Literatur Nina Bussmann


 Am Unterlauf des Langen Flusses
 
Wenig Raum für das Selbst, schrieb eine Freundin aus Deutschland, hätte sie auf ihren Asienreisen vorgefunden, zumindest physisch. „Was das Geistige angeht“, schreibt sie, könne sie sich stets ganz gut herausziehen, weil alles so anders sei. Aber der Körper werde ständig berührt, alle drängelten immer. „Ist es da wo du bist auch so?“

Garten in Nanjing Garten in Nanjing | Nina Bußmann Manchmal war es schrecklich, kein Wort sagen zu können. Manchmal half das Stummsein beim Einrichten auf dem Beobachterposten. Gelegentlich wurde ich am Arm gefasst und von Fremden aus der Zuschauerhaltung herausgezogen, wenn jemand ein Foto von mir machen wollte, meine Empörung sorgte für Belustigung. Mit Händen und Füßen sprechen, was Unsinn ist, niemand, der Hände zur Verfügung hat, wird Zeichen mit den Füßen geben wollen. Wir benutzen, was schwer und missverständlich genug ist, Hände und Gesicht. Wer mit der Stimme arbeitet, lernt als eins der ersten Dinge, in und aus dem Bauch zu atmen, den ganzen Körper als Resonanzraum zu begreifen. Die Füße sind dazu da, Kontakt zum Boden zu halten. Was das Geistige angeht, ist es natürlich unmöglich, es ganz und gar und dauerhaft aus dem Körper herauszuziehen.
 
Ohne Kenntnis der Zeichen, war mir gesagt worden, wirst du dich nicht allein durch die Gegend bewegen können, du wirst permanent angewiesen sein auf Begleitung. Man würde mir eine permanente Begleitung zur Verfügung stellen. Man würde mich auf Händen tragen, ich müsste meine Wünsche allerdings äußern. Das wird interessant, hatte ich gedacht (und vergessen, dass mir das auch an anderen Orten schon so gegangen war, auch in Ländern mit lateinischem Alphabet, in unbeschilderten Wäldern.) Inzwischen war die Stadt zweisprachig geworden, zumindest in den Vierteln, in denen ich mich bewegte, wenn meine Begleitung verhindert war. Es war durchaus möglich, sich allein fortzubewegen, die Orientierung einfacher als in einem zeichenlosen Wald. 
 
Drachen Drachen | Nina Bußmann Eine Stadt mit Ampeln, Kreuzungen, Teehäusern, Kaffeehausketten und Teehäusern, öffentlichen und geschlossenen Bauten, öffentlichen und privaten Verkehrsmitteln, Parks. Wiesen, auf denen ältere Menschen Drachen steigen ließen und Federball spielten. Freizeitparks mit Fahrgeschäften, Karussells, Drachenschaukeln, auf den nächsten Sommer wartend. Vom Tai-See hertransportierte Kalksteinformationen, verwittert, durchlöchert, senkrecht aufragend. In der Dezembersonne posierten junge Paare für den Hochzeitsfotografen. Im Innern einer Kalksteinhöhle war ein Fitnessstudio untergebracht, Handtücher trockneten am Geländer einer Brücke über ein kleines Bächlein. Nur den großen Fluss suchte ich vorläufig vergeblich, fand nur Arme, Beine, Inseln. Mit einer Fähre gelangte ich auf die andere Seite, die Sonne stand tief, die englisch beschrifteten Schilder fehlten plötzlich, ich schoss ein Foto von einem weißen Hund, der schräg über die Straße schnürte, und machte, dass ich zurück ans bekannte Ufer kam. 

