Fokus: Generationen Ein verlorenes Bein ist eine ewige Auszeichnung (Teil 1)

Alter Mann in der Wintersonne
Alter Mann in der Wintersonne | Chandler Chou, CC BY-NC-ND 2.0, via flickr

Als mein Großvater bei einer nächtlichen Patrouille seine Truppe anführte, trat er auf eine Landmine und sprengte sich den Fuß weg. So wurde er mit Anfang zwanzig zum Schwerbehinderten. Trotzdem hat er in seiner ersten Lebenshälfte Übermenschliches geleistet.

Im Hause meiner Großeltern gab es eine Tradition: Im Hauptraum ihres traditionellen Wohnhauses hingen immer Portraits der Staatsführung an der Wand.

Der Platz über der großen Eingangstür war einem Schutzgott vorbehalten und jahrelang hing an der Wohnzimmerwand auch ein Plakat der buddhistischen Göttin Guanyin. Doch an den Orten, die ins Auge stachen, zum Beispiel an der Wand direkt gegenüber des Eingangs, prangten stets die Konterfeis der politischen Führung. Jeder Gast des Hauses musste also, noch ehe er den Gastgeber zu Gesicht bekommen hatte, zunächst einmal der Führung die Ehre erweisen.

Ganz früher wurde die Wand von dem Motiv geschmückt. Zehn Uniformierte in Reih und Glied, stolz erhobenen Hauptes oder sogar zu Pferde. Im Hintergrund ein wolkenloser Himmel, fruchtbare Felder, chinesische Kiefern oder ein Sonnenaufgang. Weil man die Bildnisse zu dieser Zeit noch dem besonderen „manuellen Photoshop“ von anno dazumal unterzog, hatte jeder der Marschälle einen Charakterkopf. Es waren aristokratische Erscheinungen, beeindruckende Autoritäten.

Mein Großvater hat im Koreakrieg gekämpft und war bei einem Einsatz auf eine Landmine getreten. Dabei hatte er zwar ein Bein verloren, war aber dafür mit dem Leben davon gekommen. Dass man als Soldat eine gewisse Verehrung für das Militär hegt, versteht sich eigentlich von selbst. So hingen, soweit ich mich erinnere, im Wohnzimmer meines Großvaters abgesehen von den zehn Marschällen auch noch die Portraits der zehn großen Generäle. Später allerdings, warum auch immer, hängte sich mein Großvater keine Militärs mehr an die Wand. Womöglich waren Generäle nicht mehr in Mode und waren auf dem Markt auch gar nicht mehr zu haben.

Natürlich blieben auch ohne Marschälle und Generäle die Wände meines Großvaters nicht verwaist. Das Bildnis des Vorsitzenden Mao prangte verlässlich an prominenter Stelle und wurde Jahr für Jahr gegen ein neues ausgewechselt. Auch wenn das Bild im neuen Jahr gerade erst ausgetauscht worden war, wurde es zum Frühlingsfest durch ein besonders farbenfrohes ersetzt. Mal sah Maos Gesicht etwas anders aus, mal hatte die rote Sonne im Hintergrund eine etwas andere Position.

Die Wandgestaltung war immer auf der Höhe der Zeit. Seitdem ich denken kann, war auch der Vorsitzende Jiang stets an der Seite des Großen Vorsitzenden. Und etwa mit meinem Übertritt in die Unterstufe der Mittelschule durften Staatspräsident Hu und Premierminister Wen ebenfalls ihren Ehrenplatz an der Wand meines Großvaters einnehmen. Auch beim Führungswechsel von 2012 war mein Großvater wieder ganz nah am Puls der Zeit und bereicherte die Garde an der Ehrenwand noch um Xi Jinping.

Während in allen Familien zu jedem chinesischen Jahreswechsel der Neujahrsputz anstand und man zu beiden Seiten der Haustüren die traditionellen Neujahrsspruchbänder erneuerte, gab es im Hause meines Großvaters noch einen besonderen Programmpunkt: das Austauschen der Bildnisse.

