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Interview
„Ich muss nur Comics lesen, dann ist alles gut“

Jidi und Ageng
Jidi und Ageng | © Jidi, Ageng

Jidi und Ageng gehören zu den bekanntesten Comic-Künstlerinnen Chinas. Für die Graphic-Novel-Reihe „Der freie Vogel fliegt“ haben sie sich zusammengetan. Ein Gespräch über japanische Comics, ihre Jugend im chinesischen Hinterland und Fantasie als Ausweg aus dem Alltag.

Jidi und Ageng, gerade ist Ihre Graphic-Novel-Reihe „Der freie Vogel fliegt“ bei dem Schweizer Verlag Chinabooks auf Deutsch erschienen. Von Ihnen, Jidi, stammt die Geschichte. Und Sie, Ageng, haben die Geschichte illustriert. Wie ist es zu der gemeinsamen Graphic Novel gekommen? 

Jidi: Ich liebe Comics, seit ich ein kleines Kind bin und arbeite sowohl als Autorin als auch als Comic-Künstlerin. Mein Roman „Der freie Vogel fliegt“ hat sich nach der Veröffentlichung im Jahr 2008 gut verkauft. Da kam mir irgendwann die Idee: Ich könnte ja aus dem Roman eine Graphic Novel machen! 

Ihr Jugendroman um die verschüchterte Heldin Lin Xiaolu hat autobiographische Züge. Wie viel Jidi steckt in Lin Xiaolu? 

Jidi: Als ich jung war, war ich noch viel introvertierter und hatte einen noch größeren Minderwertigkeitskomplex als Lin Xiaolu. Eigentlich hoffte ich damals, so wie Lin Xiaolu zu sein. Also habe ich sie als Romanfigur erschaffen. Klar, Lin Xiaolu ist schüchtern. Aber sie hat den Mut, auf andere Menschen zuzugehen. Sie findet Freunde. Wenn ich als junges Mädchen wie Lin Xiaolu gewesen wäre, wäre meine Jugend glücklicher gewesen. 

Warum waren Sie unglücklich? 

Jidi: Ich war sehr schlecht in der Schule. Meine Eltern ließen sich scheiden und meine Mutter zog zum Arbeiten an einen weit entfernten Ort. Also wohnte ich bei meinem Vater. Aber mein Vater verachtete mich. Er sagte oft, dass ich zu nichts zu gebrauchen sei. Damals war ich ein kleines Kind. Ich hielt das, was mein Vater sagte, für richtig. Also fing ich an, mich selbst zu verachten. Ich zog mich zurück. Aber eigentlich hoffte ich, so wie Lin Xiaolu zu sein.  

Lin Xiaolu hat eine reiche Fantasie. Sie liebt Comics und hat künstlerisches Talent. Ist die Fantasie Lin Xiaolus bzw. Ihre Rettung gewesen? 

Jidi: Ja, ich denke schon. Als ich klein war, gab mir mein Vater kaum Taschengeld. Ich hatte jeden Tag nur fünf Mao fürs Essen. Aber ich habe mir lieber Comics gekauft als Essen. Ich hatte damals das Gefühl: Ich muss nur Comics lesen, dann ist alles gut. 

Comics galten im China der Achtziger und Neunziger wahrscheinlich noch als dekadent. 

Jidi: Ja, damals waren Comics noch kein bisschen im Mainstream angekommen. Ich kann mich erinnern, dass mich mein Vater einmal schlug, nachdem er ein Comicheft in meinem Schulranzen gefunden hatte. „Wie kannst du nur so etwas lesen?“, fragte er. Die Heldin des Comics trug einen Bikini. Das fand er unzüchtig. 

Sie wurden beide in den Achtzigerjahren im chinesischen Hinterland groß. Wie würden Sie Ihre Jugend beschreiben? 

Jidi: Ich wurde 1983 in der Kreisstadt Leshan in der Provinz Sichuan geboren, unweit des Großen Buddhas von Leshan, der weltgrößten Steinskulptur eines Buddhas. Leshan war eine kleine und zurückgebliebene Stadt. Das Denken der Leute war rückständig und das kulturelle Leben vom Rest des Landes abgeschnitten. Die Achtziger fühlten sich an wie die Siebziger. 

Ageng: Ich stamme aus einem abgeschiedenen Ort in der Provinz Guangxi, in der Nähe zum Südchinesischen Meer. Meine Heimatstadt heißt Beihai, dort wurde ich 1979 geboren. Bevor Beihai zur bezirksfreien Stadt wurde, war es ein kleines Fischerdorf. 

Ageng am Meer Ageng am Meer | © Ageng

Sie beschreiben Ihre Heimatstädte als provinziell. Wenn es so provinziell zuging, wo kamen dann die Comics her? 

Jidi: Es gab Raubkopien, genau wie in „Der freie Vogel fliegt“. In einem Park in Leshan gab es einen Stand, an dem man Zeitungen und Bücher kaufen konnte. Dort gab es immer Raubkopien von japanischen Comics. 

