Die Zukunft des Schreibens Wenn Roboter einen Schriftstellerverband gründen

Robot
Robot | Foto: Ingmar Zahorsky, CC BY-NC-ND 2.0, via flickr

Für die Menschheit beginnt endlich die magische Geschichte der digitalen Kreativität, doch droht der Literatur damit der Ruin? Oder wird die Herr-Knecht-Dialektik zwischen Mensch und Maschine mit einem Schlag auf den Kopf gestellt werden?

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Welche Metiers werden in Zukunft noch von Künstlicher Intelligenz, oft auch einfach als “Roboter” bezeichnet, überrollt werden?

Seit Deep Blue den Schachweltmeister Gary Kasparov besiegte und vor kurzem das Update „Master“ mit Leichtigkeit die Go-Weltelite zerstörte, scheint ein globaler Gezeitenwechsel bereits eingeläutet. Die Regeln vieler Bereiche müssen von Grund auf neu geschrieben werden. Spiele wie Schach und Go haben freilich noch ihre Daseinsberechtigung, doch professionelle Wettbewerbe in diesen Disziplinen zeigen nicht mehr das weltbeste Spielniveau. Die Spieler aus den höchsten Spielriegen werden quasi zu Amateuren degradiert, ihr Sport wird zur Freizeitbeschäftigung und bedeutet jetzt kaum mehr, als die tanzenden Gruppen chinesischer Damen denen man abends auf öffentlichen Plätzen oft begegnet. Die spektakulärsten Partien werden fortan den Robotern und den Wissenschaftlern dahinter vorbehalten sein, von denen ein Teil wahrscheinlich selbst noch nie ein Schachbrett angerührt hat.

Das Übersetzen ist ein weiteres vom Untergang bedrohtes Gebiet. Die ersten Gehversuche automatischer Übersetzungsmaschinen weckten keine großen Hoffnungen und die holprigen und zusammengeflickten Übersetzungen die dabei herauskamen glichen eher den hingeschmierten Hausaufgaben eines Hinterbänklers. Ich habe es nie über’s Herz gebracht, mich vor eine Fremdsprachenfakultät zu stellen und zu verkünden: Die guten Zeiten werden nicht ewig andauern! Ende 2016 nutzte Google erstmals einen neuronalen Algorithmus für die neue Generation der maschinellen Übersetzung und reduzierte damit Fehlerquote auf einen Schlag um 60 Prozent. Microsoft und andere Unternehmen sind Google dicht auf den Fersen, weshalb viele Wissenschaftler 2016 prognostizierten, dass eine der wichtigsten Neuerungen in 2017 sein werde, „ab sofort das Lernen von Fremdsprachen überflüssig zu machen“ (Komsomolskaja Prawda, 28.12.2016). Literarische Übersetzungen bleiben zwar eine ganz eigene Herausforderung, aber derzeit scheint es durchaus möglich, dass schon bald international agierende Unternehmen und Institutionen aus Regierung, Medien, Tourismus und anderen Bereichen bald mündliche und schriftliche Übersetzungen per App erledigen können. Wer braucht da noch professionelle Übersetzer?

Und was ist mit Bildung und Medizin? Buchhaltung, Rechtsberatung, Werbung, Finanzwesen, Qualitätsmanagement, Ingenieurswesen, Aktienmarkt – wie sieht es in diesen Bereichen aus?

