Literatur Huang Fan

Autor auf Reisen

Schon in Taiwan hatte Stephan Thome erklärt, er werde mich von Marburg aus besuchen, wenn ich Anfang Juni in Göttingen sei. Der Besuch wirkte etwas großangelegt – an einem Tag wollte er eine fünfstündige Fahrt hin und zurück unternehmen, allein um in Göttingen vier Stunden lang seiner Gastgeberpflicht nachzukommen: Mich zu einem guten Essen einzuladen und mit der Kultur von Göttingen bekannt zu machen. Wie ich erfuhr, hatte er sich im Vorfeld eigens vorbereitet und sich bei seiner Schwester, die in Göttingen studiert hatte, erkundigt, wo es guten Kaffee gäbe, welches Restaurant etwas Besonderes zu bieten habe, wo die Museen seien... 

Als ich ihn auf dem Bahnsteig abholte, kam er mir in studentischer Aufmachung entgegen, in T-Shirt und Jeans, mit einer schräg umgehängten braunen Ledertasche. Schon nach dem gegenseitigen frohen Schulterklopfen war nichts davon zu spüren, dass wir uns seit zwei Jahren nicht gesehen hatten. Es schien, als wäre es gestern gewesen, als würden wir nur das gestrige Gespräch wieder aufnehmen. Vor zwei Jahren war er aus Taiwan nach Nanjing gekommen und hatte sich schon beim ersten Treffen beklagt, wie trocken doch die Luft in Nanjing sei im Vergleich zu Taiwan, er brauche hier sogar Feuchtigkeitscrème. Dieses Mal war es nun Deutschland, über dessen Luft er sich beklagte, und selbstironisch fügte er hinzu, bei diesem Klima komme er sich schon wie eine Dame vor, müsse den ganzen Tag das Gesicht eincremen, damit die Haut nicht austrockne. Ich riss die Augen auf und musterte ihn: In der Tat, das ebenmäßige Gesicht hatte einen etwas öligen Glanz. Dass er sich als Mann derart mit seiner Haut abgab, sprach von einer verborgenen Sensibilität. Dies passte gut zu der Feinfühligkeit, die in seinem neuen Erfolgsroman Grenzgang zum Ausdruck kam. Dasselbe Feingefühl zeigte sich auch in seiner spitzbübischen Art. Während wir in Göttingen, das trotz seiner geringen Größe ziemlich viele Ampeln hat, auf die Altstadt zu schlenderten, blieb ich ohne zu überlegen bei jedem Rotlicht stehen, auch wenn die Straße unbefahren war. Stephan jedoch spottete belustigt: „Du tust ja wie ein Deutscher! Wozu stehenbleiben, wenn gar kein Auto fährt?“ Zielstrebig führte er mich mit ausladenden Schritten über das Rotlicht und sah mich dann mit einem verschmitzten Grinsen an, als wäre er längst Chinese. Mir kam in den Sinn, dass der Münchner Sinologe Frank Meinshausen mir mal gesagt hatte, in Deutschland würden die Chinesen als die „Italiener Asiens“ betrachtet, wegen der gleichen Wertschätzung Essen und Familie und der gleichen Geringschätzung von Regeln und Gesetzen... Dass Stephan hier in diesem durch und durch von Gesetzen bestimmten Land eine chinesische Vorgehensweise vorzog, erinnerte mich an Balzac, der sagte: „zu vorbestimmter Zeit trinken, essen und schlafen (...), das wäre mein Ende“. Dass Stephan es ablehnte, „zur vorbestimmten Zeit“ die Straße zu überqueren, zeigt auch, dass Schriftsteller mehr oder weniger dieselben Dinge wertschätzen, am liebsten nur ihre eigene Vorstellung und ihre Freiheit...

In der Altstadt wimmelte es von Menschen. Als Stephan erfuhr, dass ich noch keinen Stadtplan von Göttingen besaß, führte er mich auf die Suche nach einer Touristeninformation. Wir fanden sie bald im Rathaus. Weshalb war ein Tourismusbüro nicht im Bahnhof, wie in Taiwan? Mir fiel ein, dass sich auch in Weimar das Tourismusbüro mitten in der Stadt befand. Da begann Stephan Deutschland zu verteidigen und meinte, auf dem Bahnhof gäbe es schließlich die DB-Information, das Tourismusbüro hingegen würde auch noch Autovermietung anbieten. Etwas hartnäckig insistierte ich: „Also müssen Reisende erst ins Zentrum laufen, um ein Auto mieten zu können?“ Dann aber ließ ich mich im gleichen Zug über die deutsche Eisenbahn aus, es sei unbegreiflich, dass die in Deutschland die Züge ständig Verspätung hätten, Bahnsteige änderten, Züge ausfielen, die gleichen Züge täglich zu unterschiedlichen Zeiten führen, für Neuankömmlinge völlig verwirrend. Überraschenderweise fiel seine Reaktion umso amüsierter aus: „Du hast eine falsche Vorstellung von den Deutschen. Das sind alles Menschen, und ein Mensch funktioniert halt nicht wie eine Maschine. Doch wie kriegt ihr das in China hin, dass die Züge immer so pünktlich sind, täglich zur selben Zeit, es sei denn ihr...“ Lachend trugen wir auf dem Weg unsere Wortgefechte aus.

