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Gesellschaftlicher Wandel
Pekings zweifache Mütter

 
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„Wie viel Geld muss man im Jahr ausgeben, um in Peking zwei Kinder großzuziehen?“ Auf diese Frage geben Frauen je nach Lebensumständen und Vorgeschichte unterschiedliche Antworten. Doch egal ob arm oder reich, besteht die größte Gemeinsamkeit aller Mütter von zwei Kindern, die sich in der Arbeitswelt durchschlagen müssen, darin, dass sie ursprünglich dachten, ein Kind mehr würde einfach nur die doppelte Mühe bedeuten. Tatsächlich aber muss an Energie und wirtschaftlichen Ausgaben von der ganzen Familie „häufig das Vielfache von dem aufgewendet werden, was für ein einzelnes Kind notwendig ist“.

Von Kai Li (凯立)

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Li Wenqing ist 33 Jahre alt und trägt in ihrem Herzen ständig ein Problem mit sich herum, an das man nicht rühren darf: das ihrer Beförderung. Als Verwaltungsmanagerin arbeitet sie bei einem großen Pekinger Privatunternehmen, einer streng hierarchischen Firma, in die sie gleich nach ihrem Studium eintrat. Für jeden Aufstieg zu einer höheren Hierarchiestufe muss man dort mindestens vier Beurteilungsrunden überstehen und jeder der Gutachter besitzt ein Vetorecht. Einmal hatte sich für Li Wenqing eine Gelegenheit geboten, versetzt und befördert zu werden, aber ausgerechnet da war sie zum zweiten Mal schwanger geworden.

Sie und ihre Familie erwarteten einen Sohn und bekamen, was sie sich gewünscht hatten. In der Beratungsversammlung jedoch verlor sie „in stillschweigendem Einvernehmen“ ihre Chance zum Aufstieg.

Und als sie nach einem viermonatigen Mutterschaftsurlaub ihre Arbeit wiederaufnahm, verspürte die Mutter von zwei Kindern einen zuvor nie gekannten Druck. Ein Teil dieses Drucks hatte sichtbare Formen, wie etwa das zusätzliche Gewicht der Brustpumpe, des Muttermilchbeutels und des Eisbehälters in der von ihr mitgeführten Tasche. Der andere Teil des Drucks war unsichtbar. Zum Beispiel glitten ihr Schwerpunktprojekte seitdem durch die Finger und auch wichtige Aufgaben, die ihr zuvor übertragen worden waren, wenn sie sich angestrengt hatte, wie etwa die Organisation von Reisen des CEOs, hatten nun anscheinend nichts mehr mit ihr zu tun.

Dagegen muss Li Wenqing nun jeden Tag einem ziemlich starren Zeitplan folgen. Sie stellt sich einen Wecker und rennt alle vier Stunden auf die Toilette, um sich in einer Kabine Milch abzupumpen. Den Toilettendeckel klappt sie nach unten, so lässt er sich als Sitz verwenden, während sie die Brustpumpe und den Muttermilchbeutel auf den höher gelegenen Wasserspülkasten legt. Von den unangenehmen Gerüchen auf der Toilette und anderen unerwarteten peinlichen Situationen soll fürs Erste nicht die Rede sein. Was Li Wenqing am meisten Sorgen bereitet, ist dass das Milchabpumpen jedes Mal etwa eine halbe Stunde dauert. „Wenn man in dieser Zeit eine temporäre Arbeitsaufgabe bekommt, wie soll man die dann bewältigen?“ Manchmal muss sie schnell zu einer Sitzung und hat keine Gelegenheit, die Milch rechtzeitig abzupumpen. Dann spürt sie plötzlich einen stechenden Schmerz in der Brust, gefolgt von einer Hitzewallung. Selbst wenn sie sich vorher eine Stilleinlage unter den BH gesteckt hat, hilft das nicht weiter. Oft prangen auf ihrer Bluse in Brusthöhe große Milchflecken, die ihren Status als „stillende Mutter“ deutlich erkennen lassen.
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Diese Art von Peinlichkeiten kennt Zheng Ling, leitende Angestellte der Internetfirma C-Round, nicht. Sie ist alleinerziehende Mutter zweier Töchter und in den Augen von außenstehenden Betrachtern eine "wirklich starke Frau". Nach der Rückkehr von ihrem Auslandsstudium entschied sich Zheng Ling zwischen Karriere und Kind ohne zu zögern für "den Aufbau von Selbstwertgefühl". Selbst während ihres Mutterschaftsurlaubs arbeitete sie ohne Unterbrechung weiter, antwortete jeden Tag auf verschiedene E-Mails oder führte Onlinebesprechungen mit Kunden. Nach ihrer Rückkehr zur Arbeit musste sie häufig auf Geschäftsreisen gehen. Sowohl bei ihrer ältesten wie auch bei ihrer zweiten Tochter hörte Zheng Ling mit dem Stillen auf, als die Mädchen noch nicht ganz vier Monate alt waren.

