Fokus: Generationen Generation „Cut-Out“

Jin Haihua mit seinem Sohn Yuan Bao im Atelier.
Jin Haihua mit seinem Sohn Yuan Bao im Atelier. | © Jin Haihua

Cut-out-Tonträger, von der Musikindustrie ausrangierte CDs mit eingesägtem Jewel Case, haben Jin Haihua (金海桦) einst das Tor zur westlichen Musikwelt geöffnet. Dass er bis heute CDs sammelt, hat vor allem mit einem gewissen Nachholbedürfnis zu tun: „Wenn mir früher Musik gefiel, war sie entweder nicht erhältlich, man konnte sie sich nicht leisten oder es gab sie nur auf Kassette. All die verpassten CDs möchte ich mir nun nach und nach aneignen.“

Wenn Jin Haihua morgens um acht in sein Atelier kommt, führt sein Weg als erstes zu dem CD-Player, der auf einem Nähtisch am Fenster steht. Je nach persönlicher Stimmung legt er Musik auf, fotografiert das CD-Cover mit seinem Smartphone ab und schickt es an seinen Freundeskreis. So wie jeden Tag die Sonne aufgeht, ist das zu seinem täglichen Ritual geworden. Es ist ein Moment, den er sich ganz für die Musik nimmt und gleichzeitig der Beginn seines Arbeitstags.

Neben den sich zu Türmen stapelnden CDs steht ein schwarzer Lautsprecher. Auf ihm liegt die Single Hill (山丘) von Jonathan Lee (李宗盛). Wegen seiner Kurzhaarfrisur, dem gestutzten Bart und dem blauen Brillengestell behaupten viele Leute Jin Haihua besitze eine gewisse Ähnlichkeit mit dem taiwanischen Songwriter. Und auch Jin Haihua bezieht sich gerne selbstironisch auf einen Titel von Jonathan Lee: „Die Jugend kann ich nicht festhalten, da mache ich lieber freiwillig auf Onkel.“

Geschredderte CDs

Jin Haihua ist Sattler von Beruf. Dass er jedoch in den letzten beiden Jahren von allen mit „Meister“ angeredet wird, ist ihm eher unangenehm. Sein Atelier heißt in Anlehnung an seinen Nachnamen „Jin-zao - Gold-Werk“ (金造). Und weil Jin zudem ein ausgezeichneter Koch ist, hat er der Küche in seinem Zuhause einen ähnlichen Namen verpasst: „Jin-zao – Gold-Ofen“ (金灶). Bevor er den Sattlerberuf ergriff, hatte Jin Haihua in einer Grundschule drei Jahre lang Kunst unterrichtet. Nachdem er an der Schule gekündigt hatte, arbeitete er in einem Musikbuchladen und später war er sogar eine Weile sogar in der Beauty-Branche tätig. Was ihn aber trotz aller Jobwechsel immer begleitet hat, waren seine alten Tonträger. Er selbst bezeichnet sich gerne als einen „Cut-Out-Dinosaurier“: „Unsere Generation hängt irgendwie an den geschredderten CDs.“

Die geschredderten CDs waren eigentlich Abfall aus dem Westen. Nachdem ausländische Plattenfirmen Tonträger aus unverkäuflichen Lagerbeständen durch eine Lochung oder einen Sägeschnitt unbrauchbar gemacht hatte, kamen die CDs als Kunststoffmüll über verschiedene Wege nach China. Eben diese gebrandmarkten Plastikteile sollten zur musikalischen Erweckung der chinesischen Jugend beitragen. Dabei fiel die Adoleszenz des 1978 geborenen Jin Haihua genau ins goldene Zeitalter der Cut-Out-CDs.

Am 19. Juli 2017 erklärte Guo Jing (郭敬), Chef der Abteilung für internationale Zusammenarbeit des chinesischen Umweltschutzministeriums, China werde noch vor Jahresende 2017 den Import von 24 feststofflichen Abfallarten aus den vier Bereichen Altkunststoffe, unsortiertes Altpapier, Textilabfälle und Vanadium-Schlacken verbieten. Darunter fallen natürlich auch geschredderte CDs. Für Jin Haihua bedeutet diese Entscheidung das Ende der Generation-Cut-Out.

Von der Shaoxing-Oper auf Kassette bis zur Rockscheibe

Einmal hatte Jin Haihua mitbekommen, wie sein Schwiegervater eine alte Kassette hörte, eine Aufnahme aus der Reihe Urkomische Shaoxing-Opern (滑稽越剧哈哈笑), bei denen im Xiaoshan-Dialekt Familientratsch besungen wird. Das weckte Erinnerungen bei Jin Haihua, hatte doch auch sein Vater diese Opern gerne gehört: „Sie besitzen einfach Unterhaltungswert, vieles kann ich auswendig mitsingen“.

