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Heimat
„Zwischen den Stühlen zu sitzen bedeutet auch, frei zu sein“

Zhang Wei
© Goran Basic

Die chinesische Schriftstellerin Zhang Wei lebt seit rund drei Jahrzehnten in der Schweiz. Jetzt hat sie einen Roman auf Deutsch geschrieben. Hier spricht sie über die Kulturrevolution, Europa-Klischees und calvinistische Kleinbürgerlichkeit.

Von Maximilian Kalkhof

Goethe-Institut: Frau Zhang, Sie leben seit 1990 in Zürich. In der Neuen Zürcher Zeitung war zu lesen, dass Sie bei Ihrer Ankunft von der Schweiz enttäuscht gewesen seien. Warum?
 
Zhang Wei: Ja, mein Europa-Bild und die Schweizer Wirklichkeit klafften auseinander. Mein Europa-Bild speiste sich aus der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. In China hatte ich die Werke von Charles Dickens, Jane Austen und Honoré de Balzac verschlungen. Ich erwartete eine Gesellschaft der Bohemiens, Kaffeehäuser mit samtenen Sofas und schöngeistige Gespräche über das Wesen der Kunst. Aber dann fand ich mich in der calvinistischen Schweiz mit ihrer Schaffe-schaffe-Häusle-baue-Mentalität wieder.
 
Europa war ein Sehnsuchtsort für Sie?
 
Zhang: Ja, Europa war damals so etwas wie ein kulturelles Vorbild für mich. Ich hatte eine riesige Sehnsucht nach europäischer Kultur. Ich erinnere mich noch daran, wie befremdet ich von dem Umgang der Schweizer mit Jean-Jacques Rousseau war.
 
Was ist denn falsch am Umgang der Schweizer mit Rousseau?
 
Zhang: „Die Bekenntnisse“ von Rousseau hatten mich in China nachhaltig beeindruckt. Und für mich war Rousseau, der ja in Genf geboren worden war, ein Schweizer Nationalheld. Also machte ich einen Ausflug auf die St. Petersinsel im Bieler See, wo Rousseau einst lebte; quasi eine Pilgerfahrt. Dort fand ich am Ufer nur eine Büste und ein kleines Schild, das an Rousseau erinnerte und das noch nicht einmal erwähnte, dass Rousseau in der Schweiz geboren worden war. Dass die Schweizer ihre Kulturhelden nicht so verehrten wie die Chinesen, war mir damals völlig unbegreiflich. Der ist doch Schweizer, das muss man der Welt doch sagen, dachte ich. Das hat richtig Widerstand in mir ausgelöst.
 
Widerstand?
 
Zhang: Ja, Widerstand gegen diese Nüchternheit. Ich kam aus China und hatte ein unbändiges Verlangen nach Freiheit. Zu Hause hatte ich als aufsässig gegolten. Aber ich war nicht frei gewesen, weil ich nie vollends hatte aussprechen können, was ich denke. Als ich dann endlich in der Schweiz angekommen war, also in der Freiheit, wollte ich Kultur inhalieren, mich streiten und bilden. Aber viele Leute, die ich traf, waren viel zu beschäftigt, um sich in erster Linie für Kultur und Diskussionen zu begeistern, sondern interessierten sich viel mehr für die korrekte Befolgung des Schemas F: Einen Job finden, eine Wohnung, und dann eine Familie gründen. Zwischen diesen Polen musste ich meine Rolle erst finden. Klar ist, dass ich nicht zur Schweizerin geworden bin. Ich habe mich gegen viele Dinge erfolgreich gewehrt, würde ich sagen.
 
Aus welchem Grund haben Sie sich 1990 für Zürich entschieden? Sie sind ja ganz andere Dimensionen gewohnt. Ihre Heimatstadt Chongqing hat – nach heutigem Stand – fast vier Mal so viele Einwohner wie die ganze Schweiz.
 
Zhang: Das war mehr oder minder Zufall. Ich wollte vor allem China verlassen. Ich versuchte damals in ganz vielen Botschaften, ein Visum fürs Ausland zu bekommen. Und eigentlich dachte ich, ich gehe in die USA. Es war schon fast alles fertig. Aber dann gab es wegen eines Personalwechsels in der amerikanischen Botschaft in Peking eine Verzögerung. Und in der Zwischenzeit bekam ich ein Visum für die Schweiz. Schwups, weg war ich. Genauso gut hätte es Norwegen, Schweden oder Dänemark werden können. Chongqing wirkt übrigens größer als es ist. Und die Schweiz kleiner als sie ist. 
 
Wie meinen Sie das?
 
Zhang: Chongqing ist ein riesiges Dorf. Die Stadt hat eine moderne Fassade. Aber sobald man die Hauptstraßen verlässt, hat man das Gefühl, auf dem Land zu sein. Die Schweiz hingegen ist klein. Aber besonders Zürich ist eine Metropole mit Menschen aus der ganzen Welt und enormer kultureller Vielfalt. Ich gehe seit 20 Jahren ins Schauspielhaus und sehe dort tolles internationales Theater. So etwas kann ich in Chongqing nicht erwarten. Die Schweiz ist ein Land mit vielen gesellschaftlichen Nischen. Das macht einer Ausländerin wie mir das Leben leicht.
 
„Ich bin Europäerin geworden“, haben Sie der Neuen Zürcher Zeitung gesagt.
 
Zhang: Na ja, das ist ein bisschen übertrieben. Ich sitze eher zwischen den Stühlen. Ich habe auch eine große kulturelle Sehnsucht nach China. Ich bin nach wie vor Chinesin. Aber ich denke, ich bin in gewisser Weise in Europa angekommen.
 
