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Generationen
Wir, das neue Proletariat

„Um bei meinen WeChat-Freunden wie ein Internetstar zu wirken, ernähre ich mich nur von Dampfbrötchen.“ — „Ich gebe einen halben Monatslohn für eine Nacht in Disneyland aus, aber das ist es mir wert.“ — „Ich versuche mich so hip zu geben wie mein Bekanntenkreis, dabei kann ich mit ihrer Indie-Kultur gar nichts anfangen.“

Von Zhao Putong und Liu Yan

Die Konsumgesellschaft setzt derzeit alles daran, der chinesischen Jugend das Geld aus der Tasche zu ziehen. Statistiken zufolge war im Jahr 2017 der Pro-Kopf-Konsum der in den 90ern geborenen Millennials fast dreimal höher als noch zwei Jahre zuvor. Angesichts der Diskrepanz zwischen angestrebtem Lebensstandard und realem Einkommen wird das Konsumverhalten junger Chinesen immer unverhältnismäßiger. Sie haben einen anspruchsvollen Geschmack, aber kaum Geld.

Es gibt schon eine Bezeichnung für sie – die proletarische Mittelschicht.

Proletarische Mittelschicht Proletarische Mittelschicht. Substantiv, feminin. Verfügt wie das Proletariat weder über Sachanlagen noch über Produktionsmittel und ist darauf angewiesen ihr Geld mit eigener Arbeit zu verdienen; zugleich eine Bevölkerungsgruppe, die entsprechend den Konsumgewohnheiten und Geschmacksvorstellungen der Mittelschicht hohe Ansprüchen an sich selbst stellt. | © WeChat ID zhenshigushi1

Tingting (婷婷), 27 Jahre, Monatsgehalt: 7.500 RMB

Die eine Nacht war es wert
„Eine einzige Nacht im Fünf-Sterne-Hotel hat gereicht, um mich von der Erschöpfung durch vier Jahre Low-Budget-Reisen zu erholen.“

Während meiner Studienjahre war ich regelrecht süchtig nach dem Gefühl, unterwegs zu sein. Als Backpackerin bin ich mit dem Fahrrad auf der Nationalstraße 318 bis nach Tibet gefahren und habe eine Treckingtour durch Xinjiang gemacht. Für eine Frau kann es in den Gästehäusern ziemlich ungemütlich werden. Und damit meine ich nicht nur den Dreck und den Lärm. Einmal ist ein Mann in mein Zimmer eingedrungen, um sich an mir zu vergehen. Nur unter dem Vorwand, vorher noch unter die Dusche zu wollen, konnte ich Schlimmerem entgehen.

Nationalstraße 318 Nationalstraße 318 | © randomix, CC BY-NC-ND 2.0, via flickr Das war meine Rettung. Ich verkaufte mein Fahrrad an diesem namenlosen Ort, nahm den Bus zurück in die Provinzhauptstadt und checkte für das restliche Geld in ein Fünf-Sterne-Hotel ein. Als ich mich von den nach Schweiß stinkenden Klamotten befreit hatte und mich in die Badewanne legte, war das Balsam für meine Seele. Ich fühlte mich, als würde mich die lang vermisste Zivilisation wieder in ihre Arme nehmen. Von da an wurden Fünf-Sterne-Hotels mein Ding.

Seitdem ich arbeite, mache ich gerne Städtereisen. Dabei geht es mir vor allem darum, in einem Fünf-Sterne-Hotel zu wohnen, aber bei Gelegenheit schaue ich mir auch mal die Museen und Sehenswürdigkeiten der Stadt an. Wenn ich die Reisekosten überschlage, gehen allein für die Hotelübernachtung siebzig bis achtzig Prozent meines Reisebudgets drauf.

Mir gefällt es, wie zuvorkommend man in einem Fünf-Sterne-Hotel behandelt wird und ich mag die stilvolle Ausstattung der Zimmer. Da gibt es Schnittpunkte zu meinem Job im Design-Bereich. In besonders aufmerksamen Häusern legen sie einem eine Blume auf das Kopfkissen. Bei so einem Anblick fühlt man sich wie im siebten Himmel. Um die Annehmlichkeiten richtig zu genießen, nehme ich mir immer einen Gedichtband mit, in dem ich gleich lese, wenn ich morgens aufwache. Am Abend dann spiegeln sich in den Panoramafenstern der Hotels, die sich in bester Lage befinden, die bunten Lichter der gesamten Stadt.

