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Berlinale-Blogger 2019
Reenactment: Wenn die Protagonisten im Dokumentarfilm die Regie übernehmen

Reconstruction Utoya
Reconstruction Utoya | © Henrik Bohn Ipsen

Von Chen Yun-Hua

In der interaktiven dramatischen Rekonstruktion des Reenactments lässt man die Protagonisten aus heutiger Perspektive und mit einem hohen Grad an Selbstreflexion vergangene Ereignisse rekonstruieren und szenisch darstellen. Richtig eingesetzt kann dadurch im Dokumentarfilm ein noch offenerer Dialog entstehen. Es kann Vergangenes ans Licht kommen, das tief verborgen lag, da im Prozess der Rekonstruktion ursprüngliche Erfahrungen, Entscheidungen und Taten völlig neu und mit dem Blick des Außenstehenden in Augenschein genommen werden. Dabei geht es bei diesem Prozess weniger darum, Geschehenes möglichst exakt nachzuspielen. In dem klaren Bewusstsein, dass sich das Ganze ohnehin um ein Konstrukt handelt, gesteht man den Akteuren ihre Subjektivität zu, vertauscht die Rollen zwischen Beobachter und Beobachtetem und erreicht so eine weitere Ebene der Selbstreflexion. Was uns vorgeführt wird, ist nicht allein die Reinszenierung vergangener Ereignisse. Hingegen beobachten wir, wie die Akteure mit Vergangenheit umgehen und sie neu in Szene setzen. Wir erkennen die Selektivität ihrer Erinnerungen, mit welchen Emotionen sie noch einmal auf Zurückliegendes schauen und ob sich etwa Gefühle von Reue einstellen.

Man könnte vielleicht sagen, dass der Erfolg und die Debatte um Joshua Oppenheimers 2012 auf die Leinwand gebrachten Films The Act of Killing die Produktion von Dokumentarfilmen im Stil des Reenactment beschleunigt hat. In dem Film werden Protagonisten, die 1960 in Indonesien an den Misshandlungen und der Ermordung von Anhängern der Kommunisten beteiligt waren, dazu aufgefordert, ihre damaligen Taten im Stil von bei ihnen beliebten Hollywoodfilmen neu zu inszenieren. Angesichts des Ausmaßes der dabei zu Tage tretenden Selbstheroisierung läuft es dem Zuschauer kalt über den Rücken. Der 2017 in der Berlinale-Reihe Panorama Dokumente gezeigte Film Ghost Hunting von Raed Andoni hingegen stellte sich mit seinem „Theater der Verfolgten" auf die Seite der Opfer. So ließ er ehemalige palästinensische Insassen des Moskobiya-Verhörzentrums in Jerusalem die Verhörprozesse, die Details ihrer Haft und die erlittenen Demütigungen in einer nach Originalmaßstab rekonstruierten Halle aus der eigenen Erinnerung nachspielen.

Auf der diesjährigen Berlinale war ebenfalls ein Film vertreten, der sich dem Reenactment als komplettem Setting verschrieben hat: Reconstructing Utøya. Nach Erik Poppes Utøya: July 22 und 22 July von Paul Greengrass ist Reconstructing Utøya innerhalb eines Jahres schon der dritte Film über den Amoklauf auf der norwegischen Insel Utøya. Allerdings blicken alle drei Filme aus einem anderen Blickwinkel auf das tatsächlich Geschehene: Während Erik Poppe von der Ich-Perspektive einer jungen Frau ausgeht, zeigt Paul Greengrass die Ereignisse aus allwissender Erzählperspektive. Carl Javér jedoch lädt in Reconstructing Utøya vier Überlebende, die damals auf der Insel waren, dazu ein aus der Erinnerung auf dem dunklen Boden einer mit schwarzen Vorhängen verhängten Bühne mit weißem Klebeband Raumkoordinaten zu markieren. Anschließend weisen sie wie „Regisseure" eine Gruppe von Jugendlichen an, in ihre eigene Rolle und die ihrer Gefährten zu schlüpfen und so ihre damaligen Erfahrungen angesichts eines um sich schießenden Attentäters, vor dem sie um ihr Leben rannten, neu zu inszenieren. Ein Prozess, der unter ständiger psychologischer Betreuung stattfand.

Auch wenn jeder der drei Filme auf seine eigene Art problematisch ist, meine ich, dass Reconstructing Utøya in seiner Herangehensweise des Reenactments besonders diskussionswürdig ist. Zunächst einmal ist das, was hier rekonstruiert und transportiert wird, schlichtweg die Angst der Opfer angesichts eines sich nähernden Amokläufers. Abgesehen von diesem unmittelbaren Schrecken findet keinerlei darüberhinausgehende Reflexion statt. The Act of Killing hingegen stellte nicht nur das Massaker per se dar, sondern befragte den Zuschauer auch danach, wie er selbst mit dem Bösen in sich umgeht und wie wir uns unbewältigten historischen Themen stellen. Noch unerträglicher wird es, wenn in Reconstructing Utøya die Vergangenheit nicht durch die Überlebenden konstruiert wird, sondern durch eine Handvoll Teenager, die mit dem Geschehen absolut nichts zu tun haben. Ein solches Arrangement läuft Gefahr zu einer Performance aufgezwungener Gefühle zu werden. Das Mitleid und die Empathie der Darsteller stehen außer Frage, aber wenn sie wie „Schauspieler" vor der Kamera ihre Rolle ausfüllen und die Reaktionen auf ihren Gesichtern in Großaufnahme eingefangen werden, merkt man, dass der Regisseur den Film hier absichtlich dramatisiert und Emotionen künstlich hochgeschaukelt werden.

