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Generation Z
Studienabbruch: Neue Option für junge Chinesen

Absolventen
© Paul Sableman

Nach der Einstufung durch die zentrale Hochschulaufnahmeprüfung bereiten sich die Ersten aus der Generation der Nullerjahre in den kommenden Monaten auf einen neuen Lebensabschnitt vor. Viele von ihnen werden sich im Herbst auf den Campusanlagen der chinesischen Universitäten einfinden. Allerdings wird sich wahrscheinlich nicht jeder von ihnen dafür entscheiden, das Studium auch programmgemäß durchzuziehen.

Von Wu Xiaoshuang

Schon 2010 gingen folgende Zahlen durch die chinesischen Medien: Die Anzahl freiwilliger Studienabbrecher liege landesweit bereits bei drei Prozent, was bedeute, dass Jahr für Jahr beinahe 500.000 vorzeitig von der Uni abgehen.

Diese Daten beruhen auf Hochrechnungen von Zahlen, die auf der von der Studentenabteilung des chinesischen Bildungsministeriums im Oktober 2008 veranstalteten „Schulungskonferenz über die Regularien der Studentenadministration in der allgemeinen Hochschulbildung“ durchsickerten. Auch wenn die Daten nicht amtlich bestätigt wurden, lässt sich angesichts der starken Aufmerksamkeit der Medien der in den letzten Jahren immer stärker werdende Trend des freiwilligen Studienabbruchs an chinesischen Hochschulen kaum mehr ignorieren.

Dafür dass sich Studierende kurz vor Studienbeginn oder sogar nachdem sie schon auf dem Campus eingezogen sind dafür entscheiden „ein neues Leben anzufangen“ gibt es ganz unterschiedliche Gründe: Einige möchten doch lieber im Ausland studieren; andere wollen noch einmal das letzte Schuljahr wiederholen, weil sie die Hoffnung haben, es beim nächsten Prüfungsversuch auf ihre Wunschuni zu schaffen. Wieder andere gehen noch weiter: Sie verzichten für ihre Ziele ganz auf eine akademische Bildung. Womöglich weil sie ihre Idealvorstellung vom Bildungssystem noch nicht erfüllt sehen oder schon ganz konkrete Ziele haben: eine eigene zu Firma gründen, die Welt zu entdecken oder einfach mehr Zeit zu haben, sich über das klar zu werden, was man eigentlich will.

Null Punkte und ein Bildungsideal

Im März 2018 nahm der 28-jährige Xu Mengnan (徐孟南) bereits zum zweiten Mal an der Hochschulaufnahmeprüfung teil. Zehn Jahre zuvor, als er achtzehn war, hatte er auf jedem einzelnen Prüfungsbogen seine persönlichen Daten und in Anlehnung an den Konfuzius-Spruch „geht man zu dritt, ist bestimmt einer mein Lehrer“ seine Idee von der „san-ren-xing-Bildung“ (三人行教育) beschrieben - ein klarer Regelverstoß. Durch das Erreichen von null Punkten wollte er seine Unzufriedenheit mit der Hochschulprüfung zum Ausdruck bringen und sich gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für sein Bildungsideal sichern.

Xu Mengnans sogenannte „san-ren-xing-Bildung“ lässt sich in Grundzügen so darstellen: Mit Eintritt in die Mittelschule sollen neben der Vermittlung von Grundwissen auch die Hobbys der Schüler ausbildet werden; in der Oberstufe der Mittelschule sollen sich die Fächer an den Hobbies orientieren und über ein Auswahlverfahren soll man schließlich an die Uni gelangen. Diese Idee eines Jungen, der noch nicht einmal die Hochschulreife in der Tasche hat, hört sich zugegebenermaßen ziemlich originell an. Aber sie ist auch etwas zu idealistisch und inhaltlich wenig konkret. Vor allem aber ist sie in der Praxis nicht durchführbar (nur ein paar Beispiele: Xu war der Meinung, es solle in jeder Kleinstadt nur eine Unterstufe der Mittelschule geben und in jedem Verwaltungsbezirk nur eine Oberstufe der Mittelschule. Die Schüler eines Schulbezirks sollten nur dort zur Schule gehen und kein Grund sollte es ihnen erlauben in einem anderen Bezirk die Schule zu besuchen. Auf diese Weise sollte eine gerechte Verteilung der Bildungsressourcen erreicht werden.)

Eine lange Zeit betrieb Xu Mengnan die Verbreitung seiner Idee mit großer Leidenschaft. Nachdem er durch die Prüfung gerasselt war, gründete er 2012 die Webseite „0fen“ („Null  Punkte“), auf der er nach dem Motto, man dürfe „nicht nur die Suppe wechseln, ohne die Medizin darin zu ändern“, zu einer Bildungsreform aufrief, die das Problem an der Wurzel packt. Die Webseite versammelte Medienberichte, Aufsätze und Menschen und unterteilte sich in Kategorien wie „diverse Themen“, „Meinungen“, „Persönlichkeiten“ und „Aufsätze“.