Meine Großeltern wohnten damals auf dem Land. Bevor meine Großmutter vor dem Frühlingsfest zum Markt fuhr, schärfte mein Großvater ihr noch ein, unbedingt darauf zu achten, ob die neuen Portraits schon an der Straße feilgeboten wurden. Trafen die neuen Poster dann tatsächlich ein, wurden die einzelnen laminierten Plakatrollen von meinem Großvater umgehend aufgerollt. Er begutachtete sie höchstzufrieden und voller Genuss und hängte sich auch gleich an die Wand. Der ganze Wohnraum schien in ihrem Glanz neu zu erstrahlen.

Für mich war die Vorliebe meines Großvaters, sich die Bilder der Staatsführung aufzuhängen,  nichts viel anders als die eines Teenagers, der sich Poster von Stars über sein Bett hängt – das dachte ich zumindest jahrelang.

Abgesehen von den Führerportraits hatte mein Opa noch ein andere Lieblingsbeschäftigung: die allabendliche Nachrichtensendung. Doch trotz dieses Interesses hat bis zu seinem Tod für mich niemals die Gelegenheit ergeben, mich mit ihm ausgiebig über das Zeitgeschehen zu unterhalten.

Eine schweigende Autorität

Eigentlich haben wir uns auch über andere Themen kaum ausgetauscht. Mein Großvater war der Typ des wortkargen und strengen Patriarchen. Selbst meine Mutter und meine Tante hatten Angst vor ihm. Insbesondere wenn sie das Frühlingsfest bei ihren Eltern verbrachten und gerne ein paar Runden Mahjong gespielt hätten.

Die Kommunikation zwischen meinem Großvater und mir bestand lediglich in einem Dialog aus Fragen und Antworten beziehungsweise aus Befehlen. Er rief zum Beispiel: „Ruixi, komm zum Essen; Ruixi, im Nachtkästchen sind Bonbons, du darfst dir eins nehmen; Ruixi, nimm den Besen und kehre unten den Hof.“

Dabei gehörte dieser Hof gar nicht unserer Familie.

Nach dem Umzug in die Stadt wohnten meine Großeltern im ersten Stock eines Warenhauses in der Nähe eines Bauernmarkts. Von einem eigenen Hof konnte also nicht die Rede sein. Allerdings befand sich vor dem Gebäude ein leerer, asphaltierter Platz. Wenn sich die Menschenhorden über den Bauernmarkt schoben, wurde diese unbebaute Fläche zwangsläufig zur Verrichtung der Notdurft und als Müllkippe missbraucht. So verwandelte sich die Freifläche für mich und meine Cousins in den kommenden Jahren in einen Einsatzort für unsere Arbeitsdienste.

Viele Leute betrachteten das als eine Einmischung in fremde Angelegenheiten. Doch meinem Großvater ging es dabei in gewisser Weise um etwas ganz anderes. Als angesehener „Veteran der Revolution“ wollte er den Nachbarn seine Geisteshaltung vor Augen führen. Er konnte einfach nicht tatenlos zusehen, wie sich vor der eigenen Haustür eine „Tragödie auf Staatsgrund“ abspielte. Wenn der Platz dann blitzblank gefegt war und zum Gesprächsthema wurde, war das ein Verdienst, das dem Konto meines Großvaters gutgeschrieben wurde.

Mir erklärte er später selbstverständlich, das Ganze wäre auch als Training für mich gedacht gewesen, beziehungsweise als Bewährungsprobe. Das Intellektuelle freiwillig solche Drecksarbeit verrichten sollten, das konnte aus der Perspektive meines Großvaters gar nicht genug betont werden. Arbeit und insbesondere körperliche Arbeit hatte in der moralischen Werteskala meines Großvaters einen besonderen Stellenwert.

Durch diese auferlegten Kehrdienste hatte mein Großvater eine sehr hohe Meinung von mir,  und er setzte große Erwartungen in mich: Etwas im Kopf zu haben und zudem anpacken zu könne, das zeugte doch von einem außergewöhnlichen Charakter. Der Junge hatte eine großartige Zukunft.

Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass das Licht, in dem mich mein Großvater sah, noch aus den Tiefen der Geschichte zu uns herüberstrahlte, aus einer Vergangenheit, die Jahrzehnte zurücklag. Wie gerne würde ich ihm sagen, dass er sich geirrt hatte. Es war in Ordnung zu studieren, man musste sich nicht abrackern können. Körperliche Arbeit hob weder die Moral noch machte es einem zu einem besseren Menschen.

