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Vom Schwarzen Wald zum Schwarzen Gold
Hausmann – Bergfrau

Gotthard Kindler
© Goethe-Institut China

33 Jahre war mein Großvater aus dem Schwarzwald Untertage. Mit der Schließung der Zeche Minister Stein in Dortmund geht er 1987 bereits mit 51 Jahren in den Vorruhestand. Nach weiteren 32 Jahren ist die letzte Schicht im Schacht auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop. Die Geschichte des Kohlebergbaus im Ruhrgebiet geht zu Ende.

Von Silvan Hagenbrock

Deutschland ist nun Kohleimportnation und hat 2018 seinen Strom zu 12,6 Prozent aus Steinkohle erzeugt. Es ist nun wirtschaftlicher, Kohle unter anderem aus China zu importieren.

Gerade jetzt drückt mir mein Opa ein Stück Steinkohle aus seinem kleinen privaten „Bergbaumuseum im Keller“ in die Hand, bevor ich in die Provinz Shaanxi reise, Chinas Kohleregion. Ich soll seinem chinesischen Kumpel ein Glückauf wünschen. Ich frage mich, wie es zu seiner scheinbar ewigen Verbundenheit zum Steinkohlebergbau gekommen ist und ob ich in China auch Bergfrauen im Streb, einem schmalen langen Abbauraum, treffen werde.

Seit Jahren hören wir uns seine Geschichten über den Bergbau an. Erzählungen über seine Albträume, wie er von einer Grubenbahn aufgrund von Wetter – Gasen im Schacht – überfahren wird. Bis vor kurzem noch blätterte ich zusammen mit ihm in tausenden von Oldtimer-Zeitschriften, die er in seinem Keller archivierte und auf Oldtimer-Messen verkaufte. Nach der Zechenschließung wird der Keller zum Rückzugsort zum Werkeln und Katalogisieren der Zeitschriften. Der VW T3 Joker steht vor der Tür und wird geschweißt, lackiert und gepflegt.

Meine Großmutter verliebte sich vom Fenster der Arbeitersiedlung im Dortmunder Norden aus in ihn, als er mit zwanzig auf seiner Adler die Straße hoch und runterfuhr. Sie kümmerte sich um ihn. Kochte ihm morgens Kaffee, weckte ihn und schickte ihn in den Pütt. Heldenhaft erzählt er, wie er ein Holzstück, das sogenannte Mutterklötzchen oder Pegel, von Untertage stahl, damit Zuhause die Frau den Ofen anzünden konnte.

Sie kümmerte sich um ihn. Kochte ihm morgens Kaffee, weckte ihn und schickte ihn in den Pütt.

„Nostalgisch wurde bei der Schließung der Zeche in Bottrop an die Hochzeiten der Kumpel erinnert. Es war auch die Ära der Hausfrauen“, schreibt Sarah Nagel in ihrem Artikel „Kohle - Das war der Deal“. Während mein Großvater erzählt, sitzt meine Großmutter still neben ihm und sagt: „So jetzt reicht es aber, ich möchte mich auch etwas unterhalten“. Sie sitzen auf der Couch in dem heutigen Fernsehzimmer in der ehemaligen Arbeitersiedlung. Seit 60 Jahren wohnen sie hier. Es war früher das Kinderzimmer meiner Mutter. Hinter mir an der Wand hängen ihre Aquarelle, die die Zeche Minister Stein zeigen, gleich neben den Grubenlampen und Fotografien des Brienzer Sees.

Meine Großmutter verpasste das am 30. Januar 1945 in Danzig vom russischen U-Boot beschossene Wilhelm-Gustloff-Kreuzfahrtschiff. Auf der Flucht fiel eine Marienstatue vom Gepäckwagen, die sie unbedingt wiederfinden wollten. Sie fanden sie wieder und verschliefen den nächsten Morgen, an dem das Schiff mit Zivilisten in Richtung Dänemark auslief. Bis heute fällt es ihr schwer über die Flucht und die Zeit im Geflüchtetenheim in Dänemark zu sprechen. Mit ihrer Mutter erreichte sie nach Kriegsende die Stadt Hagen und sie arbeiteten dort gemeinsam in einer Zwiebackfabrik. Per Post erhielt sie von ihrem Vater Orangen aus dem Kriegsgefangenenlager in Tobruk, einer libyschen Stadt am Mittelmeer.

