Literatur Na Yu

Eindruck von Göttingen

Das Wichtigste für einen Schriftsteller, abgesehen von breitgefächerter Lektüre, ist es gewiss, sich über weite Reisen die Welt zu erschließen.

Ich hatte die Ehre, vom Goethe-Institut China in das Austauschprojekt mit der Universität Göttingen aufgenommen zu werden. Dies beinhaltete einen Monat Aufenthalt an der Uni Göttingen, und so wie ich es verstand, ging es abgesehen vom literarischen und kulturellen Austausch mit Studierenden und Stadtbürgern auch darum, den chinesischen Schriftstellern Deutschland bekannt zu machen. Zeitlich war es der ganze Monat Juni 2015.

Eigentlich wollte ich als Titel Auf eigene Faust in Mittel- und Norddeutschland schreiben, doch dieses Thema ist zu groß, es hier auszubreiten. Vielleicht werde ich ein Buch darüber schreiben, um einen Rückblick auf diese besondere Reise zu unternehmen. Darin fände man dann einen guten Teil von dem schönen Deutschland, das ich bereiste. Hier jedoch möchte ich nur ein paar Häppchen und Einzelheiten berichten, vor allem im Zusammenhang mit Göttingen.

Vor der Abreise hatte ich einige Bedenken gehegt. Es fehlte mir derart an Orientierungsvermögen, dass ich wohl zwei Drittel der Zeit im Zimmer sitzen würde, schließlich konnte ich überhaupt kein Deutsch und auch nur sehr mangelhaft Englisch (als erste Fremdsprache hatte ich Japanisch gelernt). Und vor allem kannte ich den Weg ja gar nicht.

Aber dann besuchte ich innerhalb von 25 Tagen elf Städte. Doch davon später, erst einmal zurück nach Göttingen.

Am 3. Juni kam ich gegen Abend in Frankfurt an, wo Tang Wei, ein Student an der Fakultät für Germanistik der Göttinger Universität, mich am Flughafen abholte. Gegen elf Uhr nachts erreichten wir Göttingen. Ich hätte nicht gedacht, dass die Verantwortliche dieses Projekts, Frau Barbara Dengel, am kalten Bahnsteig auf mich warten würde. Kalt? Ja, in Deutschland ist es im Juni manchmal tatsächlich noch ziemlich frisch, nachts kaum mehr als 10 Grad. Doch als ich Barbara Dengel sah, fühlte ich eine wohltuende Wärme. Sie war herzlich und sehr umgänglich, und als sie lachend auf mich zukam, fragte ich mich fast, ob wir uns nicht schon lange kannten? Ja, eigentlich hatten wir uns vorab, in all den hin und her geschickten Zeilen, doch längst kennengelernt.

Mit dem Auto fuhr sie mich zur Unterkunft, die keine sechs Minuten Gehweg weit weg lag, und bestand auch noch darauf, meinen schweren Koffer in die dritte Etage zu schleppen. Es war eine Holztreppe, und in der Enge des Treppenhauses konnte ich mich nur wenig behilflich machen. Unsere Schritte hallten durch die nächtliche Stille, obschon wir sie so leise wie möglich aufsetzten. Schon jetzt fühlte ich: dieser Ort würde mir gefallen. Ich mag solche Holztreppen. Und tatsächlich, von da an war ich richtig verliebt in das kleine Haus. Das Schlafzimmer war so ruhig, und im Wohnzimmer konnte ich beim Aufblicken den blauen Himmel sehen und die am Fenster vorbeiziehenden Vögel. Wenn ich auf den Balkon trat, blieb ich immer lange stehen und betrachtete die Landschaft in der Ferne, all diese typisch europäischen ziegelroten Dächer. Wenn die Dämmerung anbrach, erschien auf einem Balkon gegenüber immer eine vierköpfige Familie zum Abendessen – ein Bild der Wärme und Gemütlichkeit. Außerdem hatte ich sogar eine Küche zur Verfügung. Barbara meinte, wenn ich Lust hätte, könne ich mir selbst was Leckeres kochen. 

Nachdem Barbara gegangen war, öffnete ich den Kühlschrank, und darin fand ich lauter Sachen, die sie für mich vorbereitet hatte: Milch, Brot, Käse, Butter... Und auf dem Schreibtisch im Wohnzimmer standen ein wunderschöner Strauß von Margeriten und daneben eine orangefarbene Obstplatte mit Äpfeln – es sah aus wie ein Stillleben der Ölmalerei.

