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Künstliche Intelligenz
Der Weg in die Zukunft: KI-Arbeiter in China

Liu Yangfeng (刘洋锋)
Liu Yangfeng (刘洋锋) | © Zhang Boran (张博然)

Hier wird er produziert, der spitz zulaufende Unterkiefer der beliebten Selfie-App, mit der man sich auf Bildern verschönern kann. Aber auch der dynamische Schnurrbart für das beliebte Handy-Spiel, das man zusammen mit Freunden spielen kann, oder die Echtzeit-Identifizierung von Kriminellen auf Konzerten von Zhang Xueyou, das selbstfahrende Auto der Zukunft und intelligente Einlasskontrollsysteme.

Von Liu Min (刘敏)

Denn an diesem Ort befindet sich eine Datenwerkstatt mit chinesischen Besonderheiten. Ihre Angestellten sind über kleine Städte des vierten oder fünften Ranges in Henan, Shandong, Hebei und andere Provinzen verstreut und stehen rund um die Uhr im Dienst für weltweit führende KI-Produkte. Und immer mehr Menschen reihen sich ein, um hier zu arbeiten.

❶ „Leiter, beweglich“

Vor Ma Mengli erscheint ein Foto von einem europäischen Straßencafé. Sie bewegt die Maus und auf dem Bild taucht ein grüner Rahmen mit dem Vermerk „Stuhl“ auf. Rasch setzt sie einen anderen grünen Rahmen um eine Vase mit einem Blumenstrauß und markiert sie als „Blume, in einem Behälter steckend“.

Auf einem anderen Foto, das einen japanischen Blumenmarkt zeigt, kontrolliert Ma Mengli in mehreren Reihen dicht an dicht stehender grüner Pflanzen jeden markierten „Blumentopf“.

Das nächste Foto, das Schlafzimmer eines Kindes in den USA: ein „Stuhl“, ein „Tisch“ … Blitzschnell löscht sie den Rahmen mit „Leiter“, denn der Kunde fordert, dass es bewegliche Leitern sein müssen, und diese Sorte Leiter, die bereits fest an das Hochbett angelötet ist, kann man nicht dazu rechnen.

Das nächste Foto, und das nächste Foto, und das nächste Foto. Ganz gleich, was für eine Szene sie vor sich sieht, Ma Mengli kreist mit unvermindert flinker Hand nacheinander „Leitern“, „Teetische“, „Teppiche“ und „Sofas“ ein.

„Leiter“, „Teetisch“, „Teppich“, „Sofa“. „Leiter“, „Teetisch“, „Teppich“, „Sofa“… In diesem Zyklus läuft es ab und wiederholt sich ohne Unterlass. Ma Menglis tägliche Arbeit beginnt um acht Uhr morgens. Dann setzt sie sich an ihren Arbeitsplatz, schaltet den Computer ein, gibt Benutzernamen und Passwort ein, bewegt die Maus und fängt mit dem Markieren an. Tag für Tag, wobei jeder Tag neun Stunden dauert.

Die Fotos auf dem Bildschirm sind sehr unscharf und entstammen alle globalen sozialen Netzwerken, aufgenommen aus chaotischen Winkeln und von geringer Pixelzahl. Das Foto eines koreanischen Kimchi-Standes kommt offensichtlich von einer Kamera, mit der aus einer Ecke fotografiert wurde. Ma Mengli vergrößert das Bild und kreist einen verschwommenen Umriss neben dem Fuß eines Passanten ein: „Mülleimer“.

Am Arbeitsplatz neben ihr stellt jemand eine Musikanlage an und ein lebhafter Popsong ertönt: „Burn my calories!“

Im Raum stehen mehrere hundert Bildschirme, auf denen verschiedenfarbige Fotos flackern. Alle Mitarbeiter wählen die gleichen Inhalte für ihre Rahmen aus: Mülleimer, Leitern, Teetische, Teppiche ... Der Ort ist die Stadt Pingdingshan im Kreis Jia der Provinz Henan, die Datenfirma trägt den Namen Qianji und der Raum sieht aus wie ein Internetcafé. Begleitet von populären Songs aus dem Netz sitzen die jungen Mitarbeiter auf weichen Sofasesseln und ziehen in einem fort Rahmen auf. Ma Mengli ist die Abschlussprüferin. Sie und ihre Kollegen müssen sämtliche gesetzten Rahmen überprüfen um sicherzustellen, dass jeder Rahmen sich nahtlos an die Ränder des jeweiligen Objektes schmiegt. Alle Objekte auf dem Bild müssen eingerahmt sein und es darf absolut keine Auslassungen geben.

die Mitarbeiter bei der Arbeit die Mitarbeiter bei der Arbeit | © Zhang Boran (张博然) Jeden Tag muss Ma Mengli mindestens tausend Fotos überprüfen. An dem momentanen Auftrag wird schon seit zwei Monaten gearbeitet, in denen ihre Kollegen an die zehntausend Mülleimer, Leitern, Teetische und Teppiche markiert haben ... Die 29-jährige Ma Mengli weiß, dass diese mit Rahmen versehenen Bilder erst gesammelt und danach an ein erfolgreiches Unicorn-Startup für KI in Peking zurückgeschickt werden, wo sie sich in Lernstoff für künstliche Intelligenz verwandeln.

Was sie nicht weiß, ist, dass diese Zehntausenden von markierten „Leitern, beweglich“ die unzähligen Erscheinungsformen von Leitern darstellen, die im Anschluss durch einen Deep-Learning-Algorithmus verarbeitet werden und schließlich dem Computer ermöglichen zu erkennen: Das ist eine Leiter, von der Sorte, die man bewegen kann.

Die Daten, die sie Tag für Tag kennzeichnet, stammen von Baidu, Jingdong, Alibaba, Megvii, Momenta und anderen großen Unternehmen, und werden ohne Ausnahme für das Training künstlicher Intelligenz verwendet. Eine Branchenweisheit besagt, dass alle Tätigkeiten, zu denen Menschen nach ihrem fünften Lebensjahr in der Lage sind, für Roboter keine Schwierigkeit darstellen, während alle praktischen Informationen, die Menschen vor ihrem fünften Lebensjahr mit Hilfe ihres Instinkts entschlüsseln können, Computer auf die dümmste Art erlernen müssten. Momentan werden Zehntausende von Ma Menglis benötigt, um Bildmarkierungsdienste für künstliche Intelligenz zu leisten.

Aber worin liegt der Nutzen, wenn der Computer ein Sofa oder eine Leiter erkennt?