Tatsächlich weiß ich nicht, ob es das wert war, mich zwischen der Arbeit und den Kindern für die Arbeit zu entscheiden. Natürlich bin ich keine qualifizierte Mutter, aber alles, was ich tue, tue ich nur für die Kinder.

Zheng Ling


Mao Ying, die ebenfalls gut verdiente, wählte eine Zeitlang den absolut entgegengesetzten Weg. Sie war die persönliche Assistentin des Geschäftsführers eines börsennotierten Unternehmens im Pekinger Central Business District. Als sie mit ihrem ersten „Schätzchen“ schwanger wurde und ihr Körper sehr heftig darauf reagierte, gab sie ihre Stellung aus eigenem Antrieb auf. „Ich habe damals sehr einfach gedacht: Ich scheide vorübergehend aus dem Arbeitsmarkt aus.“ Mit dem Ergebnis, dass sie danach unerwartet mit einem zweiten Kind schwanger wurde und im Handumdrehen acht Jahre vergingen.

Im Gegensatz dazu waren die Absichten von Li Wenqing, der "Mutter am Arbeitsplatz", ganz klar und eindeutig. Nach der Geburt ihrer ältesten Tochter kauften die Eheleute mit den finanziellen Rücklagen beider Elternpaare, den eigenen Ersparnissen aus vielen Jahren Arbeit und einem Kredit eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Pekings Apartmentkomplex Tiantongyuan. Als die Zwei-Kinder-Politik in Kraft gesetzt wurde, sehnten sich die Schwiegereltern danach, einen Enkelsohn in den Armen zu halten. "Um die Familienlinie fortzusetzen", studierte Li Wenqing mit ihrem Mann jedes Mal, wenn sie ihren Eisprung hatte, eine Tabelle zur Geschlechtsvorhersage und beide unternahmen „große Anstrengungen“, bis sie ihren Sohn schließlich auf einen Schlag bekamen.

Chinesische Mütter wie sie, die sich dazu entscheiden, ein zweites Kind zur Welt zu bringen, sind meistens um die dreißig Jahre alt und gehören der 1980er- und 1990er-Jahre-Generation an. Es mangelt aber auch nicht an Frauen über vierzig, die in den 1970er-Jahren geboren wurden und alles versuchen, um geburtenmäßig quasi noch auf den letzten Zug aufzuspringen. Nach den vom Nationalen Amt für Statistik veröffentlichten Daten ist die Zahl der Geburten von 2016 und 2017 gegenüber der durchschnittlichen Geburtenzahl im Zeitraum des „zwölften Fünfjahresplans“ leicht gestiegen. Auch die Gesamtzahl der Zweitgeburten von 2017 hat sich im Vergleich zu 2016 um 1,62 Millionen erhöht.

Auch Li Wenqings zwei Kinder, die innerhalb von vier Jahren geboren wurden, gehören dazu. Bei der Brustpumpe in der Aktentasche hat dies ebenso Spuren hinterlassen wie bei ihrer Besitzerin. Das gelbe Kunststoffgehäuse hat durch Abschleifung bereits etwas von seiner Farbe verloren und durch den weißen Verbindungsschlauch scheinen wegen des ständiges Gebrauchs erste graue Flecken. Ob aber mitten in der Nacht im Schlafzimmer oder tagsüber in der Firmentoilette: Solange eine Batterie eingelegt ist, kann die Pumpe nach wie vor brummend und beharrlich ihre Arbeit verrichten.

„Sie ist so zäh wie ich“, sagt Li Wenqing lachend.

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Der Hin- und Herweg zwischen Tiantongyuan und ihrer Firma ist für Li Wenqing jedes Mal eine große Prüfung. Zur Hauptverkehrszeit quetscht sie sich mühsam in den U-Bahn-Wagen, dann muss sie wegen ihrer geringen Größe den Kopf ganz nach oben heben. Mit der linken Hand umklammert sie ihre Aktentasche, während sie mit der rechten damit beschäftigt ist, den umhängbaren Muttermilchbeutel schützend vor die Brust zu halten. Bei jeder neuen Station, wenn sich die U-Bahn-Türen keuchend öffnen, hat sie oft keinen stabilen Stand und taumelt ein paar Schritte.