Als er ein Kind war, hatte ein Onkel seinen Eltern einen Kassettenrekorder geschenkt. Damals hörten sie sich die Shaoxing-Opern im Kreis der Familie an, beispielsweise Junggeselle Wang raubt eine Braut (王老五抢亲). Sein persönliches Lieblingsstück war Der blutige Handabdruck (血手印), bei dem es um einen Justizirrtum ging. „Ich höre mir das heute noch gerne an. Diese Opern sind wirklich eine tolle Sache. Das liegt zum einen an den instrumentalen Partien und zum anderen an den in humoristischem Singsang vorgetragenen Gesangsstücken.“

Ein anderes Album, das ihm aus seiner Jugendzeit lebhaft in Erinnerung geblieben ist, ist das Anfang der neunziger Jahre anlässlich von Maos hundertstem Geburtstag erschienene Album Die Rote Sonne – Oden an Mao Zedeong. Songs im neuen Beat (红太阳——毛泽东颂歌新节奏联唱). Auf der Platte war die rotchinesische Sängergarde der damaligen Zeit versammelt, darunter Li Lingya (李玲玉), Tu Honggang (屠洪刚), Sun Guoqing (孙国庆) und Jing Gangshan (景岗山). Jahre später stieß Jin Haihua in einem Klamottenladen zufällig auf die CD und erwarb sie für zehn Yuan: „Das war wirklich ein historisches Erinnerungsstück.“

Nach Beginn der Reform- und Öffnungspolitik suchte sich seine ältere Cousine einen Job in der Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Über sie hörte Jin Haihua erstmals Musik von den taiwanischen Sängerinnen Long Piao-piao (龙飘飘) und Fong Fei-fei (凤飞飞) sowie den Hongkonger Discobeat Mastermix (猛士系列). Im ersten Jahr der Mittelschule, er besuchte die Hanggang Middle School in Hangzhou (杭钢中学), hörte er bei seinem Cousin, der ein Fan war, den Hongkonger Cantosänger Alan Tam (谭咏麟). 1992 lernte er bereits den Cantopop der Gruppe Tat Ming Pair (达明一派) kennen. Zudem hatte er seit Kindertagen einen Freund aus wohlhabender Familie, der sich regelmäßig Kassetten kaufte. Durch ihn kam er mit der Hongkonger Rockband Beyond, der Festland-Metalband Tang Dynasty (唐朝), dem Pekinger Rockmusik-Sampler China Fire (中国火) und mit Cui Jian (崔健) in Berührung. Damit war seine musikalische Aufklärungsphase im Prinzip abgeschlossen. Während seine Mitschüler gerade erst anfingen sich für den Hongkonger Schlagersänger Andy Lau (刘德华) und den Taiwan-Pop von The Little Tigers (小虎队) zu begeistern, ließ ihn diese Art der Musik längst schon wieder kalt.

Als Jin Haihua 1994 die Mittelschule abgeschlossen hatte, brach gerade der Frühling der chinesischen Rockmusik an. Da er vorzeitig an der Pädagogischen Hochschule aufgenommen wurde, erhielt er von den Eltern eine Belohnung von fünfzig Yuan. Er fuhr damit in einen Plattenladen im Hangzhouer Stadtbezirk Xiaoshan (萧山) und kaufte sich die drei Alben der „Drei Stars von Magic Stone“ (魔岩三杰), einer chinesischen Plattenfirma, die als erste Rockmusik verlegte: Dou Wei (窦唯), He Yong (何勇) und Zhang Chu (张楚). Dazu Strong Choice (选择坚强) von der Band The Compass (指南针). Pro Platte zahlte er 9,80 Yuan. Somit hatte er bereits an die vierzig Yuan ausgegeben. Von dem restlichen Geld kaufte er sich zwei gefüllte Dampfbrötchen und fuhr nach ihrem Verzehr höchst zufrieden mit dem Bus nach Hause.

Später kam Jin Haihua (金海樺) mit den schwarz gehandelten Cut-Out-Tonträgern in Berührung. Dadurch öffnete sich ihm das Tor zur westlichen Musik. Dass er sich bis heute CDs kauft, hat vor allem mit einem gewissen Nachholbedürfnis zu tun: „Wenn mir früher Musik gefiel, hat man sie entweder gar nicht bekommen, sie sich nicht leisten können oder es gab sie nur auf Kassette. All die verpassten CDs möchte ich mir nun nach und nach aneignen.“

Die Poesie der Musik, Basketball und Guqin

Jin Haihuas Sohn Yuan Bao (元宝) ist dieses Jahr sechs Jahre alt geworden. Sobald er ins Atelier kommt, liegt er seinem Vater in den Ohren: „Lass mich heute eine Scheibe auflegen!“ Nachdem Jin Haihua wortlos zugestimmt hat, sucht Yuan Bao eine CD aus den Stapeln heraus und legt sie in den Player ein. Das Kind hat durchaus seinen eigenen Geschmack, mit Heavy Metal kann es zum Beispiel gar nichts anfangen, das ist ihm zu laut. Lieber legt Yuan Bao Stücke auf, die eine schöne Melodie haben.

