Stadtgeschichte: Xi'an „Was ich früher als Einengung empfunden habe, kann ich heute genießen“

Im Raum schwebende Installation in Liu Kechengs Atelier
Im Raum schwebende Installation in Liu Kechengs Atelier | © Local

„Eine Stadt wird erst dadurch interessant, dass sie der Öffentlichkeit eine Vielzahl an faszinierenden Ecken bietet. Dabei kommt es nicht darauf an, ob diese Orte groß oder klein sind oder ob sie sich innerhalb oder außerhalb eines Gebäudes befinden. Allein durch die Existenz solcher Plätze wird eine Stadt für die Menschen attraktiv und sie werden hinfahren, um ihr Leben durch neue Erfahrungen zu bereichern.“

Als ich in einer Winternacht zum ersten Mal das noch unfertige Atelier von Liu Kecheng (刘克成) betrete, ist das Überraschendste für mich nicht die neuartige Wirkung, die das alte Gebäude durch den Umbau erhält. Das schließlich ist für Liu Kecheng längst eine Routineübung. Als ich die Treppe hochsteigend um eine Ecke biege, fällt mir vor allem die im Raum schwebende Installation ins Auge. Ein in sich verdrehtes, riesiges Gebilde, das sich unter einem Balken schwebend entlangstreckt; ein schuppenartiges Netz aus Metall, das in der Dunkelheit dezent schimmert. Wie das Raumschiff von Außerirdischen oder ein gigantischer, sich windender Drache. Dessen Schöpfer ebenfalls Liu Kecheng ist, und wie bei seiner Architektur sehen die einen in dem Objekt die Moderne, die anderen die Tradition.

Der junge Liu Kecheng hatte eigentlich Mathematiker werden wollen und absolvierte die Aufnahmeprüfung an der renommierten Peking-Universität. Doch dann verschlug es ihn über Umwege ins architektonische Fach. Liu Kecheng bekennt, dass er viele Entscheidungen in seinem Leben eher passiv getroffen hat: Das Studium der Architektur, sein Lehrauftrag an der Uni sowie viele Projekte, die später auf ihn zukamen. Es lief immer so, dass er sich mit Situationen arrangierte, für die er sich nicht bewusst entschieden hatte, die er dann allerdings mit Bravour meisterte. Außer Intelligenz bedarf es dazu wohl auch einer ausgeprägten Duldsamkeit. Eine Fähigkeit, die er sich, so meint er, durch die Reibungen mit seinem Umfeld antrainiert hat. Eine Art Abhärtungsprozess, der begann, als er sich nach seinem Hochschulabschluss dafür entschied, in der altehrwürdigen Stadt Xi’an zu bleiben.

„In den achtziger Jahren redeten alle nur von der Öffnung. Jeder wollte die Nase vorn haben, wenn es darum ging, den internationalen Anschluss zu bekommen. Nur in Xi’an schienen die Uhren anders zu gehen. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, am Ende gab es immer ein paar Fallstricke, die einen behinderten und zurückhielten. Diese Situation war für einen jungen Menschen wie mich schwer erträglich. Ich empfand ein starkes Gefühl von Unfreiheit. Wie wohl jeder, der in den achtziger Jahren studiert hatte, hatte auch ich meine Überzeugungen und verspürte eine starke Mission: China musste sich modernisieren, auch wenn nicht klar war, woher dieser Drang kam. Wenn man von mir dann verlangte, strikt nach der Tradition vorzugehen, kostete mich das eine große innere Überwindung. Über Monate und Jahre arbeitete ich gegen diesen Widerstand und irgendwann stellte ich fest, wie sehr mich das gestählt hatte. Wenn man mit einer Kraft ringt und sich ihr widersetzt, beschert einem das einen unglaublichen Erfahrungsschatz.“

Viele von Liu Kechengs Gebäuden, etwa das Hanyangling Museum (汉阳陵博物馆) oder das Tang West Market Museum (大唐西市博物馆), haben einen engen Bezug zur chinesischen Geschichte sowie auch zur Stadt Xi’an. Gebunden an einen komplexen historischen Kontext einerseits und die exakten Projektvorgaben der Auftraggeber andererseits wird es schwierig, die eigenen Wertvorstellungen und die persönliche Architekturphilosophie zu realisieren. Liu Kecheng jedoch hat einen hohen Schwierigkeitsfaktor immer als Ansporn begriffen. Nach seiner persönlichen Einschätzung hat er, wenn es im In- oder Ausland darum geht, unter bestimmten historischen Prämissen einen Entwurf zu liefern, seinen Architektenkollegen einiges an Erfahrung voraus.

