Berlinale-Blogger 2017 „Bei Animationsfilmen gibt es keine Abkürzungen“ – Interview mit Liu Jian

Have A Nice Day
Have A Nice Day | © Nezha Bros.

„Have A Nice Day“ ist der erste chinesische Animationsfilm, der im Wettbewerb der Berlinale gezeigt wird. Der Filmemacher Liu Jian hat damit eine wunderbar komponierte schwarze Komödie geschaffen, in der eine Gruppe zusammengewürfelter Charaktere eine Tasche mit Bargeld jagt. Aus beeindruckenden Bildern, einem slicken Sounddesign, und lebendigen Details setzt sich ein Animationstableau zusammen, in dem sich Figuren mit verschiedensten Berufen und Lebensentwürfen versammeln, verbunden durch das Streben nach Reichtum. In Berlin redeten wir mit Regisseur Liu Jian über Kino, Beobachtungen des Lebens und Kunst.

Die verschachtelte Erzählweise und der visuelle Stil von „Have a Nice Day“ erinnern an andere Filme wie Guy Ritchies „Lock, Stock and Two Smoking Barrels”, Ethan and Joel Coens „No Country for Old Men” oder Quentin Tarantinos  „Reservoir Dogs“, und natürlich einige Comics und Animationsfilme wie Derf Backderfs „Trashed“ und Daniel Clowes  „Ghost World“. Welche Filme, vor allem Animationsfilme, haben Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich würde nicht sagen, dass es ein einziger Film ist, der meine Arbeit am meisten beeinflusst hat, weil es so viele Einflüsse gibt. Ich begann mit Animationsfilmen nachdem mich Mezame No Hakobunes Ghost in the Shell 1 – nur der erste Teil– sehr inspiriert hat. Diesen Film fand ich schon immer großartig. Danach schaute ich Kon Satoshis Tokyo Godfather, der mir auch sehr gefiel. So entschied ich mich dann letztlich für das Animationsgenre. Auch wenn diese zwei Filme einen sehr großen Einfluss auf mich hatten, gibt es natürlich noch zahlreiche Filme anderer Filmemacher die ich sehr mag, zum Beispiel die von Clint Eastwood, Takeshi Kitano, die Coen-Brüder oder Quentin Tarantino.

Könnten Sie etwas zu den zwei Stellen sagen, die von „Stream of consciousness“-Elementen geprägt sind? An einer Stelle beginnen zwei Personen im Aufzug ein Gespräch über Shangri-La und es folgt direkt ein Schnitt zu einer Musical-Szene. An einer anderen Stelle sehen wir für eine Minute lang nur die Wellen einess Flusses unterlegt mit Musik.

An der Shangri-La Stelle gibt es zwei Bedeutungsebenen, eine dient dem Erzählstrang, die andere verleiht dem Film etwas Künstlerisches und der gesamten Struktur des Films ein gewisses Etwas. Es ist wie ein Gewürz, das man beim Kochen verwendet. Da dies ein Film mit schwarzem Humor ist, geben solche Zutaten dem Film seine besondere Note. Die lange Szene mit den Wellen des Flusses dient an dieser Stelle als emotionaler Puffer. Wir alle müssen ab und zu mal durchatmen und eine Pause einlegen. Das ist wie in der traditionellen chinesischen Kunst, wo immer ein Stück des Bildes weiß gelassen wird. Daher wird jeder, der den Film sieht, ihn sicher ein wenig anders verstehen. Natürlich habe ich mir bei der Produktion immer meine Gedanken gemacht, aber die werde ich sicher nicht allen erzählen, denn dann würde der Film seinen Sinn verlieren. Jeder sich kann den Film also ganz unvoreingenommen ansehen.

Die Landschaft des Films ist sehr generisch gehalten, er könnte eigentlich überall in China spielen. Ist das Absicht?

Der Film spielt in einem kleinen Vorort einer größeren Stadt im Süden Chinas. Es gibt viele Städte mit solchen Gegenden.

Zwei Figuren sind besonders interessant: Onkel Liu, der Gangsterboss für den die Tasche mit Geld eigentlich bestimmt war, und sein Kindheitsfreund, der Maler, den er wegen einer Affäre mit seiner Frau schnappt und einsperrt. Schwingen darin auch Selbstreflexion und vielleicht sogar etwas Selbstironie mit?

Ich bin ursprünglich auch Maler und daher recht vertraut mit der Kunstwelt. Daher habe ich ein gutes Verständnis dieser Figuren und konnte ihre Charaktere sehr genau zeichnen. Der andere Grund für das Vorkommen dieser Figuren ist, dass ich ein Gefühl für verschiedene Generationen schaffen wollte. Onkel Liu und der Maler gehören, verglichen mit den anderen Figuren, zu der etwas älteren Generation.

Auch die anderen Figuren sind sehr ausgeprägt in ihren Unterschieden und Eigenheiten. Wo haben Sie diese Eigenschaften beobachtet?

An keinem bestimmten Ort, das sind eher alltägliche Beobachtungen und teilweise ist es wohl auch mein eigener Blick auf das Leben.

Die Arbeitsprozesse in der Filmindustrie werden immer segmentierter und jede Berufsgruppe spezialisiert sich fortwährend. Sie scheinen diesem Trend aber zu strotzen und haben den Film fast im Alleingang gemacht. Was denken Sie über den interdisziplinären Aspekt der Arbeit?

Für mich macht das eigentlich keinen Unterschied. Ich habe nie das Gefühl habt, besonders interdiszplinär zu arbeiten, weil ich bislang meine Filme einfach als eine Kategorie meines künstlerischen Schaffens gesehen habe. Es ist zur Zeit auch meine Lieblingskategorie, da sie die größten Herausforderungen bietet und mich am meisten erfüllt. Der Kern der Filmkunst unterscheidet sich für mich nicht von dem der zeitgenössische Kunst und der Malerei. Die Inhalte, die ich ausdrücken möchte, sind die gleichen, daher ist es eigentlich ein ganz natürlicher Prozess.

Wie sieht Ihre Arbeitsweise aus?

Meine Arbeitsweise unterscheidet sich nicht wirklich von der einer großen Produktionsfirma. Der Unterschied ist nur, dass die ganzen kleinen Arbeitsschritte alle von mir übernommen werden. Die Dinge müssen Schritt für Schritt Form annehmen, bei Animationsfilmen gibt es keine Abkürzung, schließlich muss jedes Bild einzeln gemalt werden.

Können Sie uns erzählen, wie es zur Zusammenarbeit mit dem Produzenten Yang Cheng gekommen ist?

Yang Cheng stieß 2013 zu diesem Filmprojekt hinzu, aber damals arbeitete er noch für eine andere Firma. Obwohl er von Anfang an das Projekt tatkräftig unterstützte, gab es einige Schwierigkeiten und Hindernisse. Erst als er seine eigene Profuduktionsfirma gründete und er damit die alleinige Entscheidnugshoheit hatte, lief unsere Zusammenarbeit glatter. Danach bewegte sich das Projekt viel schneller.

Wie geht es nach „Have a Nice Day“ bei Ihnen weiter?

Mein dritter Film befindet sich gerade in der Phase der Vorproduktion. Zum Inhalt kann ich noch nichts sagen.