Ageng: Bei mir war es ähnlich. Ich bin in der Grundschule mit Raubkopien japanischer Comics in Kontakt gekommen. Es gab damals eigentlich kein Kind, das Comics nicht mochte. Das Problem war, dass die meisten Familien sehr arm waren. Aber wir hatten unsere Methoden: Entweder kaufte ein Kind aus einer reicheren Familie ein Heft und gab es dann weiter, bis jedes Kind es gelesen hatte. Oder wir tauschten die Comichefte untereinander: Kind A kaufte dieses Heft, Kind B jenes – und dann tauschten sie die Hefte nach dem Lesen.  

Lin Xiaolu besucht in den Neunzigern eine Mittelschule. Wenn Sie das heutige China mit dem der Neunziger vergleichen: Was sind die Unterschiede? 

Jidi: Wenn ich heute an die Neunziger denke, fällt mir immer als Erstes auf: Wow, wir haben wirklich in einer Welt ohne WLAN gelebt, das ist ja unglaublich! Aber, im Ernst, ich denke der Unterschied ist: Wenn man damals einsam war, beschäftigte man sich mit sich selbst. Wenn man heute einsam ist, geht man ins Internet. Man lenkt sich ab. 

Wäre Lin Xiaolu heute anders? 

Jidi: Ich denke, heute sind Kinder in China nicht mehr so introvertiert. Außerdem haben sie nicht mehr das Gefühl, sich unbedingt anpassen zu müssen. Wahrscheinlich würde Lin Xiaolu heute ihr eigenes kleines Glück finden. Außerdem sind Comics mittlerweile populär. Ein Jugendlicher, der Comic-Künstler werden will, wird im Normalfall von seiner Familie unterstützt. 

Ageng: Ich denke, Lin Xiaolu wäre heute nicht anders. Wahrscheinlich ist der einzige Unterschied, dass sie in den Neunzigern mit einem Stift gezeichnet hat. Heute würde sie das mit dem Computer machen. Außerdem hätte sie heute viel mehr Möglichkeiten, Comics aus der ganzen Welt zu lesen, nicht nur aus Japan, sondern auch aus Europa und den USA. Sie hätte viel mehr Auswahl. 

Und was ist mit dem Leistungsdruck in der Schule? Lin Xiaolu hat keine guten Noten und wird deswegen von ihren Lehrern und ihrem Vater gescholten.  

Jidi: Der Druck ist heute genau so groß wie früher. Aber heute gibt es andere Möglichkeiten. Manche Schüler gehen zum Beispiel auf eine Schule ins Ausland, wo der Druck nicht so groß ist. 

Ageng: Im Ausland ist der Druck auch nicht unbedingt geringer. Ich denke, an dem Leistungsdruck hat sich nicht insgesamt nichts geändert. Vielleicht hat er andere Formen angenommen. Aber das Ausmaß ist gleich geblieben.   

Die ersten Comics, mit denen Sie in Kontakt kamen, stammten aus Japan. Was für Comics lesen Sie heute? 

Jidi: Mittlerweile lese ich nur selten japanische Comics. Aber ich schätze einige Klassiker sehr, zum Beispiel „Phoenix“ von Osamu Tezuka. Ich mag Comics, die einen einfachen, aber literarischen Stil haben, zum Beispiel die Graphic Novels von Jimmy Liao aus Taiwan. 

Jidi im Studio Jidi im Studio | © Jidi

Ageng: Mir geht es ähnlich. Japanische Comics sind super. Aber die japanische Comic-Industrie ist kommerziell derart erfolgreich, dass sie einen gewissen Widerstand in mir auslöst. Ich interessiere mich gerade stark für experimentelle Comics aus Europa. Ich denke, das hat mit meiner Lehrtätigkeit zu tun. Ich unterrichte am Guangxi Arts Institute der Universität Nanning und interessiere mich besonders für die Formensprache von Comics. Aber es gibt immer wieder tolle japanische Comics, die mich begeistern, zuletzt zum Beispiel „Midnight Diner“ von Yarō Abe.  

„Der freie Vogel fliegt“ ist eine Graphic Novel für Jugendliche. Was können Jugendliche in dem Comic lernen? 

Jidi: Selbstvertrauen, hoffe ich. Die Botschaft ist, dass man seinen eigenen Weg gehen und Freunde finden kann, auch wenn man mit seinem sozialen Umfeld hadert.  

Ageng: Es gibt im letzten Band der Reihe einen Satz, der mich besonders berührt. Er lautet: „Das Leben jedes Menschen ist hell.“ Was damit gemeint ist, ist: Wir alle sind Durchschnittsmenschen. Und wir alle haben Sorgen, Ängste und Probleme. Aber wenn man sich diesen Satz zu Herzen nimmt, schätzt man, was man hat. Das ist die Essenz des Buches.

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