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Berlinale-Blogger 2019
Zukunftsbilder auf der Berlinale: Düstere Aussichten

Szene aus <i>Monos</i>
Szene aus Monos | © No Franja S.A.S.

Wie wird sich unser Leben verändern? Was passiert mit der Menschheit in Zeiten zunehmender Umweltzerstörung und kriegerischer Auseinandersetzungen? Die filmischen Dystopien reichen vom Ende der Welt und ihrer Militarisierung über die Kommerzialisierung des Glaubens bis hin zur Ritualisierung des gesamten Lebens.

Von Chen Yun-Hua

The Wandering Earth, die erste Verfilmung eines Science-Fiction-Romans von Liu Cixin, kam zum chinesischen Neujahr in die Kinos. In Berlin ist der Film natürlich noch nicht zu sehen, aber hier und dort kann man auch auf der Berlinale einen Blick in die Zukunft werfen, wie Science-Fiction-Romane sie entwerfen. Wir sind begierig zu erfahren, wie sich unsere Welt mit Künstlicher Intelligenz, intelligenten Drohnen und Gentechnologie weiterentwickelt. Wie wird sich dadurch unser Leben verändern? Was passiert mit der Menschheit in Zeiten zunehmender Umweltzerstörung und kriegerischer Auseinandersetzungen? Die filmischen Dystopien reichen vom Ende der Welt und ihrer Militarisierung über die Kommerzialisierung des Glaubens bis hin zur Ritualisierung des gesamten Lebens. In vier Filmen aus vier verschiedenen Ländern, können wir einige Gemeinsamkeiten ausmachen, was die Zukunft angeht.

Da wäre zunächst Santiago Lozas Brief Story from the Green Planet, der unbekannten Lebensformen unvoreingenommen und freundlich gegenübertritt. Die Transfrau Tania, entdeckt nach dem Tod ihrer Großmutter, dass ein Außerirdischer mit purpurner Haut, schwarzen Kulleraugen, großem Kopf und kurzen Gliedmaßen der beste Freund in deren letzten Tagen war. Mit zwei Freunden macht sie sich auf den Weg durch das ländliche Argentinien, um den Alien zurück zu dem Ort zu bringen, wo die Großmutter ihn einst gefunden hat. Das ist ein Film über Außerirdische, der mit außerirdischem Leben nichts zu tun hat, vielmehr fühlt Tania sich aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und daraus resultierender Mobbing-Erfahrungen selbst wie ein Alien. Die Beziehung zwischen Science Fiction-Elementen und Selbsterfahrungstrip könnte spannend sein, ist aber viel zu naiv und simpel. Wenn es den Alien nicht gäbe, könnte der Film zumindest einen überzeugenden Kurzfilm abgeben.

Szene aus <i>Monos</i> Szene aus Monos | © No Franja S.A.S. Alejandro Landes' Monos zeigt Kindersoldaten, deren Anführer spurenlos kommt und geht, egal ob die Kinder irgendwo tief in den Bergen sind, oder die Funkverbindung unterbrochen ist, er findet immer einen Weg, den Trupp aufzuspüren. In der Gruppe selbst herrschen strenge Regeln: möchte jemand mit einer anderen Person eine Beziehung eingehen, muss er vorher mit der Organisation sprechen. Eine von der Organisation gesandte Kuh ist heilig und nach ihrer Schlachtung hat man sich vor einem Militättribunal zu verantworten. Weitwinkel-Aufnahmen zeigen die Berge im Nebel, schnell ziehende Wolken, und aus der Vogelperspektive sieht man die Kinder ein Versteck in den Bergen suchen. Die Aufnahmen betonen die Weite der Landschaft, in der es keinen sicheren Ort gibt. Der Film bleibt von Anfang bis Ende rätselhaft.

Wir wissen weder woher die Kinder kommen, noch wann und wo die Handlung spielt, es ist auch nicht klar, wer "die Organisation" eigentlich ist und für wen sie kämpfen. Schade, dass dieser spannende Film am Ende zu einer Parabel à la Lord of the Flies (1990) oder The Island (2018) wird, der seine filmischen Mittel exellent einsetzt, um eine wenig überraschende Geschichte zu erzählen.

