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Berlinale Blogger 2018
Das Abenteuer der Gummistiefel

Lhapal Gyal in „Wangdraks Gummistiefel“
Lhapal Gyal in „Wangdraks Gummistiefel“ | © Niu Niu

Der siebenjährige Tibeter Wangdrak wünscht sich ein Paar Gummistiefel. Er ist der einzige in der ganzen Schule, der keine Gummistiefel besitzt. Bei Regenwetter läuft er in leichten Schuhen durch den Matsch, was ihm den Spott seiner Mitschüler einbringt. Dann bekommt er endlich ein Paar nagelneue, hellblaue Gummistiefel. Doch wo bleibt der Regen?

Von Yun-hua Chen

Das Spielfilmdebüt Wangdrak’s Rain Boots (旺扎的雨靴) von Lhapal Gyal (拉华加), Absolvent der Beijing Film Academy (北京电影学院), wurde mit Unterstützung des bekannten tibetischen Filmemachers Pema Tseden (万玛才旦, Tharlo, 2015), der Provinzregierung Qinghai und der Beijing Film Academy realisiert. Aus der Perspektive des Jungen führt uns der Film in das ländliche Tibet, in dem die Ernährungslage der Menschen ganz und gar von der Witterung abhängig ist. Der einfache, naive Erzählstil erinnert an den 2014 von Li Ruijun (李睿珺) gedrehten Film River Road (家在水草茂密的地方) sowie an den 2017 entstandenen Film Stonehead (石头) von Zhao Xiang (赵祥), die beide in den Berlinale-Sektionen Generationen zu sehen waren. Wie die beiden Yuguren-Brüder aus River Road und der zehnjährige Junge mit dem Spitznamen Stonehead aus dem gleichnamigen Film erlebt auch Wangdrak eine Kindheit, die von Fantasie und Abenteuerlust, aber auch von Sorgen geprägt ist. Er lebt in einer fantastischen Welt der Schönheit und Unschuld, die jedoch von dem Mobbing in der Schule und den materiellen Einschränkungen getrübt wird. Wie in Hans Christian Andersens Märchen Die roten Schuhe handelt der Film von der Faszination und Obsession eines Kindes für ein Paar Schuhe. Nur dass diese Geschichte glücklicherweise viel menschlicher und weit weniger grausam verläuft als Andersens Märchen.

Stilistisch spielt der Film geschickt mit den starken Hell-Dunkel-Kontrasten in den Innenräumen der tibetischen Behausungen. Während dunkelbraune Dachbalken und Fußböden eine düstere Bildatmosphäre erzeugen, zaubern ein paar Lichtstrahlen helle Reflexe auf Wangdraks Gesicht, sobald etwas Sonnenlicht durch ein Glasfenster oder durch den Ofen in der Mitte des Raumes einfällt. Zudem wird das Blau des Himmels zum bestimmenden Farbakzent. Himmelblau sind das Kopftuch von Wangdraks Mutter, ihr zerschlissener langärmliger Kittel, die Schuluniformen – und auch Wangdraks Gummistiefel. Das Blau verleiht dem von Grün- und Brauntönen dominierten natürlichen Colorit der Umgebung dabei etwas Lichtes und Strahlendes. Wangdraks Welt ist einfach und unschuldig. Und wie alle Menschen kämpft auch er ohnmächtig gegen Murphys Gesetz der unausweichlichen Schwierigkeiten an. Während der Junge zuhause ungeduldig auf die Heimkehr seines Vaters wartet, um ihm zum Kauf der Gummistiefel zu überreden, muss sein Vater bis spät in die Nacht auf dem Feld arbeiten. Wangdrak gelingt es schließlich die Mutter auf seine Seite zu ziehen, aber als diese ein Ziegenfell gegen ein Paar Gummistiefel eintauschen will, sind die Stiefel ausverkauft. Schließlich kann Wangdrak dann doch ein Paar Gummistiefel sein eigen nennen, aber da hat es bereits aufgehört zu regnen. Dank seiner Mutter hat sich Wangdrak eine lebendige Phantasie bewahrt und gemeinsam mit dem Nachbarsmädchen Llamo, die als Freundin immer zu ihm hält, lässt er sich etwas einfallen, damit der Himmel seine Schleusen öffnet und er Gelegenheit hat, seine neuen Gummistiefel vorzuführen. Der Junge Wangdrak geht also durch Höhen und Tiefen und gelangt nach einigen Abenteuern zum Ziel. Der von naiven Wünschen erfüllten Kinderwelt gegenüber gestellt ist die weitaus komplexere Welt der Erwachsenen. Wangdraks Vater und die Bauern der angrenzenden Parzellen kämpfen mit den Naturgewalten. Um zur Erntezeit den Verheerungen durch Gewitterstürme und Hagel zu entgehen, verlässt man sich hier immer noch auf religiöse Zeremonien und Gebete. Und wie bei anderen Bauern auch müssen alle Ausgaben für die Familie wohl bedacht werden. Von alledem ahnt Wangdrak nichts. Auch wenn er unbewusst den Zusammenhang zwischen der spirituellen Welt religiöser Bräuche und der materiellen Lebensgrundlage versteht, denkt er doch nicht daran, dass der von ihm heiß ersehnte Regen die Jahresernte des gesamten Dorfes ruinieren könnte.

Die Existenz eines Fernsehers stellt in dem naturverbundenen Leben der Familie die einzige Verbindung zur Außenwelt dar und führt zugleich die ungleiche Nachrichtenlage in verschiedenen Regionen sowie das drastische Wohlstandsgefälle vor Augen. Durch Einstellungen auf den Bildschirm des Fernsehers sieht man, wie Wangdrak sich Zeichentrickfilme ansieht. Der Mann in dem Comic probiert in einem Laden einen Hut nach dem anderen auf. Gerne sieht sich Wangdrak auch den chinesischen Filmklassiker König der Affen an und einmal gibt es im Fernsehen Berichte über eine Roboter-Ausstellung und den neuesten Helikopter. Es wirkt, als würde Wangdrak auf einem anderen Planeten leben. Vor allem aber entscheidet der Fernseher über das Schicksal von Morgen, hat doch der Wetterbericht zum einen Einfluss auf Wangdraks Laune und bestimmt zum anderen die Feldarbeit des Vaters. Ein anderes Mal verfolgen wir gespiegelt durch den TV-Bildschirm, wie Wangdrak und seine Mutter vor dem Zubettgehen die Schlafstätte vorbereiten. All diese alltäglichen Routinearbeiten erscheinen auf diese Weise wie Trugbilder einer simulierten Realität.

Hinter der auf den ersten Blick so einfachen und anspruchslosen Geschichte verbergen sich verschiedene Ebenen und eben das macht Wangdrak’s Rainboots zur einer echten Empfehlung innerhalb der diesjährigen Sektion Generation Kplus, schließlich hat der Film für Zuschauer jeder Altersgruppe etwas zu bieten.

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