Der US-amerikanische Forscher Kevin Kelly gehört zu den Optimisten. Er verweist auf erfolgreiche Gemeinschaftsprojekte wie Wikipedia und sagt den „Digitalen Sozialismus“ vorher. Ali Baba-Gründer Jack Ma glaubt, dass „Big Data die Planwirtschaft wiederbeleben könnte“. Was beide nicht sagen ist, dass Roboter bereits vielen Arbeitern und Angestellten ihre Jobs streitig machen. Big Data und Cloud Computing haben bei Robotern zu großen Durchbrüchen verholfen, ob in der Wiedererkennungsfähigkeit, Gedächtnisfähigkeit, Suchindizierung, Rechenleistung oder Planungs- und Lernfähigkeit. In diesen Bereichen hängen sie uns Menschen mehr und mehr ab, sind uns in puncto Präzision und Durchhaltevermögen ohnehin voraus und eignen sich darüber hinaus auch noch in puncto Arbeitsmoral zum Modellarbeiter. Diese neuen Kameraden haben ein nobles Herz aus Silikon: Geldautomaten sind niemals korrupt, Gesichtsscanner nicken niemals weg, selbstfahrende Systeme fragen nicht nach einer Gehaltserhöhung und die Schadensregulierungssoftware in Versicherungen und Nachrichtenalgorithmen machen nie Pause, es sei denn man zieht ihnen den Stecker.

Manche behaupten inzwischen schon, dass einst 99 Prozent aller menschlicher geistiger Arbeit von Maschinen übernommen werden wird (Global Times, 6. Januar 2017), doch selbst die zurückhaltendsten Schätzungen gehen von mindestens 45 Prozent aus. Das klingt nicht gerade nach einer frohen Botschaft. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari sagte kürzlich voraus, dass ein großer Anteil der Bevölkerung zu einer „Klasse der Nutzlosen“ degradiert werden könnte. Kommt dazu noch die mögliche Stratifizierung der Gesellschaft durch genetische Optimierung, dann kann es sein „, dass wir auf dem besten Weg in eine maximal ungleiche Gesellschaft sind.“ (Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, und Homo Deus: Eine Geschichte von Morgen). In der Tat, die Zukunft ist bereits hier. Auf die „dunkle Fabrik“ folgt nun das „dunkle Büro“. Und wenn Läden und Händler von Verkaufsautomaten ersetzt werden und selbst sichtbare Niedriglohnjobs wie Gebäudereinigungs- oder Sicherheitsdienste von Robotern „verdunkelt“ werden, wie werden dann die Massen an Arbeitslosen ihre Zeit verbringen? Werden sie in der Sonne liegen, Mah-Jongg spielen, Marathons laufen oder auf spontane Reisen gehen? Sobald die Beschäftigungskrise 99 Prozent der Menschen im erwerbsfähigen Alter, oder sogar nur die Hälfte, erreicht hat, ist ein völliger Zusammenbruch des Wirtschaftslebens sicher. Unter diesen Umständen werden sich die endlosen Urlaubstage eher wie das Ende der Welt anfühlen. An Sozialismus braucht man gar nicht denken, und andere „-ismen“ werden genauso wenig eine Rolle spielen. Welche Art von politischer oder gesellschaftlicher Struktur kann dieser Art von Zerfall widerstehen? Der digitale Sozialismus könnte sich letztlich als digitale Oligarchie entpuppen - aber lassen Sie uns das für den Moment beiseitelegen und später noch einmal darauf eingehen. Als Literaturliebhaber kann ich nicht anders, als an die Literatur zu denken. Vielleicht ist es nicht das entscheidende Thema, aber schließlich sind viele Menschen aus dem Literaturbetrieb betroffen – und natürlich die Leserinnen und Leser.

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Schauen wir uns doch mal die zwei folgenden Gedichte näher an:

1.
 Durch das westliche Eckfenster dringt der Klang der Wellen,
 Auf dem Wasser tänzelt ein Boot.
 Im Abendrot ziehen in der Ferne Dunstschwaden durch die klare Herbstluft,
 In meiner Einsamkeit lässt mich der Wein von weißen Wolken träumen.

 
2.
 An der westlichen Furt erscheint die Sichel des Mondes,
 der Dunst wabert langsam gen Himmel.
 Eine Bank aus weißem Sand verschwindet langsam darin,
 das einzige Licht kommt von den Fischerbooten.