Ma Mengli, die diese Frage nicht beantworten kann, dreht sich zu ihrem Chef Liu Yangfeng um und gibt sie an ihn weiter. Liu Yangfeng ist einunddreißig Jahre alt und derjenige, der den Arbeitsauftrag bei einem Wettbieten in Peking ergattert hat. Er fährt sich durch die Haare und erinnert sich daran, dass sein Auftraggeber mal erwähnt hat, sie würden am achten September im Ausland an einem Wettbewerb für künstliche Intelligenz auf Weltklasseniveau teilnehmen. „Und werden diese Sachen für den Wettbewerb verwendet?“ Er ist sich nicht sicher. Und als ich ihn nach weiteren Details zu dem Wettbewerb frage, weiß er auch nichts darüber.

❷ Im Dienst der künstlichen Intelligenz

Meine erste Mahlzeit nach meiner Ankunft im Kreis Jia. Liu Yangfeng und sein Partner Liu Lei bringen mich zu einem im Internet berühmten lokalen Restaurant. Im Nudelrestaurant begegnen wir einer hübschen Moderatorin, die auf einer Plattform für Kurzvideos 880.000 Fans gewonnen hat, indem sie in der Gaststätte alle möglichen alltäglichen Szenen aufnimmt. Zur Mittagszeit ist es auf beiden Stockwerken proppenvoll, zur einen Hälfte mit Gästen, die wegen des Essens hergekommen sind, zur anderen Hälfte mit Fans, die der bekannte Name angelockt hat.

Wir treffen die junge Frau zufällig während einer Live-Übertragung und ich entdecke, dass die Moderatorin als reale Person anders aussieht als in den Videos: Auf dem Bildschirm ist ihre Haut besser, ihre Augen sind sehr groß, ihr Kinn läuft spitzer zu und ihre Lachmuskeln sind runder.

Es ist der Filter ihrer Kurzvideo-App, der sie aufgehübscht hat. So wie die Software für Selbstaufnahmen basiert der Filter von Livestreaming-Plattformen auf künstlicher Intelligenz, die in Echtzeit Gesichter schmaler, Augen größer und die Haut glatter machen kann. Warum die App dazu in der Lage ist, zu erkennen, wo die Augen sitzen und wo das Kinn, liegt eben gerade daran, dass Arbeiter der KI-Datenannotation zuvor die fünf Sinnesorgane des menschlichen Gesichts markiert haben.

Als wir aufbrechen, begrüßt die junge Frau noch immer ohne Pause das zum ersten Mal in den Raum mit der Live-Übertragung tretende Publikum. Schüchtern lächelt sie in die Kamera: „Ich bin Single, ich habe keinen festen Freund.“

„Sie ist die Schwiegertochter des Chefs von dort.“ Während sie beginnt von der Moderatorin zu erzählen, zieht Ma Mengli auf dem Foto eines russischen Restaurants Rahmen auf und lacht laut dabei. Der Kreis Jia ist sehr klein, sodass dort Geheimnisse nicht lange geheim bleiben. Sie weist mit einer kurzen Handbewegung auf die Angestellten der Firma: „Wenn man unbedingt will, dann stehen wir alle in irgendeiner Art Beziehung zueinander.“

Aus derselben Kreisstadt stammend, lebten Ma Mengli und die Moderatorin noch vor ein paar Jahren in ziemlich ähnlichen Verhältnissen. Aber danach formte sie die Technik zu zwei Typen von Menschen: Ma Mengli wurde zu einer Arbeiterin im täglichen Dienst für KI, während die Moderatorin die gebotenen Möglichkeiten von KI nutzte, um Geld zu verdienen und reich zu werden.

Ma Mengli ist neunundzwanzig Jahre alt und wenn man ihr begegnet, schenkt sie einem ein breites Lächeln. Auf jede Frage versucht sie eine Antwort zu geben. Nach Abschluss der Unterstufe der Mittelschule verließ sie ihr Zuhause und suchte sich einen Job. Sie arbeitete als Näherin in einer Bekleidungsfabrik und war auch vier Jahre lang als mobile Kraft außerhalb des Fließbandes bei Foxconn beschäftigt: Am Fließband wurden Hewlett-Packard-Bildschirme produziert, und ihre Aufgabe war es, jederzeit für abwesende Kollegen einzuspringen. Im vorderen Bereich baute sie Frontplatten, Gehäuse und Gestelle von Monitoren zusammen, im hinteren führte sie Tests durch, prüfte mit Hilfe einer Datenübertragungsleitung, ob es auf den Bildschirmen keine hellen Punkte gab, und klebte Etiketten darauf.

Nach ihrer Rückkehr in die Heimat eröffnete sie ein Internetcafé und arbeitete als Supermarktkassiererin. Im vergangenen Jahr nahm sie die Stelle als „Computer-Operatorin“ an, mit der sie monatlich drei- bis viertausend Yuan verdient, mehr als als Kassiererin, aber weniger als bei Foxconn. Die Arbeitsbedingungen gefallen ihr: im Sitzen einen Computer zu bedienen, eine Klimaanlage zu haben und früh Feierabend zu machen, sodass sie abends zurück zu Hause noch eine Weile mit den Kindern spielen kann. Außerdem sind drei der Chefs Bekannte von ihr: „Unsere Dörfer liegen alle nebeneinander, wir kennen uns seit der Kindheit.“

Im vergangenen Jahr hat sich Ma Mengli alle möglichen seltsamen Fotos angeschaut und einen menschlichen Körper mit Gelenkpunkten markiert, von der Oberseite des Kopfes, dem Hals und den Knien bis zu den Fußknöcheln, insgesamt siebzehn Gelenkpunkte. Sie hat Rahmen um Autos, Motorräder und Fahrräder auf Bildern von Straßen gezogen. In der Nacht aufgenommene Fotos hatten sie dabei vor doppelt so große Schwierigkeiten gestellt wie am Tag aufgenommene. Einmal hat sie auch einen ganzen Nachmittag lang Tonaufnahmen gemacht und dreihundert Sätze in ihr Handy gesprochen. Einige waren kurz, mit zwei bis fünf Wörtern, andere hatten über zehn bis über zwanzig Wörter. Über den konkreten Inhalt der Sätze gebot die Firma ihren Mitarbeitern Stillschweigen.

2012 führte Google Brain ein berühmtes Experiment durch: Tausend Computer bildeten ein neuronales Netz aus mehr als einer Milliarde „synaptischen“ Verbindungen. Forscher speisten zehn Millionen Standbilder ein und nach drei Tagen intensiver Suche nach wiederkehrenden Mustern konnte Google Brain schließlich einige bestimmte sich wiederholende Kategorien identifizieren: menschliche Gesichter und Körper oder eine Katze.

