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Das Berlin-Bild in den Filmen der diesjährigen Berlinale
Ist Berlin nur Party, Freizügigkeit, elektronische Musik und Graffiti?

Cleo
Cleo | © Johannes Luis

Was der Eiffelturm und das Seine-Ufer für Paris, die Vaporettos und engen Gassen für Venedig, der Times Square und der Central Park für New York sind, nämlich im Film immer wiederkehrende Stereotype, das sind für Berlin Elektro-Beats und Laserstrahlen, sich treiben lassende junge Menschen, gescheiterte Künstlerexistenzen und ein endloses Nachtleben. Können die diesjährigen Berlinale-Filme dem etwas Neues hinzufügen?

Von CHEN Yun-hua

Der Film Heute oder Morgen von Thomas Moritz Helm bleibt dabei und erzählt einfach und direkt von einer Dreierbeziehung vor diesem Berlin-Feeling. Ein in Berlin lebendes Paar erfüllt alle Klischees: Er jobbt in einem Café, sie studiert Kunst, zieht aber die Straße der Universität vor. Mit zwei Freunden, die auch nichts anderes vorhaben, zieht sie herum und sprüht Graffitis. Beide fühlen sich angezogen von einer dritten Person, aber nachdem die Engländerin Chloé in ihr Leben tritt, kommt es zu Eifersüchteleien und Streit, was die gewollte sexuelle Freiheit auf die Probe stellt. Das ist Gaspard Noés Love (2015) à la Berlin: eine Liebe zu dritt, Drogen, Nähe und Verletzungen.

Simona Kostovas Dreißig zeigt meist Kneipen, auf nächtlichen Straßen grölende Jugendliche, Flashmob-Partys, One-Night-Stands, Streit zwischen Betrunkenen. Der Protagonist des Films gehört zu einer Clique in Neukölln. Man sieht Graffitis an den Wänden, manchmal hört man Sirenen, aber ihre nächtliche Reise hat nicht den Thrill von Viktoria (Sebastian Schipper 2015) und spielt auch nicht mit Kameratricks wie einer einzigen Einstellung. Die Kamera ist eher wie ein Freund, der ihnen folgt, wenn sie auf der Party die Gesichter der anderen Gäste checken, oder wenn sie über eine Baustelle rennen. Der Film fühlt sich an wie ein Roadmovie zu Fuß und per Taxi, was einmal mehr die Klischees von Berlin zeigt.

Berlin Bouncers Berlin Bouncers | © Flare Film GmbH
David Dietls Dokumentarfilm Berlin Bouncers wurde lange erwartet, denn er lüftet zum ersten Mal das Geheimnis um die Türsteher einiger legendärer Clubs. Jeder, der da rein will, weiß, wie oft man mit dem Spruch "Heute nicht" von Sven Marquardt abgewiesen wird und sprachlos zurück bleibt. Marquardt muss über sich selbst lachen, denn wer weiß, ob er nicht dereinst von den Engeln an der Himmelstür mit den gleichen Worten abgewiesen wird.
 
In diesem Jahr gibt es gleich zwei Filme über ihn. Neben Berlin Bouncers läuft auch noch Schönheit & Vergänglichkeit, in dem er als ostdeutscher Fotograf portraitiert wird. Es ist eben das Tolle an Berlin, dass die berühmten Türsteher auch noch ein anderes Leben haben. Der ostdeutsche Punk Sven Marquardt ist ein anerkannter Fotograf, der westdeutsche Frank Künster bedeckt Leinwände mit Schrift und Farben, nur der Amerikaner Smiley Baldwin ist kein Künstler. Er war damals in Berlin stationierter GI, der die ostdeutschen Grenzer im Blick hatte.

Der Film dokumentiert nicht nur die Geschichte dieser drei Männer, sondern auch die Geschichte jener Jahre: von der geteilten Stadt zum Freiheitsrausch der 1990er Jahre. Er zeigt die Identitätskrise nach der Wiedervereinigung, Berlins zunehmende Kommerzialisierung und das Coming-out als europäische Party-Metropole. Die drei sprechen über Nachtschwärmer und Tanzen, über Luxus und Alkohol, über die Treue zu sich selbst, nachdem man so große Veränderungen durchlebt hat. Es ist das erste Mal, dass sie sich vor der Kamera privat öffnen und auch das erste Mal, dass der Zuschauer sie so ganzheitlich und menschlich kennen lernt. Da der Film versucht, alle drei gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen, fehlt es manchmal an Tiefe. Aber alle drei sind ein Stück lebendiger Berlin-Geschichte.

