Fokus: Generationen Ein verlorenes Bein ist eine ewige Auszeichnung (Teil 2)

Faltige Hände

Mein Großvater war von einer unbeugsamen Lebenskraft. Doch tragischerweise konnte auch ein noch so eiserner Lebenswille einem nicht dabei helfen, sich aus dem Sumpf der Zeit herausziehen.

Auf in den Kampf

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob ich meinem Großvater jemals die heikelste aller Fragen gestellt habe: „Hast du jemals einen Menschen getötet?“ Sollte ich aber tatsächlich gefragt haben, so hat er seine Antwort bestimmt auf ein „Nein“ beschränkt. Denn genauso hat er es auch mit seinen Erfahrungen in der Kulturrevolution gehalten. Er hatte nie viel preis gegeben.

Vor dem Krieg hatte mein Großvater als Kumpel beim Bergbau gearbeitet. Sein Motiv, sich zum Kriegsdienst zu melden war klassisch: Er hatte nichts zu verlieren.

Der Bergarbeiter Hu Zhiyi, war im Armenhaus groß geworden. Ich weiß nicht genau, wie die Partei damals den Klassenstatus meines Großvaters definiert hat, aber höchstwahrscheinlich dachte man, er sei schon „als Roter geboren“ worden. Denn in den fünfziger Jahren war er wirklich tiefrot, ja fast schon purpurfarben. Bis ihm die Kulturrevolution das Genick brach.

Doch obwohl mein Großvater ein Bergarbeiter war, der seine Kindheit im Armenhaus verbracht hatte, entstammte er ursprünglich einer Familie des Kleinbürgertums. Sein Vater hatte seinerzeit in der Stadt eine Metzgerei betrieben, in der er sieben oder acht Hilfskräfte beschäftigte.

Dann wurde er krank und verstarb viel zu früh. Seine Frau konnte die Familie nicht durchbringen und das Geschäft wurde nach und nach aufgelöst. Die zwei Söhne wurden schließlich ins Armenhaus geschickt, die Mutter ging zu ihrer Familie aufs Land zurück.

Später arbeitete mein Großvater zusammen mit seinem älteren Bruder unter Tage. Der aber warvon einem ganz anderen Schlag und verspielte jeden Monat den Lohn, den beide Brüder unter Einsatz ihres Lebens verdient hatten.

Als der Krieg in Korea losging und eine Freiwilligenarmee rekrutiert wurde, sah mein Großvater seine Gelegenheit gekommen. Es war doch immer noch besser als Soldat um sein Leben zu kämpfen als weiter so verschwenderisch sein Geld durchzubringen.

Aber auch der ältere Bruder meines Großvaters, der „dritte Onkel“ wie er von uns genannt wurde, war, wenn es drauf ankam bereit, seinen Mann zu stehen. Als ihm klar wurde, dass sein jüngerer Bruder wegen ihm in den Krieg ziehen wollte, entschied er, doch lieber sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzte.

Die Brüder standen an einer Wegscheide: Einer sollte für Ruhm und Ehre seinen Hals riskieren, der andere am Leben bleiben und Nachkommen zeugen. Mein dritter Onkel fand, er müsste sich für den ersten Weg entscheiden. Doch dann wurde er ausgemustert, und letztendlich zog doch mein Großvater in die Schlacht. Zu diesem Zeitpunkt verband die beiden Brüder bereits eine Freundschaft auf Leben und Tod. Eine Beziehung, die lebenslang halten sollte.

Nach Kriegsende erhielt mein Großvater ein ordentliches Entlassungsgeld. Das war noch Anfang der fünfziger Jahre.

Der Modellarbeiter mit der Bauernhacke

Mit seinem Entlassungsgeld tätigte mein Großvater eine große Investition. Er steckte es in eine Kohlemine und wurde deren Direktor. Ein komplett privat geführtes Unternehmen, und das im „neuen China“. Aus heutiger Perspektive war seine Entscheidung wirklich fatal: Mein Großvater war ein in Seenot geratener Matrose, der um Haaresbreite noch einmal mit dem Leben davon gekommen war. Doch während er auf hoher See an das Heck eines Schiffes kletterte, schlugen über dessen Bug schon haushoch die Wellen zusammen.