So spürte ich an diesem 3. Juni 2015, an einem mir völlig fremden Ort, eine richtiggehend heimische Wärme. In der Nacht hatte ich keinen Jetlag. Ich schlief ein und wachte erst am nächsten Morgen um acht wieder auf.

Als ich erfahren hatte, dass ich nach Göttingen kommen würde, hatte ich die Nachricht voller Freude in meinem Freundeskreis erzählt, unter anderem auch einem befreundeten Professor der Peking Universität. Er erzählte mir, zu seiner Studentenzeit in den 1980er Jahren hätten sich viele für Mathematik interessiert, und dann habe es stets geheißen: „Du magst Mathematik? Dann geh nach Göttingen“. Daher wusste ich vorher im Vorfeld, dass Göttingen eine Stadt der Mathematik war: Auch auf Google oder Wikipedia sieht man sofort, dass die Göttinger Universität eine erstaunliche Anzahl von Nobelpreisträgern der Naturwissenschaft hervorgebracht hat. Und noch vor diesen sind Namen aufgelistet, die alles übertönen: Schon gehört von Carl Friedrich Gauß, dem König der Mathematik? Oder von Riemann und dem Riemann-Integral? Und wie heißt die Einheit zur Berechnung des Magnetflusses? Genau, „Weber“, von Wilhelm Eduard Weber. Und dann war da noch jener kleinwüchsige, nicht eben hübsch zu nennende Georg Christoph Lichtenberg, der die positiven und negativen Elektroden der Elektromagnete entdeckt hatte.

In der akademischen Welt der Naturwissenschaften erzählt man sich, Einstein habe den berühmt gewordenen Riemann-Studenten David Hilbert aufgesucht, um sich über das Riemann-Integral schlau zu machen, denn dieses war ein bedeutungsvolles Bindeglied in seiner Relativitätstheorie. Manche sind der Meinung, die Relativitätstheorie sei nur dank Reimann zustande gekommen. Hilbert soll gesagt haben, in Göttingen wisse jeder Grundschüler besser Bescheid über das Riemann-Integral als Einstein. Dennoch: letztlich war es Einstein, der die Relativitätstheorie entdeckte.

Dies spricht vom der Geistesgröße eines Naturwissenschaftlers. Gleichzeitig lässt uns Hilbert auch etwas von der akademischen Atmosphäre Göttingens erahnen.

Doch ist Göttingen nichts als eine Stadt der Wissenschaft? Natürlich nicht nur. Hier lebten hatten einst auch die Gebrüder Grimm gelebt, Goethe hatte ebenfalls hier gewohnt, und die Brüder Humboldt, ja sogar der chinesische Staatsmann Zhu De und der Linguist Ji Xianlin... Diese Stadt, die sich zu Fuß durchmessen lässt, besitzt in der Geschichte der Natur- und Humanwissenschaften eine unermessliche Größe. Wer heute durch ihre Straßen geht, wird jenen Geistesgrößen natürlich nicht mehr begegnen, und auch wenn man deren ehemalige Wohnorte aufsucht, findet man nur ganz gewöhnliche Gebäude, die heute etwa als Kaffeehaus, als Friseurladen oder auch einfach als Wohnhaus dienen. Über der Tür ist dann jeweils ein kleines Schild angebracht, auf dem steht, dass hier die Person Soundso vom Soundsovielten bis zum Soundsovielten gelebt habe. Dennoch spürt man bis heute, dass die Stadt von einer Aufrichtigkeit und Integrität durchdrungen ist, die sich so sehr von der oberflächlichen Schnelllebigkeit unserer Zeit abhebt.

Die Universität Göttingen hat kein Eingangstor; die verschiedenen Fakultäten sind in der ganzen Stadt verteilt. So scheint es oft, die Leute in den Straßen wären allesamt gelehrte Akademiker und Studierende. Nach Mittag finden sich diese jeweils in den offenen Kaffees eine, wo sie sich unterhalten. Auf dem Platz vor dem Rathaus, das aus dem 14. Jahrhundert stammt, finden alle paar Tage irgendwelche Kulturfeste statt, und sogar an gewöhnlichen Tagen sind hier Straßenmusikanten, die einen mit Gitarre oder Saxophon zum Anhalten der Schritte bewegen, oder auch Studentenorchester mit ihrem unbesiegbarem jugendlichen Charme.

