Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Berlinale Blogger 2018
Filmlandschaft im Wandel – Im Gespräch mit Cristiano Bortone

Sino-European Production Seminar am Rande der Berlinale
Vertreter der europäischen und chinesischen Filmbranche kommen auf dem Sino-European Production Seminar in Kontakt. | © Bridging the Dragon

Wenn Cristiano Bortone an Koproduktionen zwischen chinesischen und internationalen Filmemachern denkt, sieht er eine verheißungsvolle Zukunft, in der das Publikum und Filmschaffende in China und im Ausland näher zusammenrücken und enger zusammenarbeiten.

Von Yun-hua Chen

Wenn ich an chinesisch-internationale Gemeinschaftsproduktionen denke, kommt unweigerlich die Enttäuschung wieder hoch, die ich empfand, als ich mir 2017 den Blockbuster The Great Wall (长城, Die chinesische Mauer) anschaute. Er hinterließ den schalen Nachgeschmack eines Computeranimations-Feuerwerks, dem es an jeglicher Fantasie und Detailliebe fehlte. Wenn Cristiano Bortone an Koproduktionen zwischen chinesischen und internationalen Filmemachern denkt, sieht er eine verheißungsvolle Zukunft, in der das Publikum und Filmschaffende aus China und dem Ausland näher zusammenrücken und enger zusammenarbeiten. Eine hochtrabende Vision, wenn man die sanfte Macht des Kinos bedenkt. Bortone ist Geschäftsführer von Bridging the Dragon, einer wachsenden Initiative mit Büros in Berlin und Peking, die eine Zusammenarbeit zwischen europäischen und chinesischen Filmschaffenden fördern will.

Herr Bortone, Sie sind ein versierter Regisseur und Produzent. Warum haben Sie die Initiative Bridging the Dragon ins Leben gerufen?

Im Lauf der Jahre haben meine Filme eine treue Fangemeinde in China gewonnen. Da ich Chinesisch spreche, reiste ich vor drei Jahren nach China, unterrichtete an der Filmhochschule Peking und arbeitete mit Institutionen wie dem FIRST International Film Festival in Xining zusammen. Da erkannte ich schließlich das große Potential, das der wachsende chinesische Markt heutzutage der gesamten Filmindustrie zu bieten hat. So beschloss ich, mich näher mit China auseinanderzusetzen und gründete mit Yiyi Pictures eine eigene Produktionsfirma in China. Gleichzeitig initiierte ich mit einigen Kollegen den Verband Bridging the Dragon. Unsere Idee war einfach. Da mehrere europäische Länder versuchen, sich den chinesischen Filmmarkt zu erschließen, wollten wir eine Initiative anbieten, die alle Anstrengungen bündelt und eine übergreifende Plattform bereitstellen, auf der Erfahrungen ausgetauscht und Ressourcen gemeinschaftlich geteilt werden können. Indem wir uns vernetzen, werden wir alle stärker und beschleunigen die Bildung persönlicher Netzwerke.

Die Initiative wurde 2014 auf den Weg gebracht. Was ist seitdem passiert?

Unsere Initiative traf ins Schwarze. Innerhalb weniger Jahre hat sie an Relevanz und offiziellen Partnern gewonnen, wie hier auf dem European Film Market der Berlinale und auf dem Filmfestival in Cannes. Zudem organisieren wir viele Veranstaltungen für Filmschaffende. Die Anzahl unserer registrierten Mitglieder hat nun 75 erreicht und steigt kontinuierlich.

Wie sieht die derzeitige Partnerlandschaft aus, und welche Schritte plant Bridging the Dragon als Nächstes?