Normalerweise kann ich mir so ein Luxushotel von meinem Gehalt gar nicht leisten, aber in der Nebensaison fallen in den zweit- oder drittrangigen Städten die Preise. Zu diesen Zeiten plane ich meine Städtetouren. Die Hotels selbst sind Teil der Sehenswürdigkeiten, weil sie am Fuß eines Berges oder an einem Fluss liegen. Wer in so einem Hotel wohnt, ist automatisch entspannt und glücklich.

Ich achte immer darauf, den Jahresurlaub nicht am Stück zu nehmen, sondern die Wochenenden durch freie Tage zu verlängern, so dass es sich lohnt, eine andere Stadt zu besuchen. Wenn ich zwei Nächte im Hotel verbringe und es mir im Zimmer gemütlich mache, bin ich in einer anderen Welt.

In meinem echten Leben teile ich mir mit meiner besten Freundin ein winziges Zimmer. Auf dem Nachttisch türmt sich Schmutzwäsche, weil ich noch nicht zum Waschen gekommen bin. Die Firma, in der ich arbeite, ist zwar klein, aber es fallen viele Überstunden an. Oft falle ich, wenn ich in mein Zimmer zurückkomme, nur noch todmüde ins Bett.

Altes Wohnhaus mit WGs Altes Wohnhaus mit WGs | © Visual China Mein Traum ist es, Geld zu sparen, um einmal in Dubai im Burj Al Arab abzusteigen. Ich habe gehört, dass das Hotel mitten ins Meer gebaut wurde und sich in der Nacht die Lichter dieser Stadt des Goldes auf der Meeresoberfläche spiegeln. Ein Bild der Einsamkeit, doch wunderschön!

Hu Song (胡松), 28 Jahre, Monatsgehalt: 15.000 RMB

Die bourgeoise Romanze hat mich voll erwischt
„Ich habe fünf Jahre gebraucht, um finanziell auf einen grünen Zweig zu kommen, aber nur eine Romanze hat ausgereicht, mich wieder auf das Niveau eines frischen Uni-Absolventen zurückzuwerfen.“

Meine derzeitige Freundin habe ich bei einer Veranstaltung auf einer Messe kennengelernt. Über die Gemeinsamkeiten unserer Arbeit kamen wir schnell ins Gespräch. Bis zum ersten Date hat es nicht lange gedauert. Sie war gerade mit dem Studium fertig und verdiente im Monat etwas über sechs Riesen. Doch als sie beim Essen unbedingt die Rechnung übernehmen wollte und ihr Smartphone zückte, sah ich, dass sie auf ihrem WeChat-Konto ein Guthaben von über 80.000 hatte.

Wenn man in schon fortgeschrittenem Alter noch seine Traumfrau trifft, grenzt das schon an ein Wunder. Noch wunderbarer wurde es, als ich sah, dass sie auf ihrem WeChat-Konto 80.000 hatte. Allerdings geriet mein Leben von da an außer Kontrolle, weil ich jetzt bei Dates immer über zehnmal so viel von dem ausgebe, was für mich normal wäre.

Das hat mit meinen Überzeugungen in Sachen klassenübergreifender Liebe zu tun: 1. Hebe lieber den eigenen Standard an, als deine Partnerin dazu zu bringen, ihre Ansprüche zu senken; 2. Verurteile den Luxuskonsum deiner Partnerin nicht vorschnell, wenn du noch nicht einmal weißt, was eine Brosche ist; 3. Niemand kann etwas für diese Situation, also mach dir auch keine Vorwürfe.

Vor zwei Tagen hat mich meine Mutter angerufen und erzählt, dass sie diesen Monat wieder Tausende für irgendwelche Geldgeschenke ausgegeben hat. Früher hätte ich sie ausgelacht, weil sie die sinnlose Schenkerei zu Hochzeiten und Beerdigungen mitmacht, aber diesmal hätte ich mich am liebsten an ihrer Schulter ausgeweint.

„Ich kann die Delikatessen eh nicht mehr sehen“, dieser Satz tröstet mich immer, wenn ich dann alleine in einer Garküche sitze und meine Nudelsuppe mit Rindfleisch schlürfe. Einmal hat mir meine Freundin eine Armbanduhr für über 10.000 geschenkt. Um mich mit einem adäquaten Geschenk bei ihr zu revanchieren, musste ich mich zwei Monate lang unermüdlich abrackern.

Derzeit geht mein halber Monatslohn für diesen Liebeshändel drauf, der darin besteht, sich gegenseitig gleichwertige Geschenke zu machen. Aber ich will dieses Spiel weiterspielen.

