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Gaokao-Geschichte
Die Null-Punkte-Rebellion

Xu Mengnan
© Xu Mengnan

Xu Mengnan ist 28 und will im nächsten Jahr an der Zulassungsprüfung zur Universität teilnehmen – zum zweiten Mal. Die Prüfung heißt auf Chinesisch Gaokao, jedes Jahr im Sommer schließen damit ein paar Millionen chinesische Schüler im ganzen Land ihre Oberstufe ab. Als Xu im Sommer vor neun Jahren zum ersten Mal daran teilnahm, hatte er ein ungewöhnliches Ziel – er wollte mit null Punkten durch die Prüfung rasseln.

Xu, damals Schüler an der Oberschule Nr. 2 der Stadt Bozhou in Anhui, schrieb ausgedachte mathematische Formeln und Diagramme auf den Prüfungsbogen – und seine „Zehn Anklagepunkte gegen das Bildungsregime”. Er schrieb auf, wie Bildung idealerweise funktionieren sollte, hinterließ seine Prüflingsnummer, die Adresse zu seiner privaten Internetseite und ein Pseudonym. Xu erinnert sich noch, wie er dabei die ganze Zeit die Prüfungsaufsicht beobachtet hat, weil er nicht gestört werden wollte. Bei der Abgabe ist sein Herz vor Nervosität fast explodiert, erzählt er.

Heute würde er gerne auf eine Berufsschule in Anhui und ist zuversichtlich: „Die Grundlagen sind auf alle Fälle noch da.” Ein Studium an einer Universität kommt für ihn nicht in Frage, dafür habe er einfach keine Zeit, zu viel Angst vor finanziellen Verlusten.

Für seinen zweiten Gaokao muss er zurück in die Heimat und sich registrieren, dafür hat Xu extra drei Tage von seinem Jahresurlaub verbraucht. Für einen Arbeiter wie Xu, der oft auch samstags und sonntags arbeiten muss, sind die wenigen frei wählbaren Urlaubstage äußerst kostbar.

Xu arbeitet in der Stadt Cixi in Zhejiang in einer Fabrik für Motorenteile und ist dort für einen bestimmten Produktionsschritt zuständig. Um 8 Uhr morgens fängt sein Arbeitstag an, er muss dann mehr als zehn Stunden arbeiten, manchmal hat er auch Nachtschicht. Bei der Arbeit sitzt er die ganze Zeit an einem Tisch, nimmt ein Bauteil in die eine Hand, mit der anderen drückt er dann ein Formteil aus Gummi an. Diese Handbewegung wiederholt er täglich 4000 Mal. Manchmal pausiert er kurz, um mangelhafte Bauteile auszusortieren. Bei der Herstellung von Maschinenbauteilen, mit denen Millionen verdient werden, spielt er nur eine kleine Rolle.

Genau wie er damals mit dem normalen Bildungsweg gebrochen hat, will er heute weg von der Produktionslinie, sich nochmal neu orientieren.

Im Internet sprechen viele, die davon mitbekommen habe, von einem Happy End, von einem Schlag ins Gesicht aller, die das Bildungssystem für nutzlos halten. Ein Reporter gratuliert ihm am Telefon: „Das ist super!”

Für Xu sind das Seitenhiebe, die er nicht akzeptieren kann: „Das hört sich ja so an, als wäre ich damals nicht auf dem rechten Weg gewesen, ich ihn jetzt aber gefunden hätte?!”

Mit null Punkten durch den Gaokao rasseln, das entschied Xu nicht von heute auf morgen, der Entschluss reifte über drei Jahre langsam heran. Xu, mit seinem dunklen Teint und seiner schmalen Statur, sei ein schweigsamer Schüler gewesen, scheinbar nie so richtig wach, im Klassenzimmer kaum zu sehen in der letzten Reihe. Sein damaliger Klassenlehrer meint, „er war kein merkwürdiger Schüler, er war auch kein ungezogener Schüler”. Er habe sich einfach nicht genug für den Stoff interessiert. Der Klassenlehrer mutmaßt, dass Xu die Zeit mit Computerspielen verschwendet hat. Wie viele andere Jungs in seiner Klasse hing Xu damals tatsächlich viel in Internetcafés unweit der Schule rum, musste abends oft von dort abhauen, wenn die Lehrer kamen, um die Jungs zurück in die Schule zu holen.

