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Interview mit Wu Linfeng
Das Gefängnis der Wirklichkeit und seine Konstrukteure

Wu Linfeng, Ivan Marković
© Wu Linfeng, Ivan Marković

Mit ihrem in der Reihe Forum gezeigten Film From Tomorrow On, I Will (春暖花开) sind der chinesische Filmemacher Wu Linfeng (吴林峰) und der serbische Regisseur und Kameramann Ivan Markovic, nachdem sie schon 2016 ihren Kurzfilm White Birds (白鸟) in Berlin gezeigt hatten, zum zweiten Mal auf der Berlinale vertreten. Auch in diesem Film bleiben sie ihrem distanzierten und nüchternen visuellen Stil treu und versuchen das Gefangensein in der Welt in Bilder zu fassen. In From Tomorrow on, I Will erscheint uns die Stadt als monströse Maschinerie, die niemals zur Ruhe kommt. Schicht für Schicht zoomt sich der Film an die Stadt heran, dessen Konstrukteure mit deren Glamour nichts gemein haben. Generation für Generation bauen sie an dem riesigen Käfig, zu dessen physische und geistige Gefangene sie werden.

Von DING Dawei

Goethe-Institut: Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen Ihnen und Ivan Markovic und wie hat sich die Idee zu dem Film entwickelt?

Wu Linfeng: Ungefähr vor sieben Jahren wurde mein Kurzfilm, eine Studentenarbeit, auf dem Festival der Filmhochschulen München gezeigt. Ivan war damals auch als Kameramann eines Filmes vertreten. Bei dieser Gelegenheit lernte ich eine Gruppe von Serben kennen. Sie mochten meinen Film und schlugen ihn Emir Kusturika für sein Filmfestival in Kustendorf vor. Ein Jahr darauf wurde mein neuer Film ebenfalls auf dem Münchner Festival gezeigt und wir trafen uns ein zweites Mal. Später lud ich Ivan nach China ein. Zunächst machten wir gemeinsam einen Dokumentarfilm, das war 2013. Später entstand White Bird und in den letzten Jahren haben wir einen Film nach dem anderen gedreht.

Vergleicht man Ihren aktuellen Film mit White Bird, der 2016 in der Reihe Berlinale Shorts lief, stellt man stilistisch und thematisch starke Parallelen fest, da gibt es eine gewisse Kontinuität.

Unserem visuellen Stil wollten wir auch in diesem Film treu bleiben und tatsächlich gibt es einige erstaunliche Parallelen zwischen den Filmen. Beispielsweise haben wir lange nach einem Hauptdarsteller für From Tomorrow on, I Will gesucht, waren aber nie zufrieden. Schließlich kontaktierten wir den Protagonisten von White Bird und erfuhren, dass er durch seine Rolle in dem Kurzfilm ein ernsthaftes Interesse an der Filmerei gefunden und ein Filmstudium begonnen hatte. Wir baten ihn, nach Peking zu kommen. Das Problem mit dem Casting hatte sich damit erledigt.

Die Idee zu dem Film kam ursprünglich von Ivan. Während ich in Peking lebe und mich dort über fast nichts mehr wundere, war Ivan von vielen Dingen beeindruckt. Als wir White Bird drehten, hatten wir einen Luftschutzbunker in Peking besucht, der damals noch von ein paar Leuten bewohnt wurde. Das erinnerte Ivan an die Tage, als die Amerikaner Jugoslawien bombardiert hatten. Sein Zuhause lag damals ganz in der Nähe der von einer Bombe getroffenen chinesischen Botschaft in Belgrad und die ganze Familie hatte in einem Bunker Zuflucht gesucht.

Irgendwie scheinen zwischen den zwei so unterschiedlichen Ländern doch feine Bande zu bestehen. Unter anderem, wenn es um das Verhältnis von Stadt und Raum geht, um die Beziehung von Stadt und Mensch, oder auch um die Diskrepanz zwischen der Entwicklung einer Stadt und derjenigen, die diese Stadt aufbauen.  

Der Einsatz der Kamera in White Bird und From Tomorrow On, I Will wirkt für mich direkt beklemmend. Das Gefühl, eingesperrt zu sein wird sehr deutlich. Wolltet ihr damit zeigen, wie die Realität der Arbeiterklasse zusetzt?

Es mag den Anschein haben, dass die Menschen vor der Kamera sich in einem sehr isolierten und deprimierenden Umfeld bewegen. Aber auch, wenn jede Person in diesem von uns erdachten visuellen Raum zutiefst unglücklich und frustriert wirkt, heißt das ja noch lange nicht, dass diese Rollen mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Durch den kreativen Prozess ist es eher möglich, dass die Protagonisten Züge von uns selbst haben.

From Tomorrow On, I Will From Tomorrow On, I Will | © Wu Linfeng, Ivan Marković Auf den ersten Blick wirkt euer Film wie ein Werk mit sehr starken Anleihen an der Wirklichkeit. Nun hört es sich so an, als würde euer Interesse an der Fiktion doch überwiegen.