Szene aus <i>Jessica Forever</i> Szene aus Jessica Forever | © Ecce Films - ARTE France Cinéma - 2018 Caroline Poggis erster abendfüllender Spielfilm Jessica Forever lief bereits auf dem Toronto Filmfestival 2018. Die Science Fiction und Dystopie vermischende Geschichte eines jugendlichen Kampftrupps ist bedrückend. In Jessicas Welt müssen die Waisenkinder rauben und töten, um zu überleben. Jessica ist die Heilige Jungfrau einer küftigen Epoche, wie auch eine Katniss aus The Hunger Games, die die Waisenkinder liebevoll beschützt. Sie gibt ihnen ein Heim und als Taufe für jeden Neuen eine kugelsichere Weste. Sie organisiert den obligatorischen Mittagsschlaf, führt die Jungs in den Kampf gegen Drohnen, zähmt liebevoll die gewaltbereiten Jungs, und wenn sie Zeit hat, kauft sie den Kids ganz bodenständig Geschenke. Der postmoderne Mix aus Computerspielen, Avantgarde- und Genre-Film will sich an der Grenze zwischen kommerziellem und Arthouse-Kino bewegen. Aber sein Bemühen Atmosphäre zu schaffen und filmische Konventionen zu zerstören lässt den Film aussehen, als sei er auf halbem Weg steckengeblieben: weder richtig Avant-Garde noch Unterhaltung, feministisch ja, weil es eine Heldin gibt, diese Heldenfigur aber ist rein und mütterlich, das ist unangenehm, als hätte man eine Gräte verschluckt.

  Szene aus <i>Divine Love</i> Szene aus Divine Love | © Desvia Die Zukunft in Divine Love liegt gar nicht so fern, sondern im Brasilien des Jahres 2027. Wenn man ein Gebäude betritt identifiziert ein Scanner jede Person und verkündet über Lautsprecher auch gleich, ob man schwanger ist und der Embryo bereits registriert wurde. Unterschriften sind durch den Fingerabdruck des rechten Daumens ersetzt. Um Unfruchtbarkeit zu heilen, gibt es eine Art Infrarotgerät, bei dessen Benutzung der Mensch auf den Kopf gestellt wird. Den Beistand von Geistlichen holt man sich bequem wie beim Drive-in von Mac Donald ab, Beichtstühle verkehren auf den Straßen. Man öffnet das Autofenster und kann sich mit dem Priester unterhalten, die Beichte ablegen oder einem erbaulichen Lied begleitet von Trockeneisnebel lauschen, quasi eine Schnellreinigung der Seele.

Joana ist Regierungsbeamtin und nutzt ihre Stellung, scheidungswillige Paare moralisch von diesem Schritt abzuhalten. Ihr Mann Danilo hat zu Hause einen Blumenladen eröffnet. Beide sind gläubig und um ihre Ehe zu retten, wollen sie ein Kind. Sie sind Mitglieder der evangelikalen Sekte Divino Amor, wo es Gruppentherapien und den rituellen Tausch der Sexualpartner gibt. Das ist eine politische Parabel auf den derzeitigen brasilianschen Präsidenten Jair Bolsonaro und seine christlich konservativen Werte, auf eine widersprüchliche ultrarechte Gesellschaft, in der Heterosexualität und Produktionssteigerung für das Vaterland hochgehalten werden. Nur im Glauben und im rituellen Partnertausch wird der Kinderwunsch erfüllt: Sexuelle Lust und Electrosounds im Namen Jesu für alle. Der Regisseur Gabriel Mascaro, der mit Neon Bull (2015) bekannt wurde, hat keine Gelegenheit ausgelassen, viel Neonlicht und elektronische Musik in seine Zukunftsvorstellung einzubauen.

Außerirdische, unbemannte Drohnen, Revierkämpfe, genetische Überwachungssysteme - vielleicht ist es bis zur Zukunft gar nicht mehr so weit.

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