Chinesisches Neujahr Wer hat noch Appetit auf’s Frühlingsfest?

Nicht scharf genug?

Das Neujahrsfest war ein dem Hunger entgegengesetztes Fest des Essens, ein Karneval im Wortsinn, ein wiederkehrendes Ritual im alten China. Doch heute scheint das nicht mehr zeitgemäß zu sein.

Das Frühlingsfest ist kein Feiertag wie die anderen. Zwar ist nach dem Bauernkalender nur der erste Tag des ersten Monats als Frühlingsfest bezeichnet, aber das Fest ist nicht auf diesen einen Tag beschränkt. Vielmehr ging es vom Fest des Küchengottes (送灶) am 23. Tag des 12. Mondmonats, über den letzten Abend des alten Jahres (除夕) und Neujahrstag (正月初一) bis zum 15. Tag des ersten Monats. Die Dauer des Frühlingsfestes war je nach lokalem Brauch verschieden. So gab es Orte, an denen noch der 2. Tag des 2. Mondmonats, auch Kleines Neujahr (小年) genannt, zum Frühlingsfest gehörte. Man sollte also eher vom Jahreswechsel statt vom Frühlingsfest sprechen.

Das Jahr ist wie eine Schwelle, die man übertritt, eine Kette von Bewegungen, Verabschiedung (des Alten) und Willkommen (des Neuen). Der Jahreswechsel ist wie eine Geschichte mit Einleitung, Entwicklung, Höhepunkt und Schluss. Die besondere Stimmung, die Atmosphäre des Neujahrsfestes kommt genau daher.

Landwirtschaft und „Karneval”

Das alte China war eine agrarische Gesellschaft. Das Jahr wurde nicht in Wochen und Monate unterteilt, denn die waren nicht so wichtig. Wirklich wichtig waren die das ländliche Leben bestimmenden 24 Sonnenperioden (二十四节气). Zum Beispiel die 9. Sonnenperiode, die Ährenzeit (芒种): Sie entspricht in etwa der Zeit um den 6. Juni im Gregorianischen Kalender. Der Sonnenstand um diese Zeit erreicht 75 Grad. Es war die Zeit der Weizenernte und des Reiswachstums in den landwirtschaftlichen Kernregionen Chinas. Sowohl die Weizen- als auch die Reisähren bekamen Grannen (芒).

Die Zeit des Jahreswechsels aber war eine Zeit der Ruhe, in der die Bauern nicht der harten Feldarbeit nachgingen. Die Winterlagerung war die Zeit der Akkumulation von Essen und Reichtum. Ein Großteil der Zeit wurde darauf verwendet, Lebensmittel zu verarbeiten und haltbar zu machen, Backwerk und Tofu herzustellen, Schweine und Hühner zu schlachten, das Fleisch einzulegen, und das alles diente der Vorbereitung des Jahreswechsels. Man könnte also sagen, der Jahreswechsel war ein Fest des Essens.

Die Vielfalt der Speisen und ihrer Zubereitung macht die chinesische Esskultur aus. Das Erschreckende daran ist, dass sie eng mit dem Hunger verbunden war. Auch wenn es niemand zu sagen wagt, aber sind der weltberühmte Stinke-Tofu oder die Tausendjährigen Eier nicht letztlich verfaulte Lebensmittel? Und wurde der Feuertopf nicht erfunden, um verdorbene Lebensmittel, die man nicht wegwerfen wollte, erneut genießbar zu machen?

Das chinesische Volk stand in seiner langen Geschichte wegen politischer Machenschaften, kriegerischer Auseinandersetzungen oder hoher Steuern immer wieder vor Hungersnöten. So kam es, dass aus ihm ein Volk von Pflanzen- beziehungsweise Reisessern wurde und nur selten Fleisch oder Fisch gegessen wurde. Das Essen von Fleisch nannte man „Zahnopfer jagen” (打牙祭). Der Hunger erhob die Zähne zu etwas Heiligem, das Fleisch als Opfergabe brauchte. Alles, was am Himmel fliegt, auf der Erde läuft und im Wasser schwimmt, wird gegessen - auch dieser Spruch kommt von den Hungersnöten. Der Jahreswechsel als Fest des Essens war Ausdruck des Widerstands gegen den Hunger, eine Art Rache. Zum Jahreswechsel aß man, was ansonsten selten auf den Tisch kam, Freunde und Verwandte wurden besucht, Glückwünsche überbracht. Es war auch eine Art des Teilens der Nahrungsmittel.

Die chinesische Wirtschaft der letzten 30 Jahre hat nicht nur das Problem der Hungersnöte gelöst, sondern die Gesamtstruktur des Landes verändert. Neue Technologien haben die Zeiten des Wachstums und der Ernten durcheinander gebracht. Hinzu kommt, dass China längst kein Agrarland mehr ist. Bauern lassen die Felder brachliegen und ziehen als Wanderarbeiter in die Städte. Hier gibt es keine landwirtschaftlichen Ruhezeiten, keine Vorbereitung auf das neue Jahr, sondern nur hektisches Hin- und her, Neujahr ist nicht mehr so wichtig und von den Bräuchen bleibt immer weniger. Wo ist der Zauber des Neujahrsfestes geblieben?

