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Interview mit Anthony Rother
He Himself Into the Future

Anthony Rother
© Anthony Rother

Anthony Rother, Produzent und DJ aus Offenbach am Main, ist vor über 20 Jahren mit Electro-Platten auf Kanzleramt und seinem eigenen Label Psi49Net bekannt geworden. Seither erkundet er mit seiner Musik Schnittstellen zwischen Electro, Techno und Popmusik. Ende 2018 erschien Rothers neues Album 3L3C7RO COMMANDO, das musikalisch an seine frühe Schaffensphase erinnert.

Goethe-Institut: Lieber Anthony, mit deinen ersten Electro-Platten auf Kanzleramt und später deinem eigenen Label Psi49Net bist du vor 20 Jahren bekannt geworden. Dein neues Album 3L3C7RO COMMANDO erinnert musikalisch an diese frühe Schaffensphase. Bist du nostalgisch geworden?

Das Album 3L3C7RO COMMANDO transportiert unter anderem Gedanken, wie es mit dem technologischen Fortschritt jetzt und in Zukunft weitergehen könnte. Also eher das Gegenteil von nostalgisch. Verbunden mit der Fragestellung, wie verhalte ich mich als moderner Mensch in einer Welt voll unfassbarer Möglichkeiten an grenzenlosem Konsum und einem Informations- und Unterhaltungsangebot, das unendlich scheint. Unsere Vergangenheit ist in Bild und Ton überall und jederzeit verfügbar – das ist die Vorstufe der Zeitmaschine. Eine moderne Gesellschaft wird lernen müssen damit umzugehen. Wir erleben gerade den Anfang dieser neuen Epoche.

Der letzte Track deiner ersten Platte Sex With the Machines (1997) heißt ‘Past Represents the Future’ – dieser Satz findet sich als Hookline auch auf deinem neuen Album. Welche Rolle spielen Vergangenheit und Zukunft in deiner Musik?

Vergangenheit und Zukunft spielen eine nicht unwichtige Rolle in meiner Musik. Beim Beobachten technischer Entwicklungen konzentriere ich mich immer auf alle drei Zeiten. Die Zukunft ist für mich das Element, das Raum für Interpretationen lässt und das ist ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Arbeit. Die Zukunft ist ein Ziel voller Möglichkeiten im positiven wie negativen Sinne. Deshalb ist es interessant die Gegenwart und Vergangenheit zu betrachten, um daraus Thesen über die Zukunft zu entwickeln.
Anthony Rother © Anthony Rother In Berlin sind im Moment wieder die schnelleren, härteren EBM-beeinflussten Spielarten von Techno en vogue. Wie verstehst du das Zusammenspiel von Altem und Neuem in der Musik und kreativem Schaffen generell?

Musikalische Entwicklungen verfolge ich kaum noch, wenn dann nur sehr oberflächlich oder durch Künstler, die ich schätze, wie etwa Danny Daze oder DVS1, auf deren Labels ich außerhalb meiner eigenen Plattformen veröffentliche. Doch meine eigene Kunst nimmt den größten Platz ein. Beim Zusammenspiel von Altem und Neuem sind wir immer noch in der Weiterentwicklung von elektronischer Musik. Und wie alles Kreative bedient sich auch die gegenwärtige elektronische Musik ein Stück weit der Vergangenheit. Ich denke, das ist ein ganz normaler Vorgang.

Du bist bekannt für dein äußerst umfangreiches Studio-Gear. Wie navigierst du diese große Auswahl an Maschinen?

Das Wichtigste bei so einem Gerätepark ist, dass man sich begrenzt bei der Auswahl der Geräte, die man für eine Produktion benutzt. Es ist wichtig, dass man sich selbst Grenzen setzt. Die mentale, psychologische Komponente ist etwas, das für mich einen wichtigen Stellenwert eingenommen hat. Denn die endlosen Möglichkeiten im Studio müssen meiner Meinung nach mit einem Dogma sinnvoll begrenzt werden – der Geist braucht Ruhe, um in den Fluss der Kreativität eintauchen zu können. Das Großartige liegt auf Feldern, die man nicht bewusst oder direkt betreten kann, man kann nur die Bedingungen dafür schaffen. Das Leben eines Künstlers ist im besten Fall das tagtägliche Schaffen dieser Bedingungen.
Anthony Rother © Anthony Rother Im Moment werden klassische Maschinen wieder neu aufgesetzt und einer neuen Generation von Musiker*innen zugänglich gemacht. Was würdest du beginnenden Produzent*innen in Bezug auf Studio-Gear raten?

