Wer sind Chuiwan? Vielleicht ist es besser zu schweigen statt ein Gespräch zu führen

Chui Wan auf dem Chaochao-Musikfestival
Chui Wan auf dem Chaochao-Musikfestival | Foto: Ma Yiting & Ji Jianpeng

Yan Yulong (闫玉龙), ein junger Mann aus Harbin, kommt nach Peking, im Gepäck seine innige Liebe zur Musik. Dort trifft er auf einige andere junge Leute aus den verschiedensten Landesteilen, und zusammen gründen sie eine Rockband namens Chui Wan (吹万). Wenige Jahre später hat ihnen ihr experimenteller New Psychedelic Rock Tournee- und Auftrittsmöglichkeiten auf der ganzen Welt sowie Lob und Anerkennung aus China, den USA und Europa eingebracht.

Zum ersten Mal hörte ich Chui Wan im September 2017 im Yugong Yishan. Menschen aus allen Stadtteilen mit unterschiedlichsten Outfits und verschiedenen Hautfarben versammelten sich nacheinander im Live House innerhalb der zweiten Ringstraße, das schon fast eine Institution ist. Die Aufführung begann etwa eine halbe Stunde später als erwartet, sodass etliche Leute plaudernd und rauchend vor dem Eingang standen. Unter den Straßenlaternen und im Schatten der Bäume stieg für kurze Zeit der kräuselnde Rauch von Zigaretten auf. An diesem Abend hatte das dritte Chui Wan-Album The Landscape the Tropics Never Had (热带从未有过的风景) Premiere.

Vielleicht weil das Konzert gerade auf ein Wochenende fiel, platzten wegen des Menschenandrangs die Räumlichkeit vor Ort aus allen Nähten. Später sprach Yan Yulong von den bereits über 200 Auftritten seiner Band und davon, dass die unvergesslichste davon dennoch die allererste gewesen sei: 2010 im Club D-22 in Wudaokou, im Rahmen der Experimentalmusikreihe Zoomin' Nights. Unmittelbar nach seiner Ankunft in Peking war dieser Club gleichzeitig auch seine erste Bleibe. 

Die Anfänge im Club D-22 in Wudaokou

Als Yan Yulong 2008 nach Peking kam, hatte er gerade seinen Mittelschulabschluss in der Tasche und wollte „vor allem Musik machen”. „Im Peking von damals übte das Rockmilieu in einem gewissen Grad noch eine starke Anziehungskraft aus. Heute, wo sich das Internet so dermaßen entwickelt hat, ist es egal, in welcher Stadt man sich befindet, aber damals musste wohl schon nach Peking kommen wenn man Musik machen wollte.“ Der junge Mann, der mit vier Jahren anfing, Violine zu spielen, und in der elften Klasse das erste Mal mit Rockmusik in Berührung kam, heißt diese Entwicklung keineswegs gut, aber er wendet sich auch nicht gegen sie. Bei seiner Ankunft in Peking hatte Yan Yulong als erstes mit dem Club D-22 in Wudaokou Kontakt, der damals gerade eine Reihe mit experimentellen Musikaufführungen begonnen hatte: Zoomin' Nights. Genau bei einer dieser Aufführungen des Clubs lernten sich er und sein Gitarrist Liu Xinyu kennen.

Liu Xinyu (刘心宇), der im Pekinger Randbezirk Tongzhou wohnt, hatte damals bereits seinen Berufsschulabschluss gemacht und arbeitete für ein staatliches Unternehmen – er reparierte Fahrkartenautomaten der Pekinger U-Bahn – während er gleichzeitig seine eigene Band leitete. „Zu einer Aufführung unserer Band konnte einmal der Drummer nicht kommen. Während wir spielten, sah uns Yan Yulong von unterhalb der Bühne zu. Plötzlich wollte er zwei Sticks haben, dann stieg er unmittelbar auf die Bühne und spielte. Seit diesem Tag kannten wir uns.” Schon zu Schulzeiten besaß Liu Xinyu ein eigenes Instrument: „Ganz am Anfang war es ein viersaitiger Bass und danach erst eine Gitarre.”

Wu Qiong (吴琼) aus der Provinz Ningxia arbeitete damals gerade als Journalistin der redaktionell im Fangzhuang-Wohngebiet ansässigen Zeitschrift Music Weekly. Nach Abschluss der Universität war sie in Peking geblieben, doch hatte sie sich keineswegs für eine Tätigkeit entschieden, die etwas mit dem von ihr studierten Fach, der Biologie, zu tun hatte. Als Studentin war sie häufig zu Konzerten gegangen, konnte damals aber noch keinen Bass spielen. „Yan Yulong hatte auf der sozialen Netzwerkseite Douban einen Post veröffentlicht, dass er Leute suche, um eine Band zu gründen. Also schrieb ich ihm auf Douban eine Mail, dass ich gerne beitreten würde, aber keinen Bass spielen könne. Er meinte, ich könnte es doch mal probieren, und bei unserem ersten verabredeten Treffen lernten wir uns dann kennen.”