Die Überlegung der „Milch mit sich herumtragenden Mutter“, bei einer so hektischen Arbeit trotzdem weiterhin zu stillen, geht nicht nur von der Ernährungssituation des Kindes aus, sondern es sind auch wirtschaftliche Faktoren mit im Spiel.

Tatsächlich ist bei ihrer Arbeit seit kurzem ein neues Ärgernis aufgetaucht. Aufgrund von Veränderungen des allgemeinen Umfelds und zusätzlichen geschäftlichen Schwierigkeiten, die durch die in den letzten Jahren verfolgte rasante Expansionsstrategie ihres Unternehmens entstanden sind, wird gerade eine großangelegte betriebliche "Verschlankungskur" durchführt. Li Wenqing, die nach dem monatlichen Steuerabschlag früher noch mehr als 10.000 Yuan in der Tasche hatte, muss nun entweder im Zuge einer Personaloptimierung eine Abfindung von „N + 1", also einem Monatsgehalt pro Arbeitsjahr, akzeptieren und gehen oder der neuesten Anpassungsvorschrift folgen, wodurch ihr Gehalt um dreißig Prozent gesenkt wird.

Egal welche Wahl sie trifft, ihre Entscheidung wird für die Gebühren der Vorschulklasse ihrer Tochter oder das neueste Modell des Lauflernwagens ihres Sohnes von Bedeutung sein. Ihr Ehemann ist im Vertrieb der Tochtergesellschaft eines staatseigenen Unternehmens tätig, aber weil die Produktentwicklung hinter den Bedürfnissen des Marktes zurückbleibt, ist sein Einkommen ständig instabil. Li Wenqing kann sich als „Mutter am Arbeitsplatz" die schreckliche Situation nach einem Verlust ihres Jobs beim besten Willen nicht vorstellen.

Der doppelte wirtschaftliche Druck, der entsteht, wenn man zwei Kinder großzieht, die Midlife-Crisis der Einzelunternehmerin und außerdem die Sorge um eine unklare Zukunft.


Auch Mao Ying hält die Unterstützung ihrer Familie für eine schwere Aufgabe, der sie sich gegenwärtig stellen muss. Als ehemals beste Studentin der Abteilung für Geisteswissenschaften einer Top-Universität des Landes hat sie ihre berufliche Zukunft für ihre beiden Kinder aufgegeben. Der fast 40-jährigen unternehmerisch tätigen Mutter, die zu Hause arbeitet, fällt der Weg durch ihren mittleren Lebensabschnitt dennoch immer schwerer. In den vergangenen acht Jahren mit Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung sowie erneuter Schwangerschaft, Geburt und Kindererziehung ist sie Tag für Tag weiter abgebrannt wie eine Kerze. Nachdem die Karriere ihres Mann in einen Engpass geraten war, wurden ihre Einkünfte zur wirtschaftlichen Haupteinnahmequelle der Familie.   colourbox.com Die Vollzeit-Hausfrau, die ihre Kinder zum Schlafen überredet, während sie auf dem Bett liegend PowerPoint-Präsentationen erstellt, ist gleichzeitig Unternehmerin eines "Familienbetriebs“. Seitdem teilt sich ihr Leben in zwei Hälften auf. Die helle, glamouröse Hälfte lebt sie im Kreis ihrer Freunde, bei Abendessen ihres MBA-Kurses mit einem Kleid von Armani und Weinen, die über 10.000 Yuan kosten. Und dann sind da noch ihre beiden klugen und liebenswerten Söhne. Die andere Hälfte ist dagegen, wie sie es beschreibt, „eine Ansammlung von Alltagsbanalitäten“, der doppelte wirtschaftliche Druck, der entsteht, wenn man zwei Kinder großzieht, die Midlife-Crisis der Einzelunternehmerin und außerdem die Sorge um eine unklare Zukunft.

Ihr Kleinunternehmen, das über ein eingetragenes Kapital von einer Million Yuan verfügt, konzentriert sich auf Planung, Marketing und kreative Dienstleistungen im Bereich Immobilien. Mao Ying ist gesetzliche Vertreterin, Hauptgeschäftsführerin und Vollzeitangestellte in einer Person. Wenn sie mit ihren Projekten alle Hände voll zu tun hat, dann kann es vorkommen, dass sie sich in das Rechnersystem Shuimu Tsinghua einloggt, um nach ein paar Teilzeitstudenten zu suchen, die ihr helfen können.