Jedoch halfen weder Null-Punkte-Aktion noch Webseite Xu Mengnan dabei, seinen Traum von der Bildungsreform in die Tat umzusetzen. Nachdem er zur Finanzierung seines Lebensunterhalts mal an diesem und mal an jenem Ort einen Job angenommen hatte, kam er zu einer Einsicht: „Mir wurde klar, dass mein Null-Punkte-Projekt nicht dazu geführt hatte, meine Idee von der „san-ren-xing-Bildung“ bekannter zu machen“, schrieb er dieses Jahr in seinem Blog. „Allmählich wurde mir bewusst, dass es das nicht wert war und ich begann das Ganze zu bereuen. Für einen Bauernsohn wie mich stellt die Hochschulprüfung schließlich eine Möglichkeit dar, unser Schicksal zu verändern, doch ich hatte diese Chance vergeben!“

Nach einer kurzen Vorbereitungsphase nahm Xu Mengnan im März 2018 die Hochschulaufnahmeprüfung nach einem Jahrzehnt noch einmal in Angriff. Diesmal war er erfolgreich und schaffte die Punktezahl für die gewünschte Berufsschule. Für eine Weile stand der junge Mann nochmals im Zentrum der Medienaufmerksamkeit, die sich begierig auf die „Geschichte vom verlorenen Sohn“ stürzten. Während manche Medien seine Geschichte ganz im Stil einer „plötzlichen reumütigen Erkenntnis“ schilderten, blickt Xu Mengnan jedoch weitaus gelassener auf das Vergangene zurück: „Durch die vielen Erfahrungen, die ich sammeln konnte, habe ich ein neues Verständnis vom Sinn des Lebens bekommen. Für mich geht es im Leben um den Prozess und so habe ich meine erste Hochschulprüfung allmählich als wertvollen Teil meines Lebens akzeptiert. Jetzt ist es mir möglich noch einmal die Prüfungsarena zu betreten, an die Hochschule zu gehen und etwas wieder gut zu machen. Insofern habe ich nichts zu bereuen.“ Damit scheint für Xu Mengnan sein „Weg von der Bildungsreform“ beendet zu sein. Auf ihn wartet das bald beginnende Campusleben und eine Hochschulbildung, die er schon kritisierte, als er kaum der Pubertät entwachsen war.

Xu Mengnans Webseite www.0fen.org lässt sich heute trotzdem noch aufrufen. Der Slogan ganz oben auf der Homepage hat sich nicht geändert und ruft nach wie vor dazu auf, „bei der Bildungsreform nicht nur die Suppe, sondern auch die Medizin zu ändern“. Nur dass seine persönliche Geschichte eine neue Wendung erfahren hat und auf der Webseite ein neues Kapitel bekommen hat, der Titel: „Xu Mengnan - der Neustart“.

0fen.org 0fen.org | © Xu Mengnan

Vom Studienabbruch zum Startup

Anders als der gegenüber dem chinesischen Bildungssystem kritisch eingestellte Xu Mengnan nutzen viele junge Chinesen die Möglichkeit eines Auslandsstudiums, um sich das Bildungssystem frei auszusuchen. Doch auch dadurch ist nicht ausgeschlossen, dass sich bei dem einen oder anderen der Wunsch regt, „ein neues Leben zu beginnen“, während er mit Gleichaltrigen im Seminarraum sitzt.

So etwa bei der 1995 geborenen Shi Liu (石榴), die mit Geburtsnamen eigentlich Shi Minyue (石旻玥) heißt. Sie hat ihr Studium der Kunstgeschichte an der Brown University in den USA abgebrochen und sich dafür entschieden, nach China zurückzukehren, um dort eine eigene Firma zu gründen. Zuvor hatte sie zwischen 2014 und 2015, immer mit einem chinesischen Qipao bekleidet, 365 Tage lang dutzende Städte auf drei Kontinenten besucht und aus ihren Reiseerfahrungen das Lifestyle-Buch I Really Love Qipao (可我就是爱旗袍) zusammengestellt. 2016 gründete Shi Liu die auf florale Textildrucke spezialisierte Modemarke Pom&Co (石榴集 Pom&Co), ging online und erhielt mehrere Millionen Renminbi in Investitionen. Im Juli 2017 wurde Shi Liu von Forbes China neben dem Popsänger Luhan (鹿晗) und der chinesischen Schauspielerin Dilraba Dilmurat auf die Liste „Forbes 30 Under 30 Asia“ gewählt.

