Berlinale-Blogger 2017 Eine verworrene und verwirrende Welt: „The Foolish Bird“

The Foolish Bird
The Foolish Bird | © Yellow-Green Pi・Coolie Films

„The Foolish Bird“ ist ein Film des chinesisch-japanischen Ehepaars Huang Ji und Ryuji Otsuka und erzählt die Geschichte des in einem kleinen Ort zurückgelassenen Teenager-Mädchens Lynn, die durch das Leben streift und sich vor allem um Geld und Smartphones Gedanken macht.

The Foolish Bird ist einer von zwei Filmen, bei denen die Regie von kulturell gemischten Ehepaaren geführt wurde. Genau wie die georgische Geschichte My Happy Family, die von der Georgierin Nana Ekvtimishvili und dem Deutschen Simon Groß gedreht wurde, zeigen Huang Ji aus Chian und Ryuji Otsuka aus Japan, wie das Kino kulturelle und sprachliche Grenzen überschreitet.

Die 16jährige Lynn lebt gemeinsam mit ihren Großeltern und ihren drei jüngeren Cousins in einem kleinen Ort und verbringt ihre Zeit vor allem damit, in Internetcafés abzuhängen und sich hier und da etwas Taschengeld hinzuzuverdienen. Ihre Mutter betreibt ein Geschäft in der südchinesischen Stadt Zhuhai und kommt nur dann zurück, wenn sie in finanzielle Schwierigkeiten gerät und sich Geld von ehemaligen Klassenkameraden leihen muss. Zur gleichen Zeit wird der kleine Ort von einem ungelösten Vergewaltigungs- und Mordfall in Atem gehalten.

Der Ort ist voller Leute ohne Arbeit. Die Älteren sind perfekte Opfer für Betrüger, die ihnen vermeintliche Hightech-Lösungen für alle denkbaren medizinischen Beschwerden verkaufen wollen, mit Prämien und Prestige locken, sie aber letztlich nur um ihr Erspartes bringen. Die junge Generation müht sich derweil ab, im Sumpf des darwinistischen Überlebenskampfes voranzukommen. In Lynns Welt scheint es, als ließen sich fast alle Probleme mit dem Smartphone in der Hand lösen und es gäbe nichts, was nicht durch Geld gekauft werden könnte. Das Handy repräsentiert sozialen Status und Macht und wird als Rachewerkzeug genutzt. Da alles konsumierbar ist, verteidigt die Schule den Wert der Bildung nicht mehr, Heimat ist kein Platz der Wärme, ein Bus dient als Schwarzmarkt, an der Polizeistation können gestohlene Handys gekauft werden und der Friseursalon wird schnell zur Falle. All diese Details mögen manchmal verworren sein, aber tatsächlich sind es auch profunde gesellschaftliche Beobachtungen. Durch Lynns Perspektive werden all die dysfunktionalen Plätze und fehlplatzierten persönlichen Beziehungen sichtbar und spürbar, verstärkt durch intensive Detailaufnahmen und eine Farbpalette, die sich, abhängig von der Tageszeit immer wieder wandelt. Die meiste Zeit über verbirgt Lynn ihr Gesicht hinter ihren langen glatten Haaren. Als sie auf einer verlassenen Straße allein Fahrrad fährt und in die Dunkelheit eintaucht, bringt das ihre Silhouette zum Vorschein und ihre Einsamkeit und Hartnäckigkeit werden sichtbar. Außerdem bekommt der Film an solchen Stellen echte Thrillerqualitäten.

Lynns Großvater macht Jagd auf Vögel, die er entweder für seine schamanistischen Rituale nutzt, von denen sich junge Familien Fruchtbarkeit versprechen oder als Geschenke zum Erkaufen von Gefallen. Das macht sie nicht zu törichten Tieren, sie fallen nur der verworrenen und verwirrenden Welt um sie herum zum Opfer.