Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Stadtentwicklung
Der Kampf um Einwohner

Shenzhen
© colourbox.com

2018 bemühten sich in China bereits vierzehn kleinere Großstädte mittels Wohnortpolitik und Subventionen um junge Menschen. Der Nachwuchs ist heißbegehrt in Chinas Städten, ein Kampf um Einwohner scheint entbrannt zu sein.

Von Luo Wei (罗骢)

Innerhalb von 24 Stunden hatten sich Mitte 2018 über 30.000 Chinesen dazu entschlossen, ihren Wohnort nach Tianjin zu verlegen. Doch dann passte Tianjin seine Politik innerhalb von nur 96 Stunden viermal an und stürzte diejenigen, die auf einen offiziellen Wohnsitz in der Stadt hofften, in ein Wechselbad der Gefühle.

Am 16. Mai 2018 veröffentlichte die Stadt Tianjin ihre gelockerte Wohnortpolitik „Elite am Fluss Haihe” (海河英才). Ohne einen Job, eine Wohnung oder eine Sozialversicherung vorweisen zu müssen, konnten demnach Master-Absolventen unter 40 Jahren direkt über ihr Smartphone ein Formular ausfüllen und einen Hukou, die offizielle Haushaltsregistrierung beantragen. Und das für eine Stadt, die ein so hohes Bildungsniveau hat, dass sie landesweit die meisten Studenten für Chinas Elite-Unis stellt.

Innerhalb eines Tages sprang die offizielle App der Öffentlichen Sicherheitsbehörde Tianjin im App Store auf Platz eins der Rangliste kostenfreier Downloads, kurze Zeit später streikte der Server wegen Überlastung. In den folgenden zwei Tagen überarbeitete die Stadtregierung Tianjin ihre wohnungspolitischen Leitlinien viermal. Es wurde festgelegt, dass, wer außerhalb von Tianjin arbeitet, keinen „Scheinwohnsitz“ in Tianjin haben darf. Der Antrag auf einen Wohnsitz dürfe erst dann bearbeitet werden, nachdem die jeweilige Personalakte vor Ort anhängig sei.

Das hektische Vorgehen der Tianjiner Stadtregierung ist nachvollziehbar. Hatten doch seit März 2018 bereits 13 kleinere Großstädte (in China Städte zweiter Rangstufe oder zweite Klasse genannt) eine offenere Politik angekündigt, um neue Einwohner zum Zuzug zu bewegen. In Xi’an etwa hatte man die Politik im Jahr 2017 ganze fünfmal gelockert. Schließlich wurde der Prozess soweit vereinfacht, dass sich der Antrag für eine Haushaltsregistrierung per Smartphone-Scan eines QR-Codes erledigen ließ, worauf ein Kurier den Hukou-Ausweis direkt zu Hause vorbeibrachte. Im ersten Quartal 2018 konnte Xi’an so 240.000 Haushaltsregistrierungen für sich verbuchen, etwa so viele wie im gesamten Jahr zuvor. Das Ganze hatte solche Ausmaße angenommen, dass schon dementsprechende Witze kursierten: Fragt ein Polizist einen Mann am Bahnhof in Xi’an: „Sind Sie schon Bürger von Xi’an?“ „Nein.“ „Ihr akademischer Grad? Wann wurde das Studium abgeschlossen?“ „Ich habe dieses Jahr meinen Bachelor gemacht.“ Darauf der Polizist: „Sie kommen mit aufs Revier. Neuer Wohnsitz aus akademischen Gründen, das nicht eingelöste Zugticket wird selbstverständlich erstattet.“

In Wuhan wiederum verstieg man sich zu dem Versprechen: „Im Zeitraum von fünf Jahren bewegen wir eine Million Studenten zum Bleiben“. In dieser Stadt wurde erstmals die Maßnahme praktiziert, den zur Wohnortverlegung bereiten Studierten bei Anmietung oder Kauf einer Wohnung einen zwanzigprozentigen Rabatt zu gewähren. Über das Jahr 2017 konnte man so 142.000 Graduierte dazu bewegen ihren Hukou in die Stadt zu verlegen, sechs mal so viele wie im Jahr zuvor.

In Zukunft gibt es noch weniger junge Leute In dem Vergleich der chinesischen Bevölkerungspyramide von 2005 und 2016 wird die männliche Bevölkerung in Blau, die weibliche Bevölkerung in Orange dargestellt. Das Säulendiagramm zeigt, dass der Anteil der 10- bis 19-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 16,47 auf 10,54 %, der Anteil der 20- bis 40-Jährigen von 32,9 bis auf 30,55 %, zurückgegangen ist. | Quelle: Nationales Statistikamt Anders als Städte wie Beijing oder Shanghai, die in demographischen Größenordnungen von zweistelligen Millionenzahlen planen, hat die Stadt Xi’an mit einer ansässigen Bevölkerung von nur gut acht Millionen in weniger als einem halben Jahr um eine halbe Million Haushalte aufgestockt. Die Vor- und Nachteile dieser Politik werden inzwischen kontrovers diskutiert. So betont Lan Zhiyong (蓝志勇), Professor an der School of Public Policy and Management an der Tsinghua University (清华大学公共管理学院) in einem Interview: „Wenn sich die Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit so stark verdichtet, erreichen die Städte ihre Belastungsgrenze. Es kommt zu Engpässen bei Infrastruktur, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, Sozialleistungen und anderen öffentlichen Dienstleistungen.“

Während es jedoch eine Weile dauert, bis nach dem Zuzug junger Menschen Probleme bei Bildungsressourcen und Infrastruktur augenfällig werden, reagieren die Immobilienpreise unmittelbar.

Ein vom Nationalen Chinesischen Statistikamt veröffentlichter aktueller Preisindex für neu erstellte Eigentumswohnungen in großen und mittleren Städten zeigt: In Xi’an sind die Wohnungspreise im April 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 11,2 Prozent gestiegen; die Stadt Chengdu, in der schon früher eine neue Siedlungspolitik verabschiedet wurde, hatte 2017 bei Bestandswohnungen einen Preisanstieg von über 70 Prozent zu verzeichnen und lag damit landesweit an der Spitze.