Eins dieser Gedichte stammt aus der Feder des Song Dynastie Dichters Qin Guan (秦观), das andere von einem von IBM entwickelten Computerprogramm mit dem Namen Oude (偶得). Die Frage ist, wie viele Menschen können mit einem Blick erkennen ob der Autor ein „Er“ ist oder ein „Es“? Als ich diesen Test auf Masterstudenten der Literaturwissenschaften an einer gewissen Universität anwendete, wurden diese erfahrenen Leserinnen und Leser und Experten im Zweifel gelassen. Und sobald ich auf der nächsten Folie noch einige weitere Gedichte von „Meister Oude“ dazumischte, dann konnten noch weniger Studierende das Werk von Meister Qin von der Wanyue-Schule (婉约派) bestimmen.

„Meister Oude“ ist nur ein Spielzeug ohne außergewöhnliche Datenbanken oder Algorithmen, aber das Programm ist dennoch in der Lage, die Experten bis zu einem gewissen Grad zu verwirren. Es ist auch einem menschlichen Poeten auch in Hinblick die Geschwindigkeit und die Breite des Themenmaterials weit überlegen, was der Selbstachtung vieler Dichter einen tiefen Schlag versetzen dürfte. Jedes Wort zu einem Gedicht werden lassen, das Versmaß halten, einen passenden Reim finden, all das ist für Oude keine große Sache. Selbst Unsinn ist für Oude keine Herausforderung: Gibt man die chinesischen Zeichen für Unsinn (胡说八道, wörtlich: leichtsinnig reden auf acht Pfaden) ein – egal ob vorwärts oder rückwärts – dann sprudelt aus Oude ein nicht enden wollender Strom cleverer, unerwarteter Verse von großer Vielfalt hervor, der die vier bedeutungslose Zeichen in verschiedenste Poesiestile verwandelt: „Obstkerne (胡儿) sollten nicht neben den Blumen stehen, denn man sagt (说), dass sie besser seien als Orchideensprossen zum Pflanzen von Lotusblumen. Das Abendlicht des Augusts (八月, achter Monat) spiegelt sich im Wein, und die Weisen (道人) erscheinen aus dem Nichts wie Frühlingsnebel.” Oder: „Die Weisen (道人) öffnen ihre Augen und kommen den Berg herab, ihre Haare so weiß als seien sie achtzig (八十). Man sagt (说) sie seien älter als die Fischer und die Holzfäller, wie kommt es dann (胡为), dass ich am Zaun Wache halten muss? ”

Diese hochproduktiven Wortschwälle sind zwar absurd, aber drücken sich denn all die geschniegelten Größen unserer Zeit wirklich soviel eleganter aus? Vergleichen wir doch mal die Werke von Oude mit der gegenwärtigen Masse an Popmusik, die in ihren Texten mit Vorliebe Klassiker der Tang und Song Poesie imitieren und die traditionsreiche Kultur damit schamlos ausverkaufen. Diese Texte, mit denen Popstars ganze Arenen zum Schunkeln bringen, scheinen den Werken von Oude kaum überlegen zu sein. Die nicht enden wollende Verwurstung von Slogans, politischem Jargon, Wohlfühlgewäsch, It-Girl-Blabla und Kader-Gequatsche durchziehen unsere Zeitungen. Und wären die literarischen Ergüsse, die aus einer Kollaboration von Lyrikern hervorgehen würde wirklich besser als Oudes „Unsinn“?

Lyrik ist nicht das einzige betroffene Feld. Romane, Essays, Kritiken und Film- und Fernsehdrehbücher sind ebenfalls von Künstlicher Intelligenz bedroht. In den 1960er Jahren führten Bell Laboratories bereits Experimente mit Schreibalgorithmen durch. Jahrzehnte später sind wir dank des Internets und Big Data in dieser Hinsicht einen riesigen Schritt weiter: aus den Raupen von damals sind inzwischen Schmetterlinge geworden.