Unter den CD-Bergen seines Vaters hat Yuan Bao vor allem ein Lieblingslied: Spring Song (春歌) von dem blinden Folksänger und Dichter Zhou Yunpeng (周云蓬). Darin heißt es: „Im Frühling hundert Blumen, im Herbst der Mond, im Sommer die frische Brise, im Winter Schnee; für den, der frei von Sorgen ist, bedeutet jede Jahreszeit das Glück auf Erden.“ Weil Zhou Yunpeng auf seinem Album The Cow and the Goat descent the Mountain (牛羊下山) zahlreiche Gedichte klassischer chinesischer Lyrik, darunter Du Fu (杜甫), neu vertont hat, hört auch Yuan Baos Mutter gerne mit und liest mit ihrem Sohn die Verse zur Musik.

Yuan Baos Mutter hat ursprünglich chinesische Literatur studiert und spielt seit vielen Jahren die chinesische Zither Guqin. Wenn sie übt, hört Yuan Bao zu. Dabei machte er ab und zu eine Bewegung, als würde er über imaginäre Seiten streichen. Manchmal nimmt ihn sein Vater auch zu einem Musikfestival oder einem kleineren Konzert mit, er hat sogar schon einmal selbst auf einer Bühne aufgelegt. Der Lieblingssong des sechsjährigen Yuan Bao ist momentan Practise Book for Youth (青春修炼手册) von der in China derzeit angesagten Teenie-Boygroup TFBoys. Schließlich ist das auch das Lied, das in der Schule beim Basketballtraining gespielt wird: „Follow my left hand, right hand and slow motion; right hand, left hand, slow motion repeat; if the song makes you happy, did you fall in love with me?“

Jin Haihua hofft, dass sein Sohn so auf ganz natürliche Weise eine musikalische Prägung und Erziehung mitbekommt. Mit einem Blick auf die Musiksammlung in seiner Wohnung meint er: „Das wird einmal alles ihm gehören. Doch wenn ihn das nicht interessieren sollte, kann ich auch nichts machen. Irgendwie werden meine Platten und das Bücherregal seiner Mutter schon dafür sorgen, dass aus meinem Sohn mal kein ganz schlechter Mensch wird.“

„Manche Dinge tut man einfach nur um ihrer selbst willen.“ Viele Bekanntschaften Jin Haihuas gehen auf seine Leidenschaft für die Cut-Out-CDs zurück. Einer seiner Freunde baut Pfeifen, ein anderer macht Keramik und manche sind zu Weinkennern geworden. „Wenn du dich mit interessanten Leuten umgibst, wird auch aus dir selbst kein Langweiler werden.“ Ich habe immer noch Spaß daran CDs zu hören und ich möchte die Musik in meinem Leben niemals missen.“

Jin Haihuas Top Ten

NO: The Missing Master (走失的主人)

„Das war das erste Album von Zuoxiao Zuzhou (左小诅咒), damals noch Mitglied der Gruppe NO. 1998 gab das unabhängige chinesische Plattenlabel Modern Sky (摩登天空) eine Zeitschrift heraus. Darin stand, dass man The Missing Master für 115 Yuan per Post bestellen konnte. Obwohl ich damals im Monat nur 700 Yuan verdiente, lief ich schnurstracks zur Post, um das Geld zu überweisen. Danach wartete ich Tag für Tag sehnsüchtig auf das Album.“