Li Zichao (李子超) war im selben Jahr erst 14 Jahre alt und besuchte die Unterstufe der Mittelschule in  Guiyang. Als Kind hatte er eine Zeit lang Akkordeon gelernt bis er zu Anfang der Mittelschule das Trommeln entdeckte. Drei Jahre später kam er nach Peking und gründete dort eine Band. Durch eine seltsame Kombination von Umständen fing er als Koch in einer Kantine an. Ursprünglich hatte er vorgehabt zu kellnern, doch weil es in der Kantine an Köchen fehlte, begann er als Lehrling in der Küche und wurde danach Koch, mit einem Ruhetag in der Woche. „2012 wurde das erste Album von Chui Wan zum ersten Mal aufgeführt, und damals war es sogar meine Freundin, die mich ins Konzert schleppte. Keinen Monat nach der Aufführung las ich im Internet, dass sie einen Schlagzeuger suchten.”

Hätte es den Club D-22 nicht gegeben, oder anders gesagt, hätte er sich nicht in Peking befunden, dann hätten diese jungen Leute mit so unterschiedlichem Lebenshintergrund aber mit dem gleichen Enthusiasmus für die Rockmusik vielleicht nie zusammengefunden, und die künftige Musikformation Chui Wan wäre möglicherweise nie entstanden. In einem Café in der Nähe des Xinjiekou erzählt Yan Yulong von den Umständen der Bandgründung. „Mittlerweile glaube ich, dass jede Sache mit den Dingen, die davor passiert sind, in einem Zusammenhang steht. Anfangs war ich vielleicht wirklich ziemlich mutig.” Durch das D-22 fand Yan Yulong schnell zu den Kreisen der Rockmusik Zugang. „Zum damaligen Zeitpunkt muss ich 18 Jahre alt gewesen sein, und ich begann in Peking tatsächlich mit meiner Musik.” Er, die Bassistin Wu Qiong, der Gitarrist Liu Xinyu sowie der Schlagzeuger John Vincent Marrett bildeten die Anfangsbesetzung. 2011 kehrte Vincent in sein Heimatland zurück und Josh Feola schloss sich ihnen an, stieg dann aber 2012 wieder aus. Danach trat Li Zichao ein, womit die Mitglieder der Band im Wesentlichen feststanden. „Am Anfang hatte keines der Bandmitglieder irgendwelche Erfahrungen. Das, was man bei der Bildung einer Band für wichtig erachtet, sind aber im Wesentlichen nicht die Grundlagen, sondern andere Dinge.”

Als das D-22 seine Pforten schloss, übernahm der XP Xiaoping Club in der Nähe des Di'an-Tors sein Vermächtnis. Junge Musiker wurden kontinuierlich unterstützt, und Chui Wan erhielt dort Möglichkeiten zu Auftritten und der Zusammenarbeit mit namhafteren Musikern und Bands.

Von „Beijing is sinking“ bis zu „The Orphan of Asia“

2015 veröffentlichte die Band ihr zweites Album Chui Wan (吹万), worauf sich folgendes Lied befindet: „Peking geht unter / Überall ein Flammenmeer / Verlangsame den Schritt / und hör genau hin.“ Übertragen auf den bitterkalten Pekinger Winter über zwei Jahre danach scheint dieses Lied eine verblüffende Entsprechung zu finden, egal ob es den Brand des Apartmenthauses Jufuyuan im Stadtbezirk Daxing, den Kindesmisshandlungsfall im Red Yellow Blue-Kindergarten in Chaoyang oder den sexuellen Missbrauch von Kindern selbst betrifft oder die dadurch angeregte öffentliche Meinung über Gesellschaftspolitik oder die Resultate von Regelungen (zum Beispiel die kurzfristige Zwangsräumung von Mietern).

Als Leadsänger und Songwriter in Peking zu leben, findet Yan Yulong, hat unausweichlich einen Einfluss auf das Schaffen der Band. „Ich meine, wenn man in Peking darüber diskutiert, was Frühling bedeutet oder was Liebe ist, dann wird man wahrscheinlich zum Teil Ähnliches sagen, wie wenn man in Harbin oder Guizhou, in anderen Ländern oder anderen Städten darüber diskutiert. Aber es würden sich auch viele Unterschiede dabei ergeben, manchmal sogar zwei völlig verschiedene Positionen.” Oder auch: „Du gehst einen oder zwei Monate lang auf Tournee, und noch während du neue Dinge beobachtest, befindet sich dein Ausgangspunkt, dein Blickwinkel und der Kontext deiner Ideen bereits wieder in Peking.” In einen anderen Kontext gestellt und von einem anderem Blickwinkel aus betrachtet, seien viele Dinge grundverschieden.