Arbeiter der KI-Datenannotation wie Ma Mengli sind Leute, die einen Computer mit Bildern füttern und künstliche Intelligenz mit Lernstoff versorgen. Dazu verwenden sie die primitivsten Methoden, indem sie manuell ein Bild nach dem anderen markieren. Sie setzen Hunderte von Markierungspunkten auf ein menschliches Gesicht, bringen dem Computer bei, wo der innere und der äußere Augenwinkel liegen, und erweitern binnen eines Moments sein Blickfeld. Nachdem die eingegebenen phonetischen Informationen aufgesplittet und markiert worden sind, ermöglichen sie es einer intelligenten Voicebox, die Bedeutung von „fahr herunter“ oder „ruf in zehn Minuten meinen Mann an“ zu verstehen. Wenn in der Zukunft selbstfahrende Fahrzeuge an Kreuzungen anhalten können, dann deswegen, weil Arbeiter Ampeln, Zebrastreifen und sich in einer Bilderfolge bewegende Fußgänger markiert haben.

Eines der bekanntesten Beispiele für diese Technik ist, dass die Polizei auf vier Tourneekonzerten von Zhang Xueyou in Nanchang, Zhangzhou, Jiaxing und Jinhua während einer Sicherheitsüberprüfung mit Hilfe eines Gesichtserkennungssystems insgesamt fünf flüchtige Verbrecher festnehmen konnte.

Sobald ich diese Nachricht erwähne, spricht Liu Yangfeng sofort den Namen der Firma aus, die sich dahinter verbirgt. Obwohl sie nie zusammengearbeitet haben, weiß er, wie das System funktioniert: In dem Moment, in dem die flüchtigen Verbrecher mit ihren Tickets voller Vorfreude an der Kamera vorbeigehen, sind die Informationen über ihre Gesichter bereits extrahiert worden. Sie werden in Echtzeit an eine Cloud weitergeleitet und in Windeseile mit einer Backend-Datenbank abgeglichen.

Es handelt sich um einen undifferenzierten Informationsabgleich. Würde man herkömmliche Arbeitskräfte dafür einsetzen, würde das Aufspüren eines flüchtigen Kriminellen am Sicherheitskontrollpunkt eines von Zehntausenden von Menschen besuchten Konzertes Hunderte von Sicherheitskräften erfordern. Jetzt braucht es nur wenige Sekunden und der Vergleich ist abgeschlossen. Das System gibt ein Warnzeichen, die Polizei lokalisiert den Kriminellen anhand der Aufnahmen und nimmt ihn fest.

❸ Es war sehr einfach, fast so wie ein Screenshot mit QQ 

Die Geschichte der Datenfirma Qianji reicht erst ein Jahr zurück und von der Idee bis zu ihrer Gründung brauchte es zusammen gerade mal drei Tage.

Am ersten Tag kam Liu Yangfeng mit den beiden anderen Mitbegründern zusammen, um zu überlegen, was sie in Zukunft unternehmen wollen. Er zog ein Dokument hervor – eine Firma für Datenkennzeichnung aus Jiangsu verkaufte einen Auftrag weiter – und erwähnte einen neuen Begriff: Datenannotation.

Liu Yangfeng hatte mit der Software experimentiert und auf dem Foto von einer Straße einen Fußgänger mit einem Rahmen versehen – das war sehr einfach, fast so wie ein Screenshot mit dem Instant-Messaging-Dienst QQ.

Am zweiten Tag besorgten sich die drei ein Netzwerkkabel und fuhren nach Pingdingshan, um Trennelemente für Zellenbüros zu kaufen. Sie kauften sie auf einem Gebrauchtmarkt für neunzig Yuan das Stück.

Am dritten Tag wurden die Bewerbungsgespräche geführt. Liu Yangfeng hat einen Cousin mit einem Handyladen, der seit sieben, acht Jahren in der Gemeinde herumhängt. „Er hat eine WeChat-Gruppe und kennt eine Menge Menschen. Er musste seinem Freundeskreis nur eine Nachricht schicken und schon kamen Leute zu uns.“ Die einzige Voraussetzung für eine Anstellung war, dass die Interessenten nicht zu alt sein durften. Sie stellten zwanzig Leute ein und sonderten einige Bewerber über vierzig aus.

Als 2007 Li Feifei, Assistenzprofessorin an der Princeton University und Expertin für maschinelles Sehen von Computern, die Datenannotation zum ersten Mal testete, beschäftigte sie eine Gruppe von Princeton-Studenten für zehn Dollar pro Stunde. Zehn Jahre später hatte sich das Experiment zu einer Industrie entwickelt. In einer chinesischen Stadt dritten oder vierten Ranges im Kreis Jia fasste es in Gestalt von Fabriken, Werkstätten und Qualitätsinspektoren Fuß.

Liu Yangfeng (刘洋锋) Liu Yangfeng (刘洋锋) | © Zhang Boran (张博然) Liu Yangfengs Firma wurde in einem Bauernhaus am Randbezirk der kleinen Kreisstadt gegründet. Die Anfangsbelegschaft bestand aus Schülern, die gerade die Unterstufe der Mittelschule abgeschlossen hatten, Frauen über Dreißig mit Kindern zu Hause, früheren Angestellten von Mobiltelefonläden und ehemaligen Verkäufern aus Bekleidungsgeschäften. Nach der geschäftlichen Ausbeutung durch die Firma aus Jiangsu, die für jeden aufgezogenen Rahmen 0,032 Yuan berechnet, zieht seine Firma noch einen Prozentsatz für sich selbst ab, sodass daraus 0,025 Yuan werden, die in den Händen der Angestellten landen.

Eine Woche später waren bereits alle mit der Bedienung von Computern vertraut. Der Schwellenwert für diese Arbeit lag bei beinahe null. Die Zahl der Computer erweiterte sich auf vierzig, dann auf hundert, und nach einem Jahr war sie bereits auf über fünfhundert angestiegen. Die gesamte Belegschaft besteht aus Einheimischen. Aus Ma Menglis Dorf kamen in diesem Jahr sieben Personen dazu. Mit einem elektrischen Motorroller nimmt sie mich zu sich nach Hause. Auf der zehn Kilometer langen Dorfstraße war sie als Kind mit dem Fahrrad unterwegs, als die Straße noch eine einzige planierte Schlammgrube war und ein ganzer Morgen nicht zum Ankommen reichte. Jetzt ist eine Zementstraße daraus geworden und wir sind in zwanzig Minuten bei ihr. Ma Menglis Familie hat sich gerade auf Kredit einen Haval SUV gekauft und nimmt an Regentagen die Kollegen aus dem Dorf mit zur Arbeit.