Qige (七哥), 26 Jahre, Monatsgehalt: 6.000 RMB

Ein Graf, der sich ein Hochbett teilt
„Ein Glas Rotwein bei Mondschein hat damals etwas in mir verändert.“

Zu meiner Mittelschulzeit habe ich mir eines Abends den Film Der Graf von Monte Christo angesehen.

Durch den Graf von Monte Christo wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass man auch anders leben kann, nämlich vornehm, wie ein Gentleman und mit Ambitionen.

Gleich nach meinem Studium habe ich mir dann einen teuren Vertrag in einem Fitnessstudio besorgt, erst gestern Abend habe ich für über 10.000 einen Kurs bei einem Personal Trainer gebucht.

Ich habe mir angewöhnt ein Parfum zu tragen. Doch weil meine finanziellen Möglichkeiten begrenzt sind, gebe ich momentan nur um die tausend Kröten für einen Flakon aus. Am Wochenende mache ich gerne Ausflüge in die Umgebung, ich gehe zelten oder mache ein Picknick im Grünen.

Um mir das zu ermöglichen, schnalle ich in anderen Bereichen den Gürtel enger. Fürs Wohnen brauche ich nur 700, weil ich mir ein Hochbett teile. Ich wohne zwar nur auf sieben Quadratmetern, aber dafür leiste ich mir zu allen vier Jahreszeiten neue Zimmerpflanzen.

Im Kreise meiner Kollegen gelte ich als Geizkragen. Ich war noch nie bei Starbucks, schließlich kann ich mir zuhause selbst einen Kaffee aufbrühen. Ich gehe auch nie in die großen Shopping-Malls. Bei Kleidung ist mir vor allem wichtig, dass sie bequem ist. In letzter Zeit spiele ich mit dem Gedanken, meine Gitarre gegen ein Cello einzutauschen, weil mir dessen Klangfarbe so gut gefällt.

Bis heute erinnere ich mich bis in jedes Detail an den Film, den ich in der Mittelschule sah. Es war das Glas Rotwein im Mondlicht, das damals etwas in mir verändert hat.

Xiaomai (小麦), 27 Jahre, Monatsgehalt: 7.500 RMB

Ich tue nur so, als würde ich dazugehören
„Seitdem ich in Guangzhou lebe, gehe ich mit Bekannten zu Konzerten und kaufe bestimmte Trendmarken. Aber nur ich weiß, dass das alles nur Heuchelei ist.“

Mit 25 habe ich meinen Job in der Heimat an den Nagel gehängt und bin nach Guangzhou gekommen, um bei einem Modemagazin anzufangen, das ich gerne lese. Ich habe mich von dem bequemen aber langweiligen Leben von früher verabschiedet, doch was ich jetzt stattdessen habe, ist nicht neu und schön.

Meine Firma befindet sich in einem schicken Bürogebäude. Die Leute, die hier ein- und ausgehen, machen allesamt einen sehr wichtigen und beschäftigten Eindruck. Ich habe immer das Gefühl, dass mich etwas von ihnen trennt. Dass man sich anstrengen muss, um zu ihrem Kreis dazuzugehören, war meine erste Lektion hier.

Gleich neben der Firma gibt es eine Shopping-Mall. Um mit den Kollegen zusammen zu essen und zu quatschen, besuche ich mit ihnen das Restaurant in der Mall. Danach nimmt man sich noch einen Kaffee von Starbucks oder einen Smoothie mit. Hat jemand irgendeine Indie-Band erwähnt, fange ich daheim an panisch zu recherchieren. Ich gehe mit zu Live-Konzerten und komme davon mit einem signierten Album nach Hause zurück, das ich danach nie wieder anrühre.

Einmal habe ich abgesagt, als mich eine Kollegin zu dem Konzert einer japanischen Band mitnehmen wollte. Prompt bekam ich den enttäuschten Satz zu hören: „Und ich dachte, du wärst ein Fan von denen!“ Ich begann meine Entscheidung zu bereuen. Auf dem Nachhauseweg plagte mich der Gedanke, sie könnte dahinterkommen, dass mein früheres Interesse nur geheuchelt war.

Ich habe mir das alles nur antrainiert.

