Berlinale-Blogger 2017 „Ich wollte die Bühne den Patienten selbst überlassen“

Inmates
Inmates | © Ma Li

Ma Li ist eine hochangesehene chinesische Filmemacherin, die bereits zwei festivalerprobte Dokumentarfilme vorweisen kann: „Mirror of Emptiness” (2010) und „Born in Beijing” (2011). In dieser 287-minütigen Dokumentation mit stark entsättigten Farben rückt sie die Patienten einer psychischen Anstalt in Nordchina in den Fokus und stellt die Abgrenzung von „Geisteskranken“ und „Normalen“ in Frage. Herausgekommen ist ein sehr mitfühlender Film, der den über lange Zeit ignorierten Patienten ihren Respekt und ihre Würde zurückgibt.

Woher kam die Idee für „Qiu“? Wie haben Sie den Drehort gefunden und die Erlaubnis für den Dreh bekommen?

Es gab für den Film zwei Ausgangspunkte. Erstens gab es einen Mann in meinem Dokumentarfilm Born in Beijing, die als geisteskrank diagnostiziert wurde, und deren Leben seitdem eine andere Wendung nahm. Er startete eine Petition, um dieses Label loszuwerden, aber verstarb überraschend an einer Krankheit während des Prozesses. Das hat mich seitdem sehr belastet. Zweitens, habe ich seit meinem ersten Film Mirror of Emptiness verschiedene Themen für meine Trilogie Die Bürde als Mensch (Plight as a Human Being) vorbereitet. Nachdem ich Born in Beijing gedreht hatte, war eine psychische Anstalt meine natürliche erste Wahl, obwohl ich damals noch keine Möglichkeit finden konnte, an einem solchen Ort zu filmen.

Wie lange dauerte der Dreh? Was waren dabei die größten Hindernisse?

Der Dreh dauerte insgesamt eineinhalb Jahre. Das schwerste daran war der Anfang, denn ich musste mich in die Lage versetzen, verschiedene Krankheitsbilder zu erkennen und von den Patienten akzeptiert zu werden. Besonders kompliziert wurde es, da ich in der geschlossenen Anstalt filmen wollte, wo sich die schwersten Fälle aufhalten. Die meisten Patienten dort leiden unter schwerer Schizophrenie. Sie sind äußerst sensibel und reagieren viel empfindlicher auf die Kamera als andere Patienten, deshalb musste ich sichergehen, dass meine Anwesenheit und meine Kamera ihnen in keiner Weise Schaden zufügen würden. Die erste Therapiephase für schwere Fälle dauert normalerweise drei Monate, erst dann gewinnen die Patienten Schritt für Schritt ihr Bewusstsein zurück und können meine Gedanken überhaupt erst nachvollziehen. In der geschlossenen Anstalt hielt ich mich erstmal drei Monate auf, ohne meine Kamera überhaupt anzuschalten, denn ich wollte auf keinen Fall „überfallartig“ agieren. Während dieser ganzen Zeit lebte ich mit den Patienten und erklärte immer wieder, warum ich dort war. Mir war es  wichtig, ihnen klarzumachen, dass sie das Recht hatten, nicht von mir gefilmt zu werden. Es war ein sehr schwieriger und langwieriger Prozess.

Wie haben Sie es geschafft, Vertrauen zu den Patienten aufzubauen und Zugang zu ihrer inneren Welt zu gewinnen?

Das hatte wohl mit meiner Einstellung zu tun. Ich hatte keine bestimmten Erwartungen an den Dreh, ich wollte einfach ihre Welt verstehen und war gleichzeitig bereit, ihre Ablehnung zu akzeptieren. Ich hatte nie den Anspruch an mich, daraus einen Film machen zu müssen. Diese Einstellung hat es mir wahrscheinlich erleichtert, ihnen näher zu kommen. Meistens waren es dann sie selbst, die gefilmt werden wollten. Doch selbst dann filmte ich nicht die ganze Zeit. Für die Schizophrenie-Patienten war es schwer, ihr tiefsitzendes Misstrauen zu überwinden und sich mir zu öffnen. Ich brauchte viel psychiatrische Kenntnisse für meine Gespräche mit ihnen, deshalb war ich immer sehr vorsichtig bei der Entscheidung, wann ich filmte und wann nicht.

Manchmal denke ich, dass die Patienten in meine eigene innere Welt gekommen sind und dort einen Knoten in meinem Herz gelöst haben.

Für einen Film von 280 Minuten muss es sicher eine enorme Fülle von Rohmaterial gegeben haben. Wie sind Sie beim Schneiden des Films vorgegangen?

Tatsächlich gab es enorm viel Material, rund 250 Stunden. Ich habe auch viel Alltägliches gefilmt, wie Gespräche mit Ärzten, dabei sind ebenfalls sehr lebendige Szenen entstanden, aber ich habe sie dann während des Schnitts nicht mit in die engere Wahl genommen.

Ich wollte die Bühne den Patienten selbst überlassen und denjenigen eine Stimme geben, denen sie sonst verwehrt bleiben würde.

Der Film heißt auf Chinesisch „Qiu“ (囚), also „Insassen“. Was war der Gedanke hinter diesem Titel?

Filmplakat von „Qiu Filmplakat von „Qiu" | © Ma Li Ich habe diesen Film gemacht, um die klischeebeladenen Bilder von Schizophrenen als Kranke mit einem Körper steif von Medikamenten, geistesabwesendem Verhalten und verworrenen Worten und gewalttätigen Anfällen zu ändern. Ich wollte, dass sie wieder als Menschen gesehen werden, gewöhnliche Menschen, die eben unter einer psychischen Krankheit leiden. Sie verhalten sich anders als andere, weil sie in ihrer Krankheit gefangen sind, aber ihre Abweichung von der Norm ist nur die Kehrseite eines absurden gesellschaftlichen Durcheinanders. Da ihre Krankheit unheilbar ist, kann es sein, dass sie innerlich auseinanderfallen und ein Leben lang immer wieder darunter leiden und keinen Weg finden, um sich davon zu befreien, oder zu ihrem ursprünglichen Selbst zurückzukehren.

Deshalb habe ich den Film Qiu genannt. Ich habe einen befreundeten Maler gebeten das chinesische Zeichen „Qiu“ (囚) dafür zu malen, ein Zeichen, dessen Form voller Bedeutung steckt. Ich hoffe, dass die Form eines Menschen (人) innerhalb von geschlossenen Wände (囗) diese Botschaft angemessen vermittelt.