Art Light Tunnel Art Light Tunnel | Nina Bußmann Es stimmt nicht, dass man sich als Fremde und Analphabetin nicht allein fortbewegen kann. Es wurde, wo ich war, nicht immerzu gedrängelt. Stadtparks weiteten sich zu Wäldern, in durchwucherten Senken waren nur noch schreiende Vögel zu hören, auf durch Brücken verbundenen künstlichen Inselchen lässt es sich laufen, bis man den Rückweg kaum noch findet. PAUSE stand auf dem Schild eines studentischen Cafés mit handgeschriebenen Karten, das einen Büchertausch anbot, feministische Diskussionszirkel, Rosenmilch und Bier. Den Diskussionskreis versäumte ich, ich habe überhaupt den Eindruck, schrieb ich nach Hause, dass mir vieles hier, das meiste, entgeht. Fremde Körper werden hier, wie an den meisten Orten der Welt, anders behandelt als einheimische. Die Wohneinheit in der Unterkunft für ausländische Lehrkräfte ist ausgestattet mit mehreren Zimmern, Küche, Bad, mit Fernwärme und einem zirka zwei Mal drei Meter großen Bett. Ich werde nie wissen, wie es ist, eine wenig größere Fläche mit fünf anderen Menschen zu teilen, das habe ich nur von außen sehen können, zwei Mal drei übereinander gestapelte Betten, zum Trocknen vors Fenster gehängte Wäsche und Stiefel, kollektive Duschräume. „Es ist nur schlimm, wenn wir streiten“, sagte eine Studentin auf die Frage, ob sie nie ein Zimmer für sich allein wünsche, offensichtlich kann sie nicht viel mit der Frage anfangen, „wenn wir lernen müssen, lernen wir, wenn ich allein sein will, höre ich Musik“.

Für Menschen, die sich aus Platzgründen keine Hauskatze halten können, gibt es Katzencafés, in denen man die Tiere beim Klettern und Balgen beobachten, sie filmen und streicheln und sich vom Anblick ihres Fells beruhigen lassen kann. Es gibt öffentliche Plätze, auf denen man sich zur gemeinsamen Gymnastik versammelt, zum Drachensteigenlassen, zum Paartanz. Es gibt, wenn man will, reichlich Raum für den Körper.
 
Professorinnen erklärten mir, dass die Sorge um das eigene Selbst lange nicht als so bedeutsam galt. In den neunziger Jahren geborene Studierende erklärten mir, vom Westen beeinflusst zu sein. „Von südkoreanischen Fernsehserien“, sagt mir eine Kulturmittlerin in meinem Alter, sei die Generation der 20 jährigen beeinflusst, „man sieht es an ihrer Art, sich zu kleiden.“ Sie tragen Parkas mit Pelzsaum, Sneakers oder Fellstiefel, Brillen mit markanten Rahmen und enge Jeans aus elastischem Stoff. „Diese Generation ist ganz anders als unsere“, sagte Y. vom Goethe-Institut. „Ich bin vom Westen beeinflusst“, erklärte eine Studentin, insbesondere von den Konzepten romantischer Zweisamkeit und Intimität. Ob ich an die Liebe glaube? Im Seminar sprachen wir über Wirklichkeit und Fiktion, so jedenfalls hatte ich es mir zurechtgelegt, Ich will ja nicht lügen, lautete der Titel der Veranstaltung, wir erörterten, was der Dramatiker Wolfram Lotz mit diesem Ausruf gemeint haben könnte, ob es möglich ist, Unwahrscheinliches zu erfinden und dabei wahrhaftig zu bleiben,  was überhaupt eine Lüge sei? (Kurze Erinnerung an meine Gänge zum Chinese Visa Center in Berlin und den Moment der Irritation, den es dort gab wegen meines Berufs. Er löste sich auf in freundlicher Erleichterung, als ich erklärte, die Geschichten in meinen Büchern seien alle erfunden.) „Die Wahrheit“, sagte ein Student in Suzhou, Stadt der Gärten, „ist mit Blut geschrieben“. Die meiste Zeit aber sprachen wir über das Dasein erfundener Figuren, über ihre Wahnvorstellungen und Zukunftspläne, ihre Liebes- und Arbeitsverhältnisse. Es blieb keine Zeit, darauf Rücksicht zu nehmen, dass alles erfunden war. Es war aber auch nicht nötig.

Nina Bußmann, geboren 1980 in Frankfurt am Main, studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Warschau und lebt heute in Berlin. Sie schreibt Prosa, Essays und Hörspiele und arbeitet zusammen mit der Künstlerin Gabriela Oberkofler. Sie hat verschiedene Auszeichnungen und Förderungen erhalten, u.a. das Alfred-Döblin-Stipendium, das Heinrich-Heine Stipendium sowie Arbeitsstipendien des Deutschen Literaturfonds und des Landes Berlin. 2013 war sie Artist in Residence in Vilnius, Litauen. 2012 wurde ihr erster Roman Große Ferien veröffentlicht, der zweite, Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen, erscheint im Frühjahr 2017.