Im Moment haben wir Partnerschaften mit großen europäischen Produzentenverbänden, Filmkommissionen und Filmförderfonds u.a. aus Deutschland, Dänemark, Norwegen und Frankreich, mit den meisten Filminstitutionen Chinas wie der China Film Co-Production Corporation (CFCC), mit unabhängigen Institutionen wie dem FIRST International Film Festival in Xining, dem Wu Tianming Film Fund for Young Talents, mit Zeitschriften wie Chinese Film Market, Deep Focus und mit Festivals wie dem China International Children’s Film Festival. Außerdem betreiben wir ein Büro in Peking. Nun, da wir einige Koproduktionsabkommen vorliegen haben, ist die große Herausforderung, tatsächlich auch Filme zu drehen. Das ist der nächste Schritt. Ich bin sehr optimistisch. Wenn wir erst einmal Gemeinschaftsproduktionen bewerkstelligt haben, die sich an den chinesischen Kinokassen bewähren, werden die chinesischen Produzenten eher daran glauben, dass ein Zusammenwachsen wirklich stattfindet, und es werden sich weitere Möglichkeiten ergeben. Bis jetzt waren Gemeinschaftsproduktionen eher experimentell und am Ende nicht sehr erfolgreich, wie die US-amerikanische Koproduktion The Great Wall. Ich denke, das wird sich ändern.

Welche Tendenzen lassen sich auf dem chinesischen Filmmarkt erkennen?

Keiner kann in die Zukunft schauen. Bevor Monster Hunt (Monsterjagd) 2015 ein Riesenerfolg in China wurde, gab es zahlreiche romantische Komödien. Und urplötzlich glaubte man, romantische Komödien würden in China nicht mehr funktionieren, als ob die Menschen in China aufgehört hätten, sich zu verlieben. Das ist so albern. Weil Monster Hunt so erfolgreich war, hieß es, es sei Zeit für computeranimierte Familienfilme. Also gab es bis 2017 nur noch Science-Fiction. Nun ist der Trend, europäische Filme für den chinesischen Verleih zu kaufen, denn die Menschen realisieren, dass die chinesische Gesellschaft sich im Wandel befindet. Der Geschmack der jungen Generation wird vielfältiger. Je kultivierter und internationaler die Menschen werden, umso intelligentere Filme wollen sie sehen. Das Segment der Arthouse-Filme ist in China immer noch klein, aber wächst beständig.

Gleichzeitig scheinen große Blockbuster-Streifen immer noch an den chinesischen Kinokassen zu dominieren, und die Produktionen werden immer teurer und pompöser.

Was China betrifft, ist alles möglich. Das ist wie in Europa in den 1960er-Jahren, als sich alles entwickelte und es Raum für neue Ideen gab, selbst wenn sie verrückt waren. Das ist sehr aufregend. Dennoch treffen wir oft auf Menschen, die in den letzten zwei Jahren aus der Finanzwirtschaft oder anderen Branchen ins Filmgeschäft gekommen sind. Meistens bringen sie viel Geld mit, aber verstehen nichts von der Filmindustrie. Die Europäer wiederum glauben gern, ihr Ansatz sei der einzig mögliche, aber so läuft das nicht in China. Es ist daher eine große Herausforderung, diese beiden Standpunkte unter einen Hut zu bringen.

Was haben Sie für die diesjährige Berlinale geplant?

Das Publikum auf der Berlinale kommt größtenteils aus Europa, daher konzentrieren wir uns auf europäische Produzenten und nutzen die Plattform der Berlinale als Möglichkeit, unsere europäischen Kollegen so gut wie möglich anzuleiten und auf den chinesischen Markt vorzubereiten. Es wird eine Podiumsdiskussion mit Gästen wie dem Präsidenten der China Film Co-Production Corporation (CFCC), Miao Xiaotian, geben. Außerdem werden wir einen interaktiven Workshop als zwanglose Form des Wissensaustauschs durchführen, auf dem europäische Produzenten Fragen loswerden und sich mit ihren chinesischen Kollegen unterhalten können. Wir nutzen auch die Tatsache, dass Miao Xiaotian und Jiao Hongfen, der Vorsitzende der China Film Group, anwesend sein werden, für zwei private Treffen mit deutschen Institutionen wie dem Ministerium für Kultur, um den Abschluss eines Filmabkommens zwischen Deutschland und China voranzutreiben. Wir werden versuchen, Gespräche zu ermöglichen und die Beziehung zwischen Deutschland und China zu fördern, das – verglichen mit Frankreich, zum Beispiel – noch einiges nachzuholen hat.

Top