Einmal hatte sie gerade eine Operation hinter sich. Sie lag den zweiten Tag im Bett der Krankenstation, da bestand sie darauf, sich aufzusetzen, um für einen Kunden schnell eine PowerPoint-Präsentation zu erstellen. Seit einigen Jahren ist sie daran gewöhnt, jeden Tag zusammen genommen nur vier Stunden zu schlafen, und genauso gewohnheitsmäßig pult sie jedes Mal nach dem Duschen ein ganzes Knäuel ausgefallener Haare aus dem Abfluss ihres Badezimmers heraus.

Es ist, als würde man auf eine Wippe steigen, auf der einen Seite geht es hinunter, auf der anderen besteht die Gefahr, dass man die Kontrolle verliert.

Li Wenqing


Und das ist noch nicht das Anstrengendste. Obwohl Frauen, die gut aussehen und sich in der Geschäftswelt bewegen, sich beim Essen beharrlich auf ihre Klugheit verlassen, kann es immer passieren, dass sie auf mehr oder weniger Kunden mit „schweinischen Griffeln“ treffen. Aufträge zu ergattern, ohne sexuell belästigt zu werden, diese Gratwanderung in den Griff zu bekommen, bereitet erst wirklichen „Herzenskummer“.

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Ihre Lebensumstände und ihre Vorgeschichte sind unterschiedlich, aber die größte Gemeinsamkeit von Müttern mit zwei Kindern liegt, wie Li Wenqing es formuliert, darin, dass sie ursprünglich dachten, ein Kind mehr würde einfach nur das Doppelte an Mühe bedeuten. Aber tatsächlich muss an Energie und wirtschaftlichen Ausgaben von Familien mit zwei Kindern „häufig das Vielfache von dem aufgewendet werden, was für ein einzelnes Kind notwendig ist“.

„Wie viel Geld muss man im Jahr ausgeben, um in Peking zwei Kinder großzuziehen?“ Li Wenqing rechnet an ihren Fingern zusammen.

Zuerst ist da das Wohnen. Solange die Kinder klein sind, können sie zusammen in einem Zimmer schlafen, sodass das Problem mit einer Zweizimmerwohnung für die Familie zu lösen ist. Aber wenn die Kinder größer werden, besonders wenn sie unterschiedliche Geschlechter haben, dann wird eine Dreizimmerwohnung zum strikten Erfordernis. Genau dies ist mittlerweile die größte Hürde, die sich vor den meisten Pekingern aufbaut. Selbst wenn man südlich des vierten Rings, dort wo die Immobilienpreise niedrig sind, eine Dreizimmerwohnung kauft, „braucht man dazu bestimmt mindestens fünf Millionen Yuan.“

Danach kommen die Ausgaben für Bildung und Erziehung. Für Familien mit zwei Kindern resultiert daraus der größte Druck, da man gleich doppelt auf sie vorbereitet sein muss. Neben der Sorge um die Gebühren für den Kindergarten muss man sich auch noch um die Kosten eines Frühförderzentrums oder anderer Trainingskurse für bestimmte Fertigkeiten kümmern. Die Gebühren für spezielle Sommerkurse für Grundschüler liegen im Pekinger Stadtteil Haidian beispielsweise zwischen 10.000 und 20.000 Yuan.

Andere notwendige Ausgaben sind etwa die Kosten für Nahrungsmittel, für Wasser und Strom, für Spielzeug wie Lauflernwagen und für Reisen mehrmals im Jahr. Wie viele Eltern in Peking ist Li Wenqing der Ansicht, dass man beim Aufziehen von Kindern überall Geld sparen könne, nur an den Kosten für Reisen dürfe man nicht sparen. Denn wenn man sich schon im jungen Alter in der Welt umschauen könne, sei dies für die zukünftige Entwicklung des Kindes sehr förderlich. Außerdem „könne es dann in der Schule mit seinen Klassenkameraden gemeinsame Gesprächsthemen finden“.