Lo Ta-yu (罗大佑): Zhi Hu Zhe Ye (之乎者也)
„Diese Platte habe ich, als ich schon einen Job hatte, für 138 Yuan in einem modernen Buchladen in Hangzhou erstanden. Ich bin praktisch beim Einkaufen darüber gestolpert. Ehrlich gesagt konnte ich mit Lo Ta-yu zu Beginn wenig anfangen. Ich kannte auch nur ein paar seiner Hits und sein Album Lover Comrade (爱人同志). Irgendwann einmal, ich war noch Student an der Pädagogischen Hochschule, hat mir Gu Yonghua (古永华) Zhi Hu Zhe Ye vorgespielt. Erst als ich die Platte von Anfang bis Ende durchhörte, wurde mir klar, wie genial das Album war. Es war kein einziges schlechtes Lied darunter. Als ich die Platte später dann im Laden liegen sah, warf ich meine Bedenken über Board, und griff zu.“
Jeremy Chang (张洪量): Kind of (有种)
„Als ich die Musik des taiwanischen Sängers zum ersten Mal hörte, besuchte ich erst die zweite Klasse der Mittelschule. Ein Klassenkamerad von mir hatte sich die Kassette gekauft. Es muss sich um eine unautorisierte Schwarzkopie gehandelt haben, denn es waren noch ein paar andere Lieder dazwischen. Die CD habe ich dann vor über zehn Jahren als gut erhaltenes Original im Internet gefunden. Was Jeremy Chang später gemacht hat, zum Beispiel Do you Know I am Waiting for you (你知道我在等你吗), ist alles Mainstream, aber dieses Album ist stark. In seiner erfolgreichen Zeit wurde Jeremy Chang einmal von einem Journalisten gefragt, ob er jemals mit dem Gedanken gespielt hätte, ein Album mit experimenteller Elektromusik aufzunehmen. Seine Antwort: „Das Spiel mit der Elektronik hat man mir schon in die Wiege gelegt.“
Grateful Dead: Live / Dead
„Ich liebe dieses Live-Album. Unter meinen frühen Cut-Out-CDs ist das eine der besten. Insbesondere das erste Stück das beinahe 23 Minuten lang ist. Es gibt einen Einschnitt in der CD-Hülle, aber die CD ist unbeschädigt, ein seltener Glücksfall.“
Natural Born Killers, Originalsoundtrack
„Das ist meine Lieblings-Filmmusik. Als ich den Film zum ersten Mal sah, war ich zutiefst beeindruckt. So konnte man also auch Filme machen! Doch das Album habe ich schon gehört, als ich den Film noch gar nicht kannte. Der Soundtrack wurde von Trent Reznor, dem Ideengeber von Nine Inch Nails zusammengestellt. Außerdem habe ich mit der Platte Leonard Cohen kennengelernt, das erste Stück auf dem Album ist von ihm.“
Nick Cave & The Bad Seeds: The Boatman's Call
„Dieses Album lege ich mir öfter auf, das kann man sich immer wieder anhören, es ist einfach gelungen. Nick Cave gehört für mich zu den ganz großen Künstlern. Es ist unglaublich, er schreibt Songs, komponiert Filmmusik, schreibt Bücher, malt und arbeitet mit Installationen – ein verdammtes Genie.“
Tan Dun (谭盾): Ghost Opera (鬼戏)
„Die Musik auf dem Album wurde von Tan Dun komponiert und vom Kronos Quartett eingespielt. Sie haben in China sogar einmal ein Konzert gegeben. Um das zu hören bin ich damals extra nach Shanghai gefahren. Sie hatten viele Requisiten mitgebracht, beispielsweise gab es große durchsichtige Wasserbecken mit denen spezielle Geräuscheffekte aus menschlicher Stimme und dem Klang des Wassers erzeugt wurden.“
AC/DC: The Razors Edge
„Diese CD ist so etwas wie mein Aufklärungsmaterial in Sachen Heavy Metal. Erst hatte ich mir nur die Kassette gekauft, die CD kam später in meine Sammlung. Das war damals eine echte Investition von achtzig bis neunzig Yuan. Die CD wurde von dem Bohrer nämlich nicht beschädigt und so ist dies auch eine Rarität unter den Cut-Out-CDs. Es ist so wie mein Freund Li Jianhong (李剑鸿) einmal sagte: Auch heute bekommt man beim Anhören noch weiche Knie.“
Zhou Yunpeng (周云蓬): The Cow and the Goat descent the Mountain (牛羊下山)
„Dies ist meine liebste Scheibe von Zhou Yunpeng. Sein Album Chinese Children (中国孩子) mag realistischer und kritischer sein, aber diese Platte ist in ihrem Grundton einfach zutiefst menschlich, zum Beispiele die Stücke Moon over Mountainpass (关山月) oder Three Songs of Du Fu (杜甫三章); auch Dump Love (不会说话的爱情) ist ein echter Klassiker. Ich höre mir dieses Album immer wieder an. Und es gefällt sogar meiner Frau, die ansonsten wenig für solche Musik übrig hat.“
Bobby Chen (陈昇): Diese oder jene Leute (这些人,那些人)
„Auch dieses Album mag ich sehr gern. Für mich hat der Taiwaner Bobby Chen mit dieser Musik zu seinem Stil gefunden, es war sozusagen sein musikalischer Durchbruch. Auch das Cover zu dem Album ist ziemlich originell. Bobby Chen singt nicht einfach nur Lieder, er will ein Gefühl zum Ausdruck bringen. Er ist einfach sehr expressiv.“