Wegen des zu schnellen Anstiegs der Immobilienpreise rief das chinesische Ministerium für Wohnungs- und Bauwesen rund um den Feiertag zum Tag der Arbeit 2018 eine Reihe von Konferenzen am runden Tisch ein, an denen neben Xi’an und Chengdu zehn weitere Städte teilnahmen. Nach den vorliegenden Zahlen hatten darunter zehn Städte im vorangegangenen Jahr eine neue Politik für qualifiziertes Personal implementiert, etwa in Form einer direkten Wohnortregistrierung von Studierten.

Wie entscheidend es in China ist, wo man seinen Hukou und damit seinen ständigen Wohnsitz hat, ist allgemein bekannt. Ressourcen wie Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialleistungen sind entweder komplett an den Hukou geknüpft oder stehen vorrangig der Bevölkerung mit offiziellem Wohnsitz vor Ort zur Verfügung. In den letzten Jahren wurde der Hukou zudem zum wichtigsten Instrument, um den Hype um Immobilieninvestitionen zu dämpfen. Doch nun, da immer mehr Städte aus der zweiten Reihe ihre „Neue Talentpolitik“ (人才新政) vorlegen, ändert sich das alles. 

Die „Neue Talentpolitik“ gibt es seit Ende 2016, in den ersten fünf Monaten 2018 haben sich ihr allein 14 Städte angeschlossen 

Abgesehen von den hochentwickelten Megastädten ersten Ranges, zu denen Beijing, Shanghai, Guangzhou und Shenzhen zählen, hatten auch chinesische Städte der zweiten Reihe bisher strikte Regeln für eine offizielle Wohnortregistrierung: Arbeitsjahre sowie ein Punktesystem bildeten hierbei zumeist elementare Zugangshürden. In Tianjin hatte man beispielsweise 2013 ein Punktesystem eingeführt, nach dessen Anforderungen man zwölf Punkte gutgeschrieben bekam, wenn man ein Jahr lang in die Sozialversicherung eingezahlt hatte. Letztlich wurden die Wohnortregistrierungen der Reihenfolge nach dem persönlichen Punktekonto vergeben. In Nanjing wiederum konnte man 2014 erst einen Wohnsitz beantragen, wenn man mit Bachelor-Abschluss ein Jahr beziehungsweise als Absolvent eines Colleges zwei volle Jahre in der Stadt gearbeitet hatte.

Zuerst hob man in der Stadt Shenzhen, die inzwischen zur einer ''First-Tier-City'' aufgerückt war, die Schranke für Studierte auf, die sich nun direkt als Einwohner registrieren lassen konnten. Im Dezember 2016 legte Shenzhen einen Umsetzungsplan zur Anlockung von Talenten (人才引进实施办法) vor, der regelte, dass Personen unter 35, die mindestens über einen Bachelor-Abschluss verfügten, einen Antrag auf einen Wohnsitz als qualifizierte Arbeitskraft stellen konnten. Drei Monate später zogen die Zweite-Klasse-Städte Xi’an, Fuzhou und Chengdu mit einer neuen Talentpolitik nach, nach der sich Bachelor-Absolventen offiziell niederlassen konnten, noch bevor sie ihren Job angetreten hatten. Innerhalb eines Jahres erließen zwölf Städte zweiten Ranges entsprechende politische Maßnahmen zur Lockerung der Registrierung für qualifizierte Arbeitskräfte. Beinahe jeden Monat begann eine neue Stadt mit dem Head-Hunting.

Beim Zeitpunkt der Einführung der „Neuen Talentpolitik“ liegt Shenzhen an der Spitze Städte zweiten Grades zogen 2017 und 2018 nach (von oben nach unten: Shenzhen, Xi’an, Urumqi, Fuzhou, Changsha, Chengdu/Ji’nan/Xiamen, Lanzhou, Wuhan, Zhengzhou, Kunming/Nanning/Suzhou/Harbin, Hangzhou, Nanjing/Ningbo/Taiyuan, Hefei/Changchun/Guiyiang/ Yinchuan, Nanchang/Tianjin/Provinz Hainan/Hohhot/Qingdao/Shijiazhuang) | Quelle: Amtliche Webseiten der Stadtverwaltungen

Anfang 2018 wurde die „Neue Talentpolitik“ immer häufiger ausgerufen. Ab März verkündeten innerhalb von zwei Monaten Hefei, Changchun, Nanjing, Shijiazhuang, Tianjin, Shenyang, Hohhot und weitere vier Städte die neue Siedlungspolitik und setzten dabei den Hukou ausnahmslos als Lockmittel für Untergraduierte ein. Shenyang, Hohhot und Nanchang lockerten die Bestimmungen nach und nach sogar soweit, dass auch Absolventen einer berufsbildenden Fachschule einen Wohnsitz bekamen. Das inflationäre Auftreten dieser neuen Politik spricht für die Angst dieser Städte, keine Talente mehr zu finden. Schließich hatten die Städte, die sich schon 2017 zu einer neuen Personalpolitik entschlossen hatten, früher die Werbetrommel gerührt und sich so schon zahlreiche neue Einwohner sichern können. Zur Zeit des Frühlingsfests 2018 gingen die Headhunter aus Chengdu sogar soweit, ihre Anzeigen in den U-Bahn-Stationen von Wuhan oder Hangzhou zu plakatieren. Und auch wenn das überall in der U-Bahn aushängende Plakat mit dem Slogan „Chengdu verspricht dir eine wundervolle Zukunft“ warb, war den Bildern nicht anzusehen, ob es sich nun um Hangzhou oder Chengdu handelte.

Unsere Auswertung aller in der Vergangenheit von den Stadtregierungen der Städte zweiten Ranges im Rahmen der Neuen Talentpolitik veröffentlichten Richtlinien hat ergeben, dass 30 von 31 Städten in den zurückliegenden zwei Jahren eine Neue Talentpolitik verabschiedet haben, wobei 25 Städte die Anforderungen der Wohnsitzregistrierung für Studierte senkten. Einzige Ausnahme ist Chongqing, aber auch hier hat die Politische Konsultativkonferenz der Stadt kürzlich bekannt gegeben, derzeit entsprechende Maßnahmen zur Ansiedlung von Fachkräften in der Stadt zu untersuchen. 

