutter mit ihrer in gesunder Harmonie zusammenlebenden Kleinfamilie schon viel auf die Beine gestellt. „Erfolg bedeutet, seine Tage so zu gestalten, wie es einem gefällt. Ein niedriges Einkommen stellt für mich kein großes Problem dar. Geld macht schließlich nicht glücklich, oder?“

„Ich werde mich ja nicht selbst geringschätzen, nur weil neben mir einer steht, der eine Elite-High-School absolviert hat. Ich lebe eben mein Leben. Im Baseballteam bin ich ja nicht Mitglied geworden, weil ich davon geträumt hätte, es in die erste Liga zu schaffen. Für mich war das ein Lebensabschnitt, wo ich mal etwas ausprobieren wollte, und jetzt weiß ich, dass das nicht mein Ding ist.“

Mutterboden

„Warte mal bis du das erste Mal Frust hast, deine erste Beziehung in die Brüche geht oder du in deine erste Sinnkrise gerätst …“, meint sein Vater lachend.

Lun-ming ist erst siebzehn. Moment mal — Lun-ming ist schon siebzehn?! In welchem Ton redet man jetzt am besten mit ihm?

Wir bekamen damals den Leistungsdruck in der Schule voll ab, lebten in ärmlichen Verhältnissen und waren in der Familie nur eines von vielen zu stopfenden Mäulern, das mit den Geschwistern in Konkurrenz um begrenzte Ressourcen stand. Zu jener Zeit war unsere Gesellschaft stark autoritär geprägt — mit Mutter oder Vater emotionale Angelegenheiten zu besprechen, war kaum möglich, und den Lehrern in der Schule gingen wir lieber aus dem Weg.

Liebe, Unterstützung und Toleranz — Drei Elemente, an denen es unerfahrenen Heranwachsenden so wenig mangeln darf wie unserem Ökosystem an Sonnenlicht, Sauerstoff und Wasser. Sollte es uns gelingen, über die eigene vorbelastete Vergangenheit hinwegzusehen, diese drei Nährstoffe für die Psyche zu kultivieren und sie uns nicht abhanden kommen zu lassen, dann sind Generationsunterschiede keine unüberwindbare Kluft mehr, sondern lediglich Einzelerscheinungen. Die Yuan-Dichterin Guan Daosheng formulierte es einst so: „Ich in deinem Lehm; Du in meinem Lehm“.