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Jazz 2018
Ruhe vor oder nach dem Sturm?

Eva Klesse - Jazz-Professorin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover
Eva Klesse - Jazz-Professorin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover | Foto (Ausschnitt): © Gerhard Richter

Obwohl sich der Jazz ständig erneuert und seinen Horizont erweitert, schien er in Deutschland im Jahre 2018 eine kleine Ruhepause zu nehmen. Um sich nach den intensiven Entwicklungen der vergangenen Jahre erst einmal zu konsolidieren? Um demnächst wieder so richtig an alle Türen zu klopfen?

Von Hans-Jürgen Linke

Der Jazz- und-Gender-Komplex ist spätestens seit dem Symposium Gender and Identity in Jazz des Jazzinstituts Darmstadt im November 2015 ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und hat sich dort bis auf Weiteres festgesetzt. Die kulturpolitischen Diskussionen und Entwicklungen im Falle des House of Jazz in Berlin haben sich vorerst von der Idee verabschiedet, dass da sehr bald sehr viel geschehen würde, sind allerdings nicht in eine Sackgasse geraten.

Um Details rund um die Finanzierung des Spielstätten-Programm-Preises Applaus wird in Gremien kontrovers, aber konstruktiv verhandelt. Die Ergebnisse der Studie Lebens- und Arbeitsbedingungen von Jazzmusikerinnen und -musikern in Deutschland (2016) entfalten anhaltende Diskussionen. Der Jazz ist im Lande allgemein anerkannt als Kultur-Sparte, die der Förderung wert ist. Ein neues, markantes Thema zeichnete sich zunächst nicht ab. Bis im April 2018 ein Ereignis, das den Jazz scheinbar nur am Rande betraf, intensives Interesse auf sich zog: der Echo-Skandal.

Der Widerhall des Echo

Echo ist nicht nur ein akustisches Phänomen, sondern auch der Name des Preises, den der Bundesverband der Musikindustrie (BVMI) seit 1992 verliehen hat – anfangs als Echo Pop, zwei Jahre später kam der Echo Klassik hinzu und seit 2010 gab es den Echo Jazz. Während der Echo im Pop-Segment nach Verkaufsstatistik ermittelt wird, wurden der Klassik- und der Jazz-Echo von Jurys vergeben. Der Skandal betraf also keine Jury-Entscheidung, und das war wohl das Problem: Keine Jury hatte sich Gedanken machen können über eventuelle politische Provokationen in Texten der Preisträger Kollegah und Farid Bang.

So fand die Debatte erst nach der Preisvergabe statt, und zwar öffentlich. Mehrere Preisträgerinnen und Preisträger gaben ihre Preise zurück, Künstlerinnen und Künstler, ebenso Politikerinnen und Politiker sowie Kulturfunktionäre protestierten. Bald sah der BVMI, wie er nach reiflicher Überlegung in einer Presseerklärung formulierte, „die Marke Echo“ so stark beschädigt, dass ein „vollständiger Neuanfang notwendig“ wurde. Alles, was „Echo“ hieß, wurde eingestellt, neu überdacht und konzipiert. Das bedeutete zwar keinen direkten finanziellen Verlust für die Preisträgerinnen und Preisträger – der Preis war undotiert –, aber eine Leerstelle in der öffentlichen Wahrnehmung. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis Nachfolge-Preise eine ähnliche öffentliche Kontur haben.

Die Männerdomäne

Überhaupt wird manches noch dauern: Diskussionen über die Tatsache, dass der Jazz nach wie vor auf allen Ebenen eine Domäne von Männern ist, werden den Jazz weiterhin begleiten. Immerhin kann man am Ende des Jahres 2018 auf drei Ereignisse verweisen, die das Thema in unterschiedlicher Weise berühren: Die Schlagzeugerin Eva Klesse hat eine Professur an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover bekommen und ist damit die erste Jazz-Professorin im Lande. Der Saxophonist und Komponist Volker beziehungsweise Holly Schlott hat sich an seinem 60. Geburtstag zu seiner Transgender-Identität bekannt und damit auf ein weiteres Tabu der Szene (die ihrem Selbstverständnis gemäß keine Tabus kennt) hingewiesen. Schließlich hat Nadin Deventer, als erste Frau in dieser Funktion, ein in mancher Hinsicht neu konzipiertes, im Großen und Ganzen aber auch am Prinzip der Kontinuität ausgerichtetes Berliner Jazzfest kuratiert. Andererseits zeigt gerade das Auftauchen einer Festival-Kuratorin, einer Transgender-Musikerin beziehungsweise eines Transgender-Musikers sowie einer Musikerin an einer Hochschule, wie groß der Diskussions- und Nachholbedarf ist. Was übrigens auch in den Big Bands der Rundfunk-Anstalten gilt.

