Literatur Yu Yiming

Der Bettelnde mit dem Buch

In Göttingen sind sonntags fast keine Geschäfte geöffnet, doch die Fußgängerzonen sind nicht weniger belebt als sonst. Aus den Cafés dringt wie immer der Duft von Kaffee und Sahne, am Straßenrand stehen Tische und Stühle bereit und die Leute sitzen ruhig da, nicht wenige mit einem Buch in der Hand. Sie nehmen einen Schluck Kaffee oder ziehen an der Zigarette, um sich dann wieder in ihr Buch zu vertiefen. Außer dem Service-Personal der Cafés sind noch andere auf Arbeit, nämlich die Bettler am Straßenrand. Genau genommen sind es nicht durchwegs Bettler, denn ein Teil von ihnen – jene, die Musik machen oder Sandskulpturen anfertigen – ist als Straßenkünstler zu bezeichnen; man kann also höchstens sagen, dass sie mit künstlerischer Unterhaltung Geld verdienen. Es gibt aber auch welche, die nur betteln. Etwa die junge Frau, die einen durchaus anständigen Eindruck machte und eher wie eine Studentin aussah. Sie saß mit einem Pappbecher in beiden Händen auf dem Gehsteig und blinzelte die Vorübergehenden an, darauf wartend, dass jemand ihr etwas Kleingeld geben würde. Besonders überrascht war ich von einem Mann um die dreißig, der in sauberer Kleidung am Straßenrand in der Sonne saß, mit einem großen Hund, der brav zu seiner Rechten am Boden lag. Der Mann hatte einen kleinen Rohrkorb mit etwas Kleingeld vor sich stehen. Gleichzeitig aber hielt er ein dickes Buch in der Hand und vertiefte sich so sehr in seine Lektüre, dass er sich nicht einmal bedankte, wenn jemand ihm ein Geldstück in den Korb warf.

Von all den Städten, die ich kenne, hat Göttingen die meisten Buchläden. Allein in der kleinen Fußgängerzone gibt es deren sieben oder acht. Diese Buchläden sind nicht groß, aber ganz erfüllt von einer lesefreudigen Atmosphäre. Manche sind mit Cafés verbunden, so dass man sich zum Kaffee ein nettes Buch aus den Regalen holen kann. Das erinnert mich an die Teehäuser in Nanjing. Dort, wo ich arbeite, gibt es ringsum mehrere kleine Teehäuser, und die haben ebenfalls größere und kleinere Buchregale, wo man sich Bücher oder Zeitschriften zu Literatur und Kunst anschauen kann. Als ich eine Woche vor meiner Abreise nach Deutschland meinen Vater besuchte, entdeckte ich, dass sogar in einer der alten Straßen eine Bücherstube aufgemacht hatte, die auch Tee und Kaffee anbot. Anders als in den Buchläden in Deutschland, wo sich Gäste etwas zum Lesen aussuchen und dazu etwas trinken, um dann zu entscheiden, ob sie es kaufen wollen oder nicht, werden in China in Teehäusern keine Bücher verkauft. Man kann dort zwar lesen, die Bücher aber nicht kaufen und mitnehmen; der Zweck der Teehäuser besteht nur im Verkauf der Getränke. Wie ich vernommen habe, steht es in China um die richtigen Buchhandlungen nicht eben zum Besten; besonders bei jenen, die regelrecht an Kreuzdampfer erinnern, sollen manche bereits gezwungen sein zu schließen. Mit einem kleineren Boot, denke ich, könnte man die Kurve vielleicht leichter nehmen; wir könnten es doch auch mit Buchläden versuchen, wie sie in Deutschland geführt werden.