Zum Ende des Sommers ist das Wetter abgekühlt, der Abendwind streicht über die kleinen Flüsse und Maisfelder, und die Blätter rauschen. Zuhause liegt ihr siebenjähriger Sohn in einem Raum mit Klimaanlage auf dem Bauch und schaut sich einen Horrorfilm an. Er steht kurz vor der Einschulung. Als er sieht, dass Ma Mengli zurück ist, springt er auf und wirft sich seiner Mutter in die Arme.

In letzter Zeit ist Liu Yangfeng jeden Tag bis nach Mitternacht beschäftigt und schläft dann direkt im Büro. Als er heute aufgewacht ist, ist ihm eingefallen, dass er schon wieder vergessen hat, Bucheinbände für seinen Sohn zu kaufen, weswegen er sich sofort Vorwürfe macht. 1987 geboren, brach er die Berufsfachschule, an der er die Fachrichtung Computerwissenschaften belegt hatte, nach der ersten Hälfte ab. Erst nach drei Jahren Unterricht über die Ursprünge des Computers war man dort darauf zu sprechen gekommen, wie ein Server konfiguriert wird.

2005 machte Liu Yangfeng sich eilig auf den Weg nach Chongqing, wo er Baggerfahrer auf einer Baustelle wurde und mehr als fünftausend Yuan im Monat verdienen konnte. Er kaufte sich ein gebrauchtes IBM ThinkPad und brachte Computerlehrwerke, Software und Computermagazine in einer Tasche aus Schlangenleder unter, die er überallhin mitnahm. Am Abend im Wohnheim lernte er im Selbststudium. Danach war er in allen Ecken des Landes als Verkaufsförderer für Getränkeflaschen unterwegs, verkaufte am Roten Fluss in Yunnan importierten hochwertigen Traubendünger und hielt sich sogar einen Monat lang in Chile auf. Damals wollte einer seiner Chefs Imitate von Markenhandys aus dem Shenzhener Bezirk Huaqiangbei nach Südamerika verkaufen und ließ ihn erst mal einen Monat lang Spanisch lernen.  Aber der Handydeal kam nicht zustande und der einzige Ertrag, den die Sache ihm brachte, war die Erinnerung an hola (hallo) und gracias (danke).

Bevor Liu Yangfeng in den Kreis Jia zurückkehrte, stellte er in Zhuhai eine Zeitlang Single-Chip-Mikrocomputer her, wobei er sein eigenes Computerwissen einsetzen konnte. Die kleine Firma montierte automatisierte Vorrichtungen, die Gegenstände präzise aufnehmen und wieder ablegen konnten und speziell das Wi-Fi und die Motherboards von Mobiltelefonen testeten - genau die Arbeit, die Ma Mengli in der Vergangenheit am Fließband gemacht hatte.

Die Single-Chip-Mikrocomputer waren schnell und arbeiteten ohne Unterlass vierundzwanzig Stunden am Tag. Gab man mehrere zehntausend Yuan für einen davon aus, ersetzte er ein komplettes zehnköpfiges Fließband-Team. Eine Folge der KI-Datenmarkierung durch große Firmen kann dagegen die Ersetzung menschlicher Arbeitskräfte in großem Maßstab sein. Kai-Fu Lee schrieb einmal einen Artikel, in dem er seine Besorgnis über die schnelle Entwicklung der KI-Technologie zum Ausdruck brachte. Er glaubt, dass diese zu einer Umbildung der Sozialstruktur führen wird, einer stärkeren Aufspaltung in Arm und Reich, und viele Menschen dem Risiko ausgesetzt sein werden, aus ihrer sozialen Schicht zu fallen und infolgedessen ihre Würde zu verlieren:

„Dieser Wandel wird den Unternehmen, die künstliche Intelligenz entwickeln und die künstliche Intelligenz anwenden, gewaltige Profite bescheren ... Wir werden uns zwei neuen Situationen gegenübersehen, die nicht harmonisch miteinander existieren können: Während ein immenser Reichtum in den Händen einer sehr kleinen Zahl von Menschen liegen wird, wird eine große Zahl von Beschäftigten ihre Arbeit verlieren.“

Aber die Menschen, die am Ende der Produktionskette stehen, machen sich über diese Probleme keine Gedanken. Sie sind zu weit von ihnen entfernt. Der Chef einer KI-Firma für Datenmarkierung in Peking sagte zu mir: „Die Arbeiter öffnen nur die Webseiten von anderen Leuten, um darauf für andere Leute mit der Software von anderen Leuten die Daten von anderen Leuten nach Schemata anderer Leute zu behandeln und anderen Leuten zu übergeben. Die Firma selbst kommt mit keinem Bestandteil der künstlichen Intelligenz in Berührung und kann die Daten auch nicht selbst behalten“. „Wir haben nicht die Fähigkeit zu forschen und zu entwickeln, wir sind lediglich eine Art (Erstausrüster-) Foxconn.“

Im Kreis Jia ist dies trotzdem noch ein neues und aufstrebendes Produkt. Im August dieses Jahres veröffentlichte Liu Yangfeng auf dem offiziellen Account des Kreises Jia eine Stellenanzeige. Der Artikel hob die Arbeit der KI-Datenkennzeichner auf einen hohen Sockel: „Im Rahmen dieser Stelle repräsentieren einige Ihrer Ideen tatsächlich die Ideen der künstlichen Intelligenz. Anhand der von Ihnen verarbeiteten Daten wird die künstliche Intelligenz einen Deep-Learning-Prozess durchlaufen und dadurch mehr Intelligenz erreichen.“ Das in der Anzeige angegebene monatliche Gehalt betrug 3000-8000 Yuan (nach oben nicht gedeckelt, je mehr man arbeitete, desto mehr Geld bekam man).

„Das alles war ein Trick“, gibt Liu Yangfeng ehrlich zu. „Niemand kann auf achttausend kommen, wer am eifrigsten arbeitet, erhält etwas mehr als viertausend Yuan.“ Verglichen mit den „2500-3000 Yuan“-Stellenanzeigen, die überall im Kreis zu finden sind, ist das schon einiges mehr. Liu Yangfeng hatte einen Freund gebeten, den Werbetext für ihn zu schreiben. Der offiziell angegebene Preis für die Topspalte der Weixin-Ausgabe betrug dreitausend Yuan, aber weil er gute Beziehungen hatte, wurde ihm nichts berechnet.

Vor ein paar Tagen besuchten Führungskräfte aus dem Kreis die Firma und lasen mit großem Interesse die Poster an der Wand: „Qianji Daten steht im Dienst von Baidu, Alibaba, Jingdong, Tencent, Didi und anderen der fünfhundert weltweiten Topunternehmen und Unicorn-Startups.“ Die Führungskräfte waren voll des Lobes: Ihr Betrieb hier gehört zur Hightech-Industrie! Künstliche Intelligenz!