Auch wenn die Kohlemine gute lief, waren ihre Tage bald gezählt. Wenig später wurde sie gemeinsam bewirtschaftet und kollektiviert.

Doch der steilen Karriere meines Großvaters tat das noch keinen Abbruch.

Nachdem er die Kohlemine aufgegeben hatte, kehrte er in die Heimat seiner Mutter zurück und wurde ein Bauer. Mit nur einem Bein war er beim Gehen voll und ganz auf seine Krücke angewiesen. Schon einfache Feldarbeit wäre bei dieser körperlichen Einschränkung bemerkenswert gewesen, aber mein Großvater wuchs auch als Bauer noch über sich hinaus.;

Die Hacke zu schwingen fiel ihm leicht, sogar wenn er auf einen Stock gestützt war und einen Korb auf dem Rücken trug. Das konnte man noch einsehen. Doch angeblich konnte er auf seinen Schultern auch noch schwere Lasten schleppen. Ich habe selbst einmal versucht mir mit ein oder zwei Krücken etwas auf den Rücken zu hieven. Ich kann mir kaum vorstellen, wie er das angestellt hat. Aber da auch meine Großmutter Stein und Bein darauf schwört, kann es nicht anders gewesen sein.

Wenn mein Großvater oft betont hat, er wäre früher ein echter „Roter“ gewesen, dann hatte das damals seinen Anfang genommen.

Das „Rot“, von dem hier die Rede ist, galt damals als Inbegriff politischer Korrektheit. Gleichzeitig bedeutete es auch das, was man heute im Chinesischen unter „rot sein“ versteht, nämlich, dass mein Großvater ein „Star“ war.

In der Produktionsbrigade sammelte mein Großvater so viele „Arbeitspunkte“, dass er Jahr für Jahr zum Modellarbeiter gewählt wurde. Durch seine Belobigungen kletterte er Stufe um Stufe nach oben und war zum Schluss ein Modellarbeiter von nationalem Rang. Er fuhr nach Peking, wo er in der Großen Halle des Volkes an einer Versammlung teilnahm, und war auf Gruppenfotos mit Parteigrößen wie Liu Shaoqi, Zhou Enlai und Song Qingling zu sehen.

Diese Fotos habe ich allerdings nicht mit eigenen Augen gesehen. Es heißt, dass sie während der Kulturrevolution samt und sonders verbrannt wurden.

Kommandant der Rebellenfraktion

Die Kulturrevolution setzte ein und auch auf dem Land begann man sich bis aufs Blut zu bekämpfen. Aus der Staatsführung war kaum jemand verschont geblieben. Die Gesellschaft war in Aufruhr. Und wenn schon die „Oberen“ ihre liebe Not hatten, den Kopf über Wasser zu halten, wie sollte es da erst in einem Dorf zugehen.

Als die politischen Kampagnen begannen, mischte mein Großvater nicht mit und ging nicht aus dem Haus. Eines Nachts tauchte der Parteisekretär des Bezirkskomitees mit ein paar wichtigen Führungskadern beim ihm zuhause auf. Sie meinten zu dem „Alten Hu“, es sei nun an der Zeit, dass der Tiger sein Versteck verließe.

Die Kämpfe dürften nicht im Chaos enden und so brauchten die gegen die herrschende Ordnung aufbegehrenden Rebellen einen Anführer. Der „alte Hu“, mein Großvater, sei genau der richtige Kandidat. Im Dorf gäbe es niemanden, der ihn nicht respektierte, er habe eine einwandfreie politische Herkunft, sei ein versehrter Kriegsheld mit eisernem Willen und zudem ein nationaler Held der Arbeit.

