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Berlinale Blogger 2018
Deutsche Geschichten, globale Themen

Daniel Zillmann und Victoria Schulz in „Rückenwind von vorn“ (2018)
Daniel Zillmann und Victoria Schulz in „Rückenwind von vorn“ (2018) | © Berlinale

Wann sind wir bereit erwachsen zu werden? Und was heißt eigentlich „Erwachsensein“? Wollen wir lieber zuhause sitzen und Windeln wechseln oder uns in Kneipen die Nächte um die Ohren schlagen? Auf Weltreise gehen oder in eine Wohnung investieren und sesshaft werden? Die zwei Filme Rückenwind von vorn und Die defekte Katze, die in der diesjährigen Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino gezeigt werden, erzählen von in Deutschland lebenden jungen Frauen, die vor existenziellen Entscheidungen stehen. Und ich bin mir ganz sicher, dass ihre Fragen und Zweifel auch bei jungen Frauen aus China auf Resonanz stoßen würden.

Von Yun-hua Chen

Wie schon in seinen zwei vorherigen Spielfilmdramen Liebe mich! (2014) und Luca Tanzt Leise (2016) konzentriert sich Regisseur Philipp Eichholtz auch in Rückenwind von vorn ganz auf seine starke weibliche Hauptfigur. Die junge Charlie ist Lehrerin an einer Berliner Grundschule. Doch während sich die anderen ihres Alters, darunter auch ihr Freund, nach und nach darauf vorbereiten, Nachwuchs zu bekommen und Geld für eine Wohnung zu sparen, sucht Charlie für sich nach einem anderen Weg und versucht herauszufinden, was für ein Leben sie wirklich führen möchte.

Auch in Susan Gordanshekans Spielfilmdebüt Die defekte Katze sucht die weibliche Hauptrolle nach dem Leben, das zu ihr passt, wobei interkulturelle Implikationen ihre Probleme noch unlösbarer erscheinen lassen. Die gut ausgebildete Iranerin Mina zieht nach ihrer Hochzeit mit Kian, einem deutschen Assistenzarzt iranischer Herkunft, dem sie vor der Hochzeit nur wenige Male begegnet ist, nach Deutschland. Während Mina in Deutschland neu gewonnene Freiheiten genießt, entdeckt Kian mit der Zeit seine konservative Seite. Die Situation eskaliert, als Mina gegen den Willen Kians darauf besteht, eine graue Katze bei sich aufzunehmen, die ihre Gegenüber mit ihren grünen Augen und wildem Blick fixiert. Ein Statement von Minas Willensfreiheit, das allerdings zur Folge hat, dass sich das Paar trotz der Versuche, nach der Hochzeit zueinander zu finden, immer weiter voneinander entfernt.

Obwohl beide Filme noch Unzulänglichkeiten haben – die Charaktere sind nicht voll ausgearbeitet und der Plot zeigt Entwicklungsschwächen – gefällt mir vor allem die weibliche Perspektive, die in den Filmen zum Ausdruck kommt. In gewisser Weise konnte ich mich selbst in den weiblichen Hauptfiguren wiederfinden. Und damit dürfte ich als Chinesin nicht alleine sein. Einer Statistik des Online-Jobportals zhaopin.com (智联招聘) zufolge wollen 40,1 Prozent der berufstätigen Frauen in China keine Kinder und 63,4 Prozent befürchten, dass sich die Mutterschaft negativ auf die eigene Karriere auswirken könnte. Infolge des rasanten sozioökonomischen Fortschritts sind die Frauen in China dabei, ihre Rolle neu zu definieren, sich in der Gesellschaft anders zu positionieren und die Prioritäten in ihrem Leben zu überdenken. Vor allem die in den Städten lebenden Frauen haben in großem Maße wirtschaftliche und psychische Unabhängigkeit erlangt und ein neues Selbstbewusstsein gewonnen, so dass sich ihr Selbstverständnis nicht mehr nur auf den familiären Rahmen beschränkt. Wie Charlie und Mina betreten sie damit eine terra incognita. Ihnen stehen zwar alle Möglichkeiten offen, aber das macht es gleichzeitig auch schwieriger, die richtigen Entscheidungen für ihr Leben zu treffen.

Auch die chinesische Filmlandschaft führt uns heute die vielfältigen Lebensformen der Frauen im heutigen China vor Augen und zeigt, wie sich ihr Bild in den Medien wandelt. Angefangen bei aktuellen chinesischen Arthouse-Filmen wie dem Drama Love Education (相爱相亲, 2017), über chinesische Fernsehserien wie Husband and Wife (夫妻的那些事, 2012) bis hin zu kommerziellen Filmen wie The Ex-File: The Return of the Exes (前任3:再见前任, 2017), Girls (闺蜜, 2014 und 2017), One Night Surprise (一夜惊喜, 2013) und Go Lala Go! (杜拉拉升职记, 2010), die sich immer noch an stereotypen Geschlechterrollen abarbeiten. Besonders interessant ist hierbei der Film Love Education von Sylvia Chang (张艾嘉), in dem die taiwanische Regisseurin auch selbst mitspielt. In Fortsetzung des von ihr im Jahr 2004 gedrehten Films 20 30 40 untersucht sie, wie drei Frauen aus drei Generationen ihre Rolle in der heutigen Welt sehen. Hui Ying (慧英), eine Frau mittleren Alters, möchte in Erinnerung an deren Liebe unbedingt, dass ihre Eltern gemeinsam in einem Grab bestattet werden, und entfernt sich in ihrem Starrsinn allmählich von ihrem Ehemann und ihrer Tochter. Die erste Frau ihres Vaters, die sich in einem Dorf seit Jahren um dessen Grab kümmert, verweigert sich Hui Yings Wunsch, symbolisiert das Grab des Mannes für die alte Frau doch ihren Status als Ehefrau. Hui Yings Tochter wiederum hat ganz andere Probleme als die Generation ihrer Mutter und Großmütter. Wie Charlie und Mina ist sie ganz mit sich selbst beschäftigt. Während es ihren Musiker-Freund zum Arbeiten nach Peking zieht, muss sie für sich selbst entscheiden, was die Liebe für sie bedeutet und wie sie leben möchte.

Rückenwind von vorn und Die defekte Katze mögen zwar noch keine Meisterwerke sein, wie in Love Education gelingt es den Filmen jedoch, diverse komplexe Gefühlslagen auszuloten, subtile und scharfe Beobachtungen anzustellen und ein nachsichtiges Verständnis für menschliche Schwächen aufzubringen. Alles Stärken, durch die es sogar gelingt, kulturelle Grenzen zu überwinden.

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