Er schien fest entschlossen, mich die deutsche Kultur aufspüren zu lassen. Mit dem Stadtplan in der Hand führte er mich durch Straßen und Gassen, bis wir schließlich ganz unerwartet vor dem Stadtmuseum standen. Als ich sah, dass über dem Eingang der Namen Brahms geschrieben stand, stieg mein Interesse immens. Ich und meine Tochter waren begeisterte Brahms-Liebhaber; über Jahre hinweg hatten wir jeden Morgen beim Aufwachen als erstes die Ungarischen Tänze angehört. Auf Deutsch brachte Stephan Thome alles in Erfahrung: Der eingekerbte Name sei zum Gedenken an eine Aufführung, die Brahms einst in diesem Haus gegeben habe. Ich betrat den hölzernen Fußboden, der knirschte wie die Gelenke eines alten Menschen, was in mir ein wahrhaft geschichtsträchtiges Gefühl hervorrief. In der oberen Etage standen mehrere Klaviere aus dem 19. Jahrhundert, die von ehemaligen Pracht und Größe sprachen, als Göttingen ein Zentrum des deutschen Klavierbaus war. Die verblichenen Wandgemälde hatten mit China zu tun; dargestellt war die damalige Vorstellung der Deutschen von China – ein Relikt aus der Blütenzeit der Chinoiserie des 18. Jahrhunderts. Ähnliches habe ich später auch in Frankfurt und München gesehen. Im Frankfurter Goethe-Haus gibt es einen Ofen, der im Unterschied zu den in Deutschland üblichen gusseisernen Heizkörpern, mit chinesischen Porzellankacheln besetzt war. Der Besitz von chinesischem Porzellan zu jener Zeit ist vergleichbar mit dem Besitz eines römischen Glaskelchs im 4. Jahrhundert Chinas, unter den Dynastien Wei und Jin – beide symbolisieren Reichtum und Geschmack. Der Münchner Sinologe Frank Meinshausen sah im Chinesischen Turm von München sogar die Geschichte verbürgt: Wenn man den Chinesischen Turm gesehen habe, verstehe man die Geschichte der Residenzstadt München.

Ohne bestimmte Absicht spazierten wir in eine Buchhandlung, die aus dem Jahr 1735 stammt. Überraschenderweise stellte sich der Inhaber als ein begeisterter Leser Stephan Thomes heraus, zwei seiner Romane hatten einen Ehrenplatz auf dem Büchergestell, einer war sogar als „Top-Beststeller“ angeschrieben. Der Buchhändler zeigte sich Stephan gegenüber sehr achtungsvoll; er legte, fast wie es in China üblich ist, beide Hände aneinander und neigte sich leicht vor. Um mich ja nicht zu außer Acht zu lassen, gab sich Stephan alle Mühe, mich dem Buchhändler vorzustellen. Ich verstand zwar nicht, was sie sagten, doch mir war klar, dass es keinen Sinn hatte, denn von mir waren nur ein paar wenige Kurzgeschichten in deutscher Übersetzung erschienen. Beim Verlassen des Ladens prägte sich mir das Lächeln des Buchhändlers ein: Es war ein Lächeln, wie man es auf deutschen Gesichtern selten sieht, sehr diskret und respektvoll. Kaum waren wir draußen, nahm Stephan nun meine Bemerkung ernst, es gäbe ja wie in China kaum englische Literatur in den Buchhandlungen, und er setzte sich in den Kopf, mich durch sämtliche Göttinger Buchläden zu führen. Dass wir am Ende tatsächlich ein paar englische Bücher fanden, ist nicht weiter erwähnenswert, doch erfuhr ich, welche Mengen an Buchläden es in dieser Stadt gibt. Gemessen an den 30.000 Studierenden sind es echt viele. Allein größere Geschäfte gibt es etwa ein Dutzend, und in jeder waren Stephan Thomes Romane aufgelegt. Und eine Buchhandlung, die solche ernsten Romane verkauft, muss ja wirklich sachkundig sein.