Hauptsache jung: Lokalregierungen locken mit Zuschüssen 

„Mit Fachkräften aufstrebende Branchen entwickeln“, lautet die Parole, derer sich die Städte aus der zweiten Reihe immer wieder gerne bedienen. Nanchang will rund um strategische neue Wachstumsbranchen den Zuzug und die Ausbildung von Spitzen- und Führungskräften beschleunigen. Aus Wuhan möchte man die „studentenfreundlichste Stadt“ machen und so ein Upgrade der Industrie von unten erzwingen.

Die Entwicklung aufstrebender Branchen verlangt nach besonders spezialisierten Arbeitskräften. In bei jungen Leuten heiß begehrten Städten wie Beijing oder Shanghai gelten für die Wohnortregistrierung jedoch äußerst strenge Beschränkungen. Das im März 2018 von der Stadt Beijing vorgelegte Papier Maßnahmen zur Verbesserung der Serviceleistungen von Fachkräften (优化人才服务措施) sieht vor, dass nur Programmierer mit einem Monatsgehalt über 70.000 Yuan direkt einen Wohnsitz erhalten. Shanghais neue Politik der Elitengewinnung wiederum verspricht ausländischen Spitzenkräften aus der ganzen Welt eine unbeschränkte Aufenthaltserlaubnis.

Hinter dem Wunsch nach einem industriellen Entwicklungssprung steht das verlangsamte Wachstum der produzierenden Industrie. Seit den letzten Jahren arbeiten die Städte zweiten Grades hart an der Optimierung ihrer urbanen Branchenstruktur. Doch wird aus einem Vergleich der BIP-Produktionswerte der einzelnen Wirtschaftssektoren in den drei Städten Xi'an, Wuhan und Chengdu ersichtlich, dass Chinas Städte der zweiten Garde in der Entwicklung des Dienstleistungssektors den Erste-Klasse-Städten wie Beijing noch weit hinterher hinken.

Die Entwicklung der Wirtschaftssektoren in Städten erster und zweiter Stufe Chengdu (Links), Xi’an (Rechts), Wuhan (Mitte) und Beijing (Unten) nach BIP (eine Einheit entspricht hundert Millionen Yuan) | Quelle: Staatliches Statistikamt Die Anwerbung von branchenbezogenen Bachelorabsolventen ist tatsächlich eine wirksame Methode, um die Umstrukturierung der Industrie zu beschleunigen. Zum einen macht es das Heer junger Arbeitskräfte für Großunternehmen aus First-Tier-Citys wie Beijing, Shanghai und Guangzhou attraktiv, in einer Stadt zweiten Ranges eine Niederlassung zu gründen. Zum anderen löst sich dadurch auch für ansässige Unternehmen das Problem des Personalmangels. Die Vorteile dieser Jagd nach Manpower liegen also auf der Hand.

Sun Lijun (孙利军), stellvertretender Geschäftsführer des Baustoffunternehmens Baoye Group (宝业集团) beschwert sich in einem Interview ganz offen: „Die Unternehmen werden durch den Personalmangel in ihrer Entwicklung mittlerweile stark gebremst. Es fehlt uns nicht an Aufträgen, sondern an Menschen.“ Zwar wirbt man erfolgreich Absolventen mit Doktortitel an, die Unternehmen gründen, aber am Ende finden sich keine Leute, die die Arbeit machen. Eine Situation, welche die Leiter der staatlichen Personalbüros dieser Tage in eine unangenehme Lage bringt.

In der praktischen Umsetzung sieht es allerdings so aus, dass die Städte zweiten Grades bei ihren politischen Reformen den Dienstleistungssektor unberücksichtigt lassen und den Zuzug von Studenten keineswegs nach Fachrichtungen beschränken. Die Zugangshürde besteht lediglich im Bachelorstudium und der Altersgrenze von 40 Jahren. Es geht den Städten aus der zweiten Reihe bei dieser Reformrunde offensichtlich mehr darum, sich gut ausgebildeten Nachwuchs zu sichern, als die Branchen zu transformieren. Das Motto „erst der Hukou, dann der Job“ ist zum Kernpunkt dieser Welle neuer Personalpolitik geworden.

Und das sagt die Statistik dazu: In 25 Städten wurde im Zug der Talentpolitik die Schwelle für einen Wohnsitz nach akademischer Qualifikation gesenkt, dazu gehören Xi'an, Tianjin, Wuhan, Changsha, Haikou, Hohhot, Nanchang, Shenyang, Zhengzhou, Shijiazhuang, Nanjing, Fuzhou, Chengdu, Dalian, Harbin, Taiyuan, Ji’nan, Hefei, Kunming, Nanning, Ningbo, Urumqi, Yinchuan und Changchun. In Fuzhou, Haikou, Hohhot, Nanchang, Shenyang, Xi'an und Zhengzhou wurden die Standards sogar so weit gesenkt, dass der Abschluss einer berufsbildenden Fachschule ausreicht, um sich offiziell in einer der Städte niederzulassen.

Nach Städten aufgeführte Anforderungen und Leistungen der neuen Talentpolitik Spalten von links nach rechts: Berufsbildende Fachschule, Bachelor, kostenloses Appartment, Wohngeld, Zuschuss zum Wohnungskauf, Zuschuss zum Lebensunterhalt, Zuschuss für Unternehmensgründungen, Übernahme der Jobvermittlungskosten) | Q Daily Dass die Städte zweiten Grades bei ihrer Ansiedlungspolitik nur die akademische Grundausbildung, nicht aber die Fachrichtung berücksichtigen, zeigt, dass man die Verbesserung der Branchenstruktur durch dort benötigte Arbeitskräfte vernachlässigt. Unter den Städten der zweiten Ebene bemühen sich nur sechs Städte um Spitzenkräfte. Die Städte Hangzhou, Lanzhou, Xiamen, Urumqi, Chongqing und Yinchuan haben im Zuge der eigenen urbanen Entwicklungspläne nicht einfach nur die Schleusen geöffnet, sondern setzen gezielt darauf, nur hochqualifizierten technischen Nachwuchs für bestimmte Branchen als Zielgruppe anzusprechen.

Hangzhou veröffentlicht schon seit 2015 kontinuierlich Talentrichtlinien, nach denen sich Absolventen nur dann niederlassen können, wenn sie ein Jahr lang Sozialversicherungsbeiträge in Hangzhou gezahlt haben. Auch der frühe Zeitpunkt der Personalplanung hat sich hierbei ausgezahlt: Laut dem 2017 vorgelegten Bericht über den beruflichen Wahlort von Studierenden (大学生就业流向报告) rangiert Hangzhou nach Beijing, Shanghai und Guangzhou als Stadt zweiter Klasse gleich hinter Chengdu und ist so unter den ersten fünf Wunschorten, in die es Uni-Absolventen nach ihrem Abschluss zieht.