Das ist insbesondere dann der Fall, wenn der Regisseur in seiner Darstellung extra einige Details weglässt, nur um Spannung und Überraschung zu erzeugen. Als er dann über weite Strecken die Handkamera einsetzt, um die Akteure ganz aus der Nähe aufzunehmen, sieht man, dass die Jugendlichen im Prozess des Reenactments fühlen und spielen, als wären sie selbst dabei gewesen und hätten die Angst selbst empfunden. Mal brechen sie in Tränen aus, dann wieder jubeln sie, weil sie erfahren, dass engen Freunden der Überlebenden nichts passiert ist. Wir als Publikum aber werden Zeuge, wie der Regisseur für billige Filmeffekte Akteure und Zuschauer in ihren emotionalen Reaktionen manipuliert. Von Anfang bis Ende des Films beschleicht einen das ungute Gefühl, von dem Regisseur instrumentalisiert zu werden. Man wird unruhig in seinem Kinosessel bei diesem Film, der eine menschliche Tragödie und die Gefühle der Angst konsumierbar macht. Am Ende versucht uns der Film durch Szenen kollektiver Umarmung auch noch eine heile Welt vorzugaukeln und überdeckt so Diskussionen über gesellschaftliche Fragen und eine verantwortungsbewusstere Betrachtung des Themas.

Talking about Trees Talking about Trees | © Agat Films & Cie

Auch in dem Film Talking About Trees von Suhaib Gasmelbari, in dem ein paar ältere Filmemacher den vergangenen Zeiten nachtrauern, als sie noch Filme drehten, gibt es kleinere Anteile von Reenactment. In dem Dokumentarfilm treffen sich vier sudanesische Filmregisseure im Alter von siebzig bis über achtzig Jahren, alle Mitglieder der Sudanese Film Group. Suleiman Ibrahim, Manar Al Hilo, Altayeb Mahdi und Ibrahim Shaddad, der Regisseur von Hunting Party, haben in jungen Jahren Filmhochschulen in Russland, der DDR oder Ägypten besucht. Nach der einschneidenden Erfahrung ihres Lebens im Exil wollen sie nun gemeinsam ein altes Kino wieder instand setzen.

Talking about Trees Talking about Trees | © Agat Films & Cie

Die Filmemacher gehen mit großem Enthusiasmus ans Werk und kümmern sich um jedes Detail selbst: Sie putzen und malern, drucken Plakate, führen in einer Fußballarena eine Marktumfrage über cineastische Vorlieben durch und machen auf der Straße Werbung für ihr Projekt. Während sie einen Film zeigen, rollt sich die weiße Leinwand von unten auf, worauf sie diese eigenhändig festhalten. Einmal kommt ein Kamel mit einem rosafarbenen Halstuch in das Freiluftkino und stolziert gemächlich vor der Bühne mit der Leinwand umher. Wenn die alten Herren zusammensitzen, gibt es immer etwas zu lachen. Sie nehmen sich selbst auf den Arm oder machen Witze, wenn der Muezzin über den Lautsprecher der nahegelegenen Moschee zum Gebet ruft. Als der Strom ausfällt und sie beim Elektrizitätsamt anrufen, damit der Störfall behoben wird, heißt es, sie befänden sich auf Platz 175 der Warteliste. Unter großem Gelächter vermuten sie, dass sie am nächsten Tag bestimmt schon auf Platz 200 stehen, oder vielleicht doch auf Platz fünf?

Andere Themen sind weniger komisch. Etwa, wenn die Sprache auf die Lage der Kunst im Sudan kommt oder die Folter, die die Filmemacher in früheren Tagen ertragen mussten. Eines Abends schleppen sie einen großen Scheinwerfer auf eine Terrasse, der älteste Regisseur formt mit seiner linken Hand einen Zylinder zum Objektiv und bewegt seine rechte Hand als würde er an einer Kamera drehen. Gemeinsam stellen sie eine Szene nach, die sie einmal zusammen aufgenommen haben. Wollen die in die Jahre gekommenen Künstler tatsächlich einen Film drehen, scheitern sie regelmäßig an allen möglichen Hürden und ihre früher realisierten Filme waren schon unter etlichen sudanesischen Regierungen verboten. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihren Spaß an der „Rekonstruktion" zu haben. Durch ihre Rekonstruktionen inszenieren sie nicht nur Vergangenes neu, sondern reflektieren auch die Fesseln, die ihnen von Regierung, Gesellschaft und Religion im heutigen Sudan auferlegt werden. Einmal benutzen sie eine winzige Toilette, um eine Szene in einer Gefängniszelle zu reinszenieren. Beharrlich tropft Wasser auf den Kopf des Protagonisten und treibt ihn an den Rand des Wahnsinns. Es gibt auch Filmszenen, in denen es nicht um die Rekonstruktion vergangener Erinnerungen geht. Nachtaufnahmen, bei denen ihnen als einzige Beleuchtung ihre Taschenlampen dienen oder eine fröhliche Nachtwanderung mit Kerzen in der Hand. In dem Freilichtkino, das tagsüber im hellen Sonnenlicht liegt, sieht man die Reihen alter Metallstühle und ein paar fleckig gewordene Eisengatter - ein morbider Charme. Man fühlt mit, wenn man sieht, wie die vier stets optimistisch in die Zukunft blicken, mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

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