Um ihren Kinder die beste Ausbildung zu ermöglichen, zu der sie finanziell in der Lage ist, bestellt sich Li Wenqing in der Kantine im ersten Untergeschoss oft das Businessmenü für 15 Yuan. Zurück in ihrem Büro über dem zwanzigsten Stock gießt sie sich manchmal eine Tasse Instantkaffee auf und starrt eine Zeit lang durch die Balkontür auf die dicht gedrängten Gebäude von Peking. Was sie noch mehr bekümmert, ist dass es ihr trotz der Hilfe ihrer Schwiegermutter bei der Kinderbetreuung die ganze Zeit schwerfällt, ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihrer komplizierten Arbeit und der noch komplizierteren Elternschaft. „Es ist, als würde man auf eine Wippe steigen, auf der einen Seite geht es hinunter, auf der anderen besteht die Gefahr, dass man die Kontrolle verliert.“

„Man sollte auf alle Fälle gründlich nachdenken, bevor man sich zwei Kinder zulegt. Tut man dies nicht, dann kann das unmittelbar zu einem vollständigen körperlichen, geistigen und finanziellen Zusammenbruch führen“, sagt Mao Ying lachend.

Sie hat ihren Abschluss an einer renommierten Hochschule gemacht, aber die wertvollsten Jahre ihres Lebens nutzte sie für die Geburt und das Aufziehen ihrer Kinder. Mao Ying hat auch etwas dabei verloren. „Am wenigsten gern gehe ich zu Treffen meiner Uni-Kommilitonen.“ Früher waren sie alle im wahrsten Sinne des Wortes priviligierte Kinder des Glücks. Heute dagegen bestehen zwischen ihnen, während sie miteinander anstoßen, unsichtbare Abstufungen nach Gehalt, Position, Vermögen und anderen profanen Maßstäben. Auf den jungen Gesichtern beginnen alle möglichen horizontalen Muskelfalten zu wachsen, der Haaransatz wird höher, die Taille breiter, und selbst den Geräuschen beim Laufen haftet die Besonnenheit des mittleren Alters an. Die Kommilitonen sind nach vielen Jahren des Kampfes zu Führungskräften großer Firmen aufgestiegen. Die Kommilitoninnen dagegen haben entweder in reiche Familien eingeheiratet oder durch selbst gegründete Unternehmen finanzielle Unabhängigkeit erreicht.

So wie viele andere frisch graduierte junge Frauen hätte Mao Ying vor ihrer Hochzeit für eine kostspielige Markenhandtasche mit limitierter Auflage ohne mit der Wimper zu zucken gleich mehrere Monatsgehälter ausgegeben. Ihr Einkommen war respektabel, also fuhr sie mit etwas über zwanzig einen selbstgekauften roten Sportwagen. Mittlerweile dagegen kann sie ihren Chanel-Lippenstift Granatapfel bis zu einem Jahr immer wieder verwenden. Wenn er trocken wird, "nehme ich ein Wattestäbchen, befeuchte ihn mit etwas Wasser und verwende ihn weiter." Einen „Kampfanzug“ für geschäftliche Gespräche außer Haus kann man sich auch für ein paar hundert Yuan auf der Online-Einkaufsplattform Taobao besorgen. „Ein Anzug hält drei Jahre“. Und was Handtaschen und Uhren betrifft, so stehen sie als Bedarfsgüter schon gar nicht auf der Tagesordnung. Hier behilft sie sich mit Gegenständen aus ihrem zuvor erworbenen Inventar. Sie tut ihr Bestes, um sich äußerlich als eine einigermaßen repräsentable „Chefin“ zu präsentieren.

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„Man schließt die Frau in der Küche ein, im Boudoir, und wundert sich, daß ihr Horizont beschränkt ist. Man stutzt ihr die Flügel und beklagt, daß sie nicht fliegen kann. Man öffne ihr die Zukunft und sie wird nicht mehr gezwungen sein, sich in der Gegenwart einzurichten.“ Diesen Absatz aus Simone de Beauvoirs klassischem Werk Das andere Geschlecht zitiert Zheng Ling im Kreise ihrer Freunde.

Unter den Müttern mit zwei Kindern nimmt sie zweifellos eine Sonderstellung ein. Ihr Ex-Mann, der als leitender Angestellter bei einer Investmentbank arbeitet, zahlt ihr hohe Unterhaltskosten, und selbst verfügt sie über Ersparnisse aus vielen Jahren, sodass sie sich nicht mehr die geringsten Sorgen um Nahrung und Kleidung machen muss. Ihre älteste, achtjährige Tochter und ihre fünfjährige kleine Tochter hat Zheng Ling im kanadischen Vancouver untergebracht, wo sie von ihren in Rente gegangenen Eltern und einer angestellten Tagesmutter betreut werden.