Ich bin nicht jemand, der gerne müßig durch die Straßen bummelt. Doch in Göttingen ging ich, sooft ich Zeit hatte, über jene grüne Holztreppe aus dem Haus, denn ich liebte es einfach, auf all den großen und kleinen Straßen der Stadt herumzuschlendern. Ohne dass man etwas suchte, konnte man immer neue Dinge entdecken – Bilder, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, sei es kultureller, historischer oder landschaftlicher Art.

Prof. Andrea Bogner meinte, ich sollte mein eigenes Göttingen finden.

Frau Bogner, Professorin am Seminar für Deutsche Philologie, hat kurzes blondes Haar, ist schlank, doch ihre Schritte sind außerordentlich beschwingt. Als sie mich nach einer Veranstaltung unerwartet zum Essen einlud, setzten wir uns zusammen mit Barbara in den Hof eines stilvollen Kaffees, dessen Garten aussah, als wäre er am Fuß eines Berges gelegen. Wir drei Frauen plauderten ganz drei Stunden lang, bis Barbara, die weiter weg wohnte, zuerst nachhause ging, während ich mich noch mehr als eine Stunde mit Frau Bogner unterhielt. Mein Englisch ist sehr schlecht, und ich hatte auch Bedenken gehabt, dass ich deshalb in peinliche oder schwierige Situationen geraten würde. Doch dem war überhaupt nicht so, wir plauderten die ganze Zeit über ganz munter. Und als sie später zur meiner öffentlichen Austausch-Veranstaltung kam, spürte ich eine Ruhe und ein Vertrauen, als würde ich eine alte Freundin wiedersehen.

Die Veranstaltung, die an jenem Tag stattfand, war ein wichtiger Austausch zwischen Nanjinger Schriftstellern und dem Goethe-Institut. Außer Dozenten der Uni Göttingen nahmen auch literarisch interessierte Stadtbewohner teil und stellten alle möglichen Fragen zur Literatur und Kultur Chinas. Ich war etwas nervös, doch es ging alles gut.

Weil noch keine meiner Erzählungen ins Deutsche übersetzt worden war, hatte die Uni Göttingen im Vorfeld Prof. Monika Gänßbauer vom Sinologischen Institut der Universität Erlangen-Nürnberg eingeladen, ein Semester lang in einem Seminar mit Studierenden einen Werkstattbericht von mir zu übersetzen. Frau Gänßbauer meinte, mein Bericht mit dem Titel Ich weiß nicht, was ich sagen soll lege ein genaues Abbild der Geschichts- und Wertvorstellungen eines Autors dar. Ich begegnete Frau Gänßbauer in meiner zweiten Woche in Göttingen. An jenem Tag war zuerst ein Austausch mit ihren Studierenden angesagt, die sich in zwei Gruppen eingeteilt hatten, um meine Sachen anhand von zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen zu übersetzen. Die großgewachsene Frau Gänßbauer entsprach so ziemlich dem, was ich mir unter einer Professorin vorstellte: sie war von kühlem Verstand, nur etwas jünger als ich gedacht hatte, auch liebenswürdiger, mit einem höchst feinfühligen Gespür für meine Stimmungslage. Sie sagte, die Studierenden hätten noch viele Stellen, die sie nicht ganz verstanden hätten und mit mir besprechen wollten. Daher lernte ich an jenem Tag die Sinologiestudenten der Uni Göttingen kennen, und auch Studierende der Nanjinger und der Pekinger Universität, die dort Germanistik studierten. Im Folgenden kümmerten sie sich rührend um mich und halfen mir viele Probleme meines Aufenthalts in Deutschland zu lösen. Ohne sie hätte ich vielleicht doch alleine in der Wohnung gesessen, ganz bestimmt aber hätte ich niemals elf Städte besucht. Dank ihnen besuchte ich in Göttingen zwei Theateraufführungen, die eine spielte auf Englisch, die andere auf Deutsch. Zwar verstand ich nichts, oder jedenfalls nicht alles, doch die ausgezeichnete Schauspielkunst bin ich bis heute tief beeindruckt. Ich habe ja meinen Master an der Nanjing Universität im Fach Theater abgeschlossen, was sie auch wussten, und so musste ich meine Freude an der Bühne manchmal gar nicht unbedingt mit Worten zum Ausdruck bringen. Manchmal, wenn ich durch die Straßen schlenderte, verabredete ich mich mit einer der Studentinnen. Und zwar eigentlich, weil ich wünschte, sie würden mir zeigen, wo man in Göttingen was Leckeres zu essen kriegt. Zum Beispiel in dem berühmten Nudelhaus, im Steakhaus oder im Kartoffelhaus, und manchmal schmeckt es zu zweit noch besser. Ganz abgesehen davon, dass ich wegen sprachlicher Hindernisse am Ende hätte das Leckerste verpassen können. Allerdings hatte mir Frau Cui Manli von der Abteilung schon am dritten Tag das Nudelhaus gezeigt, und dort war ich anschließend ganze fünf Mal, sowohl alleine, als auch mit Studentinnen. Die rahmigen grünen Nudeln mit frischen Krabben, Pilzen und Tomaten hinterließen in meiner Erinnerung an Göttinger Gerichte lange Zeit den Eindruck einer gelungen Verbindung zwischen östlichem und westlichem Gaumen.