Ob das nicht eine Architektur der Kompromisse sei, frage ich Liu Kecheng. „Nein, es geht dabei nicht um Zugeständnisse“, antwortet er. „Der Dialog mit einem historischen Umfeld ist so, als würde man einem älteren Menschen gegenüberstehen. Man muss versuchen einen Weg zu finden, der sowohl einem selbst als auch dem Senioren gefällt. Bei diesem Prozess entdeckt man allmählich, dass der Ältere auch seine Vorzüge hat und man von ihm noch viel lernen kann. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich wie dieser alte Menschen werde, aber ich bin derjenige, der mit ihm kommuniziert.“

„Was ich früher als Einengung empfunden habe, kann ich heute genießen“, Liu Kecheng begreift die äußerlichen Gegebenheiten mittlerweile nicht mehr als Limitation. Ganz im Gegenteil, für ihn ist das wie ein Spiel auf einem höheren Level, je schwieriger es wird, desto größer ist das Vergnügen.

Vermutlich kann man in keinem anderen Beruf den Wandel einer Stadt so tiefgreifend mitgestalten wie in der Baukunst, auch wenn diese Veränderungen auf einer materiellen Ebene stattfinden und äußerlich sind. Allerdings ist es nur wenigen Architekten gegeben eine Stadt nicht nur tiefgreifend, sondern auch breitflächig zu verändern. Liu Kecheng ist so ein Architekt. Allein die archäologische Stätte des nördlich von Xi’an gelegenen tangzeitlichen Daming-Palastkomplexes (大明宫国家遗址公园), an deren Planung er beteiligt war, umfasst mit 3,5 Quadratkilometern eine Fläche, die der des New Yorker Central Parks gleichkommt. Der Daming-Palast wurde im achten Jahr der Zhenguan-Ära des Kaisers Taizong (634 n. Chr.) erbaut und am Ende der Tangzeit zerstört. In dem an dieser Stelle errichteten Daming Palace Site Park steckt der ganze Ehrgeiz der städtischen Entscheidungsträger. Die archäologische Stätte verkörpert ihre Vorstellung von der Atmosphäre zur Hochzeit der Tang und erfüllt ein großartiges chinesisches Narrativ. Damit einher gingen jedoch auch Kontroversen um die umfangreichen Abrissarbeiten, die Umsiedlung der ansässigen Bevölkerung sowie die damit in Zusammenhang stehende Erschließung von Bauland in der Umgebung. Liu Kecheng hatte vorgeschlagen, das Lebensumfeld der Anwohner als real existierende Stadtgeschichte beziehungsweise als einen Teil des urbanen Gedächtnisses zumindest partiell zu erhalten. Ein  kühnes Konzept, das letztlich jedoch nicht realisierte werden sollte.   

Bei derartigen Großprojekten haben die städtischen Entscheidungsträger immer das letzte Wort. Die Rolle, welche Planung und Entwurf spielen, ist bei weitem nicht so entscheidend wie man denkt. Über umstrittene Projekte und über das, was gute Architektur ausmacht, hat Liu Kecheng seine eigene Meinung: „Blickt man heute auf die letzten dreißig Jahre zurück, kann es China in der Architektur, was die Quantität anbelangt, bestimmt mit den letzten hundert Jahren aufnehmen. Allerdings wird erst die Zeit die Frage beantworten, was von dieser Unmenge an Gebäuden die Zukunft überdauern wird. Es ist nicht gesagt, dass das, was einem heute nicht gefällt, auch in Zukunft keinen Anklang findet.“