Im April dieses Jahres war der Gesundheitszustand meines Großvater wieder einmal so besorgniserregend, dass man ihn ins Gemeindekrankenhaus einlieferte. Meiner Cousine zufolge war es diesmal wirklich kritisch. Ich nahm den Flieger aus Peking und sah am Krankenbett, wie extrem abgemagert er bereits war. Der Tiger war am Ende seiner Kräfte, wie man bei uns zu sagen pflegt.

Er war nicht mehr der respekteinflößende Patriarch, nicht mehr der Mann mit dem strengen Blick und den festen Überzeugungen. Mein Großvater war im Kopf schon nicht mehr ganz klar und erkannte einen immer kleineren Kreis von Menschen. Mich persönlich umfasste dieser Kreis schon nicht mehr.

In seinen letzten Tagen hielt ich im Krankenhaus Nachtwache. Nur tagsüber verließ ich die Klinik und legte mich zuhause aufs Ohr. Als ich eines Abends aufwachte, fuhr ich nicht mehr ins Krankenhaus. Während ich noch im Leben stand, war er nun auf der Seite des Todes.

Meinem Großvater wurde mit Anfang zwanzig das Bein amputiert. Doch selbst als Schwerbehinderter hatte er sein halbes Leben Übermenschliches geleistet.  

Ein glänzender Lebenslauf

Ich unternahm eine Reise in die alte Heimat meiner Großeltern und suchte zum ersten Mal einen Ort auf, der als „Stausee Roter Stern“ bekannt war. Als mein Großvater noch gerne in Erinnerungen an seinen früheren Tatendrang schwelgte, hatte er diesen Ort regelmäßig erwähnt: „Ich habe dort über ein Jahrzehnt verbracht“. Innerhalb seiner weitschweifigen Erinnerungen schien dieser Ort eine besondere Koordinate zu sein.

Seine Angehörigen hatten allerdings wenig Interesse an diesem Ort und in meiner Kindheit hat mich niemals ein Erwachsener dorthin mitgenommen. Mein Großvater hatte erzählt, er habe früher an diesem Stausee Fischwirtschaft betrieben, er sei der Leiter der Fischgründe gewesen. Schon immer hatte dieser Ort, unter dem ich mir ein weites und offenes Gewässer vorstellte, eine magische Anziehungskraft auf mich gehabt.

Ich fuhr mit einem Elektroroller aus der Stadt hinaus, auf neu asphaltierten Straßen über die Dörfer. Nach einer knappen halben Stunde war ich am Ziel. Das Wasserreservoir war allerdings kleiner als erwartet. Es war kein fließendes Gewässer, hinter dem ein Damm den Fluss zurückhielt, sondern einfach ein äußerst unförmiger See.

Um mit jemandem ins Gespräch zu kommen, gab ich vor nach dem Weg zu fragen und rief einem Bauern über die Fünfzig zu:

„Entschuldigung, ich suche den Stausee Roter Stern.“

„Gleich da drüben!“, der Bauer deutete mit der Hand auf den Ort, von dem ich gerade gekommen war.

„Sagen Sie, kennen Sie einen Hu Zhiyi? Er hatte vor vielen Jahren hier in der Gegend zu tun.“

„Du meinst den Hu Zhiyi mit der Krücke, der im Krieg sein Bein verloren hat? Ja, den kenne ich. Er hat hier jahrelang die Fischgründe geleitet.“

Offensichtlich hatte Großvater uns nicht das Blaue vom Himmel erzählt.

Das aber war bei weitem nicht die großartigste Episode im Lebenslauf meines Großvaters. Vor allem der Koreakrieg war das Kapital, auf das er ein Leben lang Stolz war. Die Gedenkmedaillen und Auszeichnungen wurden gehütet wie ein Familienschatz. Auf dem Schlachtfeld war er Truppenführer gewesen. Als mein Großvater einmal bei einer nächtlichen Patrouille seine Mannschaft anführte, trat er auf eine Landmine und sprengte sich den Fuß weg. Später wurde er bis zum Oberschenkel amputiert.