Stadtgeschichte: München „Ich will mir beim Schreiben das Denken nicht verbieten lassen“

Matthias Hirth
Matthias Hirth | Foto: Privat

Matthias Hirth ist nicht nur Schriftsteller mit sehr gegenwärtigen Themen, sondern auch Barkeeper und Mitbetreiber des „Favorit“, einer der wenigen Münchener Szene-Bars, Fan und Förderer der Subkultur in der reichen Stadt.

An diesem Abend öffnet die Favorit Bar für mich eine Stunde früher. Genau gesagt sperrt Matthias Hirth auf mein Klopfen die Glastür auf und schließt sie gleich hinter mir wieder ab. Wenn ab 21 Uhr die ersten Gäste eintrudeln, der Platten-Jockey auflegt, wird ein Gespräch nur noch mit vielen Unterbrechungen möglich sein. Denn Hirth steht hier dreimal die Woche selbst hinter der Theke, zapft Bier, schneidet Gurke oder Limone für Longdrinks und lässt sich auch vom größten Trubel in keiner Weise aus der Ruhe bringen.

Rotes Linoleum dominiert das Interieur, das außer der Theke und dem DJ-Pult aus einer Reihe unterschiedlich hoher wellenartiger Objekte besteht, auf denen die Gäste wahlweise sitzen oder ihre Getränke oder Jacken platzieren können. Die Wände sind nackt und vom Aushauch der Jahrzehnte imprägniert, diese Wände würde kein Stuckateur hinbekommen. Hirth macht noch ein paar Handgriffe, Spirituosen und Gläser müssen in ausreichender Zahl zur Hand sein, damit der Laden später reibungslos läuft. Er zapft mir ein Helles, wir setzen uns auf die breite Fensterbank, abgeschirmt von einer Bürogardine, durch deren Streifen man die Schemen der draußen vorbeigehenden Menschen sieht. Er arbeitet hier seit fast siebzehn Jahren, das erde ihn, sagt er mir. „Man muss da mit unterschiedlichen Leuten zurechtkommen.“

Die Favorit Bar ist ein Nachtort, meistens hat sie bis drei Uhr früh geöffnet. Sie ist auch ein lebendiger Kulturort in der Stadt. Nicht nur DJ-Sets, sondern Lesungen, Vorträge und Diskussionen kann man hier erleben. Derzeit beleuchtet eine Reihe von Veranstaltungen das Thema „Künstliche Intelligenz“, davor gab es Abende zur „Monokultur“ Münchens. Dabei, erklärt mir Hirth, ging es um Notwehr. Die freie Theaterszene Münchens, aber auch Künstler, Musiker und Autoren seien in der teuren, durchgentrifizierten Stadt ständig in Gefahr, abgedrängt zu werden. Kultur werde in München gern Effizienzkriterien unterworfen. Umso wichtiger ist es, den Leuten, die nicht Bestandteil des offiziellen Münchener Kulturbetriebs sind, Gehör zu verschaffen.

Einen weiteren Standortnachteil neben den hohen Lebenshaltungskosten in der Stadt beschreibt der Autor so: „Der Ruf Münchens ist grottenschlecht, da schämt man sich, wenn man in Berlin erzählt, dass man aus München kommt.“ Die Reihe „Monokultur“ hat recht weite Kreise gezogen und mindestens dazu geführt, dass man „plötzlich sehr viel respektvoller und weniger von oben herab“ mit der Subkultur umgehe.

Auch mit seinen Büchern ist Hirth immer nah an der Gegenwart. 2007 erschien Angenehm. Erziehungsroman einer künstlichen Intelligenz. Die Geschichte nimmt ihren Ausgang bei einem Auftrag: Ein Schriftsteller soll gegen hohe Honorare Geschichten schreiben. Einzige Vorgabe ist: „Erklären Sie jemandem den Menschen, der den Menschen nicht kennt.“ Wie sich zeigt, soll anhand dieses Materials die Erlebnisfähigkeit einer „KIND“ (Key Intentional Net Debutant) genannten künstlichen Intelligenz geformt werden. „Wenn man ein künstliches Bewusstsein konstruieren will, muss man sich zuerst die eigene Wahrnehmung anschauen. Wie spielen Körper und Geist zusammen, was ist eine Emotion, was soll Geist überhaupt sein ...“ Vor zehn Jahren kam KI manchem noch wie ein Orchideenthema vor, heute gehört es zu den meistdiskutierten Aspekten der digitalen Entwicklung. Die Reihe zur KI in der Favorit Bar stößt auf reges Interesse.