Feuerwerk während des Frühlingsfests 2008 © zhanyoun,via Wikimedia Commons

Rituale verschwinden

Den gregorianischen Kalender gibt es erst seit 1912, als der letzte chinesische Kaiser abdankte. Vorher wurden die Jahre durch die zehn Himmelsstämme und zwölf Erdzweige (天干地支) bezeichnet, Jahr um Jahr, immer in 60 Jahre-Zyklen wie bei Dynastien und Menschenleben - ein ewiger Kreislauf. Diese eher statische und immer wiederkehrende Zählung geht zurück auf Ahnenverehrung und die damit verbundenen Rituale.

In unserer atheistischen Zeit kennt man den niedlichen Küchengott (灶王爷), der dem Jadekaiser die schlechten Taten der Menschen berichtet, nur noch als fantastische Geschichte und damit wurde auch das Fest des Küchengottes, nämlich der Tag, an dem er seine Reise zum Jadekaiser antritt, bedeutungslos. Die Migration der Bevölkerung und das Verschwinden des patriarchalen Klansystems machen die Ahnenverehrung überflüssig. Längst wurde sie durch Dankbarkeit gegenüber politischen Parteien ersetzt. Der moralische Einfluss der Ahnen ist nicht nur für das aktuelle Leben nutzlos, sondern der Sinn ihrer Existenz ist zweifelhaft. Die Menschen brauchen die Ahnen nicht. Es sieht so aus, als seien allein Kinder von Interesse, um die eigene Erfolgsgeschichte und damit die heutigen Wertevorstellungen, wie schnellen Ruhm und Erfolg unhinterfragt an die nächste Generation weiterzugeben. Wenn sich Freunde zum Jahreswechsel treffen, wird über's Geldverdienen geredet oder um Geld gespielt. Riesige Stapel an Banknoten türmen sich auf den Spieltischen, ein schockierendes Bild. Es steht in scharfem Kontrast zur einstigen Armut. Die Menschen fühlen sich anscheinend glücklich, doch da ist nur Leere, wie in einem Traum.

Da an die Stahltüren westlichen Stils keine Spruchbänder, sogenannte chunlian (春联), passen, die traditionell zu beiden Seiten des Türrahmens befestigt werden, kann man ganz auf sie verzichten. Und wenn man doch welche anklebt, dann geht man nicht zu dem Alten im Dorf, der mit dem Pinsel umgehen kann und für uns etwas schreibt, nein, im Supermarkt gibt esheute gedruckte Exemplare. Hier ist nicht nur die Schrift normiert, sie werden auch im nächsten Regen nicht wellig oder verlieren an Farbe. Wenn man sie nicht mutwillig zerstört, kann man diese Neujahrsbilder wahrscheinlich zehn Jahre lang benutzen.

Allein so eine kleine Sache wie das Anbringen der Neujahrsbilder: Im Schneetreiben rotes Papier und Pinsel kaufen, die Bilder ausschneiden, jemanden bitten etwas zu schreiben, den Kleister anrühren und sie dann anbringen (dafür braucht man zwei Leute: einer klebt die Bilder an und der andere kontrolliert aus einiger Entfernung, ob sie gerade hängen) - das gibt es alles nicht mehr. Wenn man annehmen möchte, dass all diese Schritte Respekt, Interesse und Begeisterung an der chinesischen Schrift und Kalligraphie zum Ausdruck bringen, ist es damit jetzt auch vorbei.

Der Jahreswechsel hatte etwas Zeremonielles oder Rituelles. Das Ritual betonte die Konstante von Ethik und Moral. Der Boden dieses Systems war das patriarchale Klansystem, die Beziehungen zwischen Alt und Jung, Herrschern und Untergebenen. Doch heute glauben wir ja, dass jeden Tag etwas Neues passiert, rufen nach Veränderung der sozialen Tradition, krempeln die Welt um und fordern allen Ernstes Demokratie und Gleichberechtigung. Rituale sind da nicht zeitgemäß. Warum also sollte das Frühlingsfest als Ritual im sekulären Leben fortbestehen?Weihnachten liegt der Glaube an Jesus Christus zugrunde, und dem Jahreswechsel folglich das bäuerliche Leben der alten chinesischen Zivilisation. Der Glaube an Christus ist seit Jahrtausenden unverändert, deshalb ist Weihnachten noch immer Weihnachten. Aber das bäuerliche Leben in China hat sich vollkommen geändert, die alte chinesische Zivilisation ist nicht mehr, der "Geschmack" des Neujahrsfestes ist fade und wird es immer mehr. Warum also feiern Chinesen das Frühlingsfest? Wahrscheinlich aus kultureller Trägheit oder Projektion irgendeiner kulturellen Identität. Aber es ist bereits alt und müde.