Aber Xu hat eigentlich gar keine Computerspiele gespielt. In den Internetcafés, wo nie Ruhe herrschte, es permanent nach Zigaretten und Instant-Nudeln stank, verbrachte Xu seine Zeit mit Lesen. Damals wurden Blogs und Foren gerade unheimlich populär, für den Schüler aus dem ländlichen Anhui war das eine Zeit geistiger Erneuerung. Er hatte ein neues Vorbild: Han Han, dessen Blog im Jahr 2007 die Grenze von 100 Millionen Klicks durchbrach. Unter dem Einfluss der Blogs und Foren fing Xu an sich Gedanken über das Bildungssystem zu machen, er wurde immer wütender, hatte das Gefühl, betrogen worden zu sein.

Das war in der Zeit, als ganz China über bekannte Blogger wie Han Han oder Jiang Fangzhou diskutiert hat. 2007 nahmen 80.000 Menschen an einem Essaywettbewerb teil, bei dem man Zugang zur Uni gewinnen konnte. So viele Leute hatten sich vorher noch nie für den Wettbewerb angemeldet.

Unter dem Einfluss der Blogs und Foren fing Xu an sich Gedanken über das Bildungssystem zu machen, er wurde immer wütender, hatte das Gefühl, betrogen worden zu sein.

Dieser Trend ließ Xu auch nicht kalt, in drei Jahren Oberschule schrieb er regelmäßig Tagebuch, insgesamt über 300.000 Schriftzeichen. Die Auseinandersetzung mit dem Bildungssystem wurde fester Teil seines Lebens.

Xu hat noch drei andere Geschwister, er war eigentlich Hoffnungsträger in seiner Familie, sollte in die Schule, damit es ihm einmal bessergeht und er für die Eltern sorgen kann. Man kennt ihn im Dorf und ist dort überzeugt, dass man durch Bildung das eigene Schicksal in die Hand nehmen kann. Im Dorf gibt es nicht wenige, die als Sekundarschüler oder sogar Grundschüler schon arbeiten und Geld verdienen müssen, Xu sollte einen anderen Weg gehen.

Mit zwei guten Freuden — Li Meng und Zhang Ke (Namen geändert) — hatte er ein paar goldene Jahre in der Sekundarschule. Die drei gehörten immer zu den Klassenbesten. Schule war alles für sie, sie spornten sich gegenseitig an, halfen sich, liehen sich untereinander Stifte aus, unterhielten sich über den Stoff. Das sei eine gute Zeit gewesen. Man hat sich damals über vieles einfach nicht so viele Gedanken gemacht wie später, erinnert sich Xu.

Irgendwann später wechselte Li Meng auf eine Schule nach Xinjiang, Zhang Ke kam nach bestandener Aufnahmeprüfung für die Oberschule Nr. 2 in eine andere Klasse. Im ersten Jahr an der der Oberschule verlor Xu sich dann immer mehr im Internet.

In seinem Blog hielt Xu die Überschriften seiner Tagebucheinträge aus drei Jahren Oberstufe fest, insgesamt 1500. 120 Mal schwor er sich in der Schule weiter durchzubeißen, 61 Mal sah er keine Bedeutung mehr und stellte alles wieder in Frage. Heute könne er sich nicht mehr erinnern, wie es damals zu Einträgen wie „Will wirklich nicht mehr leben!” oder „Will das Hackmesser ausprobieren!” kam.

Xu überkam damals ein Gefühl von großer Verantwortung. Er hatte sich etwas zum Ziel gesetzt, das größer war als er selbst: Die Reform des Bildungssystems. Er wollte sein wie Don Quijote, nicht länger einfach nur still zusehen.

Der Schüler mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt in der Schule hatte nie was von Cervantes gelesen, nur eine Verfilmung gesehen mit dem alten Mann, der in einer Windmühle das Böse zu sehen glaubt. Neun Jahre später gibt Xu zu, dass seine Rebellion gegen das Bildungssystem eher theoretischer Natur gewesen sei. Er habe zum Beispiel nie zu denen gehört, die ihrer Grundrechte beraubt wirklich dem System den Kampf ansagen mussten. Vielmehr sei er privilegiert genug gewesen, um sich kritisch mit dem System auseinandersetzen zu können. Für ihn war die Sache damals eindeutig: Das System war voller Fehler und er nicht.