Im Mai 2016 berichtete der japanische Fernsehsender Asahi, dass ein Roman, der von einem Team von Studierenden der Future University Hakodate geschrieben wurde, aus 1450 Einreichungen für einen Literaturpreis ausgewählt worden war – sehr zum Erstaunen der Leser. Zu sagen, dass die Geschichte nur von einem Roboter geschrieben wurde, wäre allerdings nur die halbe Wahrheit. Hinter dem Programmcode stecken selbstverständlich immer noch Menschen aus Fleisch und Blut, und die Details, Plots, Dialoge, Rollen, Handlungsort und andere „Bauteile“ in der Datenbank wurden ebenfalls von Menschenhand gemacht und geordnet. Das Programm musste dann nur noch Programmierbefehlen folgen, um eine Reihe von Aufgaben auszuführen: Sortieren, Zusammenstellen, Ableiten, grammatikalische Tests und einen letzten Feinschliff durchführen. Dennoch fühlt sich dieser Sieg der Maschine über den Menschen wie der Beginn einer literarischen Revolution an. Der erste Schritt ist getan, und jetzt, da sich die Algorithmen weiter entwickeln und die Datensätze weiter wachsen, scheint das Gedeihen einer literarischen Roboterkultur unausweichlich und unmittelbar bevorstehend. Die Roboter sind angekommen, die Experten haben sich versammelt, und ich befürchte, es ist nur eine Frage der Zeit bis sie einen eigenen Schriftstellerverband zu gründen, eigene Regeln erlassen und einen Vorsitzenden ernennen.

Wenn der Tag kommt, müssen die Leserinnen und Leser ihre Bestellung vielleicht nur noch in eine Dialogbox eingeben:

Männliche Hauptrolle: Modischer Gentleman. Weibliche Hauptrolle: Wildes Mädchen.
Nebenrollen: Keine Präferenz. Genre: Liebe / Spannung. Handlungsort: Insel / Stadt. Grundstimmung: Ängstlich. Religiöse Tabus: Keine. Haupthandlung: Geliebter Hund / Leukämie / Meteorit trifft die Erde. Stil: Keine Präferenz....

Und so weiter.

Einen Klick später erhält unsere Leserin eine logisch aufgebaute, lebendige und dramatische Geschichte oder gar eine Serie. Der Autor kann ein Computerprogramm, eine Person oder sogar ein unbeholfenes Gespann aus KI und MI (Menschlicher Intelligenz) sein, wie es schon jetzt sogenannte „Schriftstellerprogramme“ möglich machen, wie man sie auf Taobao für 15 Yuan kaufen kann, meist als billige Plagiatsassistenten. Diese Programme sind längst die verborgene zweite Hälfte – vielleicht die bessere Hälfte – vieler Internet-Autoren geworden. Durchaus denkbar, dass der eine oder andere beliebte Autor der Zukunft später als virulentes digitales Gespenst entlarvt werden, wenn sich herausstellt, dass der preisgekrönte Herr Ma mit den vielen rührende Dankesreden oder die hochgeschätzte Frau Helen, die so viel Herzensgutes getan hat, aus nichts weiter bestehen, als einem Haufen Siliziumchips, einer Festplatte und ein paar Datenkabeln.

Man könnte meinen, der französische Intellektuelle Roland Barthes hätte die aktuelle Krise hervorgesehen, als er 1968 seinen Essay Der Tod des Autors schrieb. Aber wenn der Tod der Schriftstellerei eintrifft, durch was wird sie dann ersetzt? Werden die nächsten Qu Yuans (屈原), Du Fus (杜甫), Shakespeares, Tolstoys, Cao Xueqins (曹雪芹) und Kafkas an irgendeinem Ort wie Silicon Valley oder Zhongguancun in vom Fließband laufen, bis die Menschen von den Literaturmassen erst überfordert, dann verdrossen und schließlich angewidert sein werden? Oder knicken immer mehr Geisteswissenschaftler vor der Übermacht der Technik ein und ergreifen die Flucht? Sind die jungen Qu Yuans, Du Fus, Shakespeares, Tolstoys, Cao Xueqins und Kafkas zu einem frühen Tod verdammt, in den Wahnsinn getrieben und belagert von Robotern?

Vielleicht ist es das, was die Technologie-Utopisten bereits im Sinn haben.