Noch in der Nacht soll es zu folgender Szene gekommen sein: Zwei Rebellengruppen standen sich auf offener Straße zum Kampf bereit und mit gezogenen Waffen gegenüber. Man schlug sich die Köpfe ein. Bis irgendjemand aus dem Getümmel rief: „Der alte Hu kommt!“. Die Menge gab einen Weg frei, durch den mein Großvater auf seine Krücke gestützt bis in die Mitte der Menschen humpelte. Er hatte denselben strengen Blick, der seine Söhne und Enkel noch Jahre später einschüchterten sollte. So wurde mein Großvater zum „Kommandant der Rebellen“ und machte der außer Kontrolle geratenen Kampagne ein Ende.

Die Familie wusste später nur zu berichten, dass Großvater einmal Beamter gewesen war, ein Bezirksleiter, ob führender oder stellvertretender entzog sich ihrer genauen Kenntnis. Mit diesem Ereignis aber war mein Großvater zum Oberhaupt der Rebellen geworden. Man kann sagen, dass er als ein Repräsentant des Volkes die Bühne der Politik betreten hatte.

Bis dahin hatte mein Großvater als „rot bis ins Mark“ gegolten. Er hatte einen tadellosen Lebenslauf ohne jeden erkennbaren Makel. Aber das sollte sich schnell ändern. Noch in der gleichen Nacht suchten die Bezirksführer ihn noch einmal zuhause auf und verkündeten den Beschluss der Partei: Hu Zhiyis politischer Standpunkt sei problematisch. Er sei seiner bisherigen Ämter nicht mehr würdig, zur Strafe würde ihm sein Parteibuch entzogen.

Von diesem Moment an war das politische Leben meines Großvaters beendet. Egal ob Herkunft, militärische Verdienste oder Arbeit, nichts zählte mehr. Kulturell aufgeklärte Menschen könnten dem Verhalten meines Großvaters, das seinem ehrlichen Charakter zuzuschreiben ist, auf jeden Fall einen moralischen Sinn abgewinnen. Mein Großvater jedoch war intellektuell und psychisch nicht in der Lage, über seine Taten hinwegzukommen und hat sie noch in späten Jahren immer wieder bedauert.

Er verstand die Welt nicht mehr. Doch eigentlich hat er sein ganzes Leben lang nicht begriffen, in was für Zeiten er lebte.

Gerade aus dem Krieg heimgekehrt, war mein Großvater noch gegen den Strom geschwommen. Er war sein eigener Chef und wollte sich etwas aufbauen. Dann wurde er ein aufrechter Kommunist und ein hochangesehener Mann, doch am Ende war seine Zukunft ruiniert.

Großvater war noch keine fünfzig Jahre, als man ihm alles nahm, was er sich aufgebaut hatte. Danach beaufsichtigte er über ein Jahrzehnt die Fischgründe am Stausee Roter Stern. Mein Großvater war von einer unbeugsamen Lebenskraft. Doch tragischerweise konnte auch ein noch so eiserner Lebenswille einem nicht dabei helfen, sich aus dem Sumpf der Zeit herausziehen.

Am Stausee Roter Stern sollte ich noch etwas Überraschendes erfahren. Es gelang mir über Umwege einen ehemaligen Arbeitskollegen meines Großvaters ausfindig zu machen, einen alten Mann, der gerade dabei war den Ackerboden mit der Harke zu lockern. Nicht ohne leisen Stolz schilderte ich ihm den Grund meines Kommens und rechnete damit, dass der Alte gleich ein Loblied auf meinen Großvater anstimmen würde. Doch das war ganz und gar nicht der Fall.

Der alte Bauer berichtete, mein Großvater hätte den Fischgrund wegen Weibergeschichten verlassen. Er habe sich mit einer verheirateten Frau aus dem Ort eingelassen. Ich war so perplex, dass ich dem Mann beim Abschied kaum mehr in die Augen schauen konnte.