Während es bei früheren Exzellenzinitiativen noch um die Jagd nach den besten Köpfen ging und man allerorts um wissenschaftliche Honoratioren, um Experten des nationalen „Tausend-Talente-Programms“ (千人计划) oder um mit dem Titel eines Yangtse-Gelehrten ausgezeichnete Akademiker und herausragende Nachwuchswissenschaftler warb, fällt bei dem heutigen „großen Menschenfang“ vor allem ein Merkmal ins Auge: Es wird vor allem Jagd auf junge Leute gemacht, insbesondere auf Uni-Absolventen, wobei immer mehr Städte gleichermaßen mit einem Hukou winken, um die Studenten zu sich zu locken.

Der Grund, dass sich die Hukou-Karte wie ein Trumpf ziehen lässt, liegt darin, dass das soziale Wohlergehen der Chinesen seit der Planwirtschaft an das offizielle System der Registrierung von Haushalten gekoppelt ist. In den Genuss vieler Ressourcen wie Bildung, medizinische Versorgung und soziale Sicherheit kommt man in Städten oft nur, wenn man im Besitz einer lokalen Wohnortregistrierung ist.

Zudem hatten die Städte ihre ursprünglich liberale Wohnsitzpolitik, nach der man nach Belieben in einer Stadt zweiten Grades niederlassen konnte, in den letzten Jahren schrittweise verschärft, um so den rapiden Anstieg der Immobilienpreise in den Griff zu bekommen. Dem Hukou kam somit eine noch höhere Bedeutung zu.  

Nun aber verlässt man sich bei der Wohnortregistrierungen nicht nur auf einen akademischen Grad. Um wirklich junge Menschen in großer Zahl zum Zuzug zu bewegen, haben sich Städte zweiten Ranges zudem eine Politik direkter Subventionen einfallen lassen.

Wuhan zog diesen Trumpf als erstes und führte die Politik ein, Studierenden, die bereit waren ihren offiziellen Wohnsitz zu verlegen, bei der Miete oder dem Kauf einer Wohnung finanziell unter die Arme zu greifen. Wer von einer Hochschule kommt, bekommt eine 20 Prozent günstigere Miete und beim Kauf einer Wohnung aus dem von der Regierung entwickelten sozialen Wohnbauprogramm erhalten Studierte ebenfalls einen Rabatt von 20 Prozent.

Die Politik der Subventionen für sich ansiedelnde Hochschulabsolventen ist bei den Städten zweiter Klasse mittlerweile weit verbreitet. Angefangen beim Bewerbungsgespräch, bei dem um die Wohnung verhandelt wird, über Prämien in Höhe von tausend Yuan bis hin zu direkten Zuschüssen zu Miete, Wohnungskauf und Lebenshaltungskosten. Die unter Druck stehenden Städte zweiter Klasse sind dazu übergangen, sich Manpower mit Subventionen zu kaufen.

In der Provinz Hainan etwa beträgt der Zuschuss bei Anmietung oder Kauf einer Wohnung für Master-Absolventen 2.000 Yuan pro Monat, wohingegen BA-Absolventen monatlich 1.500 Yuan erhalten. Diese Subventionen werden kontinuierlich über drei Jahre gezahlt. In Hefei liegt die jährliche Finanzspritze zur Wohnungsmiete für einen Bachelor bei 15.000 Yuan. Harbin subventioniert die niedergelassenen Bachelor mit 500 Yuan pro Monat, in Taiyuan hingegen bekommt man 1.500 Yuan. Yinchuan erstattet einem Untergraduierten, der selbstständig ein Unternehmen gründet, Lebenshaltungskosten von 26.000 Yuan pro Jahr.

Zudem haben einige Städte auch ihre Politik der Kaufbeschränkungen gelockert. Städte wie Haikou und Nanjing ermutigen neu zugezogen Studierte sich beim Staat in „Wohnungen mit gemeinsamem Eigentum“ (共有产权房) einzukaufen, ein Modell, bei dem der Staat zunächst einen Teil der Eigentumsrechte hält, die nach und nach in das Eigentum des Käufers übergehen. Die Stadtregierung von Haikou erklärte, dass die neuen Einwohner, die ein für sie vorgesehenes Appartment bezogen haben, nach fünf Jahren in einer Vollzeitstelle 80 Prozent der Eigentumsrechte erhalten und nach acht Jahren die Wohnung als ihr hundertprozentiges Eigentum betrachten können.

Nanjing wiederum ermutigt Studierte zum Kauf von „Wohnungen mit gemeinsamem Eigentum“ zum Vorzugspreis. Fünf Jahre nach dem Kauf fällt auch der fünfzigprozentige Eigentumsanteil der Regierung automatisch an den Wohnungsinhaber.

Zusätzlich zur Deckung des Wohnraumbedarfs garantieren einige Städte den händeringend gesuchten Fachkräften, dass sie bei der medizinischen Versorgung oder dem Schulbesuch der Kinder bevorzugt behandelt werden.

Zusätzlich zu den Zuschüssen für Einzelpersonen schütten die Städte auch Subventionen aus, um ganze Unternehmen zum Umzug zu bewegen.

Neue High-Tech-Unternehmen an Land zu ziehen war in den Städten der zweiten Garde schon immer ein wichtiger Aspekt der Personalpolitik. Nun setzt man dieses Lockmittel auch im Wettbewerb um junge Köpfe ein.

Die neue Politik bedient sich bei der Belohnung von Unternehmen vor allem aus der Staatskasse und subventioniert Hochschulabsolventen, die sich als Entrepreneure versuchen. Das umfasst auch zinsgünstige Kredite für Startups und in gewissem Umfang Steuersenkungen. Zudem werden Vermittlungsagenturen belohnt, wenn sie geholfen haben, hochqualifizierte Arbeitskräfte anzuwerben.