Stilistische Neuigkeiten

Auch in stilistischer Hinsicht gilt die allgemeine Diagnose: Fortsetzungen, Variationen und Vertiefungen bekannter Tendenzen. Seit je ist der Jazz eine rastlose Musik, die intensive Berührungen mit anderen Musiksparten sucht und praktiziert. Dass dazu nicht nur Pop, Rock und Folklore zählen, sondern auch neuere E-Musik, ist eine Tendenz, die sich seit einiger Zeit verstärkt. Dafür stehen etwa die Berliner Konzertreihe Serious Series oder die vom Ensemble Modern in Frankfurt veranstaltete Konzertreihe Checkpoint, aber auch eine immer länger und prominenter werdende Reihe von Musikerinnen und Musikern, die mit neuen Herangehensweisen den aktuellen Jazz bereichern. Dazu zählen (neben vielen anderen) Kathrin Pechlof, Valentin Garvie, Francesco Tristano, Thomas Quasthoff, Elisabeth Coudoux, Stefan Schönegg, Matthias Ockert, Georg Gräwe, Roger Hanschel, Sebastian Sternal oder Michael Wollny und Eric Schaefer.

Und wenn man schon Eric Schäfer nennt, sollte man noch erwähnen, dass am Ende des Jahrzehnts wohl das Schlagwerk das Instrument mit dem größten Innovations-Potenzial ist. Nie zuvor gab es in der jüngeren deutschen Szene so viele bemerkenswert eigenständige Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger – neben Schäfer müssen in diesem Zusammenhang zumindest Eva Klesse, Christian Lillinger, Max Andrzejewski, Dominik Mahnig, Leif Berger, Jonas Burgwinkel, Fabian Arends, Étienne Nillesen, Thomas Sauerborn oder Joss Turnbull genannt werden.

Jubiläen, Preise, Wiederveröffentlichungen und ein neues Festival

Runde Geburtstage, Jubiläen, Retrospektiven und Wiederveröffentlichungen sind in einer Musik-Sparte, die nun schon über hundert Jahre alt ist, zu erwarten. Der Dresdener Schlagzeuger Günter „Baby“ Sommer – einst einer der überragenden Exponenten des Jazz in der DDR – wurde 75, sein Chemnitzer Kollege, der Gitarrist Helmut „Joe“ Sachse, feierte seinen 70. Geburtstag. Der Free-Jazz-Pionier Alexander von Schlippenbach wurde im April 80 Jahre alt. Ernst-Ludwig, genannt Luten Petrowsky, ebenfalls ein Exponent des DDR-Jazz, veröffentlichte als eine Art Vorlass fünf CDs, eine davon in Septett-, vier in Quintett-Formationen, mit den Titeln Letztes Remmidemmi!, Letzter Krawall!, Letzter Tumult!, Letzter Radau! und Letzter Rabatz!. Bernd Konrad wurde mit dem Baden-Württembergischen Jazzpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Den renommierten Jazzpreis des SWR erhielt der aus der Hamburger in die Kölner Szene gewechselte Saxofonist Sebastian Gille.

Die Musikproduktion Schwarzwald brachte im 50. Jahre ihres (nicht ganz bruchlosen) Bestehens unter anderem Wiederveröffentlichungen von Oscar Peterson und Volker Kriegel heraus. Die Münchner ECM, die im nächsten Jahr 50 Jahre alt werden wird, veröffentlichte zum Jahresende (und passend zu einem thematischen Schwerpunkt des Jazzfestes Berlin) unter dem Titel The Art Ensemble Of Chicago And Associated Ensembles eine opulente Tonträger-Retrospektive auf die Chicagoer Association for the Advancement of Creative Music (AACM).

Die deutsche Festival-Szene hat eine weitgehend stabile Gestalt, auch wenn hier und da zuweilen Festival-Leitungen in nicht immer völlig transparenter Weise ausgetauscht werden. Aber in diesem Jahr erschien ein neues Festival am Horizont und verband sich mit einem bewährten Namen: In Monheim am Rhein wird Reiner Michalke, ehemals künstlerischer Leiter des Pfingst-Festivals im gar nicht mal sehr weit von Monheim entfernten Moers, die Verantwortung für eine Musik-Triennale übernehmen. Auf die erste Lieferung im Jahre 2020 darf man gespannt sein.