Gemäß dem Residenzprogramm sollte ich in Göttingen eine Lesung halten, außerhalb der Universität, für das allgemeine städtische Publikum. Dazu legten mir die Leute vom Kommunikationsdesign schon bald nachdem ich in Göttingen angekommen war verschiedene Plakatentwürfe vor. In China hatte vor meiner Abreise am CCTV gerade das Programm „Lesezirkel“ breiten Anklang gefunden, und auch alle möglichen privat organisierten Lesezirkel waren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Lesungen jedoch waren nach wie vor selten. Ich fragte mich, ob meine Lesung hier in Göttingen wohl überhaupt besucht werden würde. Freunde erklärten mir allerdings, die Lesung sei hier in Deutschland eine durchaus übliche Form der Veranstaltung. Man könnte in der heutigen chinesischen Umgangssprache das Lesen als „Amüsement für sich“ (独乐乐) und Lektüre-Veranstaltungen als „Amüsement für alle“ (众乐乐) bezeichnen. Dann könnte man die Lesung hier als eine besonders verbreitete Art des „Amüsements für alle“ verstehen. Die Form der Lesung habe in Deutschland eine lange Tradition, versicherten mir meine Freunde, ursprünglich gehe dies auf Missionstätigkeiten zurück, was sich später dahingehend ausgeweitet habe, dass man gute Bücher von Mund zu Mund verbreiten wollte. So habe sich diese Art von Veranstaltung längst eingebürgert.

In meiner Freizeit setzte ich mich oft in den Stadtpark, wo ich mit dem Handy Empfang auf dem Göttinger Stadtnetz hatte. Auf Liegestühlen machen es sich dort ältere und jüngere Leute oder auch Kinder bequem. Beim genaueren Hinsehen fällt auf, dass vor allem Leute vom mittleren Alter an aufwärts ein Buch vor sich halten, während die Jüngeren meist mit ihrem Handy beschäftigt sind. In einer Untersuchung eines Lesespezialisten habe ich einmal gelesen, wenn jemand sich mit dreizehn oder spätestens fünfzehn Jahren das Lesen noch nicht zur Gewohnheit gemacht, zu Büchern keine Beziehung entwickelt habe, würde er sich sein Leben lang kaum noch am Lesen erfreuen können, und so bliebe die Tür zum Lesen für immer geschlossen. Außerdem sei mit „eingehendem Lesen“ zu beginnen, etwa indem man sich in einer Woche einen richtigen Wälzer vornehme. Jetzt aber sah ich deutlich, dass auch in Deutschland die junge Generation gerade zu sein scheint, den Verlockungen des „verflachten Lesens“ auf dem Handy anheimzufallen.

Ich konnte nicht herausfinden, was für ein Buch es war, das jener Bettelnde am Straßenrand gelesen hatte. Jemand wandte scherzhaft ein, vielleicht habe er das Buch ja nur zur Show vor sich gehalten, um mehr Geld zu kriegen. Dabei fällt mir unwillkürlich ein, dass in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts junge Leute in Heiratsanzeigen oft ein Interesse an Literatur angaben. Heute kann einem das komisch vorkommen, und doch ist es eine erinnernswerte Zeit!
 

Yu Yiming (余一鸣), geboren 1963 in Gaochun bei Nanjing, Provinz Jiangsu, absolvierte 1984 an der Universität Suzhou ein Studium der Chinesische Sprache und Literatur und arbeitete anschließend als Mittelschullehrer für Chinesisch. Heute ist er Oberlehrer an der Nanjinger Schule für Fremdsprachen, Mitglied im Chinesischen Schriftstellerverband, sowie Vorstandsmitglied der Schriftsteller­verbände Nanjing und Jiangsu. Noch in der Studienzeit publizierte er seinen ersten Roman in der Literaturzeitschrift Yuhua (雨花). Seither hat Yu Yiming Romane in einem Gesamtumfang von über einer Million Schriftzeichen veröffentlicht, darunter die Titel Liushui Wuqing (流水无情, Verflossene Zeiten, 2002), Shenme dou bie shuo (什么都别说, Kein Gerede, 2005), Taojin sanbuqu 淘金三部曲 (Goldschürfen. Trilogie, 2013), Yu Yiming xiaoshuo xuan (余一鸣小说选, Ausgewählte Romane von Yu Yiming, 2014), Zhong chunfeng (种春风, Frühlingswind pflanzen, 2016). Er wurde unter anderem mit dem „Literaturpreis von Ye Shengtao des 3. Chinesischen Symposiums für zeitgenössische Literatur“ und mit dem Jahrespreis 2011 der Zeitschrift Xiaoshuo xuankan (小说选刊, Ausgewählte Romane) ausgezeichnet.