Tatsächlich haben Bands aus anderen Städten, so wie Omnipotent Youth Society (万能青年旅店) aus Shijiazhuang jeweils ihre Besonderheiten. „Die Besonderheit von Peking ist jedoch nicht ganz leicht auf den Punkt zu bringen, denn in Peking gibt es die meisten Bands im ganzen Land.” Auch wenn die Liedtexte nach Yan Yulongs Meinung in Peking einen realistischeren und keineswegs einen episch-erzählenden Charakter besitzen, sei ihre Verbindung mit dem Leben und der Stadt nicht unbedingt konkret bis ins Detail, doch würden sie dennoch bei vielen Menschen mit Pekinger Lebenserfahrung Resonanz finden.

Auf dem im Herbst 2017 veröffentlichten Album ist ein Lied enthalten, das den Titel Der Waise Asiens (亚细亚的孤儿) trägt: „Nicht vor 70 Jahren / Nicht vor 30 Jahren / Nicht heute / Nicht Tag und Nacht / Der Waise Asiens / ist nicht Tag und nicht Nacht …” Aus den vielen Jahren rasanter Veränderungen in Peking hat sich Yan Yulong seine Inspirationen geholt. Um auf den Begriff des Waisen zu kommen: „Vom elementarsten Blickwinkel aus betrachtet, meine ich damit das Land, und dann, dass China als ein asiatischer Waise gelten kann. Vielleicht hat jeder Mensch Gründe zu glauben, der asiatische Waise zu sein. Aus meiner eigenen Perspektive sind das die Dinge, die ich in Peking erlebt habe, sowie einige Erfahrungen von meinen Tourneen im Ausland. … Geschichte ist immer ein Kreislauf. Man kann entdecken, dass viele Dinge vor 70 Jahren fast dieselben waren wie vor 30 Jahren, und dass manche Dinge für alle Zeiten unveränderbar sind.”

Die Liedtexte haben Peking keineswegs direkt zum Thema, doch spiegeln sie in einem gewissen Grad das wieder, was die Musiker in Peking empfunden und persönlich erfahren haben. Auch sind in ihnen die Einflüsse verborgen, welche die Politik und die veränderten Zeiten auf den Einzelnen ausüben. Peking ist eine Stadt, die sich in einem unaufhörlichen Wandel befindet. „Zusammenfassend gesagt meine ich, dass dieser fließende Zustand vielleicht sowohl etwas Offenes als auch etwas Grausames hat.„ Peking kann den Menschen, die dort verkehren, auch ihre Energien entziehen. „Der Zustand, in dem sich manche Leute befinden, wenn sie dort ankommen, ist ein ganz anderer als der, in dem sie die Stadt wieder verlassen, was natürlich eine Folge der gewaltigen Fluktuation ist. Und vielleicht auch, weil dort alle nach irgendetwas streben.”

Jedermanns „Peking-Zeit”

Das zweite Mal, dass ich Chuiwan vor Ort hörte, war Anfang November im Film-Archiv. Auf eine Einladung zum Festival des Deutschen Films begleitete die Band dort live den Stummfilm Varieté. Ihre Musik verschmolz perfekt mit den Bildern und der Handlung, so als wäre es die Originalmusik des Films.

Das Interview mit Liu Xinyu, der von Tongzhou aus nach Haidian gekommen war, führte ich nach dieser Aufführung. Ohne Unterbrechung wohnt er schon seit einigen Jahren in der Stadt. Wegen der in die Höhe schießenden Mietpreise ist er gerade nach Tongzhou zurückgezogen, ein Viertel in der Nähe der U-Bahn-Linie 6. --- „Nach meinem 18. Lebensjahr habe ich nicht mehr mit den Eltern zusammengelebt.” Zum selben Preis, sagt er, kann man in Tongzhou ein wenig geräumiger wohnen, dafür muss man größere Entfernungen im Verkehr in Kauf nehmen. Als Chui Wan 2015 mit ihrem zweiten Album auf Konzertreise gingen, kündigte er seine Stelle bei der U-Bahn und begann nach Tätigkeiten Ausschau zu halten, die mit Musik zu tun haben. Seit fast einem Jahr hat er nun einen Nebenjob bei Douban Music.

