Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Dokumentarfilm in China
Das Leben unter der Lupe

The Silk and the Flame
Foto: The Silk and the Flame Trailer/Screenshot

In einer Zeit, in der es so leicht ist jeden Moment des Lebens mit Bild und Ton festzuhalten, vergessen wir manchmal die Welt um uns herum wirklich zu sehen. Die unabhängigen Dokumentarfilme in China zeigen das Gegenteil dieser visuellen Fastfood-Kultur. Sie richten ihr Augenmerk auf jene Dinge, die im Medien-Hype untergehen und stemmen sich gegen den Trend der schnell produzierten Bilder. Weichzeichner und visuelle Effekte werden abgelehnt, sodass diese Filme in ihrer natürlichen Vielfalt und Mehrdimensionalität oft weit entfernt sind von der einen offiziell verbreiteten Realität und Wahrheit.

Sie beschönigen nichts, sondern tauchen einfach in den Alltag ein. Dabei wird das Gefilmte in mitunter langen Einstellungen nah heran geholt und die Umgebungsgeräusche bleiben erhalten. Der Regisseur vermeidet meist selbst im Bild zu sein, in den Fortgang des Filmes direkt einzugreifen oder sich in den Vordergrund zu drängen. Unter der Linse der Dokumentarfilmerin formieren sich die Dinge des Lebens zu einem Ausdrucksmittel, das gesellschaftliche Probleme aufzeigt, über das Leben nachdenkt und denjenigen eine Stimme verleiht, die sonst keine haben.

Diese Aufnahmen können die Form persönlicher Porträts annehmen, wie im Fall der 88-jährigen Großmutter aus dem Film Mama (罗长姐, 2017), die noch immer Kartoffeln und Mais anbaut und sich um ihren an Meningitis erkrankten Sohn kümmert; oder jenem Don Quichote nicht unähnlichen Alten, der in The Shoeshiner's Journey (昨日狂想曲, 2016) seinem Ideal Lei Feng nacheifert. Manchmal kreisen die Filme um einen Ort, folgen den Spuren menschlichen Lebens dort, wie Inmates (囚, 2017) oder 'Til Madness Do Us Part (疯爱, 2013), die in psychiatrischen Kliniken gedreht wurden. Police Station (差馆, 2010) zeigt Polizisten, Informanten und Inhaftierte in einem Kantoner Polizeirevier, This Is Life (生门, 2016) widmet sich schwangeren Frauen in einer Geburtshilfe-Klinik und die Probleme beim Bau einer Schnellstraße sind das Thema von The Road (大路朝天, 2015), wobei der Film verschiedene soziale Schichten und Interessen miteinander verbindet. Nach wie vor ist auch die Fabrik ein wichtiges Sujet: 15 Hours (15小时, 2017) zeigt die Produktion von Kinderbekleidung, Cotton (棉花, 2014) die Baumwollverarbeitung und Plastic China (塑料王国, 2016) die Arbeit des Recycelns.

The Iron Ministry Foto: The Iron Ministry Trailer/Screenshot Auch Filmemacher aus dem Ausland prägen die Dokumentarfilmlandschaft Chinas, darunter J.P. Sniadecki, Mitglied des Harvard Sensory Ethnography Lab und sein Film The Iron Ministry (铁道, 2014). Auf langen Zugreisen zeichnete er die Gespräche der anderen Passagiere über Ethnizität, Politik und Wirtschaft auf. Oder Jordan Schiele, der in The Silk and the Flame (飞蛾扑火, 2018) mit seinem Freund Yao in dessen Heimatdorf in Hunan fährt, um das Frühlingsfest zu feiern. Anfangs filmt er einfach Yao Zhongfengs Vater und die taubstumme Mutter. Doch mit der Zeit weitet sich sein Blickwinkel, Fragen der sexuellen Orientierung und der im Dorf tief verwurzelten konfuzianischen Moralprinzipien werden ebenso berührt wie Erinnerungen an die Volkskommunen oder das Nachdenken über die eigene Position als  Dokumentarfilmer.

Der Gewinner des Goldenen Leoparden auf dem Filmfest Locarno 2017, Wang Bings Mrs. Fang (方绣英) wendet sich dem Sterben zu. Die an Alzheimer erkrankte Mrs. Fang liegt im Bett, die Nahaufnahmen zeigen ihr langsames Verschwinden: Eingefallene Wangen, hervorstehende Zähne, allein bewegen kann sie sich nicht mehr ... all das fängt die Kamera ein, während Verwandte und Bekannte an ihrem Bett die Verschlimmerung ihres Zustands kommentieren und die Beerdigung planen, denn sie rechnen mit ihrem baldigen Ableben. Vor der Hintertür wird indessen die Tafel für den Leichenschmaus gedeckt und davon probiert.

Mrs. Fang Foto: Mrs. Fang Trailer/Screenshot Weit hinten im Dunkel sieht man ein paar Dorfbewohner in einem Fischerboot, ein selbst umgerüsteter Bambusstab dient ihnen zum Elektrofischen. Sie bemühen sich nicht umzukippen, während sie durch das trübe Wasser gleiten; ein ganz normaler schwüler Sommerabend im Süden. So verbindet sich die Nahaufnahme von Mrs. Fang mit dem Alltag der Dorfbewohner, das Leben mit dem Tod. Der Film beleuchtet das Lebensende und seine peinliche Ökonomie, ist aber auch eine anthropologische Studie über die unter schwierigen Bedingungen lebenden Dorfbewohner. Die private Geschichte der letzten zehn Tage Fang Xiuyings ist zugleich eine universelle Geschichte über die Begrenztheit des Lebens, soziale Ungleichheit, medizinische Versorgung, das Sterben der Fischerei und den Unterschied zwischen Stadt und Land. Hierin gleicht der Film vielen anderen Dokumentarfilmen, die gewöhnliche Dinge erstrahlen lassen, die das Leben unter die Lupe nehmen, um die Wirklichkeit zu zeigen.

Top