Literatur Jörg Menke-Peitzmeier

Nanjing 

der rote Schriftzug
des kleinen Imbisses
schräg gegenüber von meinem Hotel
Istanbul
wie in jeder noch so kleinen deutschen Stadt
Dönerwetter
mein Türkisch
reichte nicht aus
um zu verstehen
was den Besitzer vor mehr als zwanzig Jahren
hierher getrieben hatte die Liebe
war es jedenfalls nicht ask
das Wort hatte ich mir gemerkt
als allerstes im Sprachkurs
Köfte süß-sauer
Börek mit Erdnussoße
Peking corbasi
ein Clash der Kulturen
auf meiner Zunge
und im Herzen
zweimal die Woche
wenn ich auf dem Foto gegenüber dem Tresen
den Bosporus sah
und mich daran erinnerte
dass das Wasser von Flüssen
woanders blau ist


Medizingast

mein Name auf Chinesisch
醫療好客
die Frage ist nur
wer heilt hier wen

 
Beckum

du kleine Zementbraut
am südöstlichen Rand des Münsterlandes
die nie jemand zum Tanzen aufforderte
so kamst du mir vor
wenn wir mit der Großtante Lisbeth
einmal im Jahr
durch die Leckstraße gingen
wie wir Kinder den Nordwall nannten
wo es einen Eismann gab
sogar Straziateller war hier
kein italienisches Wort
und Pisstazie mehr als ein Druckfehler
nun höre ich wieder von dir
fast vierzig Jahre später
ausgerechnet in Nanjing
wo eine Mitarbeiterin des Goethe-Institutes
bei einem Abendessen von dir schwärmt
wie von einem jungen Mädchen
das ich nie kennengelernt habe
so klein ist die Welt
selbst im riesigen Reich der Mitte
und ich nehme mir vor
dich noch einmal zu besuchen
in der Fußgängerzone gebe es jetzt
gleich zwei Eiscafés italienische
eines davon die Gelateria la luna
das Spaghettieis ein Traum
der Besitzer ein Türke
Globalisierung auf westfälisch
und so frage ich den Kellner des Restaurants
ob er zum Dessert italienisches eis habe
mein erster Fauxpas aus Heimweh
den ich mir nur schwer verzeihe
bei Lilienzwiebeln mit Zucker und Sahne
 

Jörg Menke-Peitzmeyer

geboren 1966 in Westfalen

Schauspielstudium an der Folkwang-Hochschule Essen

Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig

Autor von mehr als dreißig Theaterstücken, u.a. „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“, „Erste Stunde“, „Getürkt“, „The Working Dead“

Auftragsarbeiten, u.a. für das Grips-Theater Berlin, Theater der Jungen Welt Leipzig, Junges Schauspielhaus Zürich

zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, u.a. Autorenförderpreis der Landesbühnen 2006, Deutscher Jugendtheaterpreis 2016

Roman „Billy the beast“, 2017, Ullstein Verlag

Seine Theaterstücke erscheinen im Theaterverlag Hofmann-Paul sowie im Verlag Felix Bloch Erben