Ein ganz anderes Berlin erleben wir in Xaver Böhms Film O Beautiful Night. Die Berliner Nacht wird hier im Stil eines Fantasy-Films zu einer Begegnung mit dem Tod persönlich. Auf der fantastisch-mysteriösen Geisterfahrt begegnen wir Figuren, die den Filmen Jean-Pierre Jeunets entsprungen zu sein scheinen. Sie kaufen in unterirdischen Gewächshäusern Opium, spielen Russisch Roulette auf Kartbahnen, arbeiten in Peep-Shows. Berlin ist hier ein magischer, traumhafter Ort mit großartigen farbenprächtigen Räumen, seltenen Typen und menschenleeren alten Spielhallen, bunt und überraschend anders.

Tatsächlich zu einem magischen Ort, wo alles möglich scheint, wie in Jean-Pierre Jeunets Paris, wird Berlin im diesjährigen Eröffnungsfilm des Kplus-Programms. In Erik Schmitts Langfilm-Debut Cleo vermischen sich die Geschichte der Stadt und merkwürdige Geschichten ihrer Bewohner. Cleo trifft Paul und beide sind auf der Suche nach einer alten Uhr, mit der man die Zeit zurückdrehen kann. Sie begegnen zwei Typen, für die Türen kein Hindernis darstellen, und zu viert begeben sie sich auf die Suche.

Cleo erinnert dabei an Amélie aus Die fabelhafte Welt der Amélie (2001), die uns mit phantasievollen blauen Augen anblickt, aus denen Berliner Gullideckel und eine sich auf dem Plattenteller drehende Schallplatte werden. Einstein und Planck sind hier schwarz-weiße Silhouetten in der bunten Welt und manchmal tauchen an Straßenecken oder auf Parkbänken Gerüchte auf. Außerdem setzt Erik Schmitt Animationen ein, wenn zum Beispiel der von Kindheitstraumata herrührende Stein auf Cleos Herzen langsam weicht oder wenn sie eine Idee hat und sich auf der Stirn ein Türchen öffnet, hinter dem die gedanklichen Bilder stehen. Obwohl Fernsehturm, Märkisches Museum und Oberbaumbrücke nur auftauchen, wenn Szenen es erfordern, wirken sie wie Postkarten.

Erik Schmitt achtet viel mehr auf andere Dinge, wie Wohnhäuser aus den Anfangstagen des 20. Jahrhunderts oder den selten in Filmen auftauchenden Teufelsberg, Anita Berbers Legende; er ist verliebt in seine exentrischen Figuren, die sich in einem fantastischen Klub versammeln und ein Wohnzimmer kann sich bei ihm wie eine U-Bahn fortbewegen - solche Berlin-Bilder sieht man in anderen deutschen Filmen viel zu selten.
Der Atem Der Atem | © schueppel-films
Der Atem von Uli M.Schüppel hat einen anderen ästhetischen Ansatz, das bohèmehafte Berlinbild zu überwinden. Der Dokumentarfilm zeigt Schwarz-Weiß-Bilder der Berliner Nacht, dazu gibt es Interviews mit Berlinern; es sind Frauen, Männer, Alte, Junge, U-Bahn-Fahrer, Fernseh-Moderatoren, Sexarbeiter, Urberliner oder Neuberliner. Es gibt keine Hintergrundmusik. Jedes Portrait ist ein filmisches Kunstwerk, das die Tragödien, Kämpfe und Ausweglosigkeit eines durchschnittlichen Lebens dokumentiert.

Aber kann Berlin eine echte Stadt im Film sein, die das wirkliche Leben in all seinen Schattierungen und Farben zeigt - mehr als schrille, junge Figuren in ihrer bunten Blase? Vielleicht noch nicht heute, aber die Zeit wird kommen.

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