Liu Yangfeng gab ihnen dazu keine direkte Erläuterung. Er meinte, es sei viel besser, nichts zu erklären.

❹ China gewinnt die Meisterschaft 

Sechshundert Millionen US-Dollar – das ist der Betrag der jüngsten Series-C-Finanzierungsrunde eines inländischen Unicorn-Startups für künstliche Intelligenz. Der heimische KI-Markt ist seit mehreren Jahren im Aufwind und alle Internetgiganten, die man sich vorstellen kann, haben sich in der KI-Branche positioniert. Nach Kai-Fu Lees Beschreibung ist dies „ein kaum zu durchbrechendes Wirtschaftsmonopol, das größte in der Geschichte“.

Die Datenmarkierungswerkstätten stehen im industriellen System der künstlichen Intelligenz als Kapillargefäße am untersten Ende. Alle kleinen Firmen wie Qianji Daten leben in den Lücken zwischen den Megaunternehmen. Liu Yangfeng arbeitet in diesem Jahr direkt mit solchen Megaunternehmen zusammen. Für jeden Rahmen, der jetzt aufgezogen wird, erhalten seine Angestellten mindestens 0,06 Yuan, wobei ihr Stücklohn maximal 0,1 Yuan erreichen kann. Der spezifische Preis hängt von den Angeboten ab, die Liu Yangfeng ersteigert. In den vergangenen Jahren musste die Branche stillschweigend anerkennen, dass Baidu die Arbeit am besten erledigte: Die Bezahlung war schnell, am Monatsersten gab man die Arbeit ab und am Fünfzehnten war das Geld vielleicht schon auf dem Konto. Viele kleine Firmen setzen auf Baidu.

Im Sommer dieses Jahres reduzierten sich Baidus Aufgaben plötzlich dramatisch: Der Chef einer Firma im Pekinger Stadtbezirk Changping erzählte mir, dass er es mit Mühe und Not geschafft habe, mehr als sechzig qualifizierte Arbeiter heranzubilden. Der Junge mit den schnellsten Händen verdiente in dreiundzwanzig Tagen zehntausend Yuan. In der Folge gab es einen Ansturm von zu vielen Berufskollegen, die Preise sanken und die Aufgaben verringerten sich in diesem Jahr plötzlich. „In einem Monat gibt es an zehn Tagen Arbeit. Will man den Leuten Gehalt für dreißig Tage geben, dann zahlt man am Ende nur drauf.“ Der Chef aus Changping dachte überhaupt nicht daran.

Liu Yangfeng hielt sich eine Tür offen. Zu den Firmen, mit denen er zuerst zusammengearbeitet hatte, wie Momenta und Megvii, brach er den Kontakt nicht ab, sondern verteilte seine Mitarbeiter auf verschiedene Projekte und überstand so die Krise. Dazu gehörte, dass er sich gegenüber einer namhaften Firma mit sehr langer Abrechnungsperiode geduldig zeigte. Drei, vier Monate lang wurde kein Geld überwiesen. „Jedes Mal, wenn man nachfragte, war jemand anders für die Sache zuständig. Die Leute, die sich um die Finanzen kümmerten, waren schlecht gelaunt, und dann wurde man auch noch beschimpft.“ Das konnte man nur mit Langmut ertragen. Für die Löhne von Hunderttausenden kommen inzwischen die Gründer selbst auf. Liu Yangfeng will nicht, dass ich den Namen dieser Firma erwähne: „Besser Sie erklären mich in Ihrem Textbeitrag für tot als dass Sie andere verärgern.“

In zwei Pekinger Firmen sah ich, dass die Mitarbeiter ernst auf ihre Bildschirme blickten und ohne Pause die Tasten unter ihren Fingern klappern ließen. Um die Toilette benutzen zu können, war es strikt erforderlich, vorübergehend eine Zeituhr anzuhalten, damit die Arbeitseffizienz des laufenden Monats berechnet werden konnte. Wenn Firmen in Peking Leute einstellen, dann beträgt ihr monatliches Gehalt mindestens vier- oder fünftausend Yuan. Eine Firma fuhr eigens zu einer Berufsschule in Shandong, um neue Mitarbeiter zu rekrutieren. Die Schüler sollten hundert Schriftzeichen pro Minute schreiben können. In einer Klasse nahmen mehr als vierzig Schüler an der Prüfung teil und zwanzig davon kamen nicht durch die erste Runde. Der Rekrutierungslehrer blieb für eine Woche an der Schule und fand heraus, dass sich einer der männlichen Schüler, dessen Testergebnisse zu den besten fünf gehörten, sehr ungezogen verhielt. Jedes Mal wenn Schüler herumtollten, war er mit dabei. Bevor der Rekrutierungslehrer ging, strich er ihn aus der Namensliste: Bei dieser Arbeit kann man keine Menschen gebrauchen, die ein zu lebhaftes Wesen besitzen.

Liu Yangfengs Firma sieht wie ein Internetcafé aus Liu Yangfengs Firma sieht wie ein Internetcafé aus | © Zhang Boran (张博然) Im Kreis Jia sieht Liu Yangfengs Firma wie ein großes Internetcafé aus. Es gibt keine Prüfungen, sondern nur eine dreitägige Probezeit. Im Büro stehen mindestens drei Lautsprecher, aus denen mal hier und mal dort Popsongs tönen. Tatsächlich sind sämtliche Computer und Sofasessel von einem Internetcafé erworbene Second-Hand-Ware. Auch wenn man längere Zeit auf diesen Sofasesseln sitzt, bekommt man keine Rückenschmerzen, und am Mittag kann man sich außerdem flach hinlegen und ein Schläfchen machen. Ursprünglich haben die Sofasessel über vierhundert Yuan das Stück gekostet, aber Liu Yangfeng hat sie gebraucht gekauft und keine hundert Yuan dafür bezahlt.

In Liu Yangfengs Büro gibt es immer Angestellte, die auf den Sofasesseln schlafen. Die Firma braucht keine Foxconns-Standards. Liu Yangfeng meint, dass die örtlichen Mieten und Löhne sowieso niedriger sind als in Peking, und wenn jeder etwas weniger arbeitet, es dann außerdem möglich ist, ein paar mehr Leute einzustellen. „In Peking erledigen sie die Arbeit mit zwanzig Leuten, bei mir geht es auch mit fünfundzwanzig. Bei weniger Beschäftigten ist der psychische Druck groß und die Fehlerquote hoch, und es gibt weit höhere Nacharbeitskosten.“

Wenn Firmen in Peking Leute einstellen, dann beträgt das monatliche Gehalt mindestens vier- bis fünftausend Yuan. Die Chefs mögen Berufsfachschüler und Hochschulstudenten, ihre „hohen Qualitäten“ sind eine Garantie für Effizienz. Die meisten Firmenmitarbeiter im Kreis Jia sind dagegen von der Unterstufe oder Oberstufe der Mittelschule abgegangen. Keiner der drei Gründer von Qianji Data hat jemals an der Universität studiert.„Berufsfachschüler sind stolz, sie bleiben höchstens drei Monate bei uns, dann haben sie das Gefühl, dass der Job nicht ihren Talenten entspricht.“ Was das Aufziehen von Rahmen an sich betrifft, sagt Liu Yangfeng, seien „alle Menschen gleich“.