Von meiner Familie habe ich mir Geld schicken lassen, um mein altes Handy auszutauschen. Und während ich früher im Internet bei Taobao bei meinen Lieblingsshops bestellte, kaufe ich jetzt bei ausgefallenen Designermarken. Den Bonus vom letzten Jahr in Höhe von 10.000 Yuan habe ich direkt in den Mantel einer angesagten Marke investiert. Jetzt lebe ich zwei Jahre in Guangzhou und bin im am Ende des Monats immer pleite. Eine Freundin könnte ich mir gar nicht leisten. Oft muss mich meine Familie noch finanziell unterstützen. Meine Eltern liegen mir immer in den Ohren, dass es mir daheim besser ging als in Guangzhou. Ich würde ihnen gerne widersprechen, aber ich weiß nicht, was ich ihnen sagen soll.

Manchmal frage ich mich auch, ob ich vielleicht den falschen Weg eingeschlagen habe. Aber wenn ich mir heute meine Fotos von vor ein paar Jahren ansehe, finde ich sie selbst schrecklich provinziell.

Umsatz im Einzelhandel(in 100 Millionen RMB) Umsatz im Einzelhandel(in 100 Millionen RMB) | Chinesisches Statistikamt

Duo (朵), 24 Jahre, Monatsgehalt: 6.000 RMB

Wenn ich mein Gehalt bekomme, lässt mich das längst kalt
„In meinem monatlichen Kreditrahmen von 70.000 Yuan liegt meine ganze Hoffnung auf ein Leben in der Mittelschicht.“

Bevor ich mir meine erste Gesichtsessenz von SK-II kaufte, die ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte, war meine Haut mit einem Gurkenwasser für gut zehn Yuan zufrieden. Damals hatte ich ein Monatsgehalt von nur 2.500. Wenn auf meinem Teller Jiaozi für 13 Yuan ein paar übrig blieben, habe ich sie für die nächste Mahlzeit aufgehoben. Bis ich irgendwann mit der Kosmetikbranche in Berührung kam. Ich hielt ein Fläschchen „Unsterblichkeitswasser“ von SK-II für ein Karrieresprungbrett und legte mir nach und nach die ganze Palette von SK-II, La Mer und Helena Rubinstein zu. Seitdem sich meine Haut an die hochwertigen Pflegeserien gewöhnt hat, verträgt sie die Billigkosmetik nicht mehr.

Später habe ich jeden Monat allein für die Hautpflege über 3.000 ausgegeben, obwohl mein Gehalt nur bei 6.000 liegt. Zudem habe ich aus purem Interesse auch noch angefangen, die chinesische Wölbbrettzither zu spielen. Eine Guzheng aus Rosenholz, die dreißig Pfund schwerer ist als ich, war meine erste Anschaffung auf Ratenzahlung. 350 pro Rate und einmal in der Woche Musikunterricht. Nachdem das seit drei Jahren so geht, ist das Instrument zu einem Teil meines Lebens geworden, den ich nicht mehr missen möchte.

Guzheng aus Rosenholz Guzheng aus Rosenholz | © Visual China Mein Gehalt hat meinen Konsum noch nie gedeckt, die Finanzquelle für die Aufrechterhaltung meines Lebensstils ist meine Kreditkarte. Als ich 3.000 verdiente, habe ich mich getraut, meine Kreditkarte bis 20.000 zu belasten. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt, stimmt's? Mein monatlicher Kreditrahmen liegt bei etwa 70.000 Yuan. Inzwischen habe ich sogar noch eine zweite Kreditkarte. Dabei achte ich penibel darauf, dass die Kreditrückzahlungen der einzelnen Karten nicht auf denselben Tag fallen und ich zahle in Raten, um den jährlichen Druck der Kreditrückzahlungen etwas abzufedern.

Mein winziges Gehalt ist angesichts der Schulden auf meiner Kreditkarte nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wenn ich heute mein Gehalt bekomme, lässt mich das längst kalt. Manchmal bewundere ich das junge Ehepaar aus meinem Freundeskreis, das erst ein knappes Jahr verheiratet ist. Um ein bisschen Miete zu sparen, wohnt jeder für sich in dem Zimmer, das die Arbeitseinheit kostenlos stellt. Wenn ich mich damit vergleiche, komme ich schon ins Grübeln, ob mein Konsumverhalten noch normal ist. Ich habe auch schon daran gedacht etwas zu sparen, aber ehe ich Geld zur Seite legen kann, ist schon die nächste Miete fällig, müssen meine leeren Kosmetiktiegel wieder aufgefüllt werden oder die nächste Zahlung für den Musikunterricht steht an. Es ist ein Teufelskreis, der mir keine Luft zum Atmen lässt.