Durch die Ansiedlung von Firmen löst sich zum einen das Beschäftigungsproblem, wenn zahlreiche junge Menschen in die Stadt ziehen. Zum anderem hat ein Unternehmen selbst eine große Anzahl von Ingenieuren im Schlepptau, die eine zuverlässige Zielgruppe für Konsum, Freizeitangebote und Immobilienkäufe ausmachen.

Im August 2017 sicherte sich die Pekinger Elektronikfirma Smartisan (锤子科技) eine Finanzierung in Höhe von einer Milliarde Yuan. Hinter der Investition stand die Stadtregierung von Chengdu. Drei Monate später verließen 200 Smartisan-Angestellte aus Forschungs- und Entwicklungsteams sowie Produktteams ihre Standorte in Beijing und Shenzhen und zogen in ein Bürogebäude im Chenghua-Bezirk von Chengdu ein.

Luo Yonghao (罗永浩), bis dato kein Freund von Immobilieninvestitionen, hat sich in Chengdu nach dem Umzug mit 45 Jahren seine erste Wohnung gekauft. Dabei findet er seinen eigenen Fall exemplarisch: „In Chengdu kostete der Quadratmeter nur 20.000 Yuan. Meine Frau konnte es kaum glauben, als sie davon erfuhr. Sie verkaufte umgehend ihre Wohnung in Tianjin, um hier in eine Immobilie zu investieren. Als wir unseren Kollegen in Beijing von unserer Erfahrung erzählten, waren auch sie überrascht. Ursprünglich hatten sie bezweifelt, dass die junge Belegschaft bereits sein könnte, hierher zu ziehen. Doch dann ‚kapitulierten’ die Angestellten schon nach ganzen zwei Tagen in Chengdu.“

Dabei hatte Luo Yonghao noch fünf Monate vor seinem Wohnungskauf auf Weibo getönt, er brauche keine Eigentumswohnung, er lebe auch so sehr gut: „Ich bin jetzt 45 Jahre alt, ich könnte es mir leisten, eine Immobilie zu kaufen, aber bis heute habe ich nicht investiert und mir es geht mir gut dabei. Das ist alles eine Frage der Einstellung.“ 

Ähnlich der Fall Xiaomi (小米). Der chinesische Elektronikhersteller zog im Juli 2017 offiziell von Beijing in das „Optic Valley“ in Wuhan um. Wuhan spülte das nicht nur haufenweise Steuern in die Kassen, ein weiterer Effekt ist die Nachfrage nach Konsum und Wohnungen durch hunderte Xiaomi-Mitarbeiter.

Zuvor hatte der aus der Staatskasse der Provinz Hubei finanzierte Yangtze River Industry Fund (长江产业基金) ganze sechs Milliarden Yuan locker gemacht und die Unterzeichnung eines Kooperationsabkommens mit Xiaomi bekannt gegeben. Mit einer Kapitalaufnahme von zwölf Milliarden Yuan, zu der beide Partner je die Hälfte beisteuerten, gründete man den Yangtze River Xiaomi Industry Fund (长江小米产业基金), um Xiaomi und seine Partnerfirmen bei der Expansion ihrer Geschäfte zu unterstützen. 

Die Jugend ist Mangelware und könnte im nächsten Jahrzehnt noch einmal um ein Drittel schrumpfen 

In der allmählich alternden chinesischen Gesellschaft ist die Jugend eine Mangelware. Das Funktionieren von Gesundheitsversorgung und sozialem Sicherungssystem der gesamten Gesellschaft ist derzeit noch durch die jungen Menschen gewährleistet: Indem die Werktätigen Beiträge abführen, werden Rentner und Arbeitslose finanziert. Gemäß dem Motto, wer gesund ist zahlt die Arztbesuche der Kranken.

Allerdings hat der Anteil der Zwanzig- bis Vierzigjährigen in China im letzten Jahrzehnt bereits stetig abgenommen. Laut der Volkszählung von 2010 umfassten die Bevölkerungsgruppen der Achtziger-, Neunziger- und Nuller-Jahrgänge jeweils 219, 188 beziehungsweise 147 Millionen Menschen. Die Quote junger Menschen ist damit innerhalb von dreißig Jahren um 33 Prozent gesunken.

In der Zukunft sind die Aussichten noch düsterer. Laut der nationalen Volkszählung von 2016 ist infolge der kontinuierlich sinkenden Geburtenrate der Bevölkerungsanteil der Zehn- bis Neunzehnjährigen in China im Vergleich zu 2005 um 36 Prozent zurückgegangen. Das bedeutet, dass in den kommenden zehn Jahren ein gutes Drittel weniger junge Menschen in das Arbeitsleben eintreten wird als noch eine Dekade zuvor.

In Zukunft gibt es noch weniger junge Leute In dem Vergleich der chinesischen Bevölkerungspyramide von 2005 und 2016 wird die männliche Bevölkerung in Blau, die weibliche Bevölkerung in Orange dargestellt. Das Säulendiagramm zeigt, dass der Anteil der 10- bis 19-Jährigen an der Gesamtbevölkerung von 16,47 auf 10,54 %, der Anteil der 20- bis 40-Jährigen von 32,9 bis auf 30,55 %, zurückgegangen ist. | Quelle: Nationales Statistikamt
Im Bewusstsein der demografischen Problematik hat man 2016 in ganz China die Zwei-Kinder-Politik eingeführt. Nichtsdestotrotz ist im letzten Jahr die Geburtenrate weiter gesunken. Anfang 2018 ergab die Geburtenstatistik des Nationalen Statistikamts, dass die Zahl der Neugeborenen im Jahr 2017 bei 17,23 Millionen lag, was einem Rückgang von 630.000 entsprach. Ein deutlicher Einbruch war dabei bei der Geburtenrate der Erstgebährenden zu beobachten.

Die Geburtenzahl liegt noch um drei Millionen unter der von der Staatlichen Kommission für Gesundheitswesen und Familienplanung erwarteten Mindestprognose. Dass die Geburten im zweiten Jahr der umfassenden Einführung der Zwei-Kinder-Politik in einem solchen Maße zurückgehen, zeigt, dass der Kinderwunsch der Chinesen noch weit weniger ausgeprägt ist als ohnehin befürchtet. 