In diesem Jahr empfing Liu Yangfeng häufig Projektinspekteure und Wissenschaftler aus Peking. Darunter waren viele Absolventen der Tsinghua-Universität, der Peking-Universität und anderer berühmter Schulen. Sie wohnten in einem Hotel in der Nähe der Firma. Die vorangegangenen Male hatten sie vereinbart, sich um neun Uhr zu treffen. Liu Lei, der andere Firmengründer, wartete um 8:30 Uhr voller Begeisterung im Foyer. Er rief sie an, weil er mit ihnen Nudeln essen gehen wollte. Am Telefon hörte er schließlich heraus, dass sie wütend waren. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, dass die Inspekteure noch alle in ihren Betten lagen. „Ihr aus Peking habt einen ausgeprägten Sinn für Zeit. Man trifft sich genau um die Uhrzeit, für die man sich verabredet hat.“ Mittlerweile erscheint er immer erst um 8:55 Uhr.

Die jüngeren der Inspekteure hatten außerdem weder etwas für Fleischgerichte noch für Alkohol übrig. Die Firma hatte in das bekannteste Hammelfleischtopf-Restaurant der Gegend eingeladen, das Liu Lei als das unter örtlichen Führungskräften beliebteste Restaurant vorstellte. Mit dem Ergebnis, dass ein spindeldürrer Technologie-Nerd mit unwilliger Miene auf den Tisch mit Fleischgerichten blickte: „Mit einem leichten Essen meinte ich, dass wir ein wenig Gemüse zu uns nehmen und fertig.“

Alle diese Wissenschaftler aus namhaften Schulen sind Talente, um die sich der Markt der KI-Branche nur so reißt, und selbst Ingenieure in den niedrigsten Positionen bekommen ein Jahresgehalt von 300.000 bis 500.000 Yuan. Jedes Mal, wenn Liu Yangfeng zur Firma eines Auftraggebers fährt, sieht er überall nur junge Technologie-Nerds. Er findet, dass der Bildungshintergrund nicht so wichtig ist. „Die es von denen am meisten drauf haben sind Praktikanten, darunter Studenten, aber trotzdem auch einige Mittelschüler.“ Als ich einige Forscher und Entwickler erwähne, fragt er mich: „Sagen Sie mal, die können eine Million im Jahr verdienen?“ Diese Frage übersteigt unserer beider Vorstellungskraft.

Am neunten September 2018 wurden die Ergebnisse des Wettbewerbs Common Objects in Context (COCO) in München bekannt gegeben: Teams aus China hatten alle ersten Plätze belegt.

Zu einer Disziplin des Wettbewerbs hieß es: „Die Annotationen von COCO umfassen die Segmentierung von praktischen Beispielen in achtzig Objektkategorien, die Elementsegmentierung in einundneunzig Kategorien und die Schlüsselpunkterkennung von menschlichen Beispielen, wobei jedes Bild fünf Beschriftungen hat (image captions).“ In Übersetzung: Es wurde getestet, ob die Computer besagte „Mülleimer“, „Teppiche“ oder „Leitern, beweglich“ identifizieren konnten. Die Auftraggeberfirma von Qianji Daten kam dabei auf den ersten Platz.

Liu Yangfeng leitete die Nachricht weiter, versehen mit dem Zusatz „Herzlichen Glückwunsch ...“.

Seit letztem Jahr muss Liu Yangfeng jeden Monat nach Peking fahren, um in den Stadtvierteln Zhongguancun und Wudaokou Geschäftsbesprechungen zu führen. Irgendwann in diesem Jahr hatte er plötzlich Lust auf einen Rundgang über das Gelände der Tsinghua-Universität. Mit einem umgehängten Rucksack lief er zum Südtor der Universität, wurde dort aber aufgehalten. Die Sicherheitskraft, für die er nicht wie ein Student aussah, forderte ihn auf, seinen Personalausweis vorzuzeigen.

Statt ihn aus der Tasche zu ziehen, drehte sich Liu Yangfeng um und ging.

❺ Tausche Porträts gegen Sojaöl 

„Bekanntmachung: Wenn Sie zwischen achtzehn und fünfzig Jahre alt sind, dann gehen Sie bitte an der Südecke der Sansu-Kreuzung der Landgemeinde Xuedian auf der Straße fünfzig Meter nach Westen. Dort können Sie sich kostenlos eine Fünfliterflasche Speiseöl im Wert von achtundfünfzig Yuan abholen oder einen Zehn-Pfund-Sack Qualitätsreis!“

Der kraftvolle Bariton kommt aus dem Lautsprecher. Immer wieder tönt sein Ruf durch die starken Hintergrundgeräusche und wiederholt sich alle fünfzehn Sekunden.

In diesem Sommer hat Liu Yangfengs Firma mit der Datensammlung von Porträts begonnen. Als ich in die Firma komme, sind draußen in der Halle mehrere Kameras aufgebaut und ständig kann man irgendwelche Leute sehen, die mit dem Gesicht zur Kamera ihren Kopf von links nach rechts schwenken.

Auch Sammlungen von Porträts dienen als Trainingsmaterial für künstliche Intelligenz. Seit diesem Jahr herrscht bei der inländischen KI-Branche plötzlich eine erhöhte Nachfrage nach Porträtkollektionen. Große Firmen haben damit begonnen, Porträtvideos von Chinesen in unterschiedlicher Beleuchtung zu sammeln – diese Videos entsprechen den Fotos, die augenblicklich markiert werden, allerdings sind sie dynamisch und gehören ebenfalls zum Quellenmaterial, das in Zukunft gekennzeichnet wird.

Dies sei zu einer neuen Geschäftschance geworden, sagt Liu Yangfeng. Mehrere Firmen in Henan, Yunnan und auch noch in einigen anderen Provinzen rissen sich um diesen Job. In Städten des ersten und zweiten Ranges sei es fast unmöglich an einer solchen Porträtsammlung zu arbeiten, denn die Aufnahme einer Person dauere mindestens fünfundvierzig Minuten und der Kaufpreis liege bei hundert Yuan. Ziehe man die Betriebskosten ab, dann könne man mit der übrigen Summe auf gar keinen Fall Freiwillige gewinnen.