„Du bist keine richtige Mutter.“ Solche Vorwürfe machen die Eltern ihrer Tochter von Zeit zu Zeit, die als auf sich gestellte Nomadin in Peking ihren Lebensunterhalt verdient. Und gelegentlich werden ihr auch von Freunden und anderen Verwandten Fragen gestellt.

Gerade dass ich zwei Kinder habe, erfüllt mich jeden Tag mit Leidenschaft, ich stürme auf alle Schwierigkeiten los und bin stark, weil ich eine Mutter bin.

Mao Ying


„Tatsächlich weiß ich nicht, ob es das wert war, mich zwischen der Arbeit und den Kindern für die Arbeit zu entscheiden.“ Zheng Ling gesteht offen, dass sie manchmal, wenn sie im Video aus der Ferne die fremden kleinen Gesichter ihrer Kinder betrachtet, sich nur selbst betäuben kann. „Natürlich bin ich keine qualifizierte Mutter, aber alles, was ich tue, tue ich nur für die Kinder." Den Menschen, der unter ihrer regenfesten Berufskleidung steckt, kennen nur wenige. Sind ihre wortgefechtsreichen Arbeitsmeetings zu Ende, dann schleudert sie manchmal die hochhackigen Schuhe erschöpft von sich, legt sich in die Badewanne ihrer Luxuswohnung nahe dem Chaoyang-Park und weint laut vor sich hin, "weil ich meine Kinder vermisse."

"Für die Kinder" ist eine Formulierung, die Zheng Ling, Mao Ying und Li Wenqing häufig in den Mund nehmen. Innerhalb von acht Jahren zwei Babys zur Welt zu bringen, äußert Mao Ying lachend, sei für den Körper und den Geist einer Frau eine Art Nirvana, bei dem beides völlig in sich zusammenfalle wie morsches Holz. Die weißen Haare würden zahlreicher und es entstünden Krähenfüße. "Und diese Dinge gehören noch zur Oberfläche." Noch schrecklicher sei der Anblick ihres 38-jährigen Körpers im Badezimmerspiegel. Die Brust nach dem Stillen "hänge herunter wie ein weicher Sandsack, und die Schwangerschaftsstreifen breiteten sich erbarmungslos überall auf dem schlaffen Bauch aus." Außer den Schulungskosten der Kinder hat Mao Ying als zweifache Mutter noch ziemlich beträchtliche private Ausgaben – sie geht periodisch zu medizinischen Schönheitsbehandlungen, wo sie sich zum Beispiel Botulinumtoxin spritzen lässt, um die Fältchen zwischen ihren Augenbrauen zu entfernen, Massageapparate das Herunterhängen der Gesichtsmuskulatur vermindern oder Intimpflege an ihren Brüsten und anderen Körperteilen durchgeführt wird.

Sie hat sich schon viele Male vorgestellt, dass ihr imaginäres Selbst sicher „viel erfolgreicher“ sein müsste als gegenwärtig, wenn sie keine Kinder oder nur ein einzelnes Kind hätte. Aber dann sagt sie wiederum zusammenfassend: „Gerade dass ich zwei Kinder habe, erfüllt mich jeden Tag mit Leidenschaft, ich stürme auf alle Schwierigkeiten los und bin stark, weil ich eine Mutter bin.“

Mit der Entscheidung für zwei Kinder bezahlen alle Frauen auf unterschiedliche Weise einen Preis für ihre Mutterschaft. „Wenn wir noch einmal in der gleichen Situation wären, würden wir es dann mit einer anderen Option probieren?“ Li Wenqing hatte früher Zweifel.

33 Jahre sind für viele berufstätige Frauen das Alter, in dem sie durch energisches Voranschreiten bereits bis zur mittleren Ebene aufgestiegen sind. Trotzdem stehen auf Li Wenqings Arbeitsagenda immer nur triviale Basisaufgaben wie die Gewährleistung eines reibungslosen Ablaufs von Sitzungungen, das Sortieren von Protokollen oder die Organisation von Geschäftsreisen der Führungskräfte. An einem Mittag im Winter bricht die Sonne durch den Nebel und scheint auf den mit Schriftstücken bedeckten Schreibtisch, während der Computerbildschirm im Office-System die statische Seite einer Mitteilung zeigt, die mit "Optimierung, Verschlankung und Entlassungen" zu tun hat. Li Wenqings Brustpumpe liegt halb sichtbar in der offenen Tasche. Sie hat beschlossen, in zwei Tagen "ihren Abschied zu nehmen".

Alle Namen wurden verändert. Der Text erschien zuerst auf WeChat unter der ID guyulab.

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