In seinen Texten von damals geht es immer wieder um „Bildungskonzepte”. Einmal hat er versucht an einem dubiosen Essaywettbewerb teilzunehmen, aber die eingereichten Texte sind spurlos verschwunden und Xu ist fast um seine Teilnahmegebühr betrogen worden. Einen Brief an das Bildungsministerium hat er auch schon geschrieben, ohne Antwort. In der Bibliothek ist er dann schließlich auf einen Bericht über die Schülerin Jiang Duoduo gestoßen, die 2006 am Gaokao teilgenommen hatte. Das Mädchen aus Henan hatte auf dem Prüfungsbogen einen 8000 Schriftzeichen langen Aufsatz geschrieben, in dem sie das Bildungssystem kritisiert, und war damit durch die Prüfung gerasselt – mit null Punkten.

So sei Xu damals klargeworden, dass der Gaokao also auch als Sprachrohr für Kritik genutzt werden könne. Eine Woche vor der Prüfung nahm er noch Änderungen an seinen „Bildungskonzepten” und „Reformplänen für das Bildungssystem” vor, die er in seiner Zeit als Oberschüler geschrieben hatte, und fasste endgültig den Entschluss, seinen Gaokao-Prüfungsbogen für ein Manifest zu nutzen.

Neun Jahre später ist Xu immer noch überzeugt. Als er sich zum zweiten Mal für die Prüfung anmeldete, sah er in der Bildungsbehörde seiner Heimatstadt Werbung für das Pilotprojekt „Neuer Gaokao für Zhejiang und Shanghai 2017”. Das Pilotprojekt ähnelt in vielen Punkten seinen damals selbst ausgearbeiteten Reformplänen, erzählt er.

Daraufhin kontaktierte Xu die Medien, erzählte seine Geschichte vom zweiten Anlauf und nutzte die Gelegenheit, um seine damaligen Reformpläne publik zu machen.

„Ich will alle wissen lassen, dass ich damals recht hatte.” Er schließt einen Moment die Augen und fügt hinzu: „Hoffentlich kriege ich dafür wenigstens jetzt etwas Bestätigung.”

Der sonst eher schüchterne Schüler wollte auch damals schon öffentliche Anerkennung. Als er sich entschied mit null Punkten durch den Gaokao zu rasseln, hing er in der Nähe der Schule überall Flugblätter auf, um die Öffentlichkeit von seinen Plänen wissen zu lassen. Als er am nächsten Tag zurückkam, waren seine Flugblätter entweder mit Werbung für Nachhilfe überklebt oder lagen auf dem von nervösen Eltern gesäumten Bürgersteig.

Sein Plan ging nicht ganz auf, Xu bekam für seinen Gaokao nicht null, sondern über 100 Punkte, was ihm lange Zeit keine Ruhe ließ. Niemand sprach ihn an, er war nicht mehr als eine gewöhnliche Abweichung von der Norm, hatte einfach nicht genug Punkte für den Hochschulzugang geschafft. Deswegen fing Xu an seinen „Selbstmord” zu planen. Nach gründlicher Überlegung entschloss er sich dazu, am Ufer des Flusses in seiner Heimatstadt seine Kleidung zu platzieren, um den Eindruck von Selbstmord zu erzeugen und so die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu ziehen.

Damit alles funktioniert, musste sich Xu drei Tage lang verstecken. Er wollte nicht gesehen werden, aber konnte es nicht lassen sich unsichtbar beim Instant-Messenger QQ einzuloggen. Sein hell leuchtender Bildschirm machte ihn aber so nervös, dass er sofort wieder offline ging. Er hatte keine Wechselklamotten dabei, schlief auf einer Baustelle, benutzte ein kaputtes Werbebanner als Decke. Die Nächte im Sommer waren brütend heiß, Mücken hatten es auf sein Ohr abgesehen und Xu verbrachte die Zeit damit die Sterne zu beobachten, weil er kaum Schlaf fand.

Niemand sprach ihn an, er war nicht mehr als eine gewöhnliche Abweichung von der Norm, hatte einfach nicht genug Punkte für den Hochschulzugang geschafft.

Die Öffentlichkeit interessierte sein Verschwinden allerdings wenig. Seine Klamotten am Flussufer hatte einfach jemand mitgenommen. Abgeschlagen kehrte Xu irgendwann wieder nach Hause zurück.