Ich bringe nicht den Mut auf, meiner Familie reinen Wein über mein Leben einzuschenken. Als ich im Juni meinen Jahresurlaub zuhause verbrachte, hatte ich einen Föhn von Dyson für 3.000 Yuan im Gepäck. Mein Bruder fragte mich, was der gekostet hat. Weil meine Mutter mithörte, antwortete ich schnell: „Ach, der ist nicht echt, den habe ich für unter 300 bekommen.“

Eric, 26 Jahre, Monatsgehalt: 10.000 RMB

Ich echten Leben habe ich nicht viel, im Internet bin ich ein Star
„Es hat nur zwei Jahre gedauert, bis ich von dem einfachen Burschen aus der Grenzstadt zu einem Paradiesvogel wurde, der viermal im Monat durch die Gegend jettet.“

Mein Mitbewohner im Studentenwohnheim war ein echter Bourgeois wie er im Buche steht. Auch wenn er kaum Haare auf dem Kopf hatte, verwendete er nur die teuerste Haarpflege von Kérastase. Einmal habe ich mir sein Wässerchen ausgeliehen und es fühlte sich wirklich ganz anderes an als das Shampoo für zehn Yuan aus dem Supermarkt. Mit der Zeit färbten die so selbstverständlichen Konsumgewohnheiten meines Mitbewohners auch auf mich ab und ich begann höhere Ansprüche an meine Lebensqualität zu stellen.

Ich verpflegte mich dann den ganzen Monat über mit Brot aus dem Supermarkt, das dort im Großpack zum Sonderpreis angeboten wird. Außerdem habe ich nach und nach das billige Zeug von Semir und Baleno aus meinem Kleiderschrank ausrangiert. Für das gesparte Geld kaufe ich mir Klamotten von ausgefallenen Luxusmarken für den kleinen Geldbeutel. Weil ich nur wenig Kohle habe, treffe ich eine sorgfältige Auswahl und entscheide mich für die Sachen mit der besten Qualität. Mittlerweile habe ich einen ziemlich anspruchsvollen Geschmack. Selbst die Fotos, die ich bei WeChat hochlade, haben Klasse. Wenn ich mit meinem Mitbewohner einkaufen gehe, wirke ich manchmal noch versnobbter als er. Meine Ausgaben hat das allerdings automatisch in die Höhe getrieben, von denen komme ich auch nicht mehr runter.

Als ich gerade zu arbeiten anfing, bekam ich in der Probezeit nur 4.000 raus. Ich musste mir Geld leihen, um monatlich die 2.600 Yuan für meinen Master Bedroom aufzubringen. Hätte ich das kleinere Schlafzimmer in der WG genommen und es mit den hochwertigen Möbeln vollgestellt, die ich mir vom Mund abgespart habe, hätten die Fotos wohl kaum nach Mittelschicht ausgesehen. Mein Mitbewohner, der in dem kleineren Schlafzimmer wohnt, verdient dreimal soviel wie ich. Ich komme auf meinem WeChat-Profil jetzt rüber wie ein Internetstar, dabei hätte mein Mitbewohner den Master Bedroom mit Balkon viel eher verdient.

Vom Geltungsdrang getrieben steigen meine Konsumansprüche seitdem ich arbeite noch schneller als an der Uni. In meinem Jahresurlaub gebe ich für eine Auslandsreise 60.000 bis 70.000 aus. Mein WeChat-Profil wird dadurch auch immer exklusiver. Tatsächlich muss ich auf meinen Reisen aber jeden Cent umdrehen. Komme ich an einen neuen Ort, genehmige ich mir dort nur ein Essen und eine einzige Nacht in einem luxuriösen Hotel. Nachdem ich alles ausprobiert und alle Fotos geschossen habe, wechsle ich in eine billigere Absteige.

Erics WeChat Erics WeChat | © WeChat ID zhenshigushi1 Um diesen Lebensstil aufrecht zu erhalten, esse ich beinahe jeden Tag nur billige Dampfbrötchen mit Füllung. Beim Essen habe ich jedenfalls keine übertriebenen Ansprüche. Es reicht mir, wenn ich satt werde. Ich kann auch mal 1.000 Yuan ausgeben, um mir einen Salat in einem neu eröffneten Lokal zu gönnen. Aber wenn das Geld dafür draufgeht, dass ich jeden Tag 20 Yuan beim Takeaway ausgebe, macht mir das keinen Spaß.

Ich möchte möglichst alles aus meinem Leben rausholen.

Der Artikel erschien auf WeChat unter der ID zhenshigushi1 (真实故事计划) und war im Sommer 2018 einer der meistgelesenen und meistkommentierten Artikel in China.

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