An Tagen ohne Veranstaltungstermine unternahm ich etwas auf eigene Faust, entweder machte ich frühmorgens einen Spurt zum Bahnhof oder schlenderte gemütlich durch Straßen und Gassen.

Barbara Dengel wohnte in einer Stadt, die zwei Zugstunden entfernt lag, und zuhause hatte sie noch zwei Kinder, doch immer hatte sie Bedenken, es könnte mir in Göttingen langweilig werden. Einmal, als sie darauf bestand, mich nach dem Unterricht zum Essen einzuladen, setzten wir uns ins Bistro des Theaters. Nach einer Weile erschienen Schauspieler, die gerade eine Aufführung oder eine Probe beendet hatten, in kleinen Gruppen im Restaurant. Ich wusste nicht, ob Shakespeare oder Brecht war, das sie gerade gespielt hatten, doch gewiss war, dass ihnen in Göttingen ein Publikum entgegensah, das ihre vollendeten Darbietungen mit begeistertem Echo aufnahm, und das ebenso wie sie auf der Suche nach neuen Gedanken war.

Zu dieser Stadt, die nicht grösser ist als ein chinesischer Marktflecken, entwickelte ich im Laufe dieses knappen Monats eine große Zuneigung. Doch die Zeit verging rasch, und ehe ich mich versah, kam der Tag der Rückkehr.

An meinem letzten Tag in Göttingen saß ich auf einem Stuhl am Rande einer Allee am Stadtrand und betrachtete die Menschen, die joggend vor mir vorbeiliefen, die meisten grüßten mich herzlich. Unweit von mir, auf einem anderen Stuhl, war ein betrunkener Mann eingeschlafen, vor ihm standen an die acht Bierflaschen am Boden. Ob es daran lag, dass das deutsche Bier so unwiderstehlich schmeckt, oder daran, dass er einen besonders glücklichen oder besonders traurigen Tag gehabt hatte, blieb mir verborgen.

Am Tag meiner Abreise holte mich Prof. Andrea Bogner mit dem Auto ab. Sie trug einen hübschen Mantel und wirkte besonders temperamentvoll. Sie bestand darauf, mich zum Bahnsteig zu begleiten und blieb bis der Zug nach Frankfurt einfuhr. Mir war bewusst, dass dies mehr als eine formelle Höflichkeit war.

Für mich war dieser Austausch zwischen zwei Kulturen noch vielmehr eine reiche Lebenserfahrung. Die Erfahrung, dass es auch ohne gute Sprachkenntnisse möglich ist, eine Reise zu unternehmen, auf der man eine Wärme spürt, die von Herzen kommt.

Literaturseminar für die Germanistikstudenten von Na Yu an der Universität Göttingen Literaturseminar für die Germanistikstudenten von Na Yu an der Universität Göttingen | ©Na Yu

Na Yu (娜彧)
Die Nanjinger Autorin Na Yu wurde in den 1970er Jahren in Jiangsu geboren und erwarb einen Master im Fach Theater an der Nanjing-Universität. Ihre Erzählungen und Kurzgeschichten erschienen in wichtigen Literaturzeitschriften wie Shouhuo收获 (Ernte), Renmin Wenxue人民文学 (Volksliteratur), Huacheng花城 (Stadt der Blumen) sowie Shi Yue十月 (Oktober) und wurden teilweise ins Deutsche und Schwedische übersetzt. Na Yu wurde ausgezeichnet mit dem Literaturpreis von Zijinshan, dem Lu Yanshou-Preis für Novellen, dem Biennalen Preis der Zeitschrift Guangzhou Literature and Art (广州文艺) u.a. Erschienen sind die Erzählsammlungen Dünn wie Zikadenflügel (薄如蝉翼), Je weiter desto ferner (渐行渐远), Hotel in California (加州旅馆) sowie der Roman Papiernes Paradies (纸天堂). Heute lebt Na Yu in Phoenix, Arizona.