China begann 1970 die Politik der Geburtenkontrolle umzusetzen, da ein schnelles Bevölkerungswachstum damals als große Belastung für die Städte angesehen wurde. Die späteren Erfahrungen zeigen jedoch, dass in Städten mit einer rasch expandierenden Bevölkerung nicht unbedingt Ressourcenknappheit herrscht, sondern vor allem eine erhöhte Nachfrage entsteht, die finanzielle Potentiale freisetzt und eine schnelle Verbesserung der Infrastruktur bewirkt.

Mit der konsequenten Umsetzung der Geburtenplanung und der kontinuierlichen Verbesserung des Bildungsstands von Frauen ist die Zahl der Neugeborenen in China seit 1987 allmählich zurückgegangen. Die Geburtenrate geriet auf Talfahrt, sie sank von 23,33 auf 12,43 Prozent.

Die Anzahl der Erstgeburten sinkt weiter Die Zusammensetzung der chinesischen Geburtenrate: Anteil des ersten Kindes in Dunkelblau, des zweiten Kindes in Hellblau und des dritten Kindes in Orange. | Quelle: Nationales Statistikamt Man hatte gehofft, angesichts der ursprünglich angenommenen riesigen Bevölkerungslücke von einem Drittel die Entwicklung der Städte durch einen im ganzen Land entfachten Babyboom zu stützen. Ein Wunsch, der nun in weite Ferne gerückt ist. Die Tatsache, dass die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter im nächsten Jahrzehnt um 40 Prozent abnehmen wird, bedeutet, dass der Anteil der jungen Bevölkerung in der Zukunft möglicherweise noch kleiner ausfallen wird.

Liang Jianzhang (梁建章), Gründer des chinesischen Online-Reisebüros Ctrip (携程网) und Verfasser einiger demografischer Studien, weist in einem seiner Aufsätze darauf hin, dass die stetig alternde und schrumpfende Bevölkerung Chinas die Dynamik und Vitalität der Städte ernsthaft in Gefahr bringen könnte. Die urbane Infrastruktur könne aufgrund schleppender Nachfrage und fehlender finanzieller Mittel nicht erneuert werden und eine große Anzahl von Schulen, Krankenhäusern, Flughäfen, Häfen und Bahnhöfen stünden langfristig vor der Schließung.

Gleichzeitig könnten die Menschen dahin abwandern, wo sich ihnen die besten Möglichkeiten bieten. Gerade junge Leute zieht es an Orte, an denen sie mehr Chancen und einen höheren Wohlstand erwarten. Das gilt insbesondere für alle, die im Hightech-Sektor oder der Finanzbranche arbeiten.

Da junge Menschen noch mehr zur Sozialversicherung beitragen können, liegt es auf der Hand, dass sie eine wichtige Stütze des Sozialversicherungssystems in den Städten sind.

Chinas Sozialversicherungssystem unterteilt sich in einen nationalen sowie in lokale Fonds, die einem relativ komplizierten Verteilungsmechanismus unterliegen. Ein Beispiel ist die Rente: Einfach ausgedrückt fließen alle Rentenbeiträge, die monatlich vom Lohn einbehalten werden, in den „Pool“ eines Basis-Rentenfonds aller Angestellten. Jedes Jahr werden Rentner zu Beitragsempfängern, sie beziehen also Geld aus diesem Rentenpool. Gleichzeitig zahlt die werktätige Bevölkerung Abgaben, sie zahlt also in den Pool ein. Um die Versorgungslücke im Sozialversicherungsfonds aufzufüllen, hat der Staatsrat im Jahr 2017 bereits seinen Plan angekündigt, 10 Billionen Yuan von staatlichen Unternehmen zu transferieren.

Es liegt auf der Hand: Welche Geldsumme die Kommunen für Sozialausgaben wie Rente und Gesundheitsversorgung zur Verfügung hat, hängt von der Höhe ihrer Einnahmen an Sozialversicherungsbeiträgen ab.

In der gegenwärtigen Situation einer überalterten Bevölkerung und abnehmender Geburtenzahlen werden junge Menschen, die in diesen Kapitalpool einzahlen können, für die Städte zu einer absolut notwendigen Bevölkerungsgruppe. Dabei handeln Machthaber seit jeher nach der Logik, diejenigen Menschen herbeizurufen, die aktuell benötigt werden.

Diese Jagd nach Manpower gab es schon immer, zum Beispiel zu der Zeit, als man die Bauernarbeiter zu Stadtbürgern machte.

Im Jahr 2000 verabschiedete die chinesische Zentralregierung Eine Reihe von Vorschlägen zur Förderung der gesunden Entwicklung von Kleinstädten (关于促进小城镇健康发展的若干意见), nach denen festgelegt wurde, dass Bauern, die im Bezirk einer Kreisstadt oder einer ihr angegliederten Kleinstadt dauerhaft einen legalen Wohnsitz gefunden haben und über eine feste Anstellung oder eine andere stabile Einkommensquelle verfügen, auf Wunsch ihren ländlichen Hukou gegen einen städtischen eintauschen können.

In der Folge wurde die Reform des Systems der Haushaltsregistrierung in Kleinstädten stetig vorangetrieben. Im Dezember 2009 schlug die Zentralregierung vor, das Problem der landflüchtigen Bevölkerung, die sich nach und nach in den Städten zum Arbeiten ansiedelte, als wichtige Aufgabe zur Förderung der Verstädterung anzusehen und die Beschränkungen der Haushaltsregistrierungen für kleinere und mittlere Städte aufzuheben.

Die einzelnen Städte arbeiteten daraufhin Richtlinien für die Ansiedlung von Wanderarbeitnehmern aus. Die Provinz Henan veröffentlichte 2011 eigene Leitlinien für die Förderung der Ansiedlung von Bauern in Städten (关于促进农民进城落户的指导意见). Alle Arbeiter aus ländlichen Gebieten, die zwei Jahren lang ununterbrochen in der Provinzhauptstadt Zhengzhou gearbeitet hatten, durften sich demnach am Beschäftigungsort dauerhaft niederlassen.

Seit dem Jahr 2000 setzte eine große Landflucht ein Zahlreiche Chinesen vom Land bekamen eine Haushaltsregistrierung in der Stadt. | Quelle: Nationales Statistikamt

Nicht anders als bei der Rekrutierung von Akademikern bedeutete die Urbanisierung der Landbevölkerung für die Kleinstädte eine Steigerung des Konsums, wobei die damit einhergehende Gastronomie, die Einkäufe und der Immobilienerwerb den Städten allmählich die Finanzkasse füllten. 