Gibt es eine neue Politisierung?

Unter den 2018 verstorbenen Protagonisten des deutschen und europäischen Jazz sind zwei Namen besonders hervorzuheben. Der eine ist Heinz Jakob „Coco“ Schumann, der als Mitglied der Konzentrationslager-Band Ghetto Swingers in Theresienstadt und Auschwitz den SS-Männern La Paloma vorspielen musste, der Auschwitz überlebte und in den späten Vierzigerjahren der erste E-Gitarrist in Deutschland wurde. Der zweite war Tomasz Stanko, bekanntester polnischer Jazzmusiker, der seit fünf Jahrzehnten stets international arbeitete. Beide, Schumann und Stanko, waren auf je verschiedene Weise Vertreter einer politischen Haltung, die die Positionierung eines Künstlers gegen autoritäre Politik für selbstverständlich erachtet, ohne politische Statements zum Bestandteil des eigenen öffentlichen Auftretens zu machen. Schumann sagte, wie unter anderem Beate Sampson in ihrem Nachruf im Bayerischen Rundfunk im Oktober 2018 zitierte: „Ich habe Angst vor der Betroffenheit gehabt. Ich bin Musiker – ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZ-ler, der Musik macht.“ Stanko durchbrach nur selten seine politische Verschwiegenheit; etwa sagte er in einem Interview mit Maxi Sickert in der Wochenzeitung Die Zeit 44/2007 nach der Abwahl des damaligen Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski unmissverständlich und triumphierend: „Wir sind wieder frei!“

Insgesamt scheint aber die öffentliche politische Zurückhaltung eine verbindliche Haltung der Jazz-Szene geworden zu sein. War noch die bundesdeutsche Gründergeneration politisch erkennbar markiert, so beschränkt sich heute die politische Aktivität des Jazz im Lande weitgehend auf die öffentliche Vertretung der eigenen künstlerischen und beruflichen Interessen. Stellungnahmen zu Äußerungsweisen autoritärer Politik hört man aus der deutschen Jazz-Szene genau so wenig wie Positionierungen zum Brexit aus der britischen Szene oder zu einem zunehmend antidemokratisch sich betätigenden Politikverständnis in anderen europäischen Ländern.

Nadin Deventer, die erste Kuratorin des Jazzfestes Berlin, erinnert in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 31. Oktober 2018 daran, dass Martin Luther King 1964 zum ersten Berliner Jazzfest ein Geleitwort geschrieben hatte. Und sie fährt fort: „Jazz war immer eine höchst politische Kunstform. (…) Natürlich leben wir in einer anderen Zeit. Aber was gerade wieder passiert in unseren Gesellschaften, nicht nur in den USA … da merkt man leider, dass eigentlich noch gar nichts erledigt ist: dieser kulturelle Rollback, dieser ganze Nationalismus, die Polarisierung. Es ist ja das Allerschlimmste, wenn die Gesellschaft droht, auseinanderzubrechen und keine Bereitschaft mehr besteht, sich gegenseitig zuzuhören.“

Aus dem Osten

Gleichwohl ist der Jazz, auch der in Deutschland, in immer noch steigendem Maße ein internationales Geschehen, und die internationalen – auch transatlantischen – Kooperationen sind vielfältig. Auch werden immer mehr Musikerinnen und Musiker aus dem europäischen Osten und Nordosten in Deutschland heimisch und bereichern die Szene, was nicht zuletzt mit den mittlerweile vergleichsweise gut ausgestatteten Bildungsangeboten für sie zusammenhängt.

Musikerinnen und Musiker aus dem Baltikum, vor allem aus Estland – etwa die Sängerin und Pianistin Kadri Voorand oder der Gitarrist Jaak Sooäär – finden Anschluss an die hiesige Szene. Die Bedeutung des kooperativen Verhältnisses zwischen der deutschen und der polnischen Szene wurde im April auf der Bremer Jazzmesse Jazzahead! eindrucksvoll deutlich. Dass zum Beispiel Angelika Niescier einst aus Polen kam, hat die Szene schon fast vergessen. Im Rhein-Main-Gebiet hat sich der aus der Ukraine gekommene Pianist Yuriy Sych seit Jahren einen profilierten Namen gemacht und mittlerweile zwei renommierte Preise erhalten, in Köln erhielt die enorm kreative Tamara Lukasheva, ebenfalls aus der Ukraine, ein Förderstipendium. Wir werden in den kommenden Jahren noch mehr solcher Bereicherungen zu hören bekommen.

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