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Alternatives Wohnen in Trier
Aged Space Youth Space

Anne Bourgmeyer
© Anne Bourgmeyer

Anne ist 21 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Luxemburg. In Trier ist sie im ersten Semester der Erziehungswissenschaften und möchte Erzieherin werden. Wir sprachen über ihr ungewöhnliches mietfreies WG-Leben in einer Seniorenresidenz, in der sie seit Anfang 2019 lebt und den Mitbewohner*innen 35 Stunden im Monat Aufmerksamkeit schenkt.

Von Silvan Hagenbrock

Goethe-Institut: Deutschlandweit ist es ein einzigartiges Projekt, dass Studierende beziehungsweise, dass Du jetzt in der Seniorenresidenz lebst. Was trug zu deiner Entscheidung bei, mit älteren Menschen zusammen zu leben?

Anne Bourgmeyer: Ich bin im Rahmen einer Uni-Veranstaltung auf das Wohnprojekt in der Residenz Am Zuckerberg Trier aufmerksam geworden und fand die Idee sehr gut, außerhalb der Uni praktisch zu arbeiten und auch dort zu leben. Diese Art von Wohngemeinschaft gab es vorher noch nie. Sie dient einem bestimmten Zweck und für einen selbst und auch für andere, das bereichert einen unheimlich.

Was ist das Wohnprojekt für Dich in Deinen Augen?
                  
Das Leben in der Seniorenresidenz ist einfach unglaublich. Was ich jeden Tag dort erlebe, ist unbeschreiblich und prägt einen extrem. Es wird sehr emotional, wenn ich den älteren Menschen einfach zuhöre, denn es ist genau das, dass sie einfach nur jemanden brauchen, der zuhört und Aufmerksamkeit schenkt. Und das wird auch niemals langweilig durch die Geschichten. Ich finde, keiner sollte diese Erfahrung missen. Das Verhältnis zwischen den Bewohner:innen und dem Personal ist zudem sehr familiär. Ich wurde sofort aufgenommen. Das merkt man auch bei den Leuten, dass sie sich wohlfühlen.

Magst Du vielleicht eine Geschichte von einer Deiner Mitbewohner*innen erzählen, die Dir im Kopf geblieben ist?

Im ganzen Lernstress war ich ein bisschen überfordert und habe tatsächlich vergessen mich mit einer Bewohnerin zu treffen. Ich sollte zu ihr gehen und einen Kaffee trinken und sie darüber informieren, wie die Veranstaltung mit den Studierenden in der Residenz war. Daraufhin meldete sich das Personal bei mir, woraufhin ich sofort zu ihr gerannt bin.

Jeder Ort ist ein Ort für Innovation, man braucht bloß Menschen, die die Initiative ergreifen.

Anfangs war die Dame ungefähr zehn Minuten ziemlich schlecht gelaunt. Aber nach den zehn Minuten hat sie angefangen zu reden wie ein Wasserfall. Es kam wirklich nur so aus ihr raus gesprudelt. Sie hat den ersten und den zweiten Weltkrieg miterlebt und hat mir Geschichten erzählt, die unfassbar sind. Sie hatte Tränen in den Augen, weil sie so froh war, dass sie jemand hatte, mit der sie wirklich mal reden konnte, weil ihr Sohn sehr weit weg wohnt und sie keine Enkelkinder und auch keine Verwandten mehr hat. Sie fühlt sich wirklich einsam. Und dann hat sie mir auch noch Blumen geschenkt und seitdem wusste ich, dass ich gerade das Richtige mache.

Trier ist die älteste Stadt Deutschlands. Es heißt, erst mit dem Alten oder in "alten" Strukturen schafft man Ideen für das Neue und Innovative. Siehst Du das ähnlich, dass dieser Ort, wo du jetzt gerade lebst ein Ort für innovative Wohnformen ist?

Jeder Ort ist ein Ort für Innovation, man braucht bloß Menschen, die die Initiative ergreifen. Frau Caspers hat die Initiative ergriffen und ein gelungenes Projekt erschaffen. Deutschlandweit sollte diese Art von WG in den Seniorenresidenzen und Altersheimen angenommen werden.

Meinst Du, dass dieser Ansatz den Wohnungsmangel in den Großstädten lösen könnte?

Auf jeden Fall. Für Studierende sind die Wohnungen wirklich sehr teuer. In Trier zahlst du für eine kleine Wohnung mit 18 Quadratmetern inklusive Bad und Küche 300 Euro. Für jemanden, der oder die neben dem Studium nicht arbeiten gehen kann, ist das sehr viel Geld. Eine WG in einem Altersheim anzubieten löst daher sehr viele Probleme.

Und was ist Deiner Meinung nach der Grund dafür, warum hierzulande das generationsübergreifende Wohnen für die Mehrheit der Studierenden nicht wirklich interessant ist?

Auf meinem Campus habe ich Projekt-Flyer verteilt, worauf eine ältere Dame mit einer jungen Person abgebildet ist. Und da hat jemand gesagt: „Uuh, alte Menschen.“ Das sagt schon sehr viel über den momentanen Zustand aus. Sehr viele in meinem Alter haben das Bild im Kopf, dass alte Menschen immer schlecht gelaunt sind oder nach Mottenkugeln riechen. Das sind auch einfach viele Berührungsängste, die sie haben. Es ist eine Angst vor dem Altwerden oder überhaupt eine Angst, das Thema Tod anzusprechen.

Es gibt so viele Bewohner, die noch jeden Tag spazieren oder zur Gymnastik gehen. Sie treffen sich mit ihren alten Schulfreunden und gehen was trinken. Also das ist Leben.

Hast Du seitdem Du in der WG lebst einen anderen Zugang zum Altern und ein anderes Bewusstsein zum Thema Tod?

Es gibt so viele Bewohner, die noch jeden Tag spazieren oder zur Gymnastik gehen. Sie treffen sich mit ihren alten Schulfreunden und gehen was trinken. Also das ist Leben. Das heißt nicht, dass man nur noch in den Sesseln hockt, wenn man alt ist, und dann anfängt zu stricken. Das ist nicht der Fall.
 
Was würdest Du einem Bürgermeister, einer Bürgermeisterin oder der Immobilienwirtschaft mit auf den Weg geben?
 
Ich würde ihnen mit auf dem Weg geben, diese Projekte zu unterstützen. Leute in meinem Alter werden häufig ignoriert oder nicht ernst genommen. Aber wir haben wirklich ein Problem! Es fehlt in Deutschland an Institutionen, wie unsere Residenz Am Zuckerberg! Es ist nun mal ein Fakt: „die Menschen werden älter“. Ich darf zum Beispiel nicht in der Pflege tätig sein, sondern nur im Residenzkreis arbeiten. Aber wäre unsere WG nicht für auch für Studierende der Medizin oder zukünftige Pflegekräfte interessant? Es fehlt ja oft an Praxen. Dieses Problem wäre dann auch schon gelöst, man hätte vor dem Ende der Studienzeit bereits Praxiserfahrung.

Das Gespräch führte Silvan Hagenbrock.

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