Am sensibelsten reagiert der Immobilienmarkt 

Bei der neuen Talentpolitik konkurrieren die Städte der zweiten Garde jedoch nicht nur mit den Städten erster Klasse, sondern auch mit den Städten aus der dritten und vierten Reihe.

Um den durch das Bevölkerungswachstum bedingten Beschäftigungs- und Infrastrukturdruck abzufedern, erschwerten die Städte zweiten Grades den offiziellen Zuzug vorübergehend. 

Im Dezember 2016 führte Nanjing nach dem Shanghaier Modell ein Registrierungssystem nach Punkten ein, nach dem Studierte abgesehen von einer Eigentumswohnung und vollen zwei Jahren Arbeitszeit zusätzlich 100 Punkte vorweisen mussten. Der exponentielle Anstieg der Immobilienpreise war gestoppt und die Preise fielen sogar vorübergehend.

In Xi'an hatte man sich der Politik der Erwerbseinschränkungen schon früher bedient. 2013 veröffentlichte die Stadt Xi'an eine Mitteilung über die weiter verschärfte Regulierung und Kontrolle des Immobilienmarktes (关于进一步加强房地产市场调控工作的通知), die allgemein als „Kaufbeschränkung“ bekannt wurde. In dieser wurde eindeutig festgelegt, dass Personen mit ortsfremdem Hukou vor dem Kauf einer Immobilie Nachweise darüber vorlegen müssen, dass sie über ein Jahr Steuern oder Sozialabgaben an die Stadt gezahlt haben. Zudem wurde es ihnen untersagt, eine Zweitwohnung zu erwerben.

Vor dem Hintergrund der Zuzugsbeschränkungen sowie des Einschreitens der Regierung gegen die Praxis, Grundstücke aus Spekulationsgründen brach liegen zu lassen, sind die Wohnungspreise in den Städten zweiter Klasse in den letzten Jahren nicht nur gefallen, auch das Handelsvolumen mit Immobilien ist zurückgegangen.

Die unmittelbare Auswirkung war, dass sich im Jahr 2017 das Wachstum der chinesischen Immobilienbranche in Bezug auf Preise und Transaktionsvolumen im Wesentlichen auf die Städte in dritter und vierter Reihe stützte. Diese Städte sind vor allem dafür verantwortlich, dass die drei größten chinesischen Immobilienfirmen 2017 immer noch einen Umsatz von jeweils über 500 Milliarden Yuan verzeichnen konnten.

Seit 2016 steigt der Anteil an verkaufter Wohnfläche in den Städte dritten und vierten Grades Blaue Kurve: Anteil der verkauften Wohnfläche von Eigentumswohnungen in Städten ersten Grades
Rote Kurve: Anteil der verkauften Wohnfläche von Eigentumswohnungen in Städten dritten und vierten Grades.
Querbalken: Am Beispiel des chinesischen Immobilienentwicklers Country Garden (碧桂园), Marktführer von 2017, sieht man, dass über die Hälfte der Wohnimmobilien in Städten dritten oder vierten Grades verkauft wurden | Quelle: CRICChina; Finanzdienstleistung Country Garden
Gemäß der im Jahr 2017 durch das Shanghaier Forschungsinstitut E-House Real Estate (易居) erhobenen Statistik unter 32 Städten zweiter Klasse ist ihr Anteil der verkauften Wohnfläche am Gesamtmarkt von 36 auf 31 Prozent gesunken. Nur noch Städte dritten und vierten Grades weisen in diesem Segment ein kontinuierliches Wachstum auf, wobei in diesen 600 Städten der Anteil, der 2016 noch 60 Prozent betrug, bis 2017 auf das historische Rekordniveau von 67 Prozent stieg.

Anfangs wurde auf dem chinesischen Immobilienmarkt mit Neubauimmobilien in Städten ersten und zweiten Grades spekuliert, bevor man sich nach den Kaufbeschränkungen für Neubauten auf den Handel von Bestandsimmobilien verlegte. Nach einer Reihe vereinter Anstrengungen sind nun in den Städten erster und zweiter Stufe nicht nur die Absatzahlen von Neubauwohnungen, sondern auch die Preise auf dem sekundären Wohnungsmarkt gesunken, so dass das Wachstum nur noch auf die Städte in dritter und vierter Reihe entfällt.

Dabei hat das Transaktionsvolumen von Immobilien existenzielle Auswirkungen auf die gesamte Immobilienbranche. Das Geschäftsmodell chinesischer Immobilienunternehmen beruht darauf, die Erschließung neuer Grundstücke über Bankdarlehen abzusichern. Eine Verringerung der Kaufabschlüsse erhöht unmittelbar den Kreditdruck der Immobilienfirmen.

Die Daten des chinesischen Informationsdienstleisters win.d zeigen, dass die durchschnittliche Schuldenquote von 136 börsennotierten Immobilienunternehmen im Jahr 2017 mit 79,1 Prozent den höchsten Stand seit 2005 erreichte. Unter den 136 an der Börse gelisteten Firmen hatten insgesamt 67, also immerhin 49 Prozent, Verbindlichkeiten von mehr als zehn Milliarden Yuan.

Die Unsicherheiten bezüglich des Immobilienmarkts in den Städten zweiter Klasse sowie die Änderungen bei der Politik der Bodenerschließung haben die Immobilienfirmen vorsichtig werden lassen, so dass sie Grundstücke nicht mehr zu Premiumpreisen ankaufen.

Die Zahl der Grundstücke in Städten ersten und zweiten Grades, die nicht versteigert werden konnten, ist 2017 deutlich gestiegen Das Diagramm zeigt die Gesamtzahl der nicht verkauften Grundstücke nach Städten:
blaue Kurve: Hangzhou grüne Kurve: Taiyuan
hellgrüne Kurve: Tianjin orange Kurve: Ningbo
graue Kurve: Wuhan dunkelblaue Kurve: Beijing
gelbe Kurve: Changsha braune Kurve: Shanghai | Quelle: Nationales Statistikamt

In der zweiten Jahreshälfte 2017 erreichten drei für die Bebauung mit Wohnungen ausgewiesene Grundstücke in der Stadt Hefei nicht das für die Versteigerung festgelegte Mindestgebot; im Dezember desselben Jahres wurden drei Liegenschaften in Xi'an infolge ausbleibender Bieterkonkurrenz aus der Auktion genommen. Und am 12. Dezember 2017 blieben drei Grundstücke in Changsha unversteigert, weil gar niemand ein Gebot abgegeben hatte.