Familie Kindler © Goethe-Institut China Die Geschichte der beiden ist eine typische für Nachkriegsdeutschland. Sie steht für das Wirtschaftswunder, zu dem meine Großeltern jeweils ihren eigenen Teil beitrugen, durch seine körperliche Arbeit Untertage und ihren Teil als Fabrikarbeiterin und später als Hausfrau und Mutter. Die von Hausarbeit bestimmte weibliche Rolle war gesellschaftsfähig, so Laurie Penny in Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus. Denn Großvater gefiel es nicht, dass sie arbeitete. Sie sollte sich um den Haushalt und um meine Mutter kümmern. Es war ein Privileg, als Bergmann sagen zu können: „Meine Frau muss nicht arbeiten.“

Der Journalist Jack Urwin schreibt in Boy's Dont Cry, dass körperliche Arbeit besonders männerdominiert war und dass an keinem anderen Arbeitsplatz so viel rohe Männlichkeit im Spiel war wie im Bergbau. Urwin wagt zu behaupten, dass der Untergang der Montanindustrie dazu führte, dass Bergmänner den verzweifelten Versuch unternahmen, ein Gefühl für ihre Männlichkeit zurückzugewinnen. Großvaters Keller füllten sich daher mit Autozeitschriften in Weichspüler-Pappkartons bis unter die Decke und ein Teil der Rente und des Gewinns des Autozeitschriftenverkaufs wurde in VW T3-Reparaturen gesteckt.

Während 400 chinesische Arbeiter aus Shandong die Kokerei Kaiserstuhl Dortmund zerlegten und sie in ihrer Heimat wieder aufbauten, erzählte Großvater in meinem Erdkundeunterricht in der Schule von seiner Arbeit Untertage. Und die künstlerische Arbeit der Tochter als Grafikdesignerin und Künstlerin wurde von ihm kaum wertgeschätzt. Für sie war es ein ewiger Kampf, sich als Tochter und Frau weiterzubilden und sich der geistigen Arbeit in einem männerdominierten Designberuf zu widmen. Denn Arbeit bedeutete für ihre Eltern entweder körperliche, schweißtreibende Arbeit oder Hausfrauenarbeit. Mit der Schließung hätte mein Großvater zeigen können, dass er das konnte, was meine Großmutter bis dato tat: sich um den Haushalt und den Garten kümmern. So hätte sie ihrem Traumberuf als Hutmacherin nachgehen können. Doch die Rollen verfestigten sich. Mein Großvater suchte sich durch seine Hobbys gesellschaftliche Wertschätzung und seine Frau wäscht noch immer die Kleidung. Die ist natürlich längst nicht mehr schwarz vom Kohlestaub.

Meine Mutter schreibt mir, ich soll doch lieber etwas über „Bergmanns Töchter" recherchieren und dass uns der Bergbau im Ruhrgebiet Milliarden Euro koste, weil das Wasser in den Flözen abgepumpt werden müsse, da sonst das Ruhrgebiet unter Wasser stehen würde. Während dessen schaue ich mir „im Streb meines Großvaters“ die Fotoserie Miner's Family von SONG Chao an und stelle fest, dass kein Hausmann neben seiner in Kohlestaub gefärbten Bergfrau steht. Im Newsfeed meines Smartphones wird angezeigt, dass 21 Bergmänner in einer Zeche in Shaanxi gestorben sind.

„Das wird ja wohl das letzte Bild gewesen sein“, meint mein Opa, während er seine Grubenjacke anzieht. Die nächste Schließung steht bevor. Das Bergbaumuseum in seinem Keller wird er nun aufgrund der Aufstockung des Wohnhauses schließen müssen.

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