Pom&Co Pom&Co | © Pom&Co Für Shi Liu war die Entscheidung, ihr Studium zu schmeißen, keineswegs so krisenhaft, wie man sich das vielleicht vorstellt: „Ich spürte einfach, dass die Zeit für meine Geschäftsidee reif war und hatte nicht das Gefühl, dass mir das eineinhalbjährige Studium, das noch vor mir lag, dabei eine große Hilfe sein würde. Deshalb machte ich mich lieber gleich an die Arbeit als noch länger abzuwarten“, erklärte Shi Liu einmal in einem Interview.

Es war also weniger die Unzufriedenheit mit der Hochschulbildung als vielmehr ihr dringender Wunsch, sich selbständig zu machen, der Shi Liu zu dem Schritt bewog, vorzeitig von der Uni abzugehen. Da auch ihre Familie immer im Handel tätig war, hatte sie sich einen achtstündigen Büroalltag ohnehin noch nie vorstellen können. Schon als sie die dritte Klasse der Grundschule besuchte, hatte sie es mit einem Verkaufsstand auf einer Fußgängerbrücke versucht und als sie in die Oberstufe der Mittelschule ging, eröffnete sie gleich neben der Schule ein Café. Alles Erfahrungen, die Shi Liu ganz automatisch den Weg zur Selbständigkeit ebneten. Es scheint, als habe ihr Abgang von der Hochschule nur etwas beschleunigt, was ohnehin gekommen wäre. Auch Shi Lius Familie hatte immer Verständnis für ihren Entschluss. Außerdem wäre es, sollte sie es eines Tages wollen, kein Problem wieder an den Campus zurückzukehren.

Mehr Möglichkeiten in- und außerhalb des Unicampus

Junge Leute wie Shi Liu sind heutzutage kein Einzelfall mehr. Sucht man im Internet nach Sätzen wie „Studenten brechen für Startup ihr Studium ab“ oder „ein Urlaubssemester für Unternehmensgründung“ findet man Erlebnisberichte aus ganz China mit Beispielen von Erfolgen und Misserfolgen. Wobei die Möglichkeiten, die Internetplattformen bieten, es den jungen Leuten auch etwas leichter machen, ihr eigenes Startup zu gründen.

Im Mai 2015 legte das Generalbüro des Staatsrats der Volksrepublik China seine „Empfehlungen für die Umsetzung einer vertieften Bildungsreform hinsichtlich Innovation und Entrepreneurship an Hochschulen“ vor. Den Studierenden soll es, so der Vorschlag, erlaubt werden, ihren Studienverlauf flexibler zu gestalten und zugunsten von Innovationen und Unternehmensgründungen Urlaubssemester zu nehmen, ohne sich dafür zu exmatrikulieren. So müssen junge Menschen, die ein Unternehmen gründen wollen, nicht mehr ihr Studium riskieren.

Trotz dieser neuen Optionen ist das, was auf die Entrepreneure wartet, bestimmt kein Zuckerschlecken. Das kann auch Xiao Xun (肖珣) bestätigen, der sich 2014 an der Universität für Wissenschaft und Technik in Peking (北京科技大学休学) beurlauben ließ, um die Ideenbank CCDORM zu gründen: „Ich war in vielen Dingen völlig unerfahren. Wenn man an der Uni jeden Tag drei oder vier Stunden im Labor verbringt, hat man garantiert etwas geschafft. Doch baut man selbständig ein Unternehmen auf, wird man kaum erfolgreich sein, wenn man nicht jeden Tag gut zehn Stunden Arbeit investiert.“ So kommt es nicht selten vor, dass jemand, der die Uni eigentlich verlassen hat, sich nach einiger Zeit umentscheidet und das Studium wieder aufnimmt. 

Zweifelsohne haben die Studenten heute viel mehr Möglichkeiten für ein „Gap-Year“: die Gründung einer Firma, Reisen oder das Erlernen neue Fertigkeiten. Einfach brav sein Studium zu absolvieren ist nicht mehr der einzige Weg zu einem idealen Lebenslauf. Ob man nun ein Anhänger von Xu Mengnan ist und die Hochschulaufnahmeprüfung schmeißt oder dem Beispiel Shi Lius folgt und sich schon früh selbständig macht, immer mehr Chinesen räumen der Suche nach sich selbst und den Zielen, die sie erreichen wollen, bei ihrer persönlichen Entwicklung Priorität ein. Und sollten sie doch noch ihre Meinung ändern, ist der Weg zum nächsten Hochschulcampus bestimmt nicht weit und dessen Tore bleiben ihnen nicht verschlossen.

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