Im Kreis Jia gelten dagegen andere Spielregeln: Liu Yangfengs Firma besitzt in der unterhalb der Kreisstadt stehenden Landgemeinde Xuedian eine Zweigstelle. Vor deren Eingang türmen sich heute Kisten und Kästen voll mit Reis, Sojaöl und Toilettenpapier. Unter dem Vorwand kostenloser Geschenke lockt man die Bewohner der Landgemeinde an, damit sie sich für die Porträtsammlung zur Verfügung stellen.

Kommen Sie her für eine Porträtaufnahme, dann schenken wir Ihnen Reis oder Sojaöl Kommen Sie her für eine Porträtaufnahme, dann schenken wir Ihnen Reis oder Sojaöl | © Zhang Boran (张博然) Als er das Sojaöl am Eingang sieht, betritt ein fast fünfzigjähriger Mann mit Stoppelhaarfrisur die Filiale.

„Was machen Sie hier?“

„Kommen Sie her für eine Porträtaufnahme, dann schenken wir Ihnen Reis oder Sojaöl.“

„Eine Porträtaufnahme für was für einen Zweck?“

„Für eine intelligente Eingangskontrolle. Sehen Sie, in einigen Bürogebäuden, Schulen und Nobelwohnanlagen öffnen sich die Türen, sobald die Gesichter von Leuten, die hinein wollen, gescannt wurden. Aber in einigen Fällen reicht die Beleuchtung nicht und daher bleiben die Türen geschlossen. Dieses Problem soll gelöst werden.“

Sowie das Wort Eingangskontrolle fällt, nickt der Mann um zu zeigen, dass er verstanden hat. Aber als er hört, dass es über vierzig Minuten dauern wird, zögert er kurz.

„Machen Sie einen Rundgang, ungefähr eine Stunde lang, dann können Sie sich eine Flasche Öl abholen, ist das nicht schön?“ - „Hmm...“ - Der Mann findet, dass das richtig ist und nimmt einen QR-Code in Empfang. 

Liu Yangfeng, Liu Lei und der andere Firmengründer Li Yabei sind mit diesen Formen ländlicher Promotion bestens vertraut.

2015 mussten sie in großer Eile eine Finanzdienstleistungs-App finanzieren, sodass sie dringend registrierte Benutzer brauchten. Innerhalb eines halben Jahres bildeten alle ein eigenes Marketing-Team und verbreiteten wie verrückt jede Menge Informationen über digitale Finanzdienstleistung.

Liu Yangfeng begab sich damals eilig aufs Land, um in den Dörfern der Landgemeinde nach Mobilfunkfirmen zu suchen. Er verschickte Gruppen-SMS zu einem Preis von einem 0,005 Yuan pro Kurznachricht, um die Bauern darüber zu informieren, dass sie am nächsten Tag kostenloses Waschpulver erhalten würden – für die Registrierung eines Benutzers bekäme man eine Fünf-Kilo-Packung Waschpulver geschenkt. In Landgemeinden stellen die Bewohner hohe Anforderungen, also wurde ein Eimer Waschmittel daraus. Das Waschpulver war zum größten Teil von der Marke „Tide“. Für fünf Pfund echtes Tide zahlte man zwischen dreißig und vierzig Yuan. Von dem Imitatprodukt, das er in mehreren Wagenladungen anliefern ließ, beliefen sich die durchschnittlichen Kosten für ein Paket nur auf sechs Yuan, während das gefälschte Flüssigwaschmittel „Blaues Mondlicht“ noch einen Yuan teurer war als „Tide“.

Um dort dieselbe Methode anzuwenden, fuhren mehrere Mitarbeiter durch Henan, Anhui und Shandong. Sie steuerten weder die Provinzhauptstädte an noch irgendwelche Städte auf Präfekturebene, sondern betrieben ihr Marketing nur in den Kreisstädten und Dörfern. „Tatsächlich wussten die Bauern alle, dass es (das Waschpulver) eine Fälschung war, aber das war ihnen egal. Würde man sich für diese Sache größere Städte aussuchen, dann hätte man selbst bei zehn verschenkten Säcken voll Waschpulver nicht unbedingt Erfolg.“

Für mehrere Leute war dies auch das erste Mal, dass sie mit Gesichtserkennung in Berührung kamen. Die Werbemitarbeiter hatten ihre Smartphones mitgebracht, auf denen man alle Daten entfernen konnte. Man stellte eine Verbindung mit dem WLAN her, schaltete das Handy kurz aus und anschließend wieder ein, und alle vorherigen Informationen darauf waren vollständig gelöscht, auch die im System angezeigte Modellnummer des Handys hatte sich geändert. Ein Bauer gab die Nummer seines Personalausweises ein, machte ein Foto mit der Handykamera, und das galt als Bestätigung, dass es geklappt hatte. Mit jeder erfolgreichen Registrierung eines Nutzers konnte das Marketing-Team eine Prämie von sechzig Dollar verdienen. „Zu dieser Zeit waren die Profite sehr hoch. Mehrere Hunderte von Leuten machten es an einem Tag so mal eben nebenbei. Wenn es viele waren, dann bis zu zehntausend pro Tag.“

Im Unterschied dazu sind heute bei der Gesichtsbildeingabe Name und Personalausweis nicht mehr notwendig, man muss nur eine Videoaufnahme des Kopfes machen. Die Anforderungen sind viel einfacher, aber Liu Yangfeng und seine Mitarbeiter können dafür auch weniger Geld verdienen: Der Kaufpreis für eine Aufnahme liegt bei hundert Yuan, davon abgezogen werden müssen die Prämie für den Teilnehmer sowie ihre eigenen Personalausgaben, sodass auf jeden im Durchschnitt nur zwanzig Yuan Verdienst kommen. Pro Tag kann man höchstens fünfzig Personen fotografieren. Im Vergleich zur App-Promotion was das geradezu ein undankbarer Job.

In der Zweigstelle der Landgemeinde Xuedian werden in diesem Moment in allen Räumen des Erdgeschosses und des ersten Stockwerks Videoaufnahmen gemacht. Die Bauern blicken in die Kamera und schwenken zu den Anweisungen der Angestellten ihre Köpfe: „Links…“, „rechts...“ „den Kopf drehen...“. Danach müssen sie auch noch „die Brille herunternehmen“, „die Sonnenbrille aufsetzen“, „Lippenstift auftragen“ ... Eine korpulentere Frau mittleren Alters setzt in Koordination mit den Anweisungen eine runde Rahmenbrille im Harry-Potter-Stil auf, was besonders komisch aussieht.