Das anschließende Essen und Trinken in Göttingen verlief so ziemlich nach Plan, alles wie Stephan es sich vorgenommen hatte. Nach einem reichen Mahl fanden wir, beide ein Eis am Stiel in der Hand, problemlos zu dem von seiner Schwester empfohlenen Kaffee, das besonders von Frauen mittleren Alters und älteren Damen frequentiert wurde. Nach Stephans Aussage sind in Deutschland Frauen in diesem Alter oft unbeschäftigt, und sich mit Freundinnen beim Kaffee die Zeit zu vertreiben werde zu ihrem einzigen Vergnügen. Also auch nicht anders, als in China Frauen dieser Altersklasse unverdrossen in Scharen auf den großen Plätzen tanzen.

An jenem Tag hegte ich außerdem noch die etwas gemeine Idee, in Göttingen irgendwo ein hässliches Haus zu finden, von der Art, wie man sie in China massenhaft zu sehen bekommen. Doch ich blieb erfolglos. Und zwar nicht nur in Göttingen, sondern auch in Weimar, oder später in Hamburg, Frankfurt, Köln, München und wo auch immer, ich fand es nicht. Dehui, eine Bekannte von Wolfgang Kubin und Schriftstellerin in Frankfurt, hatte einen Deutschen geheiratet, und der vertrat die Meinung, Frankfurt sei die hässlichste Stadt von Deutschland, wegen der vielen modernen Bauten. In meinen Augen jedoch wirken die modernen Gebäude dort überhaupt nicht hässlich, ganz im Gegenteil, ich finde sie ganz modisch und hübsch, außerdem auch gut verbunden mit den herkömmlichen Bauwerken.
Der Tag, an dem mir Stephan Thome seine Gastfreundschaft erwies, brachte mir einen neuen Zeitvertrieb ein: alle Dinge in Deutschland stets sowohl von der positiven wie auch von der negativen Seite zu bedenken und nicht den bestehenden Auffassungen zu vertrauen. Am Tag nachdem ich Stephan Thome verabschiedet hatte, begann ich mit dieser Einstellung meine Reise in Deutschland...

  • Treffen von Huang Fan mit dem Schriftsteller Stefan Thome in Göttingen ©Huang Fan
    Treffen von Huang Fan mit dem Schriftsteller Stefan Thome in Göttingen
  •  Lesergespräch mit Huang Fan in Göttingen ©Deutsch-chinesischen Institut für Interkulturelle Germanistik und Kulturvergleich der Universität Göttingen
    Lesergespräch mit Huang Fan in Göttingen
  • Lesergespräch mit Huang Fan in Göttingen ©Deutsch-chinesischen Institut für Interkulturelle Germanistik und Kulturvergleich der Universität Göttingen
    Lesergespräch mit Huang Fan in Göttingen

Huang Fan (黄梵), geboren 1963, stammt aus Huanggang (黄冈), Provinz Hubei. Er ist Dichter, Romanautor und Vizeprofessor. Von ihm erschienen sind unter anderem Schwimmende Farben (浮色), Das Elfte Gebot (第十一诫), Eloge auf Nanjing (南京哀歌), Warten, dass die Jugend vergeht (等待青春消失), Lehrer der Mädchenschule (女校先生), Chinesische Wanderer (中国走徒). Sein Debüt-Roman Das Elfte Gebot erlangte im Laufe der abschnittweisen Publikation auf der Website Sina über drei Millionen Aufrufe und wurde im Internet Jugendlichen als einer der zwei „lesewertesten Roman seit der Kulturrevolution“ empfohlen. Sein Gedicht Mittlere Jahre (中年) fand Eingang in die „hundert neuen Jahrhundertgedichte“. Huang Fans Lyrik findet in Taiwan große Beachtung; er wurde vom Feuilleton-Redakteur der United Daily News (联合报) als „Mainland-Dichter mit größtem Leserkreis in Taiwan“ bezeichnet.

Ausgezeichnet wurde Huang Fan unter anderem mit dem Preis für Goldene Kurzgeschichten der Zeitschrift Zuojia (作家), dem Lyrik-Preis des Beijinger Literaturpreises, dem Biennalen Preis für Lyrik in chinesischer Sprache, dem Nanjinger Preis für Literatur, dem Biennalen Preis für Kultur und Kunst der Zeitschrift Houtian (后天) sowie dem Lyrik-Preis der amerikanischen Henry Luce Foundation. Seine Werke wurden in die Sprachen Englisch, Deutsch, Italienisch, Griechisch, Koreanisch, Französisch, Japanisch und Persisch übersetzt.