Heute gibt es so viele Möglichkeiten, um Musik zu machen. Der Computer hat den Einstieg und die finanziellen Hürden, elektronische Musik zu produzieren sehr stark vereinfacht. Man kann ja mittlerweile sogar mit einem Smartphone brauchbare Ergebnisse erzielen. Mit einer Empfehlung tue ich mich daher sehr schwer. Ich persönlich arbeite am liebsten mit Hardware-Synthesizern. Mir macht es am meisten Spaß, an Knöpfen zu drehen und einen Klang mit beiden Händen zu programmieren. Software-Instrumente interessieren mich heutzutage eher weniger, mich stört an Software die Abhängigkeit von Updates der Computer-Betriebssysteme. Ich selbst nutze immer noch im Studio einen alten Mac Pro, meine Hardware benötigt keine OS-Updates und läuft immer autonom.

Das Großartige liegt auf Feldern, die man nicht bewusst oder direkt betreten kann, man kann nur die Bedingungen dafür schaffen.

Die Entstehung des neuen Albums kann man in den Production Notes nachlesen und es gibt Videos deiner Jam-Sessions. Warum hast du dich entschieden die Entstehung des Albums, zumindest die technische Seite, so genau für alle zu dokumentieren?

Die Dokumentation war eher ein Zufall. Ich nehme ja seit Jahren schon meine Studio-Sessions auf. So kam auch die Idee, daraus eine gesammelte Dokumentation vorab zur Einstimmung auf 3L3C7RO COMMANDO anzubieten. Es hat Spaß gemacht das alles für die Leute zusammenzufassen. Und im besten Fall gibt es den Hörer*innen ein tieferes Verständnis, wie ich Musik mache. Ich glaube, das gibt der Musik eine gewisse räumliche und personelle Dimension. Die Musik ist ja das Resultat der gefilmten Studio-Sessions.
Anthony Rother
Anthony Rother - Me Myself Into The Future (Studio Session)

Du hast mal gesagt, dass du beim Musikmachen immer eine Verbindung zwischen dem Jam und einer Vision in deinem Kopf schaffen willst, dass du als Künstler nach Bedeutung strebst, die nur durch diese Verbindung entsteht. Woher kamen die Visionen für das neue Album?

Der kreative Vorgang ist sehr variabel. Oft entsteht ein musikalisches Grundgerüst und dann höre ich genau zu, um zu spüren, was die Musik für eine Geschichte oder Message transportiert. Das gilt besonders bei den Electro-Alben wie 3L3C7RO COMMANDO. Da ringe ich darum, die Bedeutung zu erspüren. Bei Club-Tracks ist der Hintergrund stark von meinen Erfahrungen als DJ oder Live-Act geprägt. Da geht es bei der Produktion mehr um Gefühle, die beim Tanzen im Club entstehen, was sich dann oft auch mit tiefergehenden Themen vermischt. Mein kreatives Arbeiten lebt sehr von der Abwechslung zwischen den verschiedenen Facetten Electro, Techno und experimentaler Musik.

Du hast auch mal erzählt, dass du früher phasenweise das Gefühl hattest, deine Kreativität verloren zu haben. Wie hast du deine Kreativität wiederfinden können?

Der Verlust von Kreativität ist ein psychologisches Phänomen. So zumindest habe ich das wahrgenommen. Ich empfehle jedem Musiker sich damit zu beschäftigen. Für mich ist das leben als Künstler mehr als nur Musik machen. Die Beschäftigung mit sich selbst gehört auch dazu. Der State of Mind oder das Mindset sind für mich die Grundlage, um Größtmögliche kreative Freiheit zu haben. Um über Grenzen hinaus Denken zu können und beim Musik machen frei zu sein, muss man als Musiker jeden Tag an seiner psychologischen Verfassung arbeiten. Hohe Motivation kommt aus einer weniger starken pessimistischen Betrachtung der eigenen Arbeit im Tonstudio. Man sollte sehr stark daran arbeiten, um so eine wenig pessimistische Einstellung zu haben, denn dadurch entsteht große Freiheit, um kreativ arbeiten zu können. Der innere Kritiker sollte wenig Macht besitzen, denn er kritisiert Dinge meist dann schon bevor es im Studio mit dem Musik machen richtig losgeht.

Das schriftliche Interview führte Roman Kierst.

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