Yan Yulong hat am längsten an zwei Orten gewohnt. Der eine ist das Studentenviertel Wudaokou, der andere Xinjiekou im Nordwesten der Pekinger Altstadt, wo er sechs, sieben Jahre blieb. Die Veränderungen in Peking, sagt er, vollziehen sich sehr schnell. Die Geschwindigkeit betrifft nicht nur das Leben und den Rhythmus, sondern auch die Stadt selbst verändert sich rasant. „Ich denke wirklich, dass nur ein kleiner Teil der Menschen mit solchen Veränderungen vollkommen Schritt halten kann.“ Zum Beispiel hätten in den Hutongs alle Friseurgeschäfte und Lottobuden, die Blumenlädchen und dann auch noch die kleinen Supermärkte dicht gemacht, wodurch die Betreiber in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten seien. Vielleicht seien die Auswirkungen auf den Grad der Lebensbequemlichkeit nur gering, aber vom Gefühl her sei es nicht mehr so angenehm. „Denn wenn man jetzt etwas kaufen möchte, muss man mit dem Verkäufer durch ein unnachgiebiges Eisengatter hindurch kommunizieren. Das fühlt sich an, als werde man voneinander getrennt und jeder befände sich in seinem eigenen Gefängnis. ”

Wu Qiong dagegen betreibt nach den Proben einen Internetshop, in dem sie Second-Hand-Kleidung und Designermode verkauft. Doch wegen der letzten Konzertreisen hat sie sich ein, zwei Monate lang auch nicht mehr darum gekümmert. Auf grundlegende Musiktheorie beschränke sie sich längst nicht mehr. Jetzt würde sie ihre Aufmerksamkeit darauf richten, „dass alle zusammen am Schaffensprozess beteiligt sind, wenn die Band Musik macht.” Auf dem neuen Album gibt es ein Lied, dessen Text von ihr stammt: Der Schatten der Schafe (羊的影子).

Um auf Li Zichao zu kommen: „Ich klebe schon so lange in Peking fest, dass ich wohl glaube, hier gäbe es alles was man sich wünschen kann. Mit Shanghai muss es auch so sein, aber dorthin fahre ich ziemlich selten.” Er hat einen Bekannten, der ebenfalls Musik macht. Beide haben sich zusammengeschlossen und betreibenin der Nähe der Beiluogu-Gasse gemeinsam eine kleine Kneipe namens SOS und diese ganz nach ihren Vorstellungen dekoriert. Die Kneipe lief drei, vier Jahre lang bis Li Zichao vor über einem Jahr Teilhaber wurde. Jetzt ist er entweder mit der Band oder der Kneipe beschäftigt. In die Kneipe kommen mehrheitlich junge Leute. „Das sind alles Freunde, alle kennen sich. So ein Ort sollte auch nicht allzu viele gewöhnliche Kunden anziehen.“

Die Band hat jede Woche feste Proben zu denen alle Mitglieder aus verschiedenen Ecken der Stadt erscheinen. Das bevorzugte Augenmerk auf die Instrumente im ersten Album hat sich zu einer Gleichgewichtung von Liedtexten und Instrumenten entwickelt. Und was die Bezeichnung Psychedelic Rock betrifft, so ist sie nach Yan Yulongs Ansicht eher eine Beschreibung als eine Definition. Die Band versucht auch mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten. Das Cover und die Plakate für das jüngste Album basieren auf der Installation Süßigkeiten (甜点) des Künstlers Li Gang (李钢). Das Musikvideo Der Waise Asiens entstand dagegen in Kooperation mit der Videokünstlerin Fang Lu (方璐).

Zur Tradition der Rockmusik in Peking meint Yan Yulong, dass die Kontakte zwischen den einzelnen Bands seit 2005 durchgehend eng seien. „Hätte es die Bands vor uns nicht gegeben, dann wäre auch unsere Musikrichtung nie entstanden. Sie haben ein Umfeld geschaffen, in dem auch wir wachsen konnten.”

In der Tat.

Dieser Artikel ist dort entstanden, wo sein Autor wohnt: im Pekinger Kunstdistrikt Caochangdi. Gerade wird dort ein von Koreanern aufgebauter Kindergarten zum Umzug gezwungen und einige Mietwohnkomplexe und von Künstlern angemietete Studios bekommen eine Räumungsfrist gesetzt.

Zu diesem frostigen und ereignisreichen Zeitpunkt in Peking ende ich mit einem Lied von Chui Wan – Ein Auge geschlossen (闭一只眼):

Die Wörter sind austauschbar
Lass sie austauschbar sein
Wenn ein Satz der Sekundenbruchteil eines anderen Satzes ist
so wie ein Zeichen das Fragment eines Wortes
dann können die Augen vielleicht noch etwas deutlicher hören als die Ohren
Vielleicht ist es besser zu schweigen statt ein Gespräch zu führen