Als Kreativer ist man sich bei den Dreharbeiten und beim Schnitt sehr bewusst darüber, wie groß die fiktiven Anteile sind. Man muss sehr viele Entscheidungen treffen. White Bird haben wir beispielsweise in meiner Heimat Hunan gedreht. Damals wollten wir eine etwas psychedelisch-tropische Atmosphäre erzeugen. Die Stimmung ist eher romantisch und hat auf jeden Fall nichts Beklemmendes, ein Gefühl, dass für From Tomorrow on, I Will vielleicht eher zutrifft. Für den aktuellen Film haben wir uns Peking ausgesucht, eine Stadt, die ganz anders ist als das südliche Hunan. So gibt es in dem Film viel weniger sanfte oder weiche Aspekte.

Das hatte unter anderem auch Auswirkungen auf die Kameraarbeit. Es ging uns immer darum, dem Film mehr Schärfe zu verleihen. Außerdem wollten wir die Raumstruktur auch nicht so chaotisch und polygonal erscheinen lassen wie in White Bird, sondern eher streng mit einer klaren Trennung zwischen Oben und Unten. Das war das Gefühl, das wir einfangen wollten. Bei dieser Herangehensweise geht es uns einfach um die Darstellung der Stadt. Wir wollen zeigen, wie groß der Einfluss von Kultur und Gebäuden einer Stadt auf die Mentalität, Psyche und die Lebenssituation ihrer Bewohner ist.

Wie stimmt ihr eure Zusammenarbeit ab: Gibt es eine klare Arbeitsteilung? Konntet ihr eure ursprüngliche Idee realisieren und warum kam dabei letztlich nur ein einstündiger Film heraus?

Eigentlich besteht zwischen uns keine klare Arbeitsteilung. Weil wir in unseren Vorlieben ziemlich ähnlich sind, gibt es keine großen Differenzen. Es genügt, alles einmal durchzusprechen. Beim Drehbuch gibt es natürlich ein paar Diskussionen, aber am Set sind wir uns dann im Großen und Ganzen einig.

Unsere ursprüngliche Idee haben wir zum Großteil umgesetzt und auch die Produktion lief so wie erwartet. Allerdings hatten wir zunächst tatsächlich vor, einen Langfilm zu drehen. Aber dann gab es Probleme mit der Finanzierung und auch aus anderen Gründen reichte es einfach nicht. Außerdem hatten wir das Gefühl, dass das Material nicht gut genug war. Hätten wir den Film künstlich in die Länge gezogen, hätte womöglich die Qualität des Films gelitten. Letztlich haben wir dann entschieden, nur die besten Teile zu behalten und einen Sechzigminüter zu machen.

Von der Zusage durch die Berlinale bis zur Premiere blieb uns allerdings nur wenig Zeit. Das DCP lieferten wir erst einen Tag nach der Eröffnung der Berlinale ab. Der Unterschied zwischen der Version, dir wir ursprünglich bei der Berlinale eingereicht hatten und der, die letztlich auf der Leinwand zu sehen war, ist ziemlich groß. Zwischen beiden Versionen lag viel Arbeit.

Welche Eindrücke hatten Sie bei Ihrer zweiten Teilnahme auf der Berlinale?

Die Berlinale ist ohne Zweifel eine der größten Plattformen für Film in Europa. Auch wenn ich nun schon das zweite Mal dabei war, habe ich das Gefühl, dass das, was ich kennengelernt und gesehen habe, erst die Spitze des Eisbergs ist. Früher habe ich die Form der Festivals per se abgelehnt. Schließlich geht es den meisten Leuten dort eher um das Networking, als darum, mit dir über das Filmemachen zu sprechen. Doch dann habe ich in Berlin viele neue Bekanntschaften geschlossen und die meisten von ihnen sind Gleichgesinnte. Insofern muss sich zugegeben, dass die Berlinale eine wichtige Station innerhalb meiner Schaffenskarriere darstellt.

Ein paar Fragen zur Produktion: Woher kam das Geld für den Film und war es schwierig den Film zu finanzieren?

Die Hälfte des Kapitals kam aus deutschen Filmfonds, die andere Hälfte aus China. Wäre nicht zuerst die Unterstützung von deutscher Seite da gewesen, wären wir in China schwer an Geld gekommen. In China läuft das meiste über Beziehungen. Wenn bei einem künstlerischen Filmprojekt schon eine Finanzierung aus dem Ausland als Rückversicherung vorliegt, ist das eine große Hilfe für die Kapitalaufnahme in China.

Gibt es schon Pläne für einen nächsten Film?

Wu: Ich war auf der Beerdigung meines Schwiegervaters, die in Hunan auf dem Land stattfand. Ein paar nächtliche Rituale haben mich dabei sehr inspiriert. Ivan hat in den serbischen Wäldern ganz ähnliche Erfahrung gemacht. Deshalb soll unser nächster Film, den wir gerade vorbereiten, in China und Serbien spielen. Wir werden sehen, welche Parallelen und Rückkopplungen sich dabei ergeben.

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