Nach Angaben des Forschungsinstituts Tospur (同策研究院) fand sich in den ersten elf Monaten des Jahres 2017 in China bei 86 Versteigerungen für Grundstücke in Wohngebieten kein Bieter, während im Vergleichszeitraum von 2016 noch lediglich 61 Anwesen beim Auktionator liegen geblieben waren. Das bedeutet einen Anstieg von 41 Prozent. Den unrühmlichen ersten Platz belegte hierbei die Stadt Urumqi, in der 21 Wohngrundstücke als unverkaufte Lose endeten, während Chongqing mit elf nicht gewollten Liegenschaften auf Platz zwei landete.

Für die Kommunen machen Steuern auf Grundstücksverkäufe und Immobilientransaktionen einen wichtigen Teil der öffentlichen Einnahmen aus. Nach Angaben des Finanzministeriums haben die Einkünfte aus Grundstücksverkäufen in ganz China in den letzten Jahren mehr als die Hälfte der Staatseinnahmen auf lokaler Ebene abgedeckt. So überträgt sich der finanzielle Druck, der auf der Immobilienbranche lastet, direkt auf die Lokalregierungen.

Der Anteil der Einkünfte aus Grundstücksverkäufen an den Gesamteinnahmen der Lokalregierungen Der Anteil der Einkünfte aus Grundstücksverkäufen an den Gesamteinnahmen der Lokalregierungen dargestellt am ersten Quartal 2011 bis 2018 | Quelle: Nationales Statistikamt Die derzeit angesagte neue Talentpolitik erlaubt es den von auswärts kommenden Graduierten des entsprechenden Alters und sogar Berufsschulabsolventen ihren Wohnsitz direkt vor Ort eintragen zu lassen. Wenn sie so in den Genuss einer Politik ohne Kaufbeschränkungen kommen, stimuliert das direkt den Immobilienhandel. Und auch die Preise reagieren deutlich auf die jeweiligen politischen Maßnahmen.

Ein sehr offensichtliches Beispiel dafür ist Nanjing: Nachdem man in Nanjing Ende 2015 vorgeschlagen hatte, der Immobilienmarkt müsse sich auf Bestandsimmobilien konzentrieren, kletterten die Immobilienpreise Monat für Monat in die Höhe. Dann sprach die Stadtregierung von Nanjing Kaufbeschränkungen aus und gab schließlich bekannt, die Hukou-Vergabe an Studierte ab Februar 2017 nicht mehr an den Wohnungskauf, sondern an ein strenges Punktesystem zu knüpfen. Im Frühjahr 2017 wurde damit der Anstieg der Immobilienpreise in Nanjing abrupt gestoppt.

Nach Einführung der neuen Talentpolitik steigt in den Städten zweiten Grades der Preis für Neubauwohnungen Das erste Diagramm zeigt den Quadratmeterpreis in Yuan im Osten Chinas
Orange: Nanjing, Dunkelblau: Hangzhou, Hellblau: Nanchang
Das zweite Diagramm zeigt den Quadratmeterpreis in Yuan in Zentralchina
Blau: Wuhan, Rot: Zhengzhou, Grau: Changsha
Das dritte Diagramm zeigt den Quadratmeterpreis in Yuan in Nordchina
Schwarzer Pfeil: Ausgabe der Kaufbeschränkungen
Blauer Pfeil: Ausgabe der neuen Talentpolitik | Quelle: Nationales Statistikamt
Am 8. März 2018 gab Nanjing schließlich eine neue Talentpolitik bekannt: Der Zuzug von Studierten soll nicht durch ein Punktesystem beschränkt werden, sie dürfen sich auch ohne Beschäftigung offiziell niederlassen. Im April stieg das Transaktionsvolumen auf dem Nanjinger Immobilienmarkt um 17,6 Prozent. Und auch bei den Preisen, die sich ein Jahr lang auf Talfahrt befunden hatten, trat eine Wende ein.

Rund um den Feiertag zum 1. Mai 2018 hatte das Ministerium für Wohnungs- und Bauwesen wegen des zu schnellen Anstiegs der Immobilienpreise zwölf Städte zu Konferenzen an den runden Tisch geholt. Darunter unter anderem Städte der zweiten Klasse wie Taiyuan, Chengdu, Harbin, Guiyang, Changchun, Foshan und Xi'an. Ein Jahr zuvor hatte sich das Ministerium für Wohnungs- und Bauwesen hingegen noch den Städten der dritten und vierten Klasse gewidmet. 

Solange die Politik der Kaufbeschränkungen zur Eindämmung der Immobilienspekulation nicht gelockert wird, werden junge Universitätsabsolventen immer mehr zur neuen Garantie für den Immobiliensektor in den Städten der zweiten Stufe. 

Dabei müssen sich die von den Städten auswärts rekrutierten jungen Leute das Geld für den Wohnungskauf nicht unbedingt selbst verdienen. Nach der durch die langjährige chinesische Ein-Kind-Politik bedingten „Familienstruktur 4-2-1“, nach der um jedes Einzelkind zwei Eltern und vier Großeltern kreisen, ist es gewöhnlich so, dass die Ersparnisse zweier Generationen in den Immobilienkauf des Nachwuchses fließen. Die durch die neue Talentpolitik angelockten jungen Menschen bewirken letztlich, dass die Preise und das Transaktionsvolumen von Immobilien steigen. So haben Immobilienfirmen genügend Kapital, um den Betrieb am Laufen zu halten, und die Regierungen verfügen über stabile Steuereinnahmen. 

Millionen junger Menschen spült es also infolge einer überstürzt angeordneten Politik in die Städte zweiter Klasse. Doch hat man bei der urbanen Bevölkerungsplanung, die normalerweise fünf oder zehn Jahre vorausplant, wirklich an die in die Städte strömenden jungen Leute gedacht? Können die urbanen Ressourcen für Bildung und Transport den plötzlichen Bevölkerungsanstieg tatsächlich verkraften? Alles Fragen, die anscheinend zu weit in die Zukunft weisen.

Top