Er rief schließlich alle Nachrichtenagenturen an, die ihm einfielen, und gab sich als „Enthüller” aus. Eine Geschichte hatte er sich sorgfältig zurechtgelegt. Er sei ein Schulkollege von einem gewissen Xu Mengnan, der 300 Punkte beim Gaokao erzielt habe, aber gar nicht zur Uni gehen, sondern direkt Geld verdienen wolle.

Er zog nur kurz die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich, als „Null-Punkte-Prüfling” war er in den Medien, trat in zwei Fernsehsendungen auf und wurde wiederholt in Zeitungen erwähnt. Als der Sommer schließlich vorbei war, machte sich der 19-jährige dann mit seinen Eltern im Zug nach Shanghai auf und für ihn fing der Alltag als Wanderarbeiter an.

„Immer kommt es mir so vor, als wären die drei Jahre Oberschule noch länger gewesen als die neun Jahre danach”, erzählt Xu. 

Wenn er die Arbeit wechseln will, achtet er immer genau auf die Anforderungsprofile. Wenn mehr als ein Oberschulabschluss gefordert ist, dann bewirbt er sich nicht. Er kann so nur vergleichsweise einfacher Arbeit nachgehen. „Das ist ziemlich anstrengend, manchmal habe ich monatelang keinen Tag frei, wenn ich mir freinehme, wird Lohn abgezogen.”

Im ersten Jahr als Wanderarbeiter hat er noch etwas verändern wollen und oft lautstark über die Zustände geklagt. Seit er in der Fabrik in Cixi arbeitet, wird Xu immer ruhiger.

Sein Bezirk ist unheimlich klein, vom östlichen zum westlichen Rand sind es zu Fuß nur 15 Minuten. Zuhause hat der 28-jährige weniger als 20 Quadratmeter Platz, in seinem Zimmer stehen nur Kleiderschrank, Schreibtisch und Bett.

Früh morgens verlässt Xu das Haus, spät abends kommt er nach Hause. Er raucht nicht, trinkt nicht, spielt auch keine Spiele. Freunde habe er nicht, manchmal schaue er zur Unterhaltung Soaps auf seinem Handy. Er sei nun nicht mehr so schüchtern wie früher, während der Nachtschicht könne er zwanglos mit seinen Kollegen scherzen.

Tagebuch hat er schon lange nicht mehr geschrieben, das letzte Mal in Shanghai. Er umwarb damals eine Kollegin aus Sichuan, die auch bei ihm in der Fabrik arbeitete, blieb aber erfolglos. Xu meint, die Sache mit der Frau sei die zweite mutige Aktion in seinem Leben gewesen, die erste war die Sache mit dem Gaokao.

Eigentlich spricht Xu nicht über seine Gefühle, aber einmal hat ihn die Kollegin beim Vorbeigehen an der Werkstatt angelächelt, erzählt er.

Er scheint sich an Zufällen wie diesem festzuklammern. Die Schulzeit und die von ihm verfassten „Reformpläne” sind schon lange passé, aber er erinnert sich noch immer, wie ihn beim Morgenappell mal ein Lehrer angelächelt und ihm zugenickt hat – „sehr nett von ihm”.

Er schreibt heute noch, allerdings im Internet. Im Jahr 2015 fing er an Clickbait zu verfassen und damit ein bisschen Geld zu verdienen. Dabei geht es immer um die gleichen Sachen, vermeintliche Schlankheitstricks, angebliche Sensationsfotos, betrogene Frauen, die sich mit den Geliebten des Ehemannes prügeln. Er schreibt dann noch den Namen eines weiblichen Stars dazu, fügt ein passendes Bild ein und kann so ganz schnell Klicks abfischen. Wenn es gut läuft, kann man so pro Monat ein paar Tausend Yuan verdienen.

Mit den Plattformen, die ihn als Jugendlichen rebellisch gemacht haben, verdient er heute Geld. Er hatte auch mal einen Online-Shop bei Taobao, half anderen beim Einkaufen.

Bei der Hochzeit von Zhang Ke treffen die drei Freunde wieder aufeinander. Zhang Ke ist mittlerweile Lehrer, er bildet sich weiter und nimmt noch heute an Prüfungen teil. Li Meng hat geheiratet, sie wohnt in Xinjiang und arbeitet im öffentlichen Dienst.