Nach was sehnen Sie sich?
 
Zhang: Ich habe mich gerade vor ein paar Tage mit ein paar Freundinnen darüber unterhalten, wie die Chinesen mit dem Tod umgehen. Ich würde behaupten, dass das eine Errungenschaft für die gesamte Menschheit ist. Diese Leichtigkeit: Man redet mit den Toten, man verbrennt Papiergeld für sie – ich finde das zauberhaft. Das ist etwas völlig anderes als die christliche Darstellung des Todes, denken Sie nur an all diese barocken Gemälde mit Sanduhren und Totenköpfen. Die Vorstellung, dass wir nur leben, um erlöst zu werden – beim bloßen Gedanken daran merke ich: Ich bin zu hundert Prozent Chinesin. 
 
2007 haben Sie ein Porträt-Band mit dem Titel „Zwischen den Stühlen: Geschichten von Chinesinnen und Chinesen in der Schweiz“ veröffentlicht. Zwischen den Stühlen sitzt es sich nicht angenehm, oder?
 
Zhang: Als ich das Buch schrieb, empfand ich dieses Zwischen-den-Stühlen als Last. Ich weinte viel, als ich diese Leute interviewte. Ich hatte das Gefühl: Wir Chinesen im Ausland rackern uns ab. Aber für was? Dafür, dass wir irgendein Ziel erreichen, das wir uns gesetzt haben. Und wenn wir es erreicht haben, haben wir keine Kraft mehr, um uns zu freuen. Das war einer der Gründe, warum ich mich entschieden habe, nur noch Fiktion zu schreiben. Da habe ich den Stoff selbst in der Hand. Aber heute blicke ich anders auf dieses Zwischen-den-Stühlen.
 
Wie?
 
Zhang: Zwischen den Stühlen zu sitzen bedeutet auch, frei zu sein. Ich kenne mittlerweile die gesellschaftlichen Normen, die in China und der Schweiz gelten. Ich nehme sie wahr, fühle mich ihnen aber nicht mehr voll und ganz verpflichtet. Wenn mir danach ist, missachte ich sie einfach. Das ist ein bisschen wie bei einem U-Boot. Wenn ich will, tauche ich auf und mische mit. Wenn ich keine Lust habe, tauche ich ab.
 
Jüngst haben Sie mit „Eine Mango für Mao“ Ihren ersten Roman auf Deutsch veröffentlicht. Hat es viel Mühe gekostet, einen Roman in einer Fremdsprache zu schreiben?
 
Zhang: Die Entscheidung für Deutsch war keine Entscheidung gegen Chinesisch. Ich habe gemerkt, dass ich auf Deutsch Sprachbilder entwerfen kann, die sich der schnellen Interpretation entziehen. Ich habe dann später, als ich schon einiges auf Deutsch geschrieben hatte, versucht, auf Chinesisch weiterzuschreiben. Aber das ist mir überhaupt nicht gelungen. Ich denke, das liegt daran, dass die chinesische Sprache so anders ist. Deutsch hat eine Klarheit, die das Chinesische nicht kennt. Im Chinesischen wird mehr durch die Blume ausgedrückt. Außerdem hat das Schreiben auf Deutsch für mich einen Vorteil: Ich schreibe nicht so automatisiert, weil mir die Worte nicht zufliegen. Ich muss lange nachdenken, um die richtigen Wörter zu finden. Erst nach langem Überlegen entwickeln sich die Bilder vor meinem inneren Auge.
 
Der Roman schildert die Kulturrevolution aus der Sicht eines Kindes. Warum haben Sie sich für diese Perspektive entschieden?
 
Zhang: Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist der kindliche Blick auf die Kulturrevolution naiv; das finde ich spannend. Die meisten Erwachsenen haben die Kulturrevolution wahrscheinlich als Katastrophe erlebt. Aber für Kinder war sie erst mal eine tolle Sache: die Schulen waren geschlossen, es gab keinen Unterricht und man konnte den ganzen Tag auf der Straße herumtoben. Aber es ging mir auch um etwas Sprachliches. Während der Kulturrevolution nannte man viele Dinge nicht beim Namen, Mao Zedong zum Beispiel. Mich hat interessiert, wie ein Kind aus dem verhüllenden Sprachwirrwarr um sich herum Sinn macht.
 
Europa ist Ihnen vertraut geworden. Was ist Ihnen fremd, wenn Sie heute nach China reisen?
 
Zhang: Der Materialismus und das obsessive Streben nach Geld. In China geht es in vielen Gesprächen nur ums Gehalt, die Wohnung und das Auto. Das finde ich so sinnlos, da verschlägt es mir die Sprache. Auch die Selbstbezogenheit vieler Menschen stört mich. Sobald man über Internationales redet, dreht sich für viele Leute alles nur um die Frage, wann China die neue Weltmacht wird. Ich frage mich dann immer: Ja, und dann? Seid ihr dann alle glücklich?
 
Sie sind auch Publizistin und schreiben zum Beispiel für die Neue Zürcher Zeitung. Fühlen Sie sich von der deutschsprachigen Presse gut über China informiert?
 
Zhang: Leider nein. Insgesamt findet sich in der Presse natürlich einiges über China. Und das meiste ist auch gut geschrieben. Ich finde aber, dass viele Artikel unterm Strich nur bereits Bekanntes bestätigen. Ich denke, das liegt unter anderem daran, dass die meisten Journalisten nur wenig über China wissen und deswegen die Berichterstattung anderer Journalisten als Maßstab nehmen. Das führt dazu, dass gewisse Themen endlos wiederholt werden, während über anderes gar nicht berichtet wird. Das ist sehr bedauerlich.

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