Berlinale-Blogger 2017 Widerstand mit viel Musik

Django, Wettbewerb 2017
Berlinale 2017 © Roger Arpajou

Der Eröffnungsfilm der 67. Berlinale „Django“ will ein politisches Statement setzen – doch was den Film auszeichnet, ist eben nicht das dargestellte Engagement und der Widerstand eines Künstlers gegen die Nazis, sondern allein die Musik des großen Gitarristen Django Reinhardt. 

Wenn man sich vor Augen führt, welchen Filmen bislang die Ehre widerfuhr, die Berlinale zu eröffnen, kann man nur seinen Hut vor den Programmverantwortlichen ziehen, die in diesem Jahr ausgerechnet den Film Django von Etienne Comar zur Eröffnung der 67. Ausgabe des Festivals ausgewählt haben. Während in den vergangenen Jahren zumeist Filme bekannter Regisseure und mit namhafter Besetzung ausgewählt wurden, um bei der Eröffnung die Aufmerksamkeit der internationalen Medien sicherzustellen, setzt die diesjährige Berlinale auf den Debütfilm eines Regisseurs und einen Schauspieler, der bislang kaum über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt war: Reda Kateb spielt den in Belgien geborenen Gypsy-Gitarristen Django Reinhardt, ein Sinti, dessen Talent ihn vor jenen Gräueltaten bewahrte, die die Nazis in Frankreich an seinesgleichen begingen.

Die schauspielerische Leistung von Reda Kateb und die außergewöhnlichen musikalischen Darbietungen sind die nennenswerten Stärken des Films, der die Figur anfangs auf schlüssige und kluge Weise einführt. Dieses hohe Niveau hält das Werk jedoch nicht lange aufrecht. Der Django, den wir am Anfang sehen, ist ein typischer Vertreter der Bohème: ein Künstler, dem seine Pflichten egal sind und der lieber fischen geht, statt einer wichtigen Zeremonie beizuwohnen. Einmal auf der Bühne, ist er jedoch ein absoluter Profi, der musikalische Darbietungen auf allerhöchstem Niveau abliefert. Der Regisseur widmet diesen Sequenzen lange Szenen und gönnt uns als Beleg für Djangos herausragendes Talent auch mal an die sieben Minuten reines Musikerlebnis. Schließlich ist es genau dieses Talent, das ihn vor den Nazis schützt. Sie besuchen sogar seine Konzerte und bitten ihn, doch einmal in Deutschland aufzutreten.

Im ersten Teil verknüpft das Drama äußerst intelligent alle Entscheidungen der Hauptfigur mit dessen Musik. Django ist ein Gypsy-Musiker, der sich nur wenig für seine Außenwelt interessiert, solange er nur Musik machen kann – und zwar wann und wie er will. Als er die eigentlich verpflichtende Aufforderung ausschlägt, in Deutschland auf Konzerttournee zu gehen, der sogar Goebbels beiwohnen soll, so scheint dies kein Ausdruck des Widerstands zu sein, sondern eher die Ablehnung jenes lächerlichen Fanatismus der Nazis. Diese bewundern einerseits seine Musik, aber gleichzeitig betrachten sie sie als moralisch unangemessen. Denn ihre lange und haarsträubende Liste von Verboten untersagt auch das Tanzen und Mitstampfen mit dem Fuß bei Aufführungen. Diese Verbote gehören sicher nicht zu den schlimmsten Beispielen der Nazi-Gewalt, für die Hauptfigur sind sie jedoch Grund genug für Ungehorsam.

In dem Moment, in dem Django durch die Wälder in Richtung Schweizer Grenze flüchten muss, wird das Drama allerdings holprig. In der zweiten Hälfte verliert die Hauptfigur viel von ihrem Charme und die Musiksequenzen sind schließlich die wenigen, wenn nicht gar einzigen Gründe, weiterhin einer klischeebehafteten Geschichte zu folgen, die alsbald nur noch irgendeine austauschbare Flucht vor den Nazis zum Thema hat. Auch wenn die Berlinale bewusst einen Film zeigen wollte, der sich mit dem Verhältnis der Nazis zu den Sinti befasst und es Etienne Comar offenbar mit ein Anliegen war, mit diesem Werk den Widerstand durch die Kunst aufzuzeigen, so lebt der Film Django doch vornehmlich von Reda Katebs authentischer Darstellung und der beeindruckenden Musik. Kurz, für die Eröffnung der 67. Berlinale hätte man sicherlich eine bessere Wahl treffen können.