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Berlinale Blogger 2018
China braucht mehr Filmbiografien wie diese

„Shut Up and Play the Piano“ von Philipp Jedicke
„Shut Up and Play the Piano“ von Philipp Jedicke | © Rapid Eye Movies / Gentle Threat

Philipp Jedickes Filmbiographie „Shut Up and Play the Piano” über den kanadischen Musiker, Komponisten, Klaviervirtuosen, Entertainer und Grammy-Gewinner Chilly Gonzales ist eine clevere, reflektierte und selbstironische Dokumentation, die nicht nur ein Portrait eines exzentrischen und stets etwas größenwahnsinnigen Künstlers zusammenfügt, sondern auch zum Nachdenken über unsere derzeitige Medienkultur anregt.

Von Yun-hua Chen

Einen Film über jemanden zu machen der noch am Leben ist, ist nie einfach, vor allem wenn dieser jemand so vielfältig und sprunghaft ist wie Chilly Gonzales. Doch Shut up and Play the Piano trifft meiner Meinung nach die richtige Balance zwischen einem authentischen Bild von Gonzales und dem eigenen Blick des Regisseurs, indem verschiedene Ebenen der Fiktionalität auf unterhaltsame Art und Weise verwoben werden. Damit wird der Film diesem Künstler gerecht, der eine große Bandbreite an Künstlern inspiriert hat, darunter Feist, Jarvis Cocker, Peaches, Daft Punk und Drake. Die Dokumentation verfolgt die Karriere von Chilly Gonzales zurück an seinen Anfang als „Gonzales“ in der kanadischen Musikszene, seinen Erfolg in der Berliner Punkszene der späten 1990er-Jahre, seine Pariszeit und letztlich zu seinem aktuellsten Programm, bei dem er in der Kölner Philharmonie in Bademantel und Socken auftrat. Dabei werden spielerisch unveröffentlichtes Material von seinem eigenen Videoarchiv mit neuen Interviews, Auftrittsmitschnitten und inszenierten fiktiven Szenen ergänzt. Wir sehen dabei, wie Gonzales verschiedene musikalische Phasen durchläuft und sich immer wieder transofmiert: Von Jazz und Pop zu Punk, Rap, Freestyle und elektronischer Musik in seiner Berlinzeit und letztlich bis zu seiner Rückkehr zum Solo Piano und einer reiferen Mischung zwischen klassicher Klavierkomposition und der Sensibilität für Popmusik, zwischen Musikalität und Unterhaltung. Gonzales hat ein Talent dafür, Elemente außerhalb des musikalischen für seine Musik zu nutzen und hat so eine ekzentrische Bühnenpersona für sich geschaffen. Mal erklärt er sich wie 2003 bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz zum Präsidenten des Berliner Untergrunds, mal springt er in seinen Flügel und ruft sein Publikum auf ihn beim "Crowdsurfen" zu unterstützen. Der Film bewegt sich teilweise. ganz im Stile von Chilly Gonzales, am Rande der Performance-Kunst. So wird ein Casting inszeniert, auf dem Chilly Gonzales nach seinem eigenen Doppelgänger sucht. Der interagiert dann wiederum mit Videoaufnahmen von Jarvis Cocker, die auf einem Fernseher gezeigt werden. Als Zuschauer weiß man dabei nie, wo die Dokumentation endet und die Fiktion beginnt, wann Chilly Gonzales er selbst ist und wann er die Rolle von Chilly Gonzales spielt – alle Grenzen scheinen absichtlich entweder verwischt oder überschritten zu werden.

Während wir auf der Berlinale jedes Jahr zahlreiche Biopics zu sehen bekommen, sind chinesische Filmbiografien rar, Filme über Musiker und biografische Dokumentationen sucht man darunter fast vergebens. Eine der bekanntesten chinesischen Filmbiografien ist Chen Kaiges Forever Enthralled (梅兰芳, 2008), in der Dokumentation und Fiktion verwoben werden, um die Kunst und das Liebesleben des legendären Darstellers der Peking-Oper Mei Lanfang (梅兰芳) nachzuerzählen. Die Lebensgeschichte der Autorin Xiao Hong umspannt das Marionettenregime von Manchukuo, den zweiten Sino-Japanischen Krieg und die Flucht nach Hongkong und ist so legendär, dass sie bereits zweimal fürs Kino verfilmt wurde, in Huo Jianqis (霍建起) Falling Flowers (萧红, 2012) und in Ann Huis The Golden Era (黄金时代, 2014), der mit einem Goldenen Pferd ausgezeichnet wurde. Zu den wenigen chinesischen biografischen Dokumentationen zählen Wang Bings (王兵) Feng Ming, A Chinese Memoir (和凤鸣, 2007) und Mrs. Fang (方绣英, 2017), die beide die Geschichten von vergessenen Personen am Rande der Gesellschaft erzählen. Jia Zhangkes (贾樟柯) Dong (东, 2006) und Useless (无用, 2007) hingegen porträtieren respektive den bekannten Maler Liu Xiaodong (刘小东) und Modedesigner Ma Ke (马可).

Warum gibt es nur so wenige chinesische Biopics (ob fiktiv oder dokumentarisch) und warum sucht man Dokumentationen über zeitgenössiche chinesische Musiker fast vergeblich? Eine Antwort auf diese Fragen fällt nicht leicht. Einerseits ist es schlicht einfacher, das Leben einer historische Figur wie Dr. Sun Yat-sen (孙中山), Konfuzius (孔子) oder Ruan Ling-yu (阮玲玉) darzustellen, umgeht man doch heikle rechtliche Fragen oder gar Konflikte mit den gezeigten Personen. Wie solche Konflikte aussehen können, zeigte jüngst der Film Matangi/Maya/M.I.A., der beim Sundance Festival 2018 erstmals gezeigt wurde, fast ein Jahrzehnt, nachdem der Filmemacher Steve Loveridge Zugang zu M.I.A.s persönlichem Videoarchiv und unveröffentlichtem Material bekam, um ihre persönliche Entwicklung als Musikerin, Aktivistin und Person zu dokumentieren. Nachdem M.I.A. den Film erstmals sah, kritisierte sie öffentlich, dass Loveridge die besten Szenen ausgelassen habe und sie den Film ganz anders gemacht hätte. Die TV Biopic Serie über die chinesisch- und japanischsprachige Sängerin Teresa Teng (邓丽君) wiederum hatte große Probleme, die Verwendungsrechte für ihre populärsten Songs der 1970er und 1980er Jahre zu bekommen.

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