Außenansicht des Fule International Ceramic Art Museums Außenansicht des Fule International Ceramic Art Museums | © Liu Kecheng Innenansicht des Fule International Ceramic Art Museums Innenansicht des Fule International Ceramic Art Museums | © Liu Kecheng

Liu Kecheng, der mit 54 Jahren gerade erst sein Amt als Dekan der School of Architecture an der Xi’an University of Architecture and Technology (西安建筑科技大学建筑学院院) abgegeben hat, ist Intellektueller, Künstler und Gelehrter in einer Person. Seine Sprache ist mal von bezwingender Logik, dann wieder sprüht er vor Fantasie. Er ist ein Querdenker gegen die eigenen Konventionen. Als wir über das Verhältnis zwischen Architekt und Stadt sprechen und darüber, was eine Stadt attraktiv macht, meint er: „Eine Stadt wird erst dadurch interessant, dass sie der Öffentlichkeit eine Vielzahl an faszinierenden Ecken bietet. Dabei kommt es nicht darauf an, ob diese Orte groß oder klein sind oder ob sie sich innerhalb oder außerhalb eines Gebäudes befinden. Allein durch die Existenz solcher Plätze wird eine Stadt für die Menschen attraktiv und sie werden hinfahren, um ihr Leben durch neue Erfahrungen zu bereichern.“

Mitten in der Nacht stehe ich auf der Dachterrasse des obersten Stockwerks. Durch die riesigen Fensterscheiben kann ich gerade noch den diffusen Glanz des Kunstobjekts sehen, von dem zugleich eine geheimnisvolle Ruhe als auch eine latente Dynamik ausgeht. In den Dunkelheit wirkt es, als wären die Befestigungsdrähte durchgeschnitten; als würde ein Wesen zum Sprung ansetzen, um im nächsten Moment das Fenster zu durchbrechen. In den neuen Räumlichkeiten, die durch den Umbau der alten Fabrik entstanden sind, denkt sich Liu Kechang Dinge aus, die mit Architektur scheinbar nichts zu tun haben. Er plant beispielsweise ein eigenes Maleratelier oder komplettiert seine Sammlung von traditionellen Holzbearbeitungswerkzeugen. „Heißt es nicht, dass man als Architekt mit fünfzig Jahren erst richtig anfängt?“, frage ich. „Natürlich“, erwidert er, „aber wenn mir irgendwann die Ideen ausgehen sollten, werde ich mich anderen Interessen widmen, dann ist es vorbei mit der Architektur.“

 

Liu Kecheng Liu Kecheng | © Privat Liu Kecheng ist Professor an der School of Architecture der Xi’an University of Architecture and Technology (西安建筑科技大学建筑学院院), Direktor des Shaanxi Provincial Conservation Engineering Institute of Monuments & Sites (陕西省古迹遗址保护工程技术研究中心) sowie Direktor des UIA Work Program on Architectural Heritage in der Region Asien und Ozeanien (国际建筑师协会亚澳区建筑遗产工作组主任). Er beschäftigt sich seit langem mit klassischem Denkmalschutz, der Bewahrung berühmter historischer und kultureller Städte sowie mit Konservation und Museumsbau an großen archäologischer Stätten. Zu Liu Kechengs einflussreichen nationalen und internationalen Projekten zählen unter anderem: die Fertigstellung des Qin Shi Huang Mausoleum Ruins Park (秦始皇陵保护及遗址公园规划), die Planung des archäologischen Parks von Hanyangling  (汉阳陵保护及遗址公园), der Konservierungsplan für die berühmte historische und kulturelle Stadt Xi’an (西安历史文化名城) oder die Gesamtplanung des Daming Palace Site Parks (唐大明宫国家遗址公园). Zu seinen wichtigsten Museumsbauten zählen das Hanlingyang Museum eines kaiserlichen Mausoleums (汉阳陵帝陵从葬坑博物馆), das Grabfigurenmuseum des Qin Shi Huang (秦始皇陵百戏俑坑博物馆), das Forest of Stone Steles Museum in Xi’an (西安碑林石刻艺术馆), das Tang West Market Museum (大唐西市博物馆) sowie das Fule International Ceramic Art Museum (国际富平陶艺博物馆主馆).