Als ich meine Mutter nach dem Warhheitsgehalt der Geschichte fragte, meinte sie, da habe ihm jemand übel mitgespielt. Weil der Fischgrund gute Erträge abwarf, habe es selbstverständlich Neider gegeben. Gut möglich, dass ihn jemand reingelegt hatte. Schließlich hatte man gerade eine verrückte Zeit hinter sich gebracht und es gab böse Menschen, da konnte so etwas passieren.;

Doch wer weiß schon, ob doch etwas Wahres an der Geschichte dran war.

Zu der Zeit, als mein Großvater vor seinem Schicksal kapitulieren musste, kam ich zur Welt.

Gewohnheit und Vorsicht

Und wieder änderten sich die Zeiten. Anfang der neunziger Jahre lebte die Privatwirtschaft wieder auf und in den Gemeinden florierten die Unternehmen. Mein schon in die Jahre gekommener Großvater begann noch einmal aus dem Nichts ein Unternehmen aufzubauen und eröffnete mit einem Partner einen Steinbruch. Vom Bergbau zur Scholle und schließlich zum Steinbruch. Er blieb der Erde immer treu, hatte sich immer abgemüht, ihr etwas zu entringen.

Der springende Punkt bei dieser Unternehmung war, dass man Beziehungen zur Regierung anbahnen musste. Ein Grundprinzip, das von jedem stillschweigend akzeptiert wurde. Mein Großvater jedoch hatte dafür kein Verständnis und widersetze sich durch seine Prinzipientreue dem allgemeinen Usus. Das jedoch war, als wollte eine Heuschrecke ein Fuhrwerk stoppen oder als würde man Eier gegen einen Felsen schleudern.

Großvater ließ meinen Onkel ein „Geschenk“ vorbereiten, ein paar Aale, die er am Vortag bei seinen Feldern aufgesammelt hatte. In Zeitungspapier gewickelt brachte er sie zum Büro des Führungskaders.

Man erzählt sich, dass der Kader meinen Großvater danach über Jahre bis aufs Blut gehasst hat. Das mit dem Steinbruch musste also schiefgehen und mit ihm fand auch der lebenslange Kampf meines Großvaters ein Ende.

Von nun an igelte sich mein Großvater zuhause ein, guckte jeden Tag die Nachrichtensendung der Zentralregierung und analysierte die globale Lage. Die Jahre meiner Adoleszenz wurden begleitet von seinen Seufzern: „So wie es da draußen zugeht, gibt es bald wieder Krieg.“

Mein Großvater hatte nie ein besonderes Hobby. Er spielte nicht und hatte auch sonst keine Laster. Auf einige Familienrituale legte er jedoch großen Wert. Etwa auf die bescheidenen Ahnenopfer zu den jährlichen Feiertagen, auf die knappen Glückwünsche per Telefon, wenn ein Familienmitglied Geburtstag hatte oder eben auf die Führerportraits an der Zimmerwand.

Früher war es tatsächlich in vielen Familien üblich, ein Bild des Staatsführers im Hause zu haben, und das musste immer auf der Höhe der Zeit sein. Über die Jahre allerdings sah man das etwas lockerer. Mein Großvater jedoch hielt an diesem Brauch fest. Sei es aus Gewohnheit oder aus Vorsicht.

Erst in seinen späten Jahren stand bei Großvater wieder hoch im Kurs.

Obgleich ihm der Makel des Parteiausschlusses anhaftete, war er als noch lebender Soldat der Revolution immer noch politisch wertvoll. Sein verlorenes Bein war meinem Großvater dbaei eine ewige Auszeichnung.

Jedes Jahr zum Frühlingsfest sowie an hohen nationalen Feiertagen standen Vertreter der Lokalregierung vor der Tür, um meinem Großvater ihre Aufwartung zu machen. Mal kamen sie aus der Gemeinde oder dem Kreis, mal aus der Stadt. Man schickte uns Kinder vor die Tür und erst in diesem Moment entfalteten die Bildnisse der Führung ihre volle Wirkung. Dass mein Großvater so einen guten Ruf genoss und man ihm solchen Respekt zollte, daran hatten die Portraits an der Wand einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Zu dieser Zeit hatte mein Großvater endlich etwas richtig gemacht, aber da war es schon zu spät.