So ein Leben hätte Xu auch haben können, seinen beiden Freunden tut er deswegen ein bisschen leid, aber ihm scheint das nichts auszumachen. Er interessiere sich nicht für materielle Dinge, Autos und Wohnungen seien ihm egal. Ihn bewegen wichtigere Dinge. Seit er klein ist, habe er eben Großes vor. Xu möchte, dass man sich an ihn erinnert, zum Beispiel für seine Gaokao-Aktion. Mit welcher Aktion er als nächstes auf sich aufmerksam machen wolle, wisse er aber noch nicht.

Er möchte nicht als Normalo durchgehen, aber er habe mittlerweile erkannt, dass er fürs Schreiben nicht gut genug sei. „Eigentlich fehlt mir das literarische Talent, ich bin kein Han Han.”

So ein Leben hätte Xu auch haben können, seinen beiden Freunden tut er deswegen ein bisschen leid, aber ihm scheint das nichts auszumachen.

Xu hat das Gefühl, sich selbst ein Studentenleben schuldig zu sein, will das jetzt „nachholen”. Dafür muss er nochmal den Gaokao machen.

Etwas mit Medien möchte er machen, mit einer systematischen Ausbildung kann er sein Schreiben vielleicht verbessern, hofft Xu.

Dafür lernt Xu jetzt wieder die Sachen, die er früher für unnütz gehalten hat. Jeden Tag nimmt er zwei Seiten mit Vokabeln zur Arbeit, mit einer App hört er sich aufgenommene Unterrichtsstunden zu klassischem Chinesisch an. Der Lehrer ist besonders unterhaltsam und wenn Xu hört, wie er die Schüler zum Lachen bringt, muss er manchmal selbst lachen, ganz so als wäre er selbst im Klassenraum.

Wie bei seinem ersten Anlauf hat Xu seinen Eltern auch diesmal nichts von seinen Plänen erzählt. Diesmal will er ihnen aber eine angenehme Überraschung bereiten.

In dem Sommer damals erreichte das Verhältnis zu seinem Vater einen eisigen Tiefpunkt. Für den Mann, der nie eine Oberschule von innen gesehen hatte, blieb die Entscheidung seines Sohnes immer ein Mysterium, er war enttäuscht über die nicht bestandene Prüfung. Als die Medien damals schrieben, „Schüler fordert Bildungssystem heraus”, rastete der Vater aus, bezeichnete die Aktion als „Verbrechen”. In den Jahren danach hatte er nur über Li Meng Kontakt zu seinem Sohn. Irgendwann akzeptierte er, dass sein Sohn wohl nicht den normalen Weg mit einer sicheren Beschäftigung einschlagen kann, fing dann an ihm eine baldige Heirat nahezulegen, um wenigstens wie alle anderen eine Familie zu gründen.

Als Xu nach seinem „Selbstmord” damals wieder nach Hause kam, wurde ihm klar, dass nur seiner Familie sein Verschwinden aufgefallen war, sein Vater hatte ganz Mengcheng auf den Kopf gestellt.  Xu hatte damals zwar ein schlechtes Gewissen, schenkte seinem Vater aber nichts als Verachtung.

Mittlerweile ist Xu selbst Vater, einmal ging seine Tochter in einem Supermarkt fast verloren. In den fünf Minuten ohne Tochter sei ihm plötzlich klargeworden, was sein Vater damals durchgemacht haben muss.

Heute merkt er, dass er einen Teil des Vertrauens in seiner Familie für immer verspielt hat. Als er seiner Schwester von seinem zweiten Anlauf erzählte, hat sie ihm geraten sich diesmal gut vorzubereiten. „Die fragt sich bestimmt, was ich wieder vorhabe”, meint Xu.

Er bereut deswegen seine Entscheidung vor neun Jahren.

Als Oberschüler lehnte Xu vieles ab, beschimpfte seinen Vater als „Heuchler”. Der Vater, eigentlich die absolute Autorität in der Familie, wurde damals gar nicht wütend, denn er kannte das Wort nicht.

Heute sagt Xu, er sei jetzt selbst einer der „Heuchler”, über die er damals geschimpft hat: Wenn er könnte, würde er heute zu seinem 18-jährigen Selbst genau das sagen, was sein Vater damals immer gesagt hat: „Werd erwachsen!” – aber für solche Sprüche hätte sein schweigsames 18-jähriges Selbst sicher nichts als Verachtung übrig.

Dieser Artikel erschien im November 2017 auf China Youth Online.

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