Lutra Lutra, der 2016 erschienene jüngste Roman des Münchener Autors, handelt dagegen von einem jungen Mann, Fleck genannt, der sich entscheidet, aus dem bürgerlichen Leben aus- und die schwule, partysüchtige Szene der Endneunziger einzusteigen. Dieser Roman widmet sich der Überschreitung von Grenzen. „Nach Angenehm hatte ich das Gefühl, ich hätte einen ganz bestimmten Punkt nicht abgedeckt.“ Dieser Punkt war zunächst die Sexualität, im Grunde aber der Exzess, das Überschreiten als solches, „wie wir es immer machen, etwa wenn wir uns betrinken oder mit dem Fallschirm abspringen.“ Hirth meint, dass es dabei weniger um den Kick gehe, sondern um die „Loslösung von allem, die Dekonditionierung der eigentlichen Menschwerdung, all das Gesellschaftliche abzustreifen, loszuwerden, was einen bedrängt und einengt.“ Um dahin zu gelangen, müsse man etwas in sich zerstören, gewaltsam Regeln brechen, die für alle gälten. Für Fleck geht es immer stärker darum, etwas wirklich Böses zu tun. Darin ähnelt Lutra Lutra gewollt dem großen Dostojewski-Roman Verbrechen und Strafe.

Auf die zeitliche Situierung angesprochen, sagt Matthias Hirth mir zunächst, dass es Zufall sei, eine Rückdatierung, um nicht beim Schreiben der außerliterarischen Gegenwart hinterherlaufen zu müssen. Aber er spricht auch davon, wie sich unser Leben in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Der Hype und die Krise am Neuen Markt, der elfte September, die Digitalisierung und der Neoliberalismus haben ein schleichendes Klima der Angst geschaffen. Der Freiraum für ein flecksches Selbstexperiment sei geschwunden. „Niemand hat mehr Zeit für so etwas.“ Auch sei das „analoge Weggehen“ durch die Datingportale nicht mehr alternativlos.

Hirths Buch Angenehm wurde in der Süddeutschen Zeitung einmal als „Wissenschaftsroman“ bezeichnet. Da es auch in seinem aktuellen Buch längere zum Essay neigende Passagen gibt, frage ich ihn, wie er zu jenem Label stehe. Er wolle eben immer alles möglichst komplett verstehen, worüber er schreibe, antwortet mir Hirth. Manche Leute meinten, das sei Aufgabe der Wissenschaft. „Aber ich will mir beim Schreiben nicht das Denken verbieten lassen, ich möchte es möglichst universell haben.“

In der Favorit Bar ist an diesem Abend vom gesellschaftlichen Klima der Angst nichts zu spüren. DJ Zwinkelman legt zunächst ruhige Songwriter-Stücke auf. Die ersten Gäste verziehen sich in die Tiefe der Bar. Keine 200 Meter entfernt liegt Münchens zentrale Fußgängerzone, bis zum Marienplatz dürften es gerade mal 500 Meter sein. Die sehr heterogene Mischung aus Kommerz, Büros und sehr teuren Wohnungen in der Altstadt, der Wechsel von vollgestopften mit beinah leblosen Straßen in der Münchener Altstadt, müsste eigentlich ein ganz anderes Publikum herbringen. Allerdings schließen die Läden abends um acht, die Büros haben sich längst geleert, und eine andere Klientel übernimmt – junges Partypublikum, das auf der so genannten „Feierbanane“ die vielen angesagten Bars und Clubs entert, oder eben jene Künstler und Szene-Leute, die sich im Favorit finden. Diese Umgebung und die Gespräche mit jungen Leuten, zu wissen, was sie umtreibt und wie sie sich unterhalten, habe Einfluss auf sein Schreiben, sagt Hirth. „Ich kann den Leuten ganz gut aufs Maul schauen.“ München als Stadt dagegen findet er nicht literaturwürdig.

Zur Zeit schreibt Matthias Hirth an einem Science Fiction Roman. Über den verrät er nicht viel. Er wird etwas mit den globalen Klimaveränderungen zu tun haben oder „eigentlich dem Leben in der Natur“. Wichtig sei ihm wie immer, dass darin auch Platz sei für die eigene gefühlsmäßige Situation. Der Wirksamkeit von Literatur in der heutigen Zeit steht er skeptisch gegenüber, der Stellenwert des Lesens habe sich spürbar verändert. Wird die Literatur unsere Zukunft beeinflussen? „Ich wünsche mir einen großen Stromausfall“, meint Matthias Hirth, „dann kann das wieder kommen.“ Aber er habe sich daran gewöhnt, so etwas Absurdes wie Schreiben zu tun. „Ich muss da konsequent bleiben und ja, das mache ich auch.

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