Jeder muss sich bei starkem Licht, schwachem Licht und in verschiedenen anderen Situationen filmen lassen. Beim Warten in der Schlange fängt eine Frau unmittelbar vor dem Eingang zum Zimmer an, einen Pullover zu stricken, während die Kinder der anstehenden Leute unten im Haus herumrennen. Am Nachmittag kommen langsam noch mehr Menschen und darüber hinaus wird die „Mitteilung“ noch alle fünfzehn Sekunden wiederholt. In der Firma geht es so laut und geräuschvoll zu wie auf einem Markt.

Nach vierzig Minuten ist der Mann mit den Stoppelhaaren mit den Aufnahmen fertig. Er nimmt sich zuerst einen Sack Reis und fragt dann noch, wo er sich das Flüssigwaschmittel abholen könne.

Ich erfuhr, dass einer der Angeworbenen keine zwanzig Minuten, nachdem er eine Flasche Flüssigwaschmittel geschenkt bekommen hatte, wieder zurückkam und zwei ältere Schwestern in den Vierzigern mitbrachte. Er führte die beiden begeistert zur Bewegungsschulung, wo sie vor einem Angestellten gemeinsam ihre Hälse drehten sollten. „Oh, das kann ich nicht.“ Eine der Schwestern litt an einer degenerativen Veränderung der Halswirbelsäule und konnte ihren Hals daher nicht weiter als bis zur Hälfte drehen.

Verärgert ging sie zur Seite. Sie war ganz umsonst hergekommen und darüber nicht besonders glücklich.

Vor ein paar Tagen konnte in der Kreisstadt des Kreises Jia jeder, mit dem Aufnahmen gemacht wurden, fünfzig Yuan in bar bekommen. In der Landgemeinde Xuedian werden aus diesen fünfzig Yuan Öl und Reis, die weitaus weniger kosten. Liu Yangfeng erklärt das damit, dass Bauern, denen man direkt Geld gibt, glauben, dass man ein Betrüger ist. Zwei Tage später nennt er mir noch einen anderen Grund: In der Landgemeinde haben sie einen Kooperationspartner, mit dem sie alles aufteilen müssen. Die andere Partei ist für die Anwerbungen verantwortlich. „Sie haben dort vor Ort eine Menge Bekannte und kennen viele Dorfvorsteher und Dorfparteisekretäre persönlich. Sie dürfen daher mit großen Lautsprechern Werbung machen, um uns zu helfen Leute zu finden.“

Als Qianji Daten gegründet wurde, gingen die drei Gründer davon aus, dass sie die Firma nur für drei oder fünf Jahre würden betreiben können. Fünf Jahre war die längste Zeitspanne, die sie sich vorstellen konnten. Heute dagegen ist die Firma mindestens überlebensfähig. In den Medien diskutieren alle über die Möglichkeit, dass künstliche Intelligenz menschliche Arbeit ersetzen wird. Im Kreis Jia wird die Arbeit des Rahmenziehens kurzfristig allerdings nicht durch Maschinen ersetzt werden. Außer Gesichter, Fahrzeuge, Wolkenkarten in 3D und Stimmen, sagt Liu Yangfeng, gäben seine Angestellten auch noch alle möglichen verschiedenen Samples ein. Auf diesen Samples sähen Gesichter „an Regentagen, an Tagen mit Schnee, an dunklen Tagen und an Tagen mit vielen Wolken unterschiedlich aus. Und auf den Bildern, die für das autonome Fahren verwendet werden, sehen die städtischen Bauten an verschiedenen Orten ebenfalls unterschiedlich aus.“

Wie man in der Zukunft die jetzt gesammelten dynamischen Porträts markieren wird und wer sie markieren wird, weiß Liu Yangfeng auch nicht. Sie sind und bleiben die Seite, die die Aufgaben passiv übernimmt, und alle Meta-Informationen in den an sie übersendeten Bildpaketen sind durcheinander gebracht worden und nicht zuzuordnen. Kein Computer von Qianji Daten besitzt eine Festplatte. Das ganze Büro ist vielmehr mit einem Server verbunden, und sobald die Bilder markiert sind, werden sie direkt upgeloadet. Es besteht keine Möglichkeit sie mit einem USB-Stick oder anderen Methoden zu kopieren.

Am letzten Tag des Interviews wollte der Fotograf Liu Yangfengs Gesicht auf einem Bildschirm erscheinen lassen und die Angestellten sollten außerdem ein paar Stellen darauf markieren. Aber man ließ uns wissen, dass dies nicht möglich sei: Er bekäme alle Bilder verpackt aus Peking zugeschickt und hätte keine Befugnis, neue Bilder einzufügen.

Am gleichen Tag sammelte die Zweigstelle in der Landgemeinde Xuedian nur siebenunddreißig neue Porträts, zwanzig von Frauen und siebzehn von Männern, alles andere als viele.

Kurz bevor die letzten Leute, mit denen Aufnahmen gemacht wurden, gingen, wurden sie von einem Angestellten angehalten: „Mit WeChat kann man uns dabei helfen, Werbung zu verschicken. Wer mitmacht, bekommt ein Waschmittel.“

Einer der angehaltenen Männer erstarrte, er wusste nicht, wie man auf WeChat Werbung verschickte. Der Mitarbeiter nahm sein Mobiltelefon, lud sich selbst als WeChat-Freund ein und schickte ihm schließlich den Werbetext direkt zu. Nach dem Öffnen des Texteingabefensters für den Freundeskreis stand Folgendes darin eingefügt:

„Eine wichtige Bekanntmachung: Die Firma X sammelt in der Landgemeinde Xuedian seit kurzem  Gesichtsporträts. Teilnehmer können fünf Liter Marken-Speiseöl oder zehn Pfund Qualitätsreis erhalten. Anwendungsbereich: Die Datensammlung wird ausnahmslos für wissenschaftliche Forschungen verwendet, intelligente Türschlösser, Eingangskontrollen für kleine Wohngebiete und andere Bereiche. Hinweis: Diese Aktivität greift nicht in die persönliche Privatsphäre ein, der richtige Name oder ein Personalausweis werden nicht benötigt. Macht euch keine Sorgen, liebe Freunde, fasst euch ein Herz und kommt. Zeit und zugelassene Personenzahl sind begrenzt, wer zuerst kommt, mahlt zuerst ... !“

Die Schriftgröße auf dem Handy des Mannes war auf maximal gestellt und die den ganzen Bildschirm bedeckenden Schriftzeichen nun die erste Nachricht für seine Freunde bei WeChat.

Er nahm das Handy wieder an sich und warf einen Blick darauf, aber welchen Inhalt der Text hatte, war ihm vollkommmen egal. Er nahm